Die Welt bei Nacht

Der 1. des Monats ist da und somit Zeit für den aktuellen Schreibkick – diesmal zum Thema „Die Welt bei Nacht“. Der Schreibkick ist eine Idee von Sabi Lianne und die facebook Seite dazu findet Ihr hier.

Bis gestern Abend hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich schreiben sollte. Also habe ich einfach alles aufgeschrieben, was mir durch den Kopf gegangen ist… und dann, bei der Abendrunde mit Gina war plötzlich die Idee geboren – und hier ist sie:

Die Welt bei Nacht
von Nicole Vergin

„Opa? Bringst du mich heute wieder ins Bett?“ Seit ihr Großvater zu Besuch war, wollte Sina das am liebsten jeden Abend.
„Na klar“, der Großvater streckte lächelnd seine Hand aus und kurz darauf gingen sie einträchtig in Sinas Zimmer, wo ihre Mutter gerade die bunt gestreiften Vorhänge zuziehen wollte.
„Warte“, rief Sina und lief zum Fenster. „Opa, schau mal wie dunkel es schon ist.“
Nebeneinander standen sie am Fenster und schauten hinaus in die Nacht, die nur vom Licht zweier Straßenlaternen unterbrochen wurde.
„Ich mag es gar nicht, wenn es so dunkel ist.“ Sina drückte ihre Nase gegen die Scheibe. „Und du?“
„Ich finde es schön, wenn es abends langsam dunkel wird und alles ruhiger ist, als am Tag.“ Nun drückte auch der Großvater seine Nase an die Scheibe.
Sina kicherte, als sie die Nasenabdrücke betrachtete. „Aber es ist alles schöner, wenn es hell ist“, meinte sie dann.

„Weißt du denn, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass die Nacht in die Welt kam?“
„Och Opa. Die Nacht gab es doch schon immer!“ Sina wusste das längst, sie war ja kein Baby mehr.
Ihr Großvater zwinkerte ihr zu und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nein. Es gab Zeiten, in denen war es immer nur Tag! Und willst du nun die Geschichte hören?“
„Oh ja“, wie der Blitz war Sina in ihr Bett gesprungen und hatte sich unter die Decke gekuschelt. Ihr Großvater erzählte tolle Geschichten, da wollte sie sich nicht eine einzige entgehen lassen.

„Na gut, dann erzähle ich sie dir.“ Er rückte sich Sinas Schreibtischstuhl an ihr Bett, setzte sich darauf und begann: „Es war einmal vor langer Zeit, da herrschte die Sonne allein oben am Himmel. Tag für Tag leuchtete sie mit ihren hellen Strahlen, so dass alle Menschen immer Licht hatten.“
„Und was war, wenn es Wolken am Himmel gab?“
„Dann war die Welt mal ein wenig dunkler. Aber nie so dunkel, wie es jetzt nachts ist.“
„Aber wie kam es denn dann, dass es Nacht wurde?“ Neugierig sah Sina ihren Großvater an, der bereitwillig weiter erzählte.
„Nachdem die Sonne lange Zeit immer geschienen hatte, war sie eines Tages müde. Und zwar so richtig. Immer wieder fielen ihr die Augen zu.“ Der Großvater schloss die Augen und ließ sich ein Stück vornüber fallen.
„Bestimmt hat sie auch gegähnt“, fügte Sina hinzu und machte mit weit geöffnetem Mund „uaaaaaaaaah“.
„Genau“, lachte ihr Großvater und fiel in das „uaaaaah“ ein.
Sina kicherte. Mit ihrem Opa konnte sie wirklich jeden Blödsinn machen.

„Und weil sie ja nicht schlafen durfte, bekam die Sonne auch noch schlechte Laune.“ Der Großvater zog die Mundwinkel nach unten und machte ein grimmiges Gesicht.
„Bestimmt hat sie auch die Sonnenstrahlen angemeckert“, kicherte Sina.
„Genau! Es war ja so schon nicht leicht, diese ganze Strahlen-Bande zu bändigen, aber nun wo sie auch noch so müde war…“
„Und was passierte dann?“
„Tja, eines schönen Tages klopfte es plötzlich bei der Sonne an der Haustür“, mit dem Zeigefingerknöchel machte der Großvater die Klopfgeräusche auf dem Nachtschrank nach.
„Die Sonne hat ein Haus?“, staunte Sina ungläubig.
„Klar, was dachtest du denn?“
„Und wer stand vor der Tür?“
„Ein Mondgesicht. Ein rundes Vollmondgesicht. Hallo, ich bin der Mond, sagte es. Ich habe gehört, du kannst mich brauchen.“ Der Großvater hatte die Wangen aufgeblasen, um das Gesicht des Mondes darzustellen. „Aber die Sonne wollte anfangs ihre Macht über die Welt nicht teilen. Sie wollte weiter alles für sich haben. Und daher hat sie den Mond, mitsamt seinen Sternen, die er auch dabei hatte, einfach wieder vor die Tür gesetzt.“
„Das war ja ganz schön blöd“, Sina schüttelte den Kopf.
„Stimmt. Und der Mond wusste das. Er wusste, dass er einfach nur weiter abwarten musste und irgendwann würde seine Zeit kommen.“
„Bestimmt ist die Sonne irgendwann doch eingeschlafen!“
Der Großvater zwinkerte seiner Enkelin zu. „Genau so war es. Sie konnte sich eines Tages einfach nicht mehr wachhalten. Und als sie eingeschlafen war, schliefen auch all die kleinen Sonnenstrahlen ein und niemand leuchtete mehr. Die Menschen saßen plötzlich im Dunkeln.“
Gespannt sah Sina ihren Großvater an. „Hatten die Menschen Angst?“
„Oh ja, natürlich hatten sie Angst. Sie kannten es ja gar nicht, ohne das Sonnenlicht zu sein. Aber noch bevor sie sich etwas überlegen konnten, erschien plötzlich oben am Himmel etwas Helles. Erst dachten sie, die Sonne sei zurück gekommen, aber…“
„Es war der Mond!“ Sina strahlte über das ganze Gesicht.
„Genau! Und mit ihm kamen auch die Sterne und da an diesem Tag keine Wolken die Sicht verdeckten, konnten sie alle um die Wette leuchten und die Menschen freuten sich darüber, dass sie zumindest etwas Licht hatten.“
„Und was hat die Sonne gemacht, als sie wieder aufgewacht ist? War sie sehr wütend, dass der Mond einfach wieder aufgetaucht war?“
„Nein, die Sonne war das erste Mal nach langer Zeit ausgeschlafen und hatte gute Laune. So, als ob du am Wochenende ausschlafen kannst und nicht morgens für die Schule früh aufstehen musst.“ Der Großvater zwinkerte Sina zu. „Sie hat sich dann tatsächlich bei dem Mond und auch den Sternen für die Hilfe bedankt.“
„Und dann haben sie abgesprochen, dass sie sich immer abwechseln würden, stimmts?“
Der Großvater nickte. „Seit diesem Zeitpunkt gibt es den Tag und die Nacht. Und ich finde beides schön.“

Sina war wieder aus dem Bett geklettert und stand nun am Fenster und sah zum Himmel hinauf, wo der Mond gerade hinter einer Wolke hervorlugte. „Eigentlich finde ich die Welt bei Nacht auch ganz schön“, stellte sie dann fest.
Als sie sich gleich darauf wieder in ihr Bett kuschelte murmelte sie schläfrig: „Schlaf gut, liebe Sonne. Wir sehen uns morgen früh wieder!“

Diesmal waren dabei:

Rina

Corly

Veronika

Sabi Lianne

Das Thema für den 01. April lautet: Im Spiegel

7 Kommentare zu „Die Welt bei Nacht

  1. Total süsse Geschichte….und das Gähnen war sogar ansteckend…hihihi….ich hab genau in dem Moment gegähnt, als ich in der Geschichte ankam…nicht wegen deiner Geschichte, sondern einfach aus Müdigkeit…Tolle Idee….ich bin noch bisschen leer im Kopf…..Ich hör jetzt bisschen Musik und vielleicht fällt mir noch was ein….

    Einen schönen Tag…Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

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