„Yes“ – (Lebens-) lange Leidenschaft

„Yes“ – (Lebens-) lange Leidenschaft
von Holger Vergin

Ich weiß nicht, welche Beziehung die heutige Jugend zur Musik hat. In Zeiten, in denen alles jederzeit verfügbar ist, frage ich mich, welchen Wert der einzelne Song noch hat.
Mit 10 Jahren sah ich schon die Hitparade im ZDF, und abends im Bett sang ich, mit nicht vorhandenen Englischkenntnissen, diese nach. Wenn meine Mutter dann ins Zimmer kam und wollte das ich schlief, trällerte ich unter der Bettdecke weiter: Schließlich wollte ich ja wissen, wer gewinnt!

Damals (1972) beherrschten 2-3 Minuten-Songs die „Charts“. Deutsche Künstler sangen eingedeutschte Versionen von englischsprachigen Originalen. Als Einstieg war das ideal. Und dann, es muss 1974 gewesen sein, hörte ich bei meinem Cousin andere Musik. Stücke, die eine ganze LP-Seite füllten, Namen, die ich nie zuvor gehört hatte. Mein Cousin war 17, mein Bruder 14 und ich war bei den Familienfeiern dann auch bei den Beiden im Zimmer (wer wollte schon bei den Erwachsenen sein?) und so bekam ich alles mit.

DSC_0332Und dann hörten wir: „Close to the Edge“ vom Livealbum „Yessongs“, Rick Wakeman ließ seine Tasteninstrumente perlen, zwischendurch klang es wie in einer Tropfsteinhöhle, Steve Howe zauberte auf seiner Gitarre und Jon Anderson’s ätherische Stimme klang wie aus einer anderen Welt. Chris Squire am Bass und Alan White am Schlagzeug sorgten für den nötigen Rhythmus. Obgleich bei manchen Passagen kein Takt mehr zu erahnen war. Und 18 Minuten später musste ich erstmal wieder in die Welt zurückfinden, derart fasziniert war ich von diesem magischen Moment.

Damals konnte ich mir noch keine Platten selbst kaufen, erst mit der Konfirmation und der ersten Anlage konnte ich starten. Und kurze Zeit später erwarb ich mein eigenes Exemplar in einer gebrauchten Version. Jetzt komme ich wieder auf den Anfang zurück, denn damals war so eine Platte eine echte Geldanlage. Einmal im Monat fuhr ich mit meinen Eltern in die große Stadt nach Hannover. Aber außer das ich durch Kaufhäuser geschleppt wurde, ab und zu was anprobieren sollte, war da nichts. Ich konnte nicht mal eben so losgehen und mir selber was kaufen. Erstens hatte ich kein Geld und zweitens… alleine? Keine Chance! Dazu mussten erst noch ein paar Jahre vergehen. Wenn ich also mal Gelegenheit hatte, an eine Schallplatte zu gelangen, so behandelte ich diese auch wie einen kultisch verehrten Schatz. Das ging meinen Altersgenossen übrigens genauso, es waren eben andere Zeiten.

Die Lieder auf „Yessongs“ stammten überwiegend von den drei davor erschienenen Studioalben, daher sah ich damals keine Notwendigkeit, diese auch zu kaufen. Ich hatte die Songs ja auf dieser Live-Platte. Gegen Ende 1976 wünschte ich mir „Relayer“ zu Weihnachten. Das war harter Stoff im Vergleich zu „Yessongs“, außerdem war Rick Wakeman nicht mehr dabei. „The Gates of Delirium“ forderte den Hörer echt heraus, der Schluss „Soon“ versöhnte aber wieder mit völlig abgefahrenen Tönen. Als nächstes kaufte ich mir 1977 „Tales from topographic Oceans“, ein Doppelalbum mit vier seitenlangen Stücken. Das gefiel mir besser, die Platte erschien ja auch noch vor „Relayer“ und war damit musikalisch näher an „Yessongs“. Und dann kam „Going for the one“ heraus, Rick Wakeman war nach einer Pause wieder eingestiegen und mit „Awaken“ gab es erneut ein Meisterwerk. In meiner Best-of-Liste ist „Close to the Edge“ immer noch vorne, aber „Awaken“ ist dicht dahinter.

Danach wurden die Platten schwächer, die Besetzungswechsel häufiger, aber 1987 kaufte ich mir „Big Generator“. Diese war, 80er-typisch, deutlich poppiger aber immer noch erkennbar Yes, nur eben in einer modernen Version. Ich freundete mich damit an und Ende der 80er war auch diese Reinkarnation der Band Geschichte.

Nach dem kurzen ABWH-Intermezzo (Anderson, Bruford, Wakeman and Howe) hörte ich Anfang der 90er noch „Union“ und dann kam nicht mehr viel. Persönliche Änderungen in meinem Leben nahmen mehr und mehr Platz ein und erst Anfang des neuen Jahrtausends, als ich wieder nach Platten suchte, stieß ich auch wieder auf Yes. Zunächst kaufte ich alle alten Sachen, die mir noch fehlten und passend dazu traten Yes 2003 in Hannover auf. Das war tatsächlich das erste und einzige Mal, dass ich sie live gesehen habe. In den 70ern hatte ich weder das Geld noch die Möglichkeiten sie irgendwo zu sehen.

Einige Jahre später ging das mit dem Vinyl wieder richtig los. Ich realisierte dann, dass auch die ab den 90ern erschienen Alben, die es zunächst nur auf CD gab, als Platten wieder veröffentlicht wurden. Auf einen Schlag kaufte ich ca. 10 Platten und entdeckte die jüngere Historie der Band neu. Viel hatte ich zuvor schon darüber gelesen, wie schlecht oder mäßig diese Musik in den Augen/Ohren anderer sein sollte. Aber ich konnte alles mit eigenen Ohren neu entdecken.

Natürlich würde es nie wieder ein neues modernes „Close to the Edge“ geben, aber das erwarten wohl auch nur die Ewig-gestrigen. Ich habe mich einfach an der schönen Musik erfreut und (manchmal) bedauert, dass ich nicht schon früher wieder richtig dabei war. Und ja, bedauert habe ich es auch, das Jon Anderson und die übrigen Bandmitglieder seit über 10 Jahren getrennte Wege gehen.

Man kann Benoit David oder Jon Davison (die nachfolgenden hauptberuflichen Sänger der Band) mögen oder nicht. Aber das Yes (die Version ohne Jon Anderson) im Jahr ihres 50-jährigen Bestehens (2018) die Studio-Platte aus 2011 („Fly from here“) nochmal veröffentlicht haben und hierbei lediglich die Vocals von Benoit David durch andere Bandmitglieder ersetzt haben (auf mögliche neue Abmischungen oder Änderungen und einen (!) neuen Song gehe ich jetzt hier nicht ein), finde ich nicht in Ordnung. Das ist auch die einzige Platte, die ich mir wahrscheinlich nie von ihnen kaufen würde. So gesehen fehlt mir von den offiziellen Platten nur „Live from Lyon“, da muss ich noch ein bisschen sparen, und die bisher nie auf Vinyl veröffentlichten „Keys to Ascension“. CD’s kaufe ich schon lange nicht mehr und so warte ich auf die LP-Versionen.
Hocherfreut war ich auch, als letztes Jahr eine anfassbare Version der Musik von „Yes featuring Anderson Rabin Wakeman“ erschien. Trotzdem war ich ein wenig wehmütig, weil ich kaum glaube, dass es noch mal zu einer Reunion der alten Recken (Anderson, Wakeman, Howe und White im Wesentlichen) kommen wird. Und ja, immer wieder neue Live-Alben mit Versionen der alten Klassiker auf den Markt zu werfen ist auch nicht immer so prickelnd. Aber als Fan ist man ja dankbar dafür, dass man überhaupt irgendetwas neues, anderes von seinen Lieblingen zu hören bekommt. Insofern könnte ich auch noch bei den Soloalben der einzelnen Künstler meinen Appetit stillen, da fehlt noch einiges. Aber da fehlt eben auch dieses spezielle, was sich aus dem Zusammenspiel aller ergibt.
Das Erstaunlichste für mich aber ist, das ich auch heute noch eine Platte aus 1970 auflegen kann, die ich schon vor vielen Jahrzehnten gehört habe, und immer noch meine Freude daran habe. Das nennt man wohl eine lebenslange Leidenschaft.

Ein Kommentar zu „„Yes“ – (Lebens-) lange Leidenschaft

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