Kurs für Sterbebegleiter/Innen – der Praxisteil naht

Der Grundkurs ist beendet – an den letzten zwei Abenden konnte ich aufgrund meines Bänderanrisses leider nicht teilnehmen – und nun wartet ein 3-monatiges Praktikum auf mich und die anderen TeilnehmerInnen. Ich erwähnte dies bereits in meinem letzten Beitrag über den Kurs, den Ihr hier findet.

Gestern gab es nun eine „Einführung in den Praxisteil“. Warum? Ganz einfach: die IMG_2395Besuche, die ich in den nächsten Wochen bei einer / einem BewohnerIn eines Pflegeheims mache, finden nicht auf privater Basis statt. Ich werde im Namen des Ambulanten Hospizdienstes DASEIN die Menschen dort ein Stück weit begleiten.

Und dabei gibt es auch einiges zu beachten, wie z. B., dass ich mich an die Regeln des jeweiligen Pflegeheims halte, dass ich mich bei jedem meiner Besuche auf der Station an- und abmelde, dass ich mich an abgesprochene Termine halte und ganz wichtig ist natürlich die Schweigepflicht. Im Grunde also alles, was selbstverständlich sein sollte.

Im Anschluss an die Besuche werden ich dann noch Stundenprotokolle ausgefüllen und anfangs auch Begleitungsprotokolle, um den Besuch und somit mich selber noch zu reflektieren. Ein Mal im Monat gibt es dann einen Abend für die Reflexion, was ein wichtiger Bestand der jetzigen und auch der künftigen Zusammenarbeit ist. Denn es ist nie gut, immer nur in seinem eigenen Saft zu schmoren bzw. gibt es sicherlich auch Situationen, mit denen ich nicht allein klar komme.

Tja, nun geht es also los. Irgendwann in den nächsten Tagen wird es einen Anruf von der Koordinatorin des Hospizdienstes geben und dann bekomme ich den Termin für einen Erst Besuch mitgeteilt. Da werde ich dann nicht nur die / den BewohnerIn kennenlernen, den / die ich in den kommenden drei Monaten besuche, sondern auch in dem Pflegeheim, in dem ich das Praktikum mache, vorgestellt. Und Ihr könnt mir glauben, ich bin unglaublich froh darüber, dass ich da beim ersten Mal nicht alleine stehe. Denn es ist definitiv anders, als wenn ich private Besuche machen würde.

Einen Punkt habe ich gestern Abend nochmal angesprochen – auch bei dem Infoabend im September hatte ich das schon gefragt – wie ist es, wenn ich nach den drei Monaten einfach wieder gehe? Natürlich wird es den Bewohnern vorher gesagt, dass diese Besuche endlich sind. Aber ich kann – oder will? – mir das bisher noch nicht so vorstellen.

Klar, nicht mit jedem Menschen entsteht da gleich eine Grand-Canyon-tiefe-Verbindung, aber manchmal entwickelt sich doch sicherlich auch etwas?! Und dann? Oder ist das wieder mal nur in meinem leicht zu beeindruckenden Herzen ein Problem? Eine Aussage lautete gestern, dass die Bewohner das oftmals leichter nehmen, als die Praktikanten. Mag sein. Ich habe da ja noch keine Erfahrung. Und vielleicht sollte ich nicht allzu viel grübeln, sondern einfach schauen, wie es sich entwickelt. Aber über dieses mich-verantwortlich-fühlen bin ich ja schon öfter in meinem Leben gestolpert und letztendlich macht es mich ja auch zu der die ich bin. Sofern ich meine eigenen Grenzen nicht massiv überschreite.

Auf jeden Fall werde ich Euch weiter auf dem Laufenden halten und ich bin sicher, dass es eine spannende und schöne Erfahrung werden wird!

Die Strickliesel und ihr Swancho

Textiles Gestalten. Dieses Schulfach jagte mir früher Gruselschauer über den Rücken. Wir Mädchen mussten Knöpfe auf ein Stück Stoff nähen, so dass daraus ein Baum entstand. Und Topflappen häkeln, ohne in jeder Reihe drei Maschen zu verlieren. Die Jungs hingegen durften in die Werkstunde gehen. Ok, auch daran war mein Interesse nicht besonders groß und als wir Mädchen dann auch mal an die Werkbank durften, war ich diejenige, bei der ständig das Blatt der Laubsäge riss. Aber alles war ja besser, als diese Handarbeitsstunden!

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Im Laufe der Jahrzehnte versuchte ich mich dann trotzdem immer mal wieder an derlei Arbeiten: von der Strickliesel mit der ich endlose „Schläuche“ gestrickt habe, über einen unvollendeten Knüpfteppich, Macramee in Form einer Eule, bis hin zu einer Küchengardine, die ich selbst häkeln wollte. Ach ja, einen kleinen Webrahmen hatte ich auch mal. Egal. Alles landete über kurz oder lang in einer Ecke, staubte ein und wurde irgendwann verschenkt oder entsorgt.

Umso mehr staunte mein Mann – der meine Abneigung gegen derartige Arbeiten nur allzu gut kennt – als ich plötzlich bei einem Treffen mit Freunden, meine Freundin bat, mir beim stricken zu helfen. Was war nur in mich gefahren? Ganz einfach: der Wunsch einen selbst gestrickten Swancho – also einen Poncho mit Ärmeln – zu besitzen. Und da meine liebe Freundin meinte, dass selbst Strickanalphabeten (so nenne ich mich selber!) wie ich, dazu in der Lage wären und sie mir gerne helfen würde, sagte ich zu. Tatsächlich hatte ich einfach mal wieder Lust, zu stricken. Man(n) (und auch Frau) lese und staune! Und rechte und linke Maschen, die man hierfür benötigt… na, die kriege sogar ich hin!

Gedacht, getan, machte ich mich kurz darauf schon auf den Weg in ein Wollgeschäft. Ein kleines, feines, in dem ich super beraten wurde. In dem klitzekleinen Laden hockten auch prompt drei Damen und strickten – neben einem dauerhaft plätschernden Wortfall – entspannt vor sich hin. Ich erzählte der Inhaberin, was genau ich plante und bekam wunderschöne blaue Wolle und ein Hilfsangebot, falls ich einmal nicht weiter käme. Ich weiß, warum ich so gerne in kleinen Geschäften kaufe!

Und dann war der Vormittag da, an dem mich meine Freundin in das Swancho stricken einweihte – an dieser Stelle ganz lieben Dank dafür!! Nach einem ausgiebigen Frühstück – eine gute Grundlage ist ja wichtig – stürzten wir uns mitten ins Wollknäuel Geschehen. Glücklicherweise war meine Freundin sehr geduldig mit mir und erklärte und zeigte mir auch mehrfach wo der Strick-Hase lang hoppelt. Und siehe da: das erste Dreieck war dann irgendwann auch gestrickt. Als es dann hieß, wieder Maschen anzustricken, da stolperte ich dann über die erste Hürde. Aber auch diese überwand ich nach und nach.

Inzwischen habe ich auch zuhause schon weiter gestrickt. Und dabei festgestellt, dass ich auf jeden Fall noch einiges an Übung brauche. Im Moment bin ich gerade dabei, eine Reihe wieder aufzuribbeln, da ich mich – trotz einer Liste auf der ich die einzelnen Reihen abhake – verstrickt habe. Früher hätte ich an dieser Stelle längst alles hingeschmissen, aber heute macht mir das Ganze tatsächlich Spaß UND ich bin deutlich geduldiger mit mir geworden.

Ob ich allerdings meinen Swancho noch in diesem Jahr werde tragen können, das weiß ich noch nicht. Aber ich habe es nicht eilig und stricke einfach immer, wenn ich Lust habe und bereit bin, mir die Zeit dafür zu nehmen. So bin ich sicher, dass der Spaß nicht zu kurz kommt und dann… dann werde ich das Projekt `Swancho stricken´auch zum Erfolg führen!

Wir bekommen ein neues Familienmitglied!

Heute in neun Wochen… also am 26. Januar 2019… Trommelwirbel… zieht bei meinem Mann und mir ein neues Familienmitglied ein. Sie wird im Januar gerade einmal ein Jahr alt, ist schwarz-weiß, hat eine Schulterhöhe von 42 cm und ist unfassbar süüüüüüüß!

Ja, nach längerer Vierbeiner-Abstinenz werden wir eine kleine Hündin aus dem Tierschutz bei uns aufnehmen. Und Ihr könnt mir glauben: wir sind schon wahnsinnig aufgeregt und freuen uns… also, wenn ich nicht gerade den Bänderanriss hätte, ja dann würde ich vermutlich die ganze Zeit im Kreis tanzen.

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Nachdem vor vier Jahren unsere letzte Fellnase – unser geliebter Kater Harry – gestorben ist, hatten wir beschlossen, eine Weile solo zu bleiben. Nachdem wir über 20 Jahre lang Kind, Pferde, Hunde, Katzen, Mäuse, Kaninchen und im Gartenteich Fische gehabt hatten, wollten wir eine Zeitlang ungebundener sein. Außerdem habe ich mich bis zum vergangenen Jahr noch um meine Mutter gekümmert, so dass ich auch da recht eingespannt war.

Seit 2,5 Jahren ist nun zumindest schon mal die Stute Dalli in mein Leben galoppiert. Ich habe das große Glück, diese zauberhafte Pferdedame mitreiten zu dürfen und ich genieße diese gemeinsame Zeit sehr. Aber Zuhause? Fehlanzeige. Kein bellen oder miauen, wenn ich nach Hause komme. Und wer selber so eine Fellnase hat, weiß wie viel sie einem geben, diese süßen kleinen Monster.

Aber mal ganz ehrlich: ein Tier aufzunehmen, bedeutet eine Verantwortung übernehmen. In guten wie in schlechten Zeiten. In Krankheit und Gesundheit. Also haben wir – bei aller Sehnsucht – erst einmal genau nachgedacht und darüber gesprochen, was sich denn nun in unserem Leben wieder ändern wird.

Wer geht denn morgens mit dem Hund? Wer macht die anderen notwendigen Spaziergänge? Wer spielt mit dem Hund? Wer bürstet, krault, füttert… eben alles was so anfällt. Alles, was am Anfang neu und spannend und dann nach und nach eben auch gerne mal Routine ist. Und manchmal ist es eben nicht witzig, bei -10 °, glatten Wegen und eisigem Wind, spazieren zu gehen. Dann wäre es im kuscheligen, warmen Bett doch sooo viel schöner!

Bei uns ist klar, dass wir uns beide kümmern werden. Wobei der Großteil schon bei mir liegt, weil ich von Zuhause arbeite und mein Mann von montags bis freitags ins Büro fährt. Was mich gleich darauf bringt, dass mein Arbeitsplatz verlegt wird. Bisher hatte ich meine gemütliche Schreibstube unter dem Dach – wunderschön – aber dorthin führt eine Wendeltreppe, die überhaupt nicht für Hundebeine gemacht ist. Nun werde ich also ins Erdgeschoss ziehen, denn schließlich will ich Zeit mit unserem neuen Familienmitglied verbringen und es gibt doch keinen charmanteren Grund für eine Arbeitspause, als eine feuchte Zunge, die an einer zufällig herunter hängenden Hand herum schlabbert…

Gina heißt unser Schatz bzw. noch heißt sie Gala, aber mal ehrlich, dass erinnert uns maximal an die Illustrierte, die es unter diesem Namen gibt. Oder eben… an eine Gala. Ich denke, Gina wird es rasch begreifen, dass sie nun einen anderen Namen hat. Letztendlich bekommen unsere Schätze doch sowieso etliche Kosenamen, oder?!!! Wir bekommen sie über den Tierschutz Verein A.S.P.A Friends e.V., die sich für Hunde in Spanien einsetzen. Unsere Gina wurde dort aus einer Tötungsstation gerettet, als sie gerade einmal etwas über ein halbes Jahr alt war. Und wer sie nun schon sehen möchte, folgt doch einfach diesem Link! Aber verlieben nutzt Euch nix – die Süße ist längst von uns adoptiert!

Letzten Sonntag hatten wir bereits ein persönliches Vorgespräch – bei dem uns auch Kalle und Fienchen, zwei Hunde, die ebenfalls aus Spanien kommen – als Hunde Eltern für würdig empfunden haben. Fienchen hat abwechselnd bei meinem Mann und mir auf dem Schoß gekuschelt und Kalle hat das Geschehen aufmerksam beobachtet.

Aufgrund meines kaputten Fußes kann Gina leider erst mit dem Transport am 26.01.19 mitkommen. Der nächste – am 08.12.18 – ist noch zu früh. Denn mal ehrlich, ein Frauchen dass nicht laufen kann… Aber wir haben bereits mit den Vorbereitungen begonnen und heute die ersten Einkäufe getätigt, auf dem Foto könnt Ihr unsere Beute sehen! Und ansonsten bleibt uns nur, uns in Geduld zu üben. Und uns darauf zu freuen, viele glückliche Jahre mit unserer Gina teilen zu dürfen!

Unser Sohn Julian freut sich übrigens auch schon darauf, bei künftigen Heimat-Urlauben endlich wieder einen Vierbeiner verwöhnen zu dürfen – unserem gemeinsamen Familienglück steht also nichts im Wege!

„Trauer braucht Zeit“, sprach die Zitronenpresse

Memento mori – die jährliche Blog Challenge von Petra und Annegret, vom Totenhemd-Blog. In diesem Jahr darf auch ich dabei sein und ich habe mir den 22. November ausgesucht, weil heute meine Mutter genau 1,5 Jahre tot ist. Denn Trauer ist eben nicht nur an den Jahrestagen, Geburtstagen, an öffentlichen Gedenktagen oder ähnlichem da, sondern wann immer sie es für richtig hält, sich ihren Platz im Leben zu nehmen.

Da meine ursprünglichen Kreativ Pläne dank meines umgeknickten Fußes nicht umgesetzt werden konnten (nun habe ich schon was für eine weitere Challenge!) führe ich heute mal ein Zwiegespräch mit meiner Mutter, wie ich es auch sonst immer wieder tue.


Stell Dir vor Mama: Vor ein paar Tagen habe ich die Zitronenpresse weggeschmissen. Genau, die alte braune. Die, die Du mir vor so vielen Jahren überlassen hast, nachdem Du Dir eine elektrische angeschafft hattest.

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Das olle Plastikding hatte ja schon länger recht schäbig ausgesehen, aber ich konnte sie einfach nicht weg tun. „Du bist doch stark! Du kannst das!“, höre ich plötzlich Deine Stimme. Und obwohl Du tot bist und ich Dir doch nun wirklich nichts nachtragen sollte, werde ich bei dieser Aussage echt wütend. Stinkewütend. DAS darf Trauer nämlich auch. Einfach mal wütend sein.

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Aber zurück zu der Zitronenpresse. Oder wie es überhaupt dazu kam, dass ich sie nicht hergeben wollte. Als Du am 22. Mai 2017 gestorben bist, warst Du gerade einmal für einen Moment allein in Deinem Zimmer im Pflegeheim. Kurz vorher warst Du gewaschen und umgezogen worden und ich hatte Dir gesagt, dass ich um kurz nach 9 Uhr wieder da sein würde. Und als ich dann die Tür öffnete, kam mir ein Geruch entgegen, den ich nicht einmal mehr beschreiben kann. Aber ich wusste sofort: Du warst gestorben. Und so war es dann auch. Du lagst friedlich in Deinem Bett. Deine Augen ein klein wenig geöffnet. Deine Gesichtszüge entspannt.

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Im Januar hattest Du eine Lungenentzündung bekommen und warst mit akutem Sauerstoffmangel im Krankenhaus, auf der Intensivstation, gewesen. Und seitdem wussten wir, dass Du Deinen letzten Weg in diesem Leben angetreten hattest. Wie lange es dauern würde…  dass wusste natürlich niemand. Und wie bei Vielen gab es auch bei Dir noch einmal einen Aufschwung. Du hast sogar noch einmal Mundharmonika gespielt.

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Aber nun… nun warst Du tot. Aber ich war ja vorbereitet. Ich stand da, an Deinem Bett und ich weiß gar nicht mehr, ob ich weinte. Ich weiß, dass ich Deine Wangen streichelte, Deine Hände. Ich wollte Dich so viel wie möglich berühren, damit ich letzte Erinnerungen sammeln konnte. Und bis heute weiß ich ganz genau, wie sich Deine Haut unter meinen Fingern anfühlt. Wie es ist Dich zu umarmen. Deine Wangen zu küssen.

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Ja, ich war vorbereitet. Ich wusste, dass Du sterben würdest. Und dass Du mit 87 Jahren ein schönes Alter erreicht hattest. Wir hatten sogar noch Deinen 87. Geburtstag im kleinen Kreis feiern können. „Das war der schönste Geburtstag meines Lebens“, hast Du gesagt. Obwohl Du zwischendurch immer mal wieder wie weggetreten gewirkt hast. Dein Enkel hat mit seinem Handy an die 400 Fotos von diesem Nachmittag gemacht. Wir haben im Grunde ein Daumenkino davon.

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An diesem 22. Mai habe ich die Fenster weit geöffnet, damit Deine Seele hinaus in den Sonnenschein fliegen kann. Du hast doch den Frühling immer so geliebt! Und dann habe ich geholfen, Dich zu waschen, Deine Augen zu schließen, was im Film so leicht aussieht und bei Dir dann doch nicht so einfach war. Dein Gebiss haben wir Dir noch wieder eingesetzt. Das war Dir immer wichtig und ich wusste, dass Du es so haben wolltest. Stimmt doch, oder?!

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Ich war gut vorbereitet auf Deinen Tod. Die Telefonnummer des Bestatters, den ich bereits ausgewählt hatte, wusste ich auswendig. Als die Mitarbeiterin mir sagen wollte, was ich bei dem Termin am kommenden Tag mitbringen müsste, habe ich sie unterbrochen: „Danke, aber ich habe schon alles zurecht gelegt.“ Ja, ich wusste längst, was ich brauchen würde. Geburts- und Heiratsurkunde. Dass und noch mehr hatte ich auf meiner Checkliste abgehakt, in einen Ordner geheftet, den ich nur noch aus dem Regal ziehen musste.

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Und natürlich hatte ich bereits Monate vorher – es war ja Dein Wunsch gewesen, dass die Bestattung schon ansatzweise geklärt werden sollte und Du hast nach meinen Fragen, es mir überlassen mit den Worten: „Mach, wie Du es für richtig hältst“ – einen Baum im Ruheforst ausgesucht. Eine kleine Kastanie, die es inmitten von Buchen wirklich schwer hat. So wie es in Deinem Leben immer gewesen war. Aber sie hat sich durchgekämpft – genau wie Du – und sich zu einem kleinen hübschen Baum gemausert.

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Ja, dank der Vorbereitungen blieb an diesem Tag Zeit, um durchzuatmen. Nach all den Monaten an Deinem Kranken- / Sterbebett bin ich einfach mit Holger essen gegangen. Ganz gemütlich, innig. Ich weiß, dass Dir das gefallen hat.

Die folgende Zeit habe ich dann die Trauerfeier vorbereitet – die Sängerin mit ihrer Gitarre war doch wundervoll oder? Wie sie Dein Lieblingslied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ gespielt und wir alle zusammen gesungen haben! – und dann war auch dieser Tag vorbei.

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Zuhause stellte ich einen kleinen Tisch auf und versammelte darauf Dinge, die Dir lieb waren. Deine Stoffteddys, die Du damals Deinem Enkel geschenkt hattest und sie dann selber gehütet hast, als er zu alt dafür geworden war. Deine Tischdecken, die Du selten benutzt aber nie weggeschmissen hast. Dinge aus der Natur, die mich daran erinnern, dass Du immer einen Blick für die Schönheit der Natur hattest. Das letzte gemeinsame Foto von uns Beiden an Deinem Geburtstag. Und eine Collage, wo ich alles draufgeklebt habe, was Dich und mich und uns gemeinsam ausmacht.

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Tja. Ich hatte es geschafft. Gut geschafft. Ja, ich habe auch geweint. Aber die meiste Zeit ging es mir gut. Ich war einfach dankbar für die Zeit, die wir zum Abschied nehmen hatten. Dankbar dafür, dass Du zum Schluss nicht noch einmal ins Krankenhaus musstest. Dankbar für all die Jahrzehnte, die wir – meist in Liebe – miteinander hatten. Der Tod gehört eben zum Leben. So einfach ist das.

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Und dann kam das Jahr 2018. Und ich klappte zusammen. Einfach so. Nein, nicht einfach so. Meine Mutter war gestorben. Meine Mutter war gestorben? MEINE MUTTER WAR GESTORBEN!! So schrie und tobte es in mir. Ich weinte. Ich war verzweifelt, fühlte mich trotz der liebevollen Zuwendung von meinen Liebsten so verdammt allein.

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„Aber Du bist doch stark! Du schaffst das!“ Höre ich da Deine Stimme etwa schon wieder? Nein Mama. Ich bin nicht stark. Nicht immer. Und Dein Verlust, der hat mich einfach umgehauen. Du fehlst. Du fehlst an allen Ecken und Enden. Ich habe mir in den vergangenen Monaten immer wieder Deinen letzten Anruf auf unserem Anrufbeantworter angehört. Die Videos angeschaut, auf denen Du Mundharmonika spielst. Fotos angesehen. Deine Unterlagen und Briefe und Erinnerungen in eine Kiste getan, um sie irgendwann hervorzuholen und mir anzuschauen.

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Und ich hatte mein Herz an eine olle Zitronenpresse gehängt. Nicht, weil sie hübsch war oder so. Sondern weil sie ein Stück Erinnerung war. Und ich daran gehangen habe. Tja, und nun habe ich sie weggeschmissen. Nicht, weil ich stark bin. Oder weil meine Trauer vorbei ist. Nein, es war einfach der richtige Moment. Und so wird es Stück für Stück vorangehen. Und dann bestimmt auch mal wieder Rückschritte geben. Aber das ist egal, denn „Trauer braucht Zeit“, sprach die Zitronenpresse.

Herbstmomente – ein verspäteter Schreibkick

Ja, in diesem Monat hinke ich mit dem Schreibkick sehr hinterher. Ich hatte ziemlich schnell eine Idee zum Thema „Herbstmomente“, aber irgendwie funktionierte das nicht. Manchmal ist das so. Und dann beobachtete ich eine Szene in unserem Garten, unter der Eberesche. Aha! Eine weitere Idee! Ich begann zu schreiben… und es funktionierte nicht. Ok, dachte ich. Dann nehme ich in diesen Monat eben nicht am Schreibkick teil.

Aber die zwei unvollendeten Geschichten ließen mich nicht los. Und nun habe ich zumindest eine beendet. Es flutschte wahrlich nicht so wie sonst, aber das muss es ja auch nicht immer!

Ach ja, falls Ihr auch mal bei den Schreibkicks mitmachen wollt, findet Ihr hier die facebook Gruppe dazu. Jetzt kommt aber wirklich die Geschichte!!

Herbstmomente
von Nicole Vergin

„Aufwachen, aufwachen, AUFWACHEN!“
„Uaaah…“, im letzten Moment gelang es Tapsi sich an dem Zweig, auf dem er eben noch friedlich schlummernd gehockt hatte, festzukrallen.
„Pssst, nicht so laut!“
„Laut? Ich? Du krakelst doch hier rum und weckst mich aus meinen schönsten Träumen“, Tapsi versuchte mit seinem kleinen gelben Schnabel nach seinem Bruder Tipsi zu hacken. Aber der war wie immer viel schneller als er. „Lass mich jetzt in Ruhe“, Tapsi steckte den Kopf wieder unter seinen Flügel, so dass er nur noch dumpf zu verstehen war, „vielleicht träume ich wieder von dem Regenwurm.“
Nun war es Tipsi, der seinen Bruder mit dem Schnabel bearbeitete. „Hör mir doch wenigstens einmal zu. Ich weiß etwas viel besseres, als einen glitschigen Regenwurm.“
Nun wurde sein Bruder doch hellhörig, wie immer wenn es um etwas zu essen ging.
„Stell dir vor: die Vogelbeeren im Garten des Nachbarn sind endlich so, wie wir sie gerne mögen.“
„Ein wenig angetrocknet von der Sonne?“, Tapsis dunkle Augen leuchteten, als Tipsi nickte. „Und ein wenig schrumpelig?“
„Genau!“, jubelte sein Bruder, „und ein Teil liegt bereits am Boden, wir brauchen sie nur noch aufpicken. Es ist wie im Schlaraffenland!“
„Im Schlaff… waaas?“
Ohne eine Antwort zu geben, breitete Tipsi seine schwarzen Flügel aus und stieß sich von dem Ast auf dem sie saßen ab. „Komm, beeil dich, sonst fressen uns andere noch die Beeren vor dem Schnabel weg.“
Nun war auch Tapsi endlich richtig wach und hüpfte wild auf dem Ast herum. Mit dem Flugstart hatte er schon immer Probleme gehabt, doch dann segelte auch er endlich durch die Luft. Ein sanfter Wind wehte und trug ihn ohne große Mühe über die Bäume hinweg in den Nachbargarten.

„Ich sehe sie schon“, rief er mit leuchtenden Augen, als sie nebeneinander in den Sinkflug gingen.
Und tatsächlich: unter ihnen stand die herrliche große Eberesche und reckte ihre bereits kahlen Zweige, an deren Enden noch etliche der roten Vogelbeeren hingen, in den blauen Herbsthimmel.
„Da“, rief Tapsi aufgeregt, „da liegen ganz viele auf einem Haufen.“ Mit einem satten Bauchklatscher landete er inmitten der kleinen roten Beeren, die er sofort eine nach der anderen gierig aufpickte.

„Hey, ihr Zwei!“
Eine fremde Stimme riss die Brüder aus ihren Futterträumen.
„Gebt ihr mir auch welche ab?“ Ein kleiner Igel kam auf seinen vier kurzen Beinen eilig angelaufen.
„Igel fressen keine Vogelbeeren“, Tipsi flatterte abwehrend mit den Flügeln.
„Wer sagt das?“ Der Igel sah ihn aus seinen dunklen Augen, die wie kleine Stecknadelköpfe aussahen, neugierig an.
„Na ich. Tipsi, die allwissende Amsel.“
„Ha, ha, ha“, lachte Tapsi, wobei er sich fast an einer Beere verschluckte und erst einmal husten musste. „Du und allwissend?“, fügte er dann hinzu.
„Na, was ist denn hier so lustig?“ Unter einem naheliegenden Kirschlorbeer huschte eine Maus hervor.
„Der Vogel da sagt, er sei allwissend“, erklärte der Igel. Dann kratzte er sich mit der Hinterpfote am Kopf. „Was ist denn allwissend?“
„Einer, der glaubt, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen“, erklärte die Maus und hielt schnüffelnd ihre kleine Nase in die Luft. „Die Beeren riechen aber gut.“ Sie machte ein paar Sätze durchs Gras und biss gleich darauf in eine hinein.
„Och nee“, nun mischte sich auch Tapsi ein, „wenn ihr jetzt alle mitesst, bleibt gar nichts für mich übrig.“
Die Maus stellte sich kauend auf die Hinterbeine und schaute einmal um sich herum. Dann wandte sie sich wieder an Tapsi. „Hier gibt es doch noch massenhaft Beeren. Das reicht doch wohl für uns alle.“
„Mmh“, machte Tapsi. So ganz überzeugt war er nicht. Und dass, obwohl er bereits ein wenig Bauchweh hatte, weil er ganz schnell, so viele Beeren wie möglich gefuttert hatte.
Inzwischen hatte sich auch der Igel eine der Beeren geschnappt und hinein gebissen. „Iiih“, er schüttelte sich und spukte den Rest aus, „die sind ja total bitter.“
„Ich sag ja, dass Igel die nicht mögen“, nickte Tipsi sichtlich zufrieden.
„Aber euch schmecken sie doch auch“, der kleine Igel sah sich nach einer weiteren Beere um, als eine Stimme ertönte.

„Maxi, wo steckst du nur schon wieder?“, eine Igel Dame kam auf die kleine Gruppe zu gelaufen. „Immer treibst du dich rum.“ Sie sah ein wenig erschöpft aus. „Euch drei Geschwister zu hüten, ist wirklich schlimmer, als einen Sack Flöhe zu beaufsichtigen.“ Sprachs und schob gleich darauf ihre Nase zwischen ihr Stachelkleid und dann war ein leises Knacken zu hören.
„Mama ist die beste Flohjägerin weit und breit“, Maxi schaute die anderen sichtlich stolz an.
„Ja, ja“, ein liebevoller Blick traf das Igelkind, „aber nun komm nach Hause. Papa hat ein paar Käfer für euch Kinder mitgebracht.“ So schnell ihn seine kurzen Beine trugen, rannte Maxi los, ein kurzes „Tschüss“ über die Schulter rufend.
Tipsi, Tapsi und die kleine Maus sahen ihm erstaunt nach.
„Also fressen Igel wohl doch keine Vogelbeeren“, stellte Tapsi fest und stopfte sich bereits die nächsten in den Schnabel.
„Hb i ja gwust“, quetschte Tipsi an einer Beere vorbei.
Die kleine Maus indessen futterte einfach still vor sich hin. Sie wollte wohl nicht riskieren, doch noch von den Brüdern verjagt zu werden.

Diesmal waren dabei:

Sabi

Veronika

Rina

Corly

Christine

Das Thema für den 01. Dezember lautet: Zeitkapsel

Und für den 24. Dezember gibt es noch ein Weihnachtsspecial: Die Sache mit dem Rentier

 

 

Wieder mal Glück gehabt

Neben mir an der Wand lehnen ein Paar Krücken mit hübschen blauen Griffen. Diese passen gut zu der blauen Jogginghose, die ich mir von meinem Mann geliehen habe, weil sie unten am Bein schön weit geschnitten ist. Meinen linken Fuß habe ich auf einem Kissen erhöht IMG_2351gelagert und auch ohne nähere Betrachtung leuchten mir die lila-schwarz-irgendwas Verfärbungen auf der Apfelsinengroßen Schwellung entgegen. Und ja, ich bezeichne das Ganze auf jeden Fall als „Glück gehabt“.

Etliche Termine hatten für diese Woche angestanden. Ganz wichtig war mir der SterbebegleiterInnen Kurs und ein Hospiz Frühstück. Aber ich wäre auch gerne zum Friseur gegangen und hätte meinen Check-up Termin beim Hausarzt wahrgenommen. Aber mal ehrlich: nichts ist wichtiger als die Gesundheit. Früher hatte ich dafür nur ein Achselzucken. Der Spruch, der bei meinen Eltern auf dem Flur hing: `Alle Wünsche werden klein, gegen den gesund zu sein´. Ich verstand ihn nicht. Klar, ich war jung und glücklicherweise immer weitestgehend gesund. Heute ist es mir bewusst, wie schnell sich das Leben durch eine Krankheit, einen Unfall ändern kann. Und sofern man mit einem blauen Auge – oder in meinem Falle Fuß – davon kommt, kann man sich doch nur glücklich schätzen!

Allerdings schimpfe und jammere auch ich mal. Weil, ganz ehrlich, nur Sonnenschein und Optimismus kriege ich nicht hin. Aber dann kotze ich mich eben mal aus, meckere und dann – suche ich den nächsten Sonnenstrahl und bade darin. Wohlbemerkt geht jeder Mensch mit unterschiedlichen Lebenslagen unterschiedlich um. Und das ist völlig ok. Manchmal habe ich nämlich den Eindruck, dass manche Menschen meinen, den Stein der Weisen über die „richtige Reaktion“ gefunden zu haben und ihn dann gerne dem Gegenüber aufdrücken wollen. Aber wenn es den Menschen nicht da abholt wo er gerade steht, dann ist das keine Hilfe. Das nur mal am Rande.

Was mir denn nun passiert ist? Ja, inzwischen kann ich schon darüber lachen. Irgendwie war es mal wieder typisch. Seit zwei Jahren reite ich wieder und hatte nun die schöne Idee mal wieder einen Sprung – oder auch mehrere – mit Dalli, der Stute, die ich reite zu wagen. Gedacht, getan. Alles lief super und ich platzte fast vor lauter Glück! Anschließend habe ich Dalli versorgt und ihr jede Menge Äpfel und Möhren gegeben und sie wieder auf die Weide gebracht. Alles prima.

Und dann marschierte ich über den Reitplatz, durch den Sand, um die Stangen wegzuräumen. KLATSCH, lag ich auf dem Boden. Ich war umgeknickt, nichts neues, meine Bänder sind schon seit Kindesbeinen nicht die stabilsten. Tja, das Ende vom Lied: ab zum Arzt. Glücklicherweise ist nichts gebrochen. Das Außenband ist gedehnt und eventuell ein wenig angerissen. Je nachdem, prophezeite mir der Arzt bis zur völligen Wiederherstellung 2 bis max. 6 Wochen.

Ich schließe mit den Worten aus der Überschrift: wieder mal Glück gehabt!