Der Geist im Spiegel

Heute kommt nun der nachgeholte Schreibkick vom 01. April. Thema: Im Spiegel. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber plötzlich war da diese Frau, Erika, die mich mit ihrer Geschichte in ihren Bann schlug. Ich sehe sie in einem Mietshaus leben, in einer mittelgroßen Stadt. Jeder lebt sein Leben. Ob es die jungen Männer aus der WG sind, das unverheiratete Paar im 2. Stock, die allein erziehende Mutter mit dem kleinen Jungen, der den Mund kaum aufbekommt… Ihr lest schon, mich bestürmt gerade Erikas aktuelles Leben. Und nun überlege ich, ob ich daraus eine Fortsetzungsgeschichte mache. In welchem Abstand, wie lange? Ach, ich weiß noch gar nicht. Mal schauen. Ich lass nochmal sacken… und bis dahin könnt Ihr ja mal lesen, ob Erika Euch überhaupt interessiert.

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Der Geist im Spiegel
von Nicole Vergin

Mühsam stellte Erika den Zahnputzbecher in die linke Seite des Spiegelschranks und schob dann die Tür zu. Ihr Spiegelbild sah ihr entgegen. Und was sie sah, gefiel ihr nicht. Müde schaute sie aus. Und alt. Nicht, dass ihr die Falten etwas ausmachten. Aber dieser stumpfe Blick aus ihren Augen. So, als wäre ihr Leben schon gelebt und nun würde nichts mehr kommen. Blass war sie auch.
Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal gelacht? Sie schüttelte den Kopf. Es fiel ihr nicht mehr ein.

70 ist das neue 60 hatte sie kürzlich in einer Illustrierten beim Arzt gelesen. Was die sich heute einfallen ließen, um ihre ganzen Verjüngungskuren an die Frau zu bringen. Sie war 73, in wenigen Monaten sogar 74 und sie spürte jedes einzelne dieser Jahre.
Erika beugte sich ein wenig vor und schaute ihrem Spiegelbild direkt in die Augen.
„Hab ich mich denn mit 60 besser gefühlt?“, fragte sie. Aber ihr Gegenüber schwieg.
Ja, sie war jetzt eine von diesen merkwürdigen Alten, über die sie früher gelacht hatte. Sie sprach mit sich selber, weil niemand da war mit dem sie hätte reden können. Und so ein Tag war lang.

Früher hatte sie viel gelacht. Und gerne. Und dass, obwohl es in den ersten Jahren nach dem Krieg gar nicht so leicht gewesen war. Aber sie war da noch ein Kind gewesen. Und sie hatte nichts anderes gekannt, als in den Trümmern zu spielen, immer mit diesem bohrenden Hungergefühl im Magen. War sie doch am 02. September 1945, dem Tag, als der zweite Weltkrieg endlich vorbei war, geboren worden. Mitten hinein in die Zerstörung, die darauf folgende Gewalt, die ebenfalls eingeschlagen hatte wie eine Bombe. Und der Hunger. Wie oft hatte ihre Mutter ihr später vorgehalten, dass sie das wenige an Nahrung mit ihr hatte teilen müssen.
Als hätte sie sich ausgesucht, genau zu diesem Zeitpunkt geboren zu werden. Aber die Mutter hatte es natürlich auch schwer gehabt. Der Mann, Erikas Vater, war noch in den letzten Wochen des Krieges gefallen und so hatte sie dagesessen mit den kranken Schwiegereltern in einer ausgebombten zugigen Wohnung und einem Säugling für den sie kaum Milch hatte.

Trotzdem war Erika ein fröhliches Kind gewesen und der Sonnenschein ihrer Großeltern, die die fehlende Mutterliebe mehr als wett gemacht hatten, so lange sie lebten.
Aber später war dann alles anders gekommen. Aus dem Sonnenschein war durch etliche Schicksalsschläge eine verbitterte alte Frau geworden.

Und als Erika ein weiteres Mal in den Spiegel schaute, da war es für einen Moment, als würde der Geist ihrer Mutter ihr Antlitz überdecken und sie anschauen. Mit diesem kalten Blick, der ihr noch heute einen Schauder über den Rücken laufen ließ.
Nein, so hatte sie nie werden wollen. Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern.
Erika wandte sich ab, verließ das Badezimmer und schlurfte in die Küche, wo ein neuer langer Tag auf sie wartete.

Diesmal waren dabei:

Rina

Christine

Veronika

Sabi

Corly

Das Thema für den ersten Mai lautet: Der Clown

16 Comments on “Der Geist im Spiegel

  1. Pingback: Schreibkicks – Im Spiegel lauert die Gefahr – Geschichtszauberei

  2. Toll – ich bin tief berührt, wie Erika sich sieht und ich würde wirklich gerne mehr von ihr lesen. Durch deine Trauerbegleitung hast du bestimmt viele solcher Geschichten und Leben kennen gelernt.

    Liebe Grüsse und einen schönen Tag.

    Gefällt 1 Person

    • Oh, das freut mich!! Ich werde auf jeden Fall etwas aus der Geschichte machen, bin schon am überlegen! 😀
      Im Moment bin ich ja noch in der Ausbildung zur Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleiterin. Aber allein was ich durch die anderen TeilnehmerInnen erfahre, könnte wohl schon ein Buch füllen. Außerdem spreche ich eben auch so viel mit Menschen über ihre Erfahrungen / Erlebnisse. Es sind einfach meine Herzensthemen. ❤
      Liebe Grüße zurück und auch Dir einen schönen Tag!
      Nicole

      Gefällt 1 Person

      • Da wirst du bestimmt einiges für Erika sammeln können. Ich freu mich drauf.

        Dir auch einen schönen Tag.
        Liebe Grüsse

        Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibkick: Im Spiegel. | vro jongliert

  4. Die Geschichte von Erika hat mich sehr berührt – bin ich doch jetzt auch in einem Alter, wo man feststellen muss, dass nichts mehr so ist wie vor 20, 30 Jahren. Zum Glück muss ich noch nicht mit meinem Spiegelbild reden – aber so manche Parallelen zu meiner Mutter entdecke ich inzwischen auch.
    Ich hoffe sehr, dass es irgendwann Fortsetzungen gibt – diese Geschichte hat das Potential dazu.

    Liebe Grüße
    Christine

    Gefällt 1 Person

    • Ich freue mich sehr über Deine Worte, liebe Christine! Umso mehr, dass Du Dich offensichtlich nicht in so einer Einsamkeits-Falle befindest wie Erika. Ich habe in den letzten Jahren immer mehr gemerkt, wie ähnlich ich sowohl meiner Mutter als auch meinem Vater bin. Und damit meine ich nicht die Äußerlichkeiten. Und teilweise war es für mich schwer, dass zu akzeptieren. Aber nun sehe ich das positive daran, was mich sehr glücklich macht!
      Ja, es wird eine Fortsetzung geben. Im Moment stelle ich mir einen kleinen Blog-Roman vor und sobald ich mir über alles weiter im klaren bin, geht es damit los.
      Liebe Grüße und schon mal ein schönes Osterfest für Dich
      Nicole

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  5. Ich hätte nicht mein Vater oder meine Mutter sein wollen in den entbehrungsreichen Jahren des 2. Weltkrieges, den täglichen Gefahren an der Front, Denunziation und Bombeneinschläge in der näheren Nachbarschaft, nach dem Kriege hamstern gehen und das viele Blut und Leid einfach beiseite schieben und sehen, wie die ehemaligen Bonzen wieder in anderem Gewand übernommen haben?

    Ich wäre auch hart geworden.

    Gefällt 1 Person

    • Oh ja, das wäre ich auch. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich nicht in dieser Zeit aufgewachsen bin! Manchmal rufe ich mir diese schweren Umstände ins Gedächtnis, wenn ich bei einem Menschen, der aus dieser Zeit stammt, ungeduldig werde. Es entschuldigt nicht alles, aber doch einiges. Vor allem, weil so viele es ja auch bis heute nicht verarbeitet haben und oftmals sogar in der letzten Lebenszeit noch vermehrt mit den schrecklichen Erinnerungen kämpfen.

      Liken

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