Kurs für SterbebegleiterInnen – die ersten Wochen sind vorbei

Jeden Dienstagabend steige ich ins Auto und fahre in das 15 km entfernte Neustadt am Rübenberge. Dort findet seit September der Kurs für SterbebegleiterInnen des Hospizdienstes DASEIN statt. Bis Ende November läuft der Grundkurs, in dem die TeilnehmerInnen darauf vorbereitet werden, Menschen auf ihren letzten Wegen zu begleiten.

Es geht um Themen wie zuhören, wahrnehmen, verstehen… darum, sich auf einen IMG_2058Menschen einzulassen. Für mich fühlt es sich wie eine Reise an. Eine Reise, die meine Erfahrungen mit sterben und dem Tod beinhalten. Und natürlich die der anderen TeilnehmerInnen. Eine Reise also, die einiges in Bewegung setzt. Tief im Inneren. Und ja, das tut auch mal weh. Kratzt an Wunden und alten Narben. Eine Auseinandersetzung mit mir, mit meinem Leben. Um dann wieder in die Richtung zu blicken, in die es gehen soll.

Der Umgang unter den TeilnehmerInnen – ebenso natürlich wie mit der Leitung – ist von Respekt geprägt. Ohne Befürchtungen kann ich in diesem Kreis äußern, wenn mir etwas Sorge bereitet. Wenn ich meine, mit einer künftigen Situation vielleicht nicht klar zu kommen. So wie am letzten Dienstag. Eine Zweier-Übung, in der der eine einen kranken Menschen gespielt hat, der nicht mehr sprechen konnte und der andere musste ihn verstehen.

Ja, an diesem Punkt befielen mich Hemmungen und auch Zweifel. Würde ich mit solchen Situationen künftig klar kommen? Mir fiel ein, wie meine Mutter in ihrer Sterbephase etwas wollte und es mir mit Blicken versucht hat, klar zu machen. Und ich dachte immer nur: sie ist meine Mutter – ich muss doch wissen was sie will und braucht! Letztendlich holte ich die Pflegerin, die das Bedürfnis meiner Mutter dann ergründete und Abhilfe schaffte. Und ich stand mit hängenden Armen daneben.

Am Dienstag, in der gespielten Situation bekam ich es hin. Ich verstand, was die andere Teilnehmerin von mir wollte (ich hatte ihr im Voraus meine Befürchtungen geschildert und sie hatte mich ermutigt). Und es nahm mir einen Teil meiner Bedenken. Nein, ich denke nun nicht, dass ich das von jetzt auf gleich problemlos hin bekomme. Aber durch den Austausch mit den Kursleitern und den anderen TeilnehmerInnen verstand ich, dass Jede(r) seine Stärken und Schwächen hat. Und dass ich daran arbeiten kann, nach und nach meine Grenzen zu verschieben.

Es ist, als bekäme ich in diesem Kurs nach und nach Teile eines Puzzles. Manche passen auf Anhieb und mit manchen muss ich ein wenig herumprobieren. Aber ich bin nicht allein. Jetzt nicht und auch später nicht. Und dass macht Mut und schenkt mir die Zuversicht, die ich brauche um diesen Weg weiter zu gehen.

Die ersten Praxiserfahrungen machen wir dann ab Dezember, wenn Jede(r) über drei Monate eine(n) BewohnerIn „zu geteilt“ bekommt, die man dann wöchentlich besucht, um das im Grundkurs erlernte erstmals „anzuwenden“.

Ich schätze mal, ich werde dann auch ein wenig aufgeregt sein. Auf jeden Fall werde ich dann hier davon erzählen.

8 Kommentare zu „Kurs für SterbebegleiterInnen – die ersten Wochen sind vorbei

  1. Wow, wie toll, dass du deine Eindrücke mit uns teilst, liebe Nicole!
    Ich kann aufgrund meiner Trauerbegleiterausbildung gut nachfühlen, dass es eine große Herausforderung für sich selbst ist. Sterbebegleitung ist für mich noch ein Schritt weiter, finde ich…
    Dass du daran arbeitest, nach und nach deine Grenzen zu verschieben – dieses Bild gefällt mir sehr, passt total gut… Diese Horizonterweiterung ist am Ende eine große Bereicherung – auf dem Weg kostet sie Kraft…
    Ich wünsche dir viele schöne Schätze, die du auf dem Weg findest!
    Liebe Grüße, Anja

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    1. Ich danke Dir für Deine Worte, liebe Anja. Und ich freue mich auch, wenn – so wie auf Deinem wunderbaren Blog – die Themen sterben, Tod und Trauer wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Und es einen Austausch gibt. Ich lese Deinen Blog ja erst seit kurzem… arbeitest Du auch als Trauerbegleiterin? Ich mache seit Mai noch eine Ausbildung, die beides beinhaltet: Sterbe- und Trauerbegleitung. Und ja, ich merke jetzt schon, dass diese Aufgabe mein Leben bereichert und ich freue mich auf all die Schätze, die ich noch finde!
      Herzlichen Dank an Dich und auch Dir weiter alles Gute. ❤
      Nicole

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      1. Liebe Nicole,
        ja, ich begleite ehrenamtlich Trauernde. Momentan habe ich eine Pause eingelegt, damit ich Zeit für andere Projekte (und für meinen Job) habe…
        Bei der Trauerbegleitung freue ich mich daran, die Menschen ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten und miterleben zu dürfen, wie sie sich wandeln…
        Gerade das ist ja bei der Sterbebegleitung anders (nicht besser, nicht schlechter – anders)… Noch ist der Schritt für mich nicht „dran“.
        Herzliche Grüße
        Anja

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    1. Dankeschön, liebe Susanne! ❤ Du weißt es ja selbst am besten: da kommt eine Aufgabe, die irgendwie zu einem passt und dann geht man "einfach" Schritt für Schritt in diesen neuen Schuhen und schaut wo einen der neue Weg hinführt.
      Daher gebe ich es von Herzen an Dich zurück: ich finde es auch toll, wie Du Dich um die Tiere kümmerst! ❤
      Liebe Grüße an Dich und auch an Miranda und Deine anderen Vierbeiner
      Nicole

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      1. Danke liebe Nicole! ❤
        Ich glaube fest daran, dass wir alle eine höhere Aufgabe im Leben haben. Eine Aufgabe die anderen hilft und mit der wir die Welt ein kleines bisschen besser machen können. Jeder hat seine ganz eigenen Talente und Veranlagungen, die wir dafür nutzen sollen.
        Sterbebegleitung ist gerade in unserer hochmodernen und technischen Welt so wichtig. Alte Menschen werden in Krankenhäusern so lange wie möglich am Leben erhalten, auch wenn das Sterben schon eingesetzt hat. Die Maschinen machen es möglich. Würdevoll gehen können sie nicht mehr. Menschen wie Du, die sterbende begleiten, sodass sie in Würde gehen können, brauchen wir ganz dringend. Ich bewundere Dich, weil Du das kannst.
        Viele liebe Grüße
        Susanne

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  2. Hallo Nicole, hab ich mit großem Interesse gelesen und ich weiß von was du sprichst. Großartig, dass Du die Scheu ein wenig ablegen konntest. Jetzt hast du ein Rüstzeug.

    Ich bin leider ohne Rüstzeug zu Olaf geschickt worden während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Hospiz. Er hat mich an meine Grenzen gebracht. Er konnte sich nicht verständigen und ich stand da wie ein verängstigtes dummes Huhn. Ich war darauf nicht vorbereitet.

    Sterbende zu begleiten ist überhaupt nicht einfach! Ich habe es einige Wochen erlebt. Deshalb Hut ab an dich. Weiter so.
    Herzliche Grüße. Petra

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    1. Hallo Petra,
      ich habe einen Moment überlegt, ob ich `gefällt mir´drücke – aber es bezieht sich darauf, dass Du hier kommentiert hast! Denn dass was Dir mit Olaf passiert ist, dafür finde ich kaum Worte! Kein Wunder, dass er Dich an Deine Grenzen gebracht hat. Hattest Du denn vorab überhaupt irgendeinen Kurs oder ähnliches oder warst Du „nur“ in diesem Punkt nicht gerüstet? Ich frage mich nun natürlich, wie Du es letztendlich bewältigt hast? Puuuh…

      Ich bin sehr dankbar, dass ich neben der Ausbildung, die ich in Hamburg mache, nun auch diesen sehr „handfesten“ Kurs mache, wo ich auch jederzeit fragen darf. Sogar soll. Und es ist in der Gruppe überhaupt kein Problem über Ängste zu sprechen. Da gibt es jede Menge Rückhalt und wird es auch im Anschluss an den Kurs bei den monatlichen Reflexions Treffen geben bzw. können wir uns jederzeit an die Koordinatorinnen wenden, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Zeiten, wo wir Menschen einen ganz natürlichen Umgang mit sterben und dem Tod haben, sind ja leider länger her. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass diese Themen wieder Gesellschaftsfähig werden.

      Herzliche Grüße zurück
      Nicole

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