Männer weinen nicht

In dieser Woche hocke ich abends gemütlich mit meinem Mann auf dem Sofa, während im Fernsehen die Leichtathletik Europameisterschaft gezeigt wird, die derzeit in Berlin stattfindet. Ja, ich liebe es, mir einige Tage lang die unterschiedlichsten Wettkämpfe anzuschauen – wobei das Thema Doping mir in den vergangenen Jahren immer mal wieder die Stimmung verhagelt hat – mit den Athleten mitzufiebern und sie lautstark anzufeuern.

Am Mittwoch Abend fand das Finale des Zehnkampfs der Männer statt. Zwei Tage sportelten die Athleten bei bis zu 40 ° um die Wette. Und ja, es waren auch deutsche Teilnehmer dabei. Mit einem habe ich besonders mitgefiebert: Arthur Abele. Mit seinen 32 Jahren gehört er inzwischen sozusagen zu den „Senioren“ und wer seine sportliche Geschichte ein wenig kennt, wundert sich vielleicht, dass er überhaupt noch dabei ist. Immerhin wurde er Jahrelang immer wieder durch Verletzungen im Training zurück geworfen. Da nützt dann auch die größte Disziplin oder ein überragendes Talent nichts. Und obwohl viele ihm abgeraten haben, hat er selbst nach einer Wettkampfpause von vier Jahren (verletzungsbedingt) noch einmal angegriffen.

Und dieses Jahr nun endlich sein großer Moment. Nach der letzten Disziplin, dem 1.500 Meter Lauf ist es glasklar: Arthur Abele ist der Europameister der Zehnkämpfer im Jahre 2018. Die Zuschauer bejubeln ihn, ich hopse auf dem Sofa herum und Arthur Abele… weint. So richtig. Nicht ein verkniffenes Tränchen. Er weint vor Freude, Erleichterung, weil der Druck von ihm abfällt…

Ich bin gerührt und greife ebenfalls nach dem Taschentuch, schnaube mir die Nase und wische die Tränen von den Wangen. Und höre, wie der Kommentar darüber spricht, das Arthur Abele weint. Erklärend, beinahe entschuldigend hört sich das in meinen Ohren an.

Hallo?!, denke ich, leben wir noch in der Steinzeit?? In der Zeit, als es hieß: Männer weinen nicht!? Oder: ,Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und all diesen Mist. Offensichtlich. Mit wachsendem Ärger höre ich zu, wie der Kommentator weiter erklärt und macht und tut.

Spontan springen meine Gedanken zu meinem ersten Ausbildungs-Wochenende zur Trauerbegleiterin in Hamburg. Ich denke daran, wie Teilnehmerinnen davon erzählen, wie schwierig es für Männer oftmals ist zu, trauern. Dass sie sich ihrer Gefühle schämen. Dass Männer doch nicht weinen, dass sie stark sein müssen. Und wie schwierig es ist, in der Trauerbegleitung ein Türchen in diesen so fest gebauten Mauern zu finden.

Ja, ich hatte gedacht, wir – die Menschen, egal ob Männer oder Frauen – wären da heutzutage schon weiter. Und an vielen Stellen sind wir es ja auch. Aber hier ist nach wie vor etwas stecken geblieben. Gerade kürzlich erzählte eine junge Mutter mir, dass der Vater ihres Sohnes gesagt hätte, sie sollte ihn nicht immer gleich trösten, wenn „mal was ist“. Sonst würde er zu weich werden. Glücklicherweise ist sie da anderer Auffassung und wird sicherlich einen Weg finden. Aber mal ehrlich: wie traurig ist das denn?!

Vor Ewigkeiten hat ja Herbert Grönemeyer schon über Männer gesungen („Männer weinen heimlich…“) und als ich vorhin bei Google „Männer weinen nicht“ eingegeben habe, ist mir ein Lied angezeigt worden von Adesse feat. Sido mit genau diesem Titel. Und der Text trifft den Nagel auf den Kopf („Sie schreien den Schmerz in sich hinein“ lautet eine Zeile). Hört es Euch einfach mal an (klick) und lest gerne auch mal die Kommentare darunter…

Hier mein ganz persönlicher Aufruf an meine Mitmenschen, egal ob Frauen oder Männer: weinen ist voll ok. Zeigt Gefühle, seid empathisch. Denn das macht uns menschlich!

Und: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH dem Europameister der Zehnkämpfer 2018, Arthur Abele!

3 Kommentare zu „Männer weinen nicht

  1. Leichtathletik, Eiskunstlauf und Schispringen – die großen Zuschauermagneten! 😉 Nach spätestens drei Minuten werde ich gaga! 🙂 Aber bitte, wer’s mag …
    Heute Morgen allerdings habe ich bei Facebook Werbung für den Leipziger Weihnachtsmarkt gesehen! Der Monat August ist ja nicht mal zur Hälfte rum! Während Deine Athleten noch im Schweiß baden, soll man das Weihnachtsgeschäft nicht vergessen: pervers! 😦 Da fehlt nur noch in 14 Tagen die Lebkuchen in den Regalen.

    Gefällt 1 Person

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