Ein Liebesbrief an den Regen

Lieber Regen,

leises Trommeln und Klopfen schob sich heute morgen in meine Traumwelt. Ich öffnete meine, noch vom Schlaf verklebten Augen, und schaute zu unserem Dachfenster hinauf. Deine Tropfen rannen an der Scheiben herunter. Mein Herzschlag beschleunigte sich, Freude breitete sich in mir aus. Ja, ich hatte Dich vermisst. In all den langen Sommerwochen, in denen Du Dich nicht hast blicken lassen. In denen die Pflanzen auf den Feldern und in den Gärten vertrockneten, in denen die Erde rissig und staubig wurde.

Aber nun bist Du wieder da, lässt auf den Wegen Pfützen entstehen, in denen Du durch Deine Tropfen Blasen schlägst. Die Büsche, die gestern noch die Blätter hängen ließen, leuchten nun dunkelgrün.

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Mal wieder Zeit mit Dir verbringen. Das war es, was ich wollte! Und so machte ich mich rasch fertig, schlüpfte in meine Regenjacke, zog die Gummistiefel an meine Füße und ging hinaus. Die Luft war so klar. Wie immer, wenn Du da bist und alles um Dich herum rein wäschst.

Mit großen Augen ging ich durch den Garten, beobachtete, wie Deine Tropfen beinahe schwerelos an den Nadeln unserer Kiefer hingen, wie sie an unserer blauen Gartenbank herunterliefen und sich an schwarze Beeren sammelten.

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Es zog mich weiter hinaus. Ich wollte die Feld- und Waldwege entlang laufen. Dir mein Gesicht entgegenstrecken, mit der Zunge die Tropfen auffangen, durch Pfützen patschen und mit Dir ausgelassen tanzen.

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Lieber Regen, ich danke Dir für diese schöne gemeinsame Zeit. Ich danke Dir dafür, dass die Pflanzen heute einmal wieder aufatmen konnten. Und ich hoffe, dass wir uns nun wieder regelmäßiger sehen. So hier und da einen Tag mit Dir – das fände ich schön.

Lass es Dir bis dahin gut gehen, Deine Nicole

 

„Ich lebe mit meiner Trauer“ – ein Buch von Chris Paul

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Seelfrau gibt es eine Liste mit Pflichtlektüre, die ich IMG_2103nach und nach lese. Begonnen habe ich mit einem Buch von Chris Paul: „Ich lebe mit meiner Trauer“.

Ich habe in den vergangenen Jahren bereits etliche Bücher zu den Themen Sterben und Tod gelesen, aber im Bereich Trauer ist das meiste für mich Neuland. Natürlich habe ich meine eigenen Erfahrungen gelebt, aber sich auf der sachlichen Schiene (die natürlich trotz allem immer Empathie beinhaltet) damit zu befassen ist doch noch einmal etwas anderes.

Chris Paul stellt in diesem Buch einen neuen Ansatz vor (das Buch ist von 2017). Während ich bisher meist von Trauerphasen gehört habe, die man als Trauernde(r) nach und nach durchleiden muss, schreibt sie vom Kaleidoskop des Trauerns.

Jeder, der schon mal ein Kaleidoskop benutzt hat, kann sich sicher erinnern, wie sich die kleinen Teile immer wieder vermischen, sich manchmal überlappen und man hin und wieder Mühe hat mit den Augen zu folgen. Auch in der Trauer funktioniert nichts nach Schema F. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen, geht seinen eigenen Weg. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Ich hatte zugegebenermaßen bisher im Trauerfall noch nicht das Bedürfnis nach einem Buch zu greifen. Vielleicht, weil mir auch noch nicht klar war, dass ich dort tatsächlich Hilfe bekommen könnte bzw. ist mir meist ein persönlicher Kontakt lieber. Aber manche Menschen sehen dies anders oder haben vielleicht auch keine andere Möglichkeit bzw. kann man es natürlich auch begleitend lesen.

Dieses Buch ist lebendig, mit anschaulichen Beispielen, mit vielen Möglichkeiten, wie man auf seinem Trauerweg ein Stück vorankommen kann. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich es nun kenne. Denn einiges davon wird mir in meiner persönlichen Zukunft sicher weiterhelfen und auf meinem beruflichen Weg, als Trauerbegleiterin, sowieso.

Vorfreude auf den Herbst beim morgendlichen Spaziergang

Es ist noch früh am Morgen. Die Sonne erobert sich Stück für Stück den Himmel zurück. Ihre ersten Strahlen huschen zwischen den Bäumen hindurch. Die Luft ist frisch und klar. Kälter als anden letzten Tagen. Herbstlicher, auch wenn kalendarisch noch Sommer ist.

Das leise Tapsen meiner Schuhsohlen ist das einzige Geräusch. Ich atme tief ein, genieße die Ruhe und die Einsamkeit, die meine Morgenrunde mir schenkt. Plötzlich ein rascheln. Ein Eichhörnchen huscht aus dem Gebüsch, schnappt sich eine der herum liegenden Walnüsse und ist im nächsten Moment wieder verschwunden. Wo es die Nuss wohl vergraben wird?

Über den Feldern hängt das erste Mal wieder Nebel. Wie durch einen leichten Schleier sehe ich die Stoppelfelder mit den Resten der Maispflanzen. Gelbe, vertrocknete Stummel, die aufgereiht darauf warten, unter die harte vom heißen Sommer ausgelaugte Erde gepflügt zu werden.

Mein Blick wandert über die früh abgeernteten Felder. Die Sicht ist nun wieder weit und offen. Unverstellt. Das Laub verfärbt sich in diesem Jahr schon früh. An einigen Bäumen sind die Blätter beinahe im Zeitraffer von dunklem Grün zu verrottendem Braun übergegangen. Ein Teil liegt bereits am Boden, raschelt als ich hindurch gehe.

Das Weinlaub, das sich vereinzelt an den Seiten entlang- und an Bäumen emporrankt, hält sich tapfer. Rot leuchtet es zwischen dem Grün. Es erzählt vom beginnenden Herbst. Vom Herbst, der Stück für Stück den Platz des Sommers einnehmen wird. Der gerade noch mit dem Altweibersommer Hand in Hand geht. Doch bald heißt es Abschied nehmen von den langen heißen Wochen.

Ich denke an gemütliche Abende bei Kerzenschein. An Wollsocken an meinen Füßen. An Spaziergänge durch den herbstlichen Wald, begleitet vom kühlen Wind, der an den Ästen rüttelt.

In Gedanken versunken öffne ich zuhause das kleine Gartentor. Leuchtendes Rot der noch blühenden Rosen begrüßt mich. Als ich durch den Garten gehe, sehe ich wie viele Farbtupfer es noch gibt und auch die Fette Henne beginnt sich rötlich zu verfärben. Zufrieden kehre ich ins Hause zurück. Angefüllt mit guten Gedanken und einem großen Glücksgefühl: Willkommen Herbst – ich freu mich auf Dich!

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„Ein Wochenende mit Dir“ – ein besonderer Online Kurs von Barbara Pachl-Eberhart

Ich habe einen Kuchen gebacken. Einen Topfkuchen. Ganz simpel. Ohne EPSR3375Schokoladenüberzug. „Schierer Topfkuchen“, wie meine Mutter ihn genannt hätte. Den mochte sie am liebsten, da ließ sie alles für stehen. Und für sie habe ich ihn gebacken. Und ja, meine Mutter ist letztes Jahr im Juni verstorben. Wieso ich dann einen Kuchen für sie gebacken habe?

Das liegt an dem Online Kurs Angebot von Barbara Pachl-Eberhart: „Ein Wochenende mit Dir.“ In einer Gesellschaft, in der Viele den Tod gerne an den Rand des Lebens drängen, bietet Barbara Pachl-Eberhart (Autorin, Schreibcoach und Lehrerin für kreatives biographisch-literarisches Schreiben – diese Angaben habe ich direkt von der Website, die Ihr hier findet) eine wundervolle Möglichkeit „sich liebevoll mit einem Menschen, der schon gestorben ist und der Ihnen am Herzen liegt zu verbinden“.

Als ich dies las, war es für mich ein wahres Geschenk, denn ich war gerade in einer Phase, in der ich darüber nach dachte, mich mit den diversen Hinterlassenschaften (Briefe, Fotos und andere Kleinigkeiten) auseinander zu setzen. Und ich wusste, ich würde dies auch gerne schreiberisch begleiten. Denn über das Schreiben drücke ich mich seit Kindesbeinen aus und ich halte auch vieles aus meinem Leben auf diese Art und Weise in Worten fest. Aber an dieser Stelle fehlte mir ein Ansatzpunkt. Ein Aufhänger. Nein, in Wirklichkeit fehlte mir Jemand, der mich an die Hand nahm. Der mich liebevoll und einfühlsam auf dieser Reise mit meiner Mutter begleiten würde.

Kann dies ein Online Kurs? Das würde ich nicht grundsätzlich mit Ja beantworten. Aber dieser kann es. Für mich zumindest hat es „funktioniert“. Ich habe mich an diesen zweieinhalb Tagen meiner Mutter sehr nah gefühlt. Für mich war sie da. Bei und mit mir. Ich habe gelacht und auch mal geweint. Und es hat unglaublich gut getan, dies zuzulassen. Mir diese Zeit zu nehmen. Sie mir zu gönnen. Denn Trauer ist nicht einfach abzuhaken. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und sagen: „Ok, das wars. Weiter im Alltag.“

Wobei – und das ist ein wichtiger Hinweis, der von Barbara Pachl-Eberhart gemacht wird – der Kurs ist nicht für „frische“ Trauer geeignet. Und selbstverständlich muss sich da Jeder selber hinterfragen: „bin ich schon so weit?“ Was im Vorhinein sicherlich auch schwierig zu beantworten ist. Aber bei Interesse hilft es schon einmal weiter, sich das Angebot genau durchzulesen und dann in Ruhe darüber nachzudenken.

Ich jedenfalls habe diese Tage sehr genossen. Wobei der letzte Tag mir in Teilen schon zu anstrengend war und ich eine Übung ausgelassen habe. Denn diese Zeit – so schön sie auch war – hat eben auch Kraft gekostet. Kraft, die ich allerdings im Nachhinein durch frische Energie zurück bekommen habe. Wie das funktioniert hat, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Und ob das bei Anderen auch so klappt, natürlich auch nicht. Aber es ist – wie oben geschrieben – eine wundervolle Möglichkeit, noch einmal Zeit mit einem geliebten Menschen zu verbringen. Und ja, dann kann auch nochmal der richtige Zeitpunkt da sein, um den Lieblingskuchen zu backen.

Übrigens: als ich am letzten Tag den Abschluss gemacht und mich zurück gelehnt habe, flog auf einmal ein heller Schmetterling – vermutlich aus der Familie der Weißlinge – durch mein Wohnzimmer. Alle Fenster und Türen waren seit Stunden geschlossen. Er flog vor meinem Gesicht entlang und setzte sich dann auf die Fensterbank. Behutsam umfasste ich ihn mit beiden Händen – ich weiß, der Flügelschmelz… – öffnete das Fenster, er blieb noch einen Moment sitzen und flog dann davon… Danke Mama.

Ein Murakami Abend

Kennt Ihr die Bücher von Haruki Murakami? Murakami ist ein japanischer Autor. Einer, IMG_1870der seinen ganz eigenen Stil gefunden hat, sich trotzdem weiter entwickelt und sich auch durch Kritiker – die er besonders in seinem eigenen Land hat – nicht von dem abbringen lässt, was er tut und wie er es tut.

Ich bin über meinen Mann an die Bücher gekommen. „Kafka am Strand“ war das erste, das ich gelesen habe. Ich liebe diese surrealistischen Momente, die in seinen Geschichten zu finden sind. Den ruhigen Erzählfluss, der mich als Leserin mit nimmt und mir schöne Lese-Momente verschafft.

Eins seiner Vorbilder ist der amerikanische Autor John Irving („Hotel New Hampshire“, „Die Bären sind los“, „Garp“…) – bei beiden ist es so, dass man ihre Erzählstile liebt oder hasst – so kommt es mir zumindest vor. Sie erinnern an die Zeit der Romantik, in der z. B. Charles Dickens Geschichten schrieb, die lang und – so sehen einige es – ausschweifend waren. Eine andere Zeit eben. Ich persönlich mag es, wenn auf diese Art und Weise erzählt wird, insofern lese ich diesen Erzählstil – in moderner Form von beiden Autoren genutzt – sehr gerne. Kein Wunder also, dass ich mich gefreut habe, als die Buchhandlung Leuenhagen und Paris in Hannover einen Murakami Abend angeboten hat.

Natürlich wäre es toll gewesen, wenn der Autor selber da gewesen wäre, aber die Zuhörer haben auch so einen spannenden und einzigartigen Abend erlebt. Die deutsche IMG_1871Übersetzerin Ursula Gräfe hat an diesem Abend von ihrer Übersetzer Tätigkeit erzählt. Davon, wie sich die Zusammenarbeit mit dem Autor, aber auch mit den Übersetzern aus anderen Ländern gestaltet. Da gab es jede Menge Anekdoten und Frau Gräfe hat all dies in einer sympatischen und humoristischen Art erzählt.

Es kam dann auch die Frage auf, ob sie denn Herrn Murakami schon einmal persönlich kennen gelernt habe. Und prompt erzählte sie von einer Preisverleihung in deren Verlauf, sie dem Autor dann tatsächlich gegenüber gestanden hätte. Und wie aufgeregt sie doch gewesen sei. Aber Herr Murakami sei ein sehr freundlicher, bodenständiger Mensch, mit dem man leicht ins Gespräch käme, so dass künftige Treffen dann ohne weiche Knie im Voraus abliefen.

Zum Schluss der Veranstaltung las sie noch eine Geschichte vor, die die Inspiration für den aktuellen Zweiteiler „Die Ermordung des Commendatore“ gewesen sei. Sie handelte von einem Mönch, der lange Zeit begraben war und immer mit einem Glöckchen geläutet habe. Ziemlich gruselig, aus dem Bereich des Buddhismus. Es war auf jeden Fall spannend auf diesem Weg einen Blick hinter die Schreib-Kulissen werfen zu können.

Und dass dann auch noch ein paar Bücher gemeinsam mit meinem Mann und mir den Heimweg antraten… das brauche ich wohl kaum zu erwähnen.

Das Wörtchen NEIN – ein Gedankenschwall

„NEIN ist die negative Antwort auf eine Frage, die positiv oder negativ beantwortet DSC_0080werden kann“ – bei Wikipedia liest sich das so einfach. Und sicherlich gibt es auch Menschen, denen dieses kleine Wort mit den vier Buchstaben leicht über die Lippen geht. Bei mir war und ist das nicht der Fall.

Beinahe ein halbes Jahrhundert dauert mein Leben nun schon an und ich kann es gar nicht zählen, wie oft ich in all den Jahren JA gesagt habe, obwohl alles in mir NEIN schrie. Was für Kämpfe ich mit mir selber hatte, die letztendlich sogar meine Gesundheit gefährdet haben. Kommt Euch so etwas bekannt vor?

Zudem habe ich ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Früher stand es auf meiner Stirn geschrieben: Hey, sprich mich an, ich opfere mich gerne für Dich auf! Irgendwann musste ich lernen, dass ich es Kräftemäßig nicht schaffen kann, immer zu geben und zu geben und zu geben. Und dass es auch gar nicht Sinn der Sache ist! Geben und nehmen – so soll es sein! Ok, das hatte ich also gelernt und habe meine Kräfte maßvoll eingesetzt.

Trotzdem blieb da das Problem mit dem Wörtchen NEIN… besonders Freunden und Familie gegenüber. Denn Frau hat sie doch lieb. Wie kann sie da NEIN sagen? Ganz einfach. Weil die eigene Stärke nicht unbegrenzt vorhanden ist. Weil es mir manchmal selber schlecht geht und ich am Ende meiner Kräfte bin.

Und dann? Sage ich: NEIN! Alles geritzt? Denkste! Die Menschen gewöhnen sich rasch daran, dass man JA sagt und versucht alles möglich zu machen. Über die eigenen Kräfte hinaus. Und JA, ich helfe gerne. Und werde auch immer ein hilfsbereiter Mensch bleiben, aber wenn NEIN… dann naja, eben NEIN!

In den letzten ein, zwei Jahren bin ich im Familien- und Freundeskreis öfter angeeckt. JA, meine Lieben mussten sich erst daran gewöhnen, dass ich auch mal NEIN sage. Und dann auch dabei bleibe. Dass man mich nicht überreden kann – warum wird es überhaupt versucht?? – sondern dass es ein JA zu mir ist. Zu meinen Wünschen, meiner Gesundheit, meinem Leben.

Glücklicherweise gibt es auch die, die einfach gesagt haben: hey, richtig so, achte auf Dich! Du bist wichtig! Aber eben auch die anderen. Die, die mir kein Verständnis, keinen Respekt für mein NEIN entgegen bringen. Dabei haben sie sonst auch gesagt: hey, pass auf Dich auf! Aber die Situation ist eben immer anders, wenn dieses NEIN einem selber in die Suppe spuckt. Wenn es an das eigene Fell geht. Es ist nicht, dass ich solche Situationen nicht selber kenne… aber letztendlich akzeptiere ich das NEIN von den Menschen, die mir wichtig sind. Versuche sie in ihren Entscheidungen zu unterstützen. Dass und nur dass wünsche ich mir auch von ihnen.

Ist das zu viel verlangt?