„Eigene Wege sind schwer zu beschreiben…

… sie entstehen ja erst beim Gehn.“

„Meine eigenen Wege“, so heißt das Lied (den Text findet Ihr hier) von Heinz Rudolf Kunze, in dem diese Zeile enthalten ist. 1988 erschien es. Ich war 19 und es sprach mich an. Denn „Meine eigenen Wege“ wollte ich schon damals gehen. Gelungen ist mir das nicht immer. Oft war ich Mitläuferin. Ja-Sagerin zu anderen Wegen.

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Im Nachhinein betrachtet, haben all diese mitgelaufenen Wege, all die Sackgassen, in denen ich mir den Kopf blutig gehauen habe, mich zu der gemacht, die ich heute bin. Und es waren viele wunderbare Wege dabei. Auf ihnen bin ich Menschen begegnet, denen ich dankbar bin, dass wir ein Stück zusammen gegangen sind. Ohne, dass einer vorweg lief und der andere gezogen wurde. Einfach so. Seite an Seite.

Ich habe schon oft gehört und gelesen, dass die Wechseljahre für Frauen viele Veränderungen im Gepäck haben. Ob es tatsächlich daran liegt, kann ich nicht sagen. Aber Tatsache ist, dass ich seit ein, zwei Jahren andere Wege gehe.

Schon öfter habe ich in meinem Beiträgen davon geschrieben, dass ich gelernt habe, `Nein´ zu sagen. Daran war früher nicht zu denken. Es war mühsam, diese vier Buchstaben über die Lippen zu bekommen. Doch mit der Zeit wurde es leichter. Denn, so eine Art `Nein´ ist ein Ja zu mir selber.

Meine Aus- und Weiterbildungen zur Sterbe- und Trauerbegleiterin sind der größte Schritt auf meinem neuen Weg. Und nachdem nun schon das erste Jahr vergangen ist, stelle ich fest, dass sich in meinem Umfeld einiges getan und vor allem verändert hat. Es gibt Menschen, die mögen diese Veränderungen bei mir nicht und haben sich zurück gezogen. Und dann gibt es Menschen, bei denen ICH festgestellt habe, dass wir nicht mehr zusammen passen. Ja, das tut auch weh. Mal mehr, mal weniger. Aber ich merke auch, dass es nötig und gut ist.

Es gibt Tage, an denen habe ich einfach nur Angst. Angst, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben oder noch zu treffen. Angst, dass mein neuer Weg mich in die Irre führt. Denn noch weiß ich nicht, wo es lang geht. Ja, ich habe gewisse Vorstellungen, aber mit jedem Schritt entdecke ich zur Zeit neues und vieles davon verändert in mir noch ein Stückchen mehr.

Die meiste Zeit wandere ich den Weg voller Freude, singend und pfeifend entlang. Ich freue mich über all die Menschen, die mir begegnen und bin gespannt, wer noch alles meinen Weg kreuzen wird.

„Das wird schon“, sagt einer meiner Herzensmenschen immer. Und daran glaube ich auch. Denn „eigene Wege entstehen ja erst beim Gehn.“ Und so mache ich – mal mehr, mal weniger mutig – einen Schritt nach dem anderen und bin dankbar für die Möglichkeit, dies tun zu können.

16 Kommentare zu „„Eigene Wege sind schwer zu beschreiben…

  1. Liebe Nicole,
    so lange sich Angst vor Unbekanntem und Neugier auf Unbekanntes die Waage halten, bist Du ganz gewiss auf einem guten Weg.
    Jeder Mensch erkennt im Laufe seines Lebens irgendwann, dass es nur einen Weg gibt, nämlich den eigenen Weg. Diesen Weg kann nur er selbst gehen, er ist selbstbestimmt in der Art und Weise des Gehens, aber Gehen ist das Wesentliche. Denn das bedeutet Veränderung und Veränderung ist das Geheimnis des Lebens.
    Schönen Sonntag und liebe Grüße
    moni

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    1. Liebe Moni,
      machmal kippt die Waage… aber ich denke, dass ist menschlich!
      „Veränderung ist das Geheimnis des Lebens“ – das gefällt mir sehr gut. Ich danke Dir für Deine Worte!
      Eine schöne Woche und liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

  2. Oh, das kenne ich gut, liebe Nicole.

    Auch ich habe das NEIN sagen mühsam gelernt – und natürlich auch die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen darüber nur mäßig begeistert waren. Einige habe ich unterwegs auch verloren, weil ich mit einem Mal so „unbequem“ geworden bin.
    Und ich durfte die Erfahrung machen, dass ich andere Menschen gewonnen habe, weil NEIN sagen Mut erfordert. Klarheit bringt, wo es vorher verschwommen war. Ich selbst erkennbarer wurde. Mehr Echtheit ins Leben kam.

    Ein NEIN nach Außen, ist oft genug ein JA nach Innen. Ein JA zu meinen Bedürfnissen, die ich mit meinem fehlenden NEIN zu oft übergangen habe. Bei mir lag das mit daran, dass das Äußern der eigenen Bedürfnisse als Egoismus – und damit als unsozial – gebrandmarkt wurde (und ich meine damit keinesfalls einen überbordenden, eitlen Egoismus). Nein, schon das Recht auf eine eigene Meinung in bestimmten Bereichen haben zu wollen, erfuhr mehr oder weniger große Ächtung.
    Auch das ist ein Stück weit 2meinen Weg gehen“ – und wohin der führte oder führt ist beantwortbar und offen gleichzeitig. Und das ist auch gut so. Sicher ist, er hat mich hierher geführt: Ins Jetzt und zu der, die ich heute bin.

    Danke dir für diesen Gedanken und Sonntagsgrüße zu dir
    Judith

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    1. Liebe Judith,
      Du schreibst, dass Du das gut kennst… ich schwanke dann immer zwischen „das tut mir leid“ und „puh, ich bin nicht die Einzige, der es so geht“…
      Daher schreibe ich auch über meine Erfahrungen. Ich finde diesen Austausch wichtig. Und schon oft habe ich von den Kommentaren hier etwas lernen können.
      „Unbequem“, genau das ist es! Natürlich ist es für meine Mitmenschen einfacher, wenn ich „Ja“ sage, und für mich wäre es das oft auch. Denn was danach kommt, ist oft unerfreulich und tut mir auch weh. (Wahrscheinlich nicht nur mir…) Aber ich bin tatsächlich klarer geworden, in dem was ich sage und tue. Für mich genau der richtige Weg. Kürzlich habe ich in einem Seminar übrigens genau diese Rückmeldung erhalten: “ Du bist so offen und klar. Das gefällt mir.“ Mir auch! 😀
      Ich danke Dir sehr, für das mitteilen Deiner Erfahrungen und ich wünsche Dir weiter für Deinen Weg alles Gute!
      Liebe Grüße
      Nicole

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  3. Das klingt in meinen Ohren doch alles genau richtig! Ja, der Weg entsteht erst beim Gehen, das ist so eine der feinen Wahrheiten! Nur gehen muss man 😉
    Mut kommt und geht, auch die Angst oder der Zweifel haben etwas zu sagen, allen will gelauscht sein und dann geht es weiter.
    Ich empfand die Wechseljahre auch als Schwelle, hier begann in meinem Leben etwas ganz Neues und so ist es geblieben, es kommt immer noch Neues hinzu und ich darf immer weiterlernen und schauen und hören und riechen und natürlich gehen, bis …
    Danke für deinen schönen Beitrag,
    herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Und ich danke Dir für Deine Worte!
      Ja, gehen muss man ihn. Und manchmal dabei stolpern und hinfallen. Aber das ist im Leben ja immer so.
      Das mit der Schwelle, wo etwas neues beginnt, habe ich schon so oft gehört und gelesen. Und so scheint es bei mir auch zu sein. Ich finde das spannend und es gibt dem Leben eine neue Würze und mich macht es noch neugieriger auf das was noch alles kommen mag!
      Ich wünsche Dir einen schönen weiteren Weg!
      Liebe Grüße
      Nicole

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      1. Liebe Nicole, ich bin ja u.a. „Visionssucheleiterin“ und dazu gehören auch Schwellengänge, die ich für Einzelnpersonen anbiete und immer sehr gerne begleite …
        liebe Grüsse zurück
        Ulli

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  4. Ein wundervoller Beitrag!
    Ich musste und muss noch immer das Jasagen lernen. Ich bin im Herzen Rebellin und meine erste Antwort lautet immer „Nein“, auch wenn ich das Ja vielleicht gern wollen würde. Mein Nein ist eine Art Selbstschutz, nicht von der Welt da draußen verschlungen zu werden, aber manchmal wäre das Ja der bessere (und leichtere) Weg.
    Ich wünsche die noch viele tolle Begegnungen auf deinen Wegen!

    Gefällt 1 Person

    1. Dankeschön! ❤
      "Nein" als Selbstschutz. Ja, die Seite kenne ich auch. In meinem Teenagerjahren war ich so. Und warum ich dann in das andere Extrem gewechselt bin? Ich weiß es nicht. Aber jetzt, wo ich das "nein" für mich wieder entdeckt habe, da trumpft es auch oft auf, wenn es vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Und Du hast so passende Worte dafür gefunden: von der Welt verschlungen werden. Genau dieses Gefühl hatte und habe ich auch oft. Es ist dann wohl – wie meist – der goldene Mittelweg.
      Die wünsche ich Dir auch! ❤

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  5. Als Mann kann ich Dir sagen, auch ohne die Wechseljahre vor der Haustür macht man sich diese Gedanken. Du bist nicht allein!
    Als Mensch bin ich empathisch bei Deinen Zeilen. Es hallt in mir Vertrautes wider. Nicht nur Heinz Rudolf Kunze … Wenn man doch bei Facebook in seiner Freundesliste ab und zu aufräumt, „Der/die hat sich schon ewig nicht gemeldet, der fliegt raus!“, ist das im realen Leben doch sicher legitim. Reale Freunde wenden sich ab, Du trennst Dich von realen Freunden – denn DU entwickeltst weiter, wer da nicht mitziehen kann oder möchte, soll es bitte bleiben lassen. Zutiefst unglücklich würde ich in einem Umfeld werden, wo ich niemanden auf Augenhöhe hätte, in allen Belangen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Das ist sehr beruhigend zu lesen, lieber Christoph!
      Die Zeiten, in denen ich dachte, dass Freundschaften für immer und ewig halten, sind ja inzwischen Geschichte. Heute freue ich mich, über Menschen in meinem Leben mit denen ich ein Stück des Weges gehen kann. Und ich versuche nicht danach zu schielen, wie lange und wie weit wir wohl zusammen gehen werden. Ich genieße – so gut ich es hinbekomme – den Augenblick. Und wenn dann dieses auf-Augenhöhe-sein nicht mehr stimmt, dann heißt es Adieu. Ich fand es allerdings sehr hart, dass zu lernen…

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  6. Ich kann dich so gut verstehen und ich denke, solange wir auf dem Weg sind, stecken wir voller Neugier, voller Fragen, voller Mut und voller Leben.
    Die Gefahr, irgendetwas falsch zu machen, besteht doch in jedem Lebensalter, in jeder Lebensphase und auch das gehört zum Erforschen unseres Weges.

    Bleib auf deinem Weg, das ist sicherlich der richtige Weg 🙂 .

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    1. Danke für Deinen lieben Zeilen, Anna-Lena! ❤
      Ja, diese Gefahr besteht immer. Da können wir nur den Mut, die Neugier… entgegen setzen. Ich habe mal in einem Buch zum Thema "Sorgen machen" (mir fällt der Titel gerade nicht mehr ein) gelesen, man soll sich fragen, was ist das schlimmste was passieren kann, wenn man XY tut? Meist ist das gar nicht so dramatisch. Der Gedanke hat mir schon oft geholfen.
      Das mache ich!
      Liebe Grüße
      Nicole

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  7. Hallo, hier schreibt dir Liv aus Skandinavien.
    Ich habe deinen Blog durch Zufall gefunden und finde es gut, dass du auch neue, alternative Wege gehst.
    Dass jemand als Sterbebegleiter arbeitet, finde ich sehr bewundernswert.
    liebe Grüße aus dem hohen Norden

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  8. Hallo Liv,
    schön, Dich hier zu lesen – danke für Deinen Kommentar!
    Ja, mit ausgetretenen Wegen habe ich es nicht so bzw. schau ich immer, was für mich wohl passt. 😀
    Liebe Grüße nach Skandinavien
    Nicole

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