Kann ein Herz an einer alten Zitruspresse hängen?

Abgeschabt ist sie. Rissig. Benutzt. Kein Wunder, schließlich sind wir vor 29 Jahren gemeinsam in die erste eigene Wohnung gezogen. Und auch da war sie nicht mehr brandneu.

Jahrelang war sie bereits bei meiner Mutter in Benutzung gewesen. Ich höre sie bis heute Zitruspresse„Möchtest du auch Orangensaft?“, rufen. Klar wollte ich! Schon immer mochte ich frisch ausgepressten Orangensaft. Nur zum selber machen war ich stets zu faul. Wie schön, wenn man dann eine Mutter hat, die einen damit verwöhnt. Nicht, dass ich das damals schon zu schätzen wusste…

Aber dann kam die Zeit, wo sie Schmerzen in ihren Händen bekam – heute weiß ich, dass es Rheumatoide Arthritis war, meine rechte Hand kann davon inzwischen ebenfalls ein Liedchen trällern – und dann zog bald darauf eine elektrische Zitruspresse bei meinen Eltern ein.

Tja, und so konnte ich diese alte, einfache Zitruspresse bei meinem Sprung aus dem Nest mitnehmen. Auch meine Faulheit, selber Orangen auszupressen machte sich in meinem neuen Zuhause breit. Irgendwann bekam ich dann aber doch im wahrsten Sinne des Wortes den Dreh raus und die Zitruspresse war aus meinem Leben nicht mehr weg zu denken.

Lange Zeit habe ich die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen: der kleine braune Küchenhelfer war nicht nur alt, sondern vor allem auch schäbig geworden. Für schlappe 5,98 € könnte ich ein neues Modell erstehen, in einem schönen Limonengrün.

Was mich davon abhält? Ganz einfach: die Erinnerung und die Angst davor, dass nach und nach alles verschwindet, was noch mit meiner Mutter zu tun hat. Denn fast ein Jahr nachdem sie eingeschlafen ist, kommt immer mehr, was ich nach und nach loslassen muss. Oder möchte. Je nachdem, worum es sich handelt. Was mir anfangs noch deutlich leichter fiel, wird jetzt schwieriger.

Sollte das nicht genau andersherum sein?, habe ich mich gefragt und gemerkt, dass es für das Trauern um einen geliebten Menschen nun einmal keine To-Do-Liste gibt, die ich nach und nach abhaken und erledigen könnte. Trauer ist ein individueller Prozess, den man nicht planen oder in irgendeiner Form abarbeiten kann.

Ich merke, dass mir vieles erst jetzt nach etlichen Monaten bewusst wird. Es kommen Erinnerungen hoch, die mich mal zum Lachen und mal zum Weinen bringen. Oder auch beides durcheinander. Und da hat mich diese kleine Zitruspresse doch tatsächlich heute aus der Bahn geworfen. Denn plötzlich war mir bewusst, dass ich nie wieder hören würde, wie meine Mutter mir zuruft: „Möchtest du auch Orangensaft?“

Irgendwann werde ich das alte Stück Plastik – denn nüchtern betrachtet ist es nichts anderes – loslassen. Aber wann das sein wird, das wird mein Herz entscheiden. Und bis dahin bekommt sie einen Platz in meiner Erinnerungsecke.

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