Die Sache mit dem Rentier

Ja, heute gibt es einen Weihnachts-Special-Schreibkick: Die Sache mit dem Rentier.

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder darüber nachgedacht, was ich wohl schreiben könnte. Und dann bin ich im Internet darüber gestolpert, dass einem Fotograf in Norwegen ein weißes Rentier vor die Linse gekommen ist (wenn Ihr es sehen wollt, klickt hier drauf) und da war meine Idee geboren!

Ach ja: die Schreibkicks sind eine Idee von Sabi Lianne und die dazu gehörige Facebook Gruppe findet Ihr hier.

Habt einen schönen Heiligabend Ihr Lieben! ❤

Die Sache mit dem Rentier
von Nicole Vergin

Leises weinen drang durch die Wand ihres Zimmers. Traurig starrte Lea an die Decke. Seit ihrer Mutter der Job im Supermarkt gekündigt worden war, weinte sie fast jede Nacht. Tagsüber tat sie dann so, als wäre es gar nicht schlimm, dass der Laden zum Ende des Jahres geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen wurden. Aber Lea wusste, dass es so schon nicht leicht gewesen war, Miete und Essen und Kleidung zu bezahlen. Und wie sollte es dann erst im nächsten Jahr werden?
Lea drehte sich auf die Seite und knipste ihre Nachttischlampe an. Der Lichtschein war gerade einmal so groß, dass ihr Bett beleuchtet war. Als sie die Hand nach dem Buch ausstreckte, in dem sie gerade las, tanzten Schatten über die Wände. Normalerweise gelang es ihr immer, sich mit den bunten Geschichten in ihren Büchern abzulenken, aber heute schaffte es nicht einmal Pippi Langstrumpf sie aus ihren Grübeleien zu reißen. Dabei liebte sie dieses verrückte Mädchen, das sich ihre Welt einfach so machte, wie sie ihr gefiel. Warum konnte sie das nicht auch? Dann hätte sie ihrer Mutter helfen können. Aber so.

Irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu. Und im Gegensatz zu den letzten Nächten, in denen sie schlimme Träume gehabt hatte, träumte sie diesmal etwas schönes. Sie war im Stadtpark unterwegs und ging einen der vielen Wege, die von dicken alten Eichen gesäumt waren. Plötzlich trat hinter einem der Bäume ein Rentier hervor. Aber kein gewöhnliches. Nein, es war ein Rentier, dessen Fell schneeweiß war. Doch noch bevor Lea näher an das Tier herangehen konnte, wachte sie auf. Es war noch mitten in der Nacht und sie hörte von Ferne die Kirchenglocken elf Mal läuten. Was für ein verrückter und vor allem schöner Traum. Sie kuschelte sich erneut tief unter ihre Decke und schlief gleich darauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

Der nächste Tag war der 23. Dezember. Einen Tag vor Heiligabend. Aber obwohl Lea gemeinsam mit ihrer Mutter die kleine 2-Zimmer Wohnung geschmückt hatte, kam keine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Dabei hatte sich Lea beim aufwachen glücklich gefühlt. Anders, als die Tage zuvor. Und auch nach dem aufstehen dachte sie immer wieder an das weiße Rentier. Wie schön sein Fell im Traum geleuchtet hatte, als es da so stand. Aber gab es denn überhaupt Rentiere mit weißem Fell? Bisher hatte Lea immer nur Fotos von Rentieren gesehen, die ein braunes oder grau-braunes Fell hatten. Sie beschloss im Internet nachzuschauen.
Kurz darauf saß sie in ihrem Zimmer vor dem Laptop, den die Mutter ihr vor einigen Monaten gekauft hatte, als sie in die 5. Klasse gekommen war. Sie brauchte ihn nun für die Schule und sie hatte sich beinahe dafür geschämt, weil sie wusste, dass dafür eigentlich kein Geld da war.
Aber es war schon toll, wenn man einfach mal was im Internet nachschauen konnte. Rasch gab sie bei der Suchmaschine „Rentiere“ ein und scrollte dann durch die Ergebnisse. Bereits unten auf der ersten Seite wurde sie fündig: da war doch tatsächlich einem Fotografen in Norwegen ein junges schneeweißes Rentier begegnet. Neugierig betrachtete Lea das Foto. Wie hübsch das Tier aussah. Erneut stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Sie stutzte. Obwohl es im Moment wirklich eine traurige Zeit für sie war und sie sich sehr um ihre Mutter sorgte, schaffte es der Anblick eines weißen Rentiers, ihr für einen Augenblick den Kummer zu nehmen. Ob es etwas besonderes mit diesen Tieren auf sich hatte? Diesmal gab sie „weiße Rentiere“ in die Suchmaske ein und tatsächlich stieß sie auf eine Seite auf der stand, dass die Begegnung mit einem weißen Rentier Kraft schenkt und Glück bringt.
Lea sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus. Kraft und Glück. Genau das war es doch was ihre Mutter im Moment brauchte. Sie zog eine Grimasse. Nun fehlte ihr also nur noch ein weißes Rentier. Mutlos schaltete sie ihren Laptop aus. Sie mussten wohl auf anders zurecht kommen.

Leas Herz klopfte schneller. Da, da war es wieder. Sie war denselben Weg gegangen, wie in der vergangenen Nacht und nun stand das weiße Rentier erneut vor ihr und sah sie aus seinen sanften braunen Augen an. Als sie dieses Mal erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um zu begreifen, dass es wieder ein Traum gewesen war. Alles hatte so echt ausgesehen. Sie drehte sich auf den Rücken und zog die Decke bis unter das Kinn. Das Bild, wie das Rentier hinter dem Baum hervor getreten war, stand ihr nach wie vor deutlich vor Augen.
Wie kam es, dass sie auch in dieser Nacht von dem weißen Rentier geträumt hatte. Purer Zufall? Oder ein Zeichen? Aber wofür? Dafür, das Glück zu suchen?
Lea grübelte und grübelte, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Und während die Gedanken weiter in ihrem Kopf Karussell fuhren, schlief sie erneut ein und begann zu träumen…

Da war der Weg im Stadtpark. Sie spürte den eisigen Wind, der zwischen den Bäumen entlangfegte. Als sie nach oben sah, staunte sie über die zahlreichen Sterne, die dort um die Wette funkelten. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie deutlich sehen konnte, wohin sie ihre Schritte lenkte. Da hinten, da war die alte Eiche, deren ausladende Äste sich weit über den Weg erstreckten. Jetzt im Winter sah es ohne das Laub aus, als würden sich Finger nach ihr ausstrecken. Aber Lea verspürte keine Angst. Im Gegenteil, es war ein wenig das Gefühl, als ob sie nach längerer Zeit nach Hause kommen würde.
Und in diesem Moment trat das weiße Rentier ein drittes Mal aus dem Schatten des Baumes hervor. Doch dieses Mal blieb es nicht reglos stehen, sondern machte ein paar Schritte auf sie zu. Es kam ihr ein Stück entgegen. Und auch Lea ging weiter. Und so kamen sie sich näher und näher.
Leas grüne Augen schauten direkt in die braunen des Rentieres. So lange bis sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte.
„Lea, wach auf!“
Schlaftrunken schlug sie die Augen auf und statt in die Augen des Rentieres, sah sie in die ihrer Mutter.
„Och Mama“, nuschelte sie verschlafen, „was ist denn los?“
„Wir müssen doch noch rasch ein paar Kleinigkeiten einkaufen, bevor die Geschäfte schließen.“

Seufzend rappelte sie sich auf. Stimmt, sie hatte ja versprochen ihrer Mutter zu helfen. Während sie sich so schnell wie möglich die Zähne putzte, eine Katzenwäsche machte und sich anzog, geisterte ihr weiter das weiße Rentier durch den Kopf. Glück und Kraft. Glück und Kraft. Obwohl es ihr nicht wirklich klar war, wie ihrer Mutter das helfen könnte, hatte Lea nach den Träumen das Gefühl, sie sollte versuchen ihrer Mutter das Rentier zu zeigen.
Ruckartig blieb sie stehen, so dass ihre Mutter, die hinter ihr die Treppe hinunterlief, direkt in sie hinein rannte.
Auf die Frage, ob sie etwas vergessen habe, schüttelte sie nur den Kopf und ging weiter.
Ihrer Mutter das Rentier zeigen? Drehte sie nun völlig durch? Aber auf einmal schien es ihr so klar zu sein, was die Träume bedeuteten. Sie sollte ihre Mutter zu dem weißen Rentier bringen. Damit es ihr Glück und Kraft schenken konnte. Auch wenn ihr jetzt nicht klar war, was das für ihre Mutter bedeuten konnte. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie es zumindest versuchen musste. Und heute war doch Heiligabend. Wenn es heute kein Wunder geben würde, wann denn dann?

Der Einkauf dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Leute drängten sich in dem Laden, als würde es nach Weihnachten nichts mehr zu kaufen geben. Lea nutzte die Wartezeit in der Schlange, um sich zu überlegen wie sie ihre Mutter in den Stadtpark locken könnte. Dummerweise fiel ihr absolut nichts ein. Und als sie dick bepackt mit ihren Einkäufen nach Hause kamen, beschloss sie, den direkten Weg zu gehen und ihrer Mutter einfach die Wahrheit zu sagen.
Sie erzählte ihr von den drei Träumen und von dem weißen Rentier, das der Fotograf in Norwegen gesehen hatte. Und davon, dass weiße Rentiere Glück bringen sollten.
„Und deshalb soll ich heute bei der Kälte in den Stadtpark gehen?“ Ihre Mutter strich ihr liebevoll über den Kopf. Lea zerriss es das Herz, als sie in die müden und traurigen Augen ihrer Mutter sah.
„Mama“, sie griff nach deren Hand und sah sie entschlossen an, „wir müssen es einfach versuchen. Sagst du nicht immer, dass ich auf mein Bauchgefühl hören soll?“
„Ja, schon…“
„Siehst du“, fiel Lea ihr ins Wort, „lass uns doch einfach vor dem Essen noch einen kleinen Spaziergang machen. Und wenn wir dort niemandem begegnen, dann waren wir wenigstens an der frischen Luft.“
Bei diesen erwachsen klingenden Worten, lächelte ihre Mutter.
„Na, bei soviel Klugheit kann ich wohl nicht nein sagen. Aber du musst mir nachher helfen das Essen vorzubereiten. Wenn Oma und Opa heute Abend kommen, muss alles fertig sein.“
Lea nickte und sprang dann auf und zog sich in Windeseile wieder an. Sie hatte ihre Mutter überzeugt, vielleicht würde nun doch noch alles gut werden.

„Es schneit!“ Lea legte den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und versuchte die Flocken aufzufangen. Mit mäßigem Erfolg. Aber trotzdem strahlte sie über das ganze Gesicht. Schnee. Es war magisch, wenn diese dicken weißen Flocken vom Himmel fielen. Bestimmt war das ein gutes Zeichen.
Sie griff nach der Hand ihrer Mutter und zog sie durch das schmiedeeiserne Tor, hinein in die Parkanlage. „Komm! Ich bin ganz sicher, dass wir hier dem weißen Rentier begegnen. Genauso wie ich es im Traum gesehen habe!“
Lea sah ihrer Mutter an, dass sie nur um ihr einen Gefallen zu tun, mit kam.
Nebeneinander gingen sie den Weg entlang. Ihre Schritte waren durch die dünne Schneeschicht, die sich bereits gebildet hatte, gedämpft. Außer ihnen war niemand zu sehen. Wahrscheinlich waren sie alle schon auf dem Weg in die Kirche oder zu ihren Familien.

Vor ihren Mündern waren Atemwolken, die Luft war klirrend kalt und an etlichen Zweigen der großen Eichen hingen Eiszapfen.
„Da vorne müssen wir rechts abbiegen“, erklärte Lea ihrer Mutter, „und dann ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle an der ich das Rentier im Traum gesehen habe.“
Ihre Mutter griff nach ihrer Hand. „Lea, du bist aber nicht allzu enttäuscht, wenn wir hier keinem Rentier begegnen.“ In ihren Augen las Lea Sorge.
„Ist schon gut, Mama.“ Zuversichtlich ging sie weiter, den Blick fest und entschlossen nach vorne gerichtet.

Als sie auf dem Weg angelangt waren, den sie im Traum gesehen hatte, hielt Lea ein paar Schritte lang die Luft an. Nun würde es gleich soweit sein. Jeden Moment würde das weiße Rentier hinter einem der Bäume hervortreten. Und dann… ja, was würde dann eigentlich passieren? Lea warf einen raschen Blick auf ihre Mutter. Am besten, sie glaubte einfach daran, dass irgendetwas tolles passieren würde. Vielleicht konnte das Rentier auch Wünsche erfüllen und ihre Mutter würde einen neuen Job bekommen.
Je weiter sie auf dem Weg vorankamen, desto bedrückter fühlte sich Lea. Nirgends war ein Tier, geschweige denn ein Rentier zu sehen. Wie ein kleines Mädchen hatte sie sich aufgeführt. So, als wüsste sie nicht längst, dass es Wunder gar nicht gäbe. Nicht einmal am Heiligen Abend.
Vielleicht sollte sie in ihrem Alter doch nicht mehr Pippi Langstrumpf lesen, ihre Freundinnen machten sich deswegen sowieso schon über sie lustig. Man konnte sich die Welt eben doch nicht so machen, wie sie einem gefiel.
„Schatz“, ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schulter, „wollen wir langsam umdrehen und nach Hause gehen?“
Lea wollte schon nicken, als sie nur wenige Meter von ihnen entfernt, ein Geräusch hörte, als würden kleine Zweige knacken. So, als würde Jemand sich nähern.
Und dann trat, genau wie in ihrem Traum, ein wunderschönes weißes Rentier hinter einem der Bäume hervor. Es trat auf den Weg hinaus und sah von dort Lea und ihrer Mutter entgegen.
„Das ist es“, flüsterte Lea unnötigerweise, denn das ihre Mutter das Rentier selber sah, war ja klar. Und es hatte ihr auch prompt die Sprache verschlagen.
„Komm“, sie zupfte ihre Mutter am Jackenärmel, „lass uns hingehen. Vielleicht lässt es sich streicheln.“

Vorsichtig, Schritt für Schritt, gingen sie näher, während das Rentier sie weiter aus seinen sanften braunen Augen betrachtete. Als sie ihm gegenüber standen, streckte Lea behutsam die Hand aus. Sie lachte, als das weiche Maul des Rentiers über ihre Haut strich.
„Du bist wunderschön“, sagte sie leise. Auch ihre Mutter streichelte das Tier nun sanft, das daraufhin seinen großen Kopf vorsichtig an der Schulter der Mutter scheuerte. Dann nickte es einmal, schnaubte, drehte sich um und verschwand so leise wie es gekommen war, hinter den Bäumen.
„Warte“, rief Lea ihm hinterher, „ich dachte du kannst uns noch helfen. Vielleicht einen Wunsch erfüllen…“
Aber ihre Mutter unterbrach sie, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Du hast mir heute schon einen Wunsch erfüllt, mein Schatz. Du hast mir gezeigt, dass es Wunder gibt. Und dass schenkt mir Hoffnung. Dafür danke ich dir von Herzen. Gemeinsam werden wir es auch nächstes Jahr schaffen.“
Lea standen Freudentränen in den Augen. Eng drückte sie sich an ihre Mutter. „Frohe Weihnachten, Mama.“

Diesmal waren dabei:

Veronika

Sabi

Rina

Corly

Das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze

14 Kommentare zu „Die Sache mit dem Rentier

  1. Hallo Nicole,

    oooooh, wie schön. Deine Weihnachtsgeschichten sind einfach immer wunderbar gefühlvoll, ein wenig traurig, aber auch ein wenig schön und immer hoffnungsvoll ❤ Ich will meeeeeehr davon! 🙂

    Ich wünsche dir wunderschöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr ❤

    Alles liebe,
    Sabi

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sabi,

      oooh, das freut mich, dass sie Dir gefällt! Dankeschön für den lieben Kommentar! ❤ Und ja, ich habe tatsächlich beschlossen, mich an einem Weihnachtsroman zu versuchen. Mal schauen… 😉

      Dir auch alles Liebe und ich freue mich auf ein Wiederlesen! ❤
      Nicole

      Liken

    1. Ich danke Dir, liebe Christiane und es freut mich unglaublich, dass Dir meine Geschichte gefällt! ❤
      Danke auch für Deine lieben Wünsche und ich hoffe Du hattest ebenso ein schönes Fest wie ich und am Montag dann einen guten Rutsch in ein gesundes und kreatives neues Jahr!
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

    1. Ich danke Dir sehr Rina! ❤ Ja, das Bild bei Instagram hat mich inspiriert und ich wusste vorher tatsächlich nicht, dass es weiße Rentiere gibt – wunderschön!! ❤
      Ich wünsche Dir einen guten Rutsch in ein gesundes und kreatives neues Jahr und freue mich aufs Wiederlesen!
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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