Kalter Kaffee

Diese Geschichte ist inspiriert durch die Schreibkicks von Sabi Lianne. Jeweils zum 01. des Monats gibt es ein Thema, das jeder für sich frei interpretieren kann. So kommen die unterschiedlichsten Geschichten zustande. Wenn Ihr Lust habt auch einmal mitzumachen, dann klickt hier. Das Thema für den 01. August lautet: Kalter Kaffee. Und das ist meine Geschichte dazu…

Kalter Kaffee
von Nicole Vergin

Sie hatten sich auf einen Kaffee verabredet. Einfach so. Als gute alte Freunde. Bei dem Wort `Freunde´ war sie zusammen gezuckt. Erinnerte er sich nicht mehr daran, dass sie zusammen gewesen waren? Dass sie sich… geliebt hatten? Keinen Tag hatten sie ohne den anderen sein wollen. Und nun… Freunde.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr, dass sie viel zu früh am Treffpunkt ankommen würde. Da vorne konnte sie bereits das Café sehen, in dem sie sich treffen wollten. Egal, nun war sie schon einmal hier.

Kurz darauf schob sie die Tür des Cafés auf und betrat den Raum. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihr in die Nase. Hier gab es bestimmt keinen `Coffee to go´. Er legte Wert auf Qualität. Auf Klasse. Besonders, wenn es um Kaffee ging. Stets trank er nur bestimmte Sorten und das schwarze Getränk musste heiß sein. So manche Tasse hatte er schon zurückgehen lassen, mit dem Hinweis, so etwas aufgewärmtes würde er nicht trinken.
Ihre Absätze klackerten für ihren Geschmack zu laut auf dem groß gemusterten Boden. Der Kellner, elegant in schwarz-weißer Livree, führte sie an einen Tisch für zwei. Ein wenig abseits vom Trubel, jedoch keineswegs abgelegen. Den Überblick behalten, hatte er immer gesagt.

Ob die Dame schon einen Wunsch hätte? Sie nickte – ausnahmsweise einmal ohne groß darüber nachzudenken. – und bestellte einen Kaffee Verkehrt. Kurz darauf saß sie vor einer großen Tasse, die gefüllt war mit der hellen Kaffee Spezialität. Ohne nachzufragen war sie sich sicher, dass hier auf das genaue Kaffee-Milch-Verhältnis – doppelt so viel Milch wie Kaffee – geachtet wurde.
Sie griff nach dem Löffel, hob ihn an und ließ ihn dann sanft über den Milchschaum hinweg gleiten. Er hatte es stets gehasst, wenn sie den Schaum in winzig kleinen Portionen löffelte. Oder noch schlimmer, wenn sie einen Keks hinein tauchte. Ohne den Löffel abzulecken, legte sie ihn wieder auf den Unterteller.

Sie schaute sich in dem Café um, betrachtete die eleganten Kronleuchter unter der Decke, die gediegenen Möbel aus dunklem Holz. Und die Menschen, die an den Tischen saßen. Besonders ein Paar hatte es ihr angetan. Wie liebevoll sie miteinander umgingen. Sie schätzte sie beide jeweils auf irgendwas in den 70-ern. Wie sie sich teils mit Blicken, teils mit Worten verständigten. Wie er ihr aus dem Kännchen Milch einschenkte. Und ihr von seinem Kuchen ein Stückchen anbot.
Wie wäre es wohl gewesen, mit ihm alt zu werden? Heftig schüttelte sie den Kopf. Freundschaft. Das war es, was er wollte.
Mit einem Ruck stand sie auf, zerrte ihr Portemonnaie aus der Tasche, warf einen 20 € Schein auf den Tisch und schlüpfte in ihre Jacke. Er hatte Recht: kalter Kaffee war wirklich ungenießbar. Und eine erkaltete Liebe ebenfalls.

Diesmal waren dabei:

Veronika
Rina

Das Thema für den 01. September lautet: warme Limonade

9 Comments on “Kalter Kaffee

  1. Pingback: Schreibkick: Kalter Kaffee. | vro jongliert

  2. Wunderbar! Für mich total spannend, in dieser Geschichte die Gedanken und die Sicht der Frau kennen zu lernen. Und ihr Ex muss ja ein ziemlich verklemmter Prinzipienreiter gewesen sein.
    Anhand des alten, immer noch zärtlichen Paares, wird ihr bewußt, das wäre mit ihrem Ex nie so geworden, weshalb sie verschwindet.
    Allein der allerletzte Satz scheint mir überflüssig: „Und erkaltete Liebe ebenfalls.“ Oder Du könntest ihn mehr zusammen kürzen. Kalte Liebe wie kalter Kaffee, möchtest Du sagen, ich finde, Du musst es aber nicht extra schreiben.
    Ansonsten toller Text!

    Gefällt 1 Person

    • Dankeschön! 😀
      Ich wollte die Geschichte erst aus der Sicht des Mannes schreiben, aber aus Zeitdruck habe ich dann die für mich einfachere Variante gewählt. Und ja, in meinem Kopf ist er definitiv ein Prinzipienreiter. Freut mich, dass das erlesbar ist.
      Und das Ende. Der letzte Satz. Und der vorletzte. Und… in meinem Kopf sollte sich das wunderbar fügen. Tat es nicht. Der 1.8. war da, es war heiß und ich habe es einfach so gelassen. 😉

      Liken

  3. Pingback: Schreibkick #56 – Kalter Kaffee – Willkommen zur Monstersafari – Geschichtszauberei

  4. Wunderbar geschrieben. Man merkt von Anfang an ihre Unsicherheit und dann die beste Entscheidung – aufstehen und gehen. Dieser Mann hätte sie niemals glücklich gemacht. Sehr schön und gefühlvoll.

    Liebe Grüsse.

    Gefällt 1 Person

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