Alle reden über Trauer 2019: Wie ich mir selbst meine Trauer aberkannte

alle reden über trauer„Alle reden über Trauer 2019“ – Silke Szymura hat in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2017 dazu aufgerufen, über dieses wichtige Thema zu sprechen, davon zu erzählen. Ihre Seite mit allen Beiträgen findet Ihr hier.

Ich habe lange darüber nachgedacht, von welcher Trauererfahrung ich Euch erzählen möchte. Wobei ich im Grunde schon wusste, welche Erfahrung darauf wartete, endlich einmal zur Kenntnis genommen zu werden…

Am 16. März 2015 ist mein Vater gestorben. Mein Vater. Der Mann, der in meiner Kindheit mein Held war. So lange, bis ich sein wahres Ich kennen- und verabscheuen lernte. Die letzten fünf Jahre vor seinem Tod, hatten wir keinen Kontakt mehr. Während dieser Zeit habe ich einen Schutzwall um mich herum aufgebaut. Ich begann mir darüber Gedanken zu machen, was im Falle seines Todes zu tun sein würde. Denn meine Mutter würde gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage sein, diese Pflicht zu übernehmen.

Am 17. März 2015 klingelte mein Telefon.
„Ich habe einen Brief vom Ordnungsamt erhalten.“ Die Stimme meiner Mutter klang panisch. Was kein Wunder war, hatte sie doch gerade schwarz auf weiß in nüchternen Worten mitgeteilt bekommen, dass ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebte, verstorben war.
Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem Moment fühlte. Ich weiß nur, dass ich mich innerlich rasch zur Ordnung rief. Mein Vater war gestorben. Ok. Mit diesem Anruf hatte ich gerechnet. Ich war vorbereitet.
„Ich bin gleich bei dir“, teilte ich meiner Mutter mit, zog mich rasch an, setzte mich ins Auto und fuhr los.

Auf der viertelstündigen Fahrt ging ich in Gedanken meine To-Do-Liste durch:
– einen Bestatter suchen und finden
– die Beerdigung organisieren
– mit einem Notar einen Termin für die Erbausschlagung machen.

Und dann stand ich auch schon vor meiner Mutter, die noch kleiner und zusammen gesunkener wirkte, als in der letzten Zeit sowieso schon. Ich nahm sie in die Arme. war dabei aber die ganze Zeit damit beschäftigt, die Nachricht in der Nähe meines Verstandes zu halten, weit weg von meinem Herzen. Das wollte davon ja sowieso nichts wissen.

Durch den Brief des Ordnungsamtes erfuhr ich, wo mein Vater zuletzt gewohnt hatte. Ich rief dort an und fragte, was nun zu tun sei. Die Mitarbeiterin teilte mir mit, dass meine Mutter für die Beerdigung zuständig sei und der Leichnam meines Vaters in einem Krankenhaus läge. Ganz nebenbei erfuhr ich, dass mein Vater mit einer Frau zusammen gelebt hatte. Diese meldete sich dann auch noch irgendwann bei meiner Mutter, aber nur um nach einer Unterschrift zu fragen, damit sie in der Wohnung bleiben könne.

Ich informierte noch telefonisch meine (Halb-) Schwester, damit sie sich um unsere Mutter kümmerte und fuhr dann wieder nach Hause. An diesem Tag machte ich sozusagen Nägel mit Köpfen. Ich suchte im Internet einen Bestatter heraus, der am Wohnort meines Vaters arbeitete, rief dort an und als die Frau am Telefon mir ihr Beileid ausdrücken wollte, sagte ich ihr, dass das nicht nötig sei. Dies sei für mich nur eine Pflicht, denn ich hätte keinen Kontakt mehr zu meinem Vater gehabt. Sie verstand mich, da sie ähnliches erlebt hatte. Mal wieder fügte sich etwas in meinem Leben.

Und dann war ich auch schon mit meinem Ordner unter dem Arm unterwegs zum Bestatter. Ja, ich hatte mich im Voraus schlau gemacht, was ich benötigen würde und mir dies zurecht gelegt. Die Fahrt zum Bestatter dauerte eine Stunde und ich war dankbar, noch am selben Tag dorthin kommen zu können.

Das Gespräch mit dem Bestatter war gut und tat mir gut. Ich konnte die Ärmel hochkrempeln und alles besprechen und klären. Das war wichtig für mich, wollte ich doch dieses Kapitel in meinem Leben endlich abschließen.

Zu all den Plänen, die ich mir damals zurecht gelegt hatte, gehörte es auch, dass ich nicht zu der Beerdigung meines Vaters gehen würde. Was sich nun sowieso als unnötig erwies, da ich eine anonyme Urnenbeisetzung in Auftrag gab, bei der sowieso niemand dabei sein konnte.
Und plötzlich regte sich etwas in mir. Was war das bloß? Aus dem Bauch heraus fragte ich, ob ich meinen Vater noch einmal sehen könnte.
Das sei kein Problem, wurde mir gesagt. Das Krematorium, in dem die Einäscherung stattfinden sollte, hätte einen Abschiedsraum. Dort könnten wir uns treffen und ich könnte Abschied nehmen. Ohne weiter zu überlegen, sagte ich zu.

Was mich dazu gebracht hatte, weiß ich bis heute nicht. Aber vermutlich war mir klar geworden, dass es in dieser Welt nur noch eine Möglichkeit geben würde, meinen Vater wiederzusehen. Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich diese nicht verstreichen lassen sollte.
Mein Mann bot mir sofort an, mich zu begleiten. Ich wollte erst ablehnen (schließlich war ich stark genug, alles allein zu regeln…), aber dann war ich schlau genug, dies nicht zu tun.

Den Moment, als ich den ersten Blick auf meinen Vater im Sarg warf, werde ich nie vergessen. Von jetzt auf gleich schwappte ein Gefühl in mir hoch, dass ich nicht erwartet hatte: Mitleid. Er lag da und sah winzig klein aus (er war an Kehlkopfkrebs gestorben). Und… er war ganz allein. Ich hatte ihm zwar oft gesagt, dass ihm dies passieren würde, wenn er sich nicht ändern würde, aber ich hatte es ihm nicht gewünscht. Außer in meiner größten Wut und Enttäuschung natürlich.
Aber an diesem Tag, nein, da war ich nur unendlich traurig für ihn. Denn er hatte alle Chancen, die ich ihm gegeben hatte, verspielt. Und nun war es für ihn zu spät. Ich sagte ihm, dass ich ihm verzeihen würde und dass, wenn wir uns irgendwann wiedersehen würden, er doch bitte noch einmal überlegen sollte, ob er nicht anders handeln könnte. Denn dann würde er noch einmal eine Chance bekommen.

Ich weinte nicht – und dabei weine ich sogar bei traurigen Filmen Rotz und Wasser – aber ich spürte eine große Ruhe. Einen Frieden, der da zwischen uns war. Und Dankbarkeit dafür, dass mein Bauchgefühl mir wieder einmal einen guten Weg gewiesen hatte.

Wochen später war ich dann noch auf dem Friedhof und stand mit zwei Gerbera in der Hand an dem Urnenfeld, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat. Und dann, dann kamen die Tränen und ich begriff, dass ich mir meine Trauer um ein Haar selber aberkannt hatte. Ich hatte liebe Worte zurück gewiesen, weil:  wer ist schon um einen Vater traurig, mit dem man zu Lebzeiten keinen Kontakt haben wollte? Ja, ich hatte mir etwas vorgemacht, denn zum einen gibt es auch liebevolle Erinnerungen, die ich inzwischen zu schätzen weiß. Und zum anderen trauere ich auch um das was hätte sein können, was ich mir gewünscht hätte.

Ich habe daraus etwas wichtiges gelernt: Trauer sucht sich ihren Weg, egal wie sehr ich versucht habe, sie zu unterdrücken. Und wie ich tatsächlich in einer Situation reagiere, dass weiß ich erst, wenn ich mitten drin stecke.

In Erinnerung an meinen Vater: Herbert Deutschmann, geboren am 29. September 1938, gestorben am 16. März 2015.

Hinweis: die Begrifflichkeit der `aberkannten Trauer´ habe ich durch meine Seminare erst kennen gelernt. Dies findet „normalerweise“ von außen statt, wenn Menschen meinen, dass man selber keinen Grund zum Trauern hätte, z. B. die beste Freundin ist verstorben und dass deren Familie trauert wird selbstverständlich anerkannt, aber auch die übrig gebliebene Freundin kann eben eine große Trauer empfinden, was dann evtl. nicht gesehen wird bzw. gesehen werden kann. Wer näheres dazu wissen möchte, kann mich gerne fragen.

10 Kommentare zu „Alle reden über Trauer 2019: Wie ich mir selbst meine Trauer aberkannte

  1. Ich finde es bemerkenswert, wie offen und ehrlich du über deine Trauer redest, das kann ich nicht, zumindest hier in diesem doch öffentlichen Raum nicht. Aber du hast mich zum Nachdenken gebracht über ein Thema, das ich zu selten zulasse. Dafür möchte ich dir danken.

    Herzlich,
    Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke Dir für Deine lieben Worte Anna-Lena ❤ Ich denke, das wichtigste beim Thema Trauer ist, das alles kann und nichts muss. Mir ist es eine Herzensangelegenheit über Sterben, Tod und Trauer zu sprechen und zu schreiben. Und das kann ich aus meiner Sicht nur, wenn ich mich selber öffne. Zudem ist das schreiben für mich eben auch Aufarbeitung und eine Art Therapie.
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

  2. Ich finde es auch wirklich bewundernswert, wie offen Du hier über alles schreiben kannst. Du hast alles richtig gemacht. Ich denke, Trauer ist sehr wichtig und braucht eben auch ihre Zeit. Wenn wir nicht trauern, wird es schnell ungesund für uns. Wir können das Geschehene nicht verarbeiten und loslassen. Trauer und Verzeihen sind Mittel, mit denen wir uns selbst helfen. Das kann nur leider nicht jeder.
    LG Susanne

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deinen lieben Kommentar Susanne!
      Siegfried Lenz hat mal gesagt: „Ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen“.
      Über das Schreiben denke, verarbeite, ja irgendwie lebe ich auch damit und darüber. Ich hatte gerade diese Geschichte so lange mit mir rumgeschleppt, ohne sie aufzuschreiben. Weil ich es eben abhaken wollte. Tja, das funktioniert aber nicht so einfach. Das Gefühl, als ich es endlich in Worte gefasst hatte… wow, ein Meilenstein!
      Und Eure Worte dazu helfen natürlich aus sehr. Also eine rundum gelungene Trauer-Aktion, denn wie Du schon schreibst, ist Trauer immens wichtig und nichts was man auf Dauer herunterschlucken kann.
      Ganz liebe Grüße ❤
      Nicole

      Liken

    1. Und ich danke Dir für Deine Worte!
      Ja, die aberkannte Trauer ist ein Fitzelchen von einem weiten Feld zum Thema Trauer. Aber ein sehr wichtiger. Wenn einem Trauernden von außen seine Trauer aberkannt wird, kann dies zu einer erschwerten Trauer führen. (Die Begrifflichkeiten gibt es, um sich darüber „in einer Sprache“ ausdrücken, austauschen zu können und natürlich auch ggf. um Erstattung von Kosten von Krankenkassen zu erhalten) Ein Beispiel von aberkannter Trauer habe ich ja bereits genannt, häufig findet dies statt, wenn es sich z. B. um einen Suizid handelt. Oder Eltern, die um ihr Kind trauern, das zum Mörder geworden Ist (Amoklauf etc.). Ein geschiedener Partner stirbt, ein Teil einer außerehelichen Affäre. Es gibt zahllose Beispiele bei denen die Trauer nicht offen gelebt werden kann oder „darf“ und dass sich dies negativ auf den Trauerprozess auswirken kann, ist offensichtlich.
      Und mir geht es übrigens ähnlich wie Dir: für die Trauer anderer habe ich größeres Verständnis, als für meine eigene.
      Herzliche Grüße und alles Gute für Dich
      Nicole

      Liken

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