Ultralauf rund um Bielefeld – Wappenweglauf

„75 km geschafft. Jetzt wird es schwerer“, schrieb mir mein Mann, während seines Laufs… Tja, das wäre bei mir bestimmt auch so… 100 km ist er dieses Mal gelaufen und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Aber lest selber:

Wappenweglauf rund um Bielefeld – 07. September 2019
von Holger Vergin

Als ich im Januar dieses Jahres meinen ersten Ultra seit fast vier Jahren finishte, waren einige der dann folgenden Läufe schon lange gebucht. Schneewittchen-Trail im März mit 53 KM, Bilstein-Ultra im April mit 57 KM und dann der Süntel-Trail mit seinen 80 Kilometern. Nach dem Finish gingen die Gedanken weiter und ich landete unwillkürlich bei einem 100-KM-Lauf. Und so meldete ich mich im Februar für den Wappenweglauf an. Eine relativ kleine Veranstaltung von einem erfahrenen Läufer organisiert, mit viel Liebe für’s Detail, das merkte man schon an der Website.

Das Training nach dem Süntel-Abenteuer fiel mir nicht leicht. Viel Arbeit und hohe Temperaturen waren das eine, dazu kam noch, das meine Frau umgeknickt war – Bänderanriß – und ich mich um Gina, unseren Hund, den wir seit einem knappen halben Jahr hatten, und um häusliche Pflichten kümmern durfte.
Puh, das war anstrengend, aber irgendwie ging es. Ich war nicht so fit wie vor einigen Jahren noch, aber ich war mir immer ziemlich sicher, das es reichen würde.

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Zudem hatte ich mir ja das volle Wellness-Wochenende gegeben, Freitag Anreise mit Pasta-Party und Übernachtung. Samstag laufen, ok, und dann Finisher-Party, naja zumindest das Ankommen feiern, übernachten und nach einem ordentlichen Frühstück wieder gemütlich nach Hause fahren.

Und weil meine Frau am vorherigen Wochenende gar nicht da war, habe ich mir den Freitag auch gleich komplett frei genommen und bin dann nachmittags losgefahren. Gegen 18.15 Uhr war ich da und habe dann erst mal mein Zimmer aufgesucht. Jan-Olof Wadehn – Cheforganisator – hatte das Landschulheim Greten Venn gemietet und ließ mir freie Wahl bei der Bettensuche. So nahm ich ein Drei-Bett-Zimmer, ein Bett war schon belegt, packte die Sachen aus und ging wieder nach draußen. Auf dem Vorplatz zwischen zwei Gebäuden war ein Zelt mit Sitzgelegenheiten aufgestellt und Jan-Olof führte schon ein Briefing durch.

 

Bei der Pasta-Party unterhielt ich mich dann auch mit Morten Surhoff und zwei seiner Lauffreunde, die beide ihren ersten 100er anstrebten. Gegen 21 Uhr war ich müde und da ich am nächsten Morgen um 4.30 Uhr aufstehen wollte, verabschiedete ich mich ins Bett.

Nach einer ruhigen Nacht habe ich gut gefrühstückt und meine Sachen zusammen gesucht. Die große Frage war: was ziehe ich an und was tue ich in meinen Dropbag? Die Regenprophezeiungen der letzten Tage hatten sich für meinen Begriff aufgelöst, doch gegen halb sechs fing es tatsächlich an zu regnen, leicht nur, aber immerhin feucht von oben. Es sollte zumindest tagsüber warm werden und so war die kurze Hose Pflicht. Ich entschied mich für ein langärmeliges Oberteil und die Mütze. Ein kurzes Hemd in den Rucksack und eine komplette Laufgarnitur, incl. Schuhe, in den Dropbag. So konnte ich nach ca. der Hälfte der Strecke überlegen, ob ich irgendwas tauschen wollte.

 

Der Start war unspektakulär, Jan-Olof begleitete uns die ersten drei Kilometer auf dem Rad durch das nasse Randgebiet von Bielefeld. Um diese Zeit benötigte ich noch die Stirnlampe und die ersten Kilometer muss ich mich immer erstmal in die Wegführung hineinfinden. Strassen, Feldwege und auch längere Passagen im Wald lösten sich ab, die Gesprächspartner wechselten immer mal wieder und die Zeit verflog rasch. Ach ja, wir liefen auf dem Original Wappenweg, dieser folgt in seinem Verlauf nach Möglichkeit den Grenzen der Stadt Bielefeld. Er übernimmt die Funktion der alten Schnatwege, auf denen früher die Grenzen einer Gemeinde abgeschritten wurden. Und er soll die Vielfalt der Natur aufzeigen.

Kurz nach 9 Uhr war ich am VP Messingweg, hier waren schon gute 25 Kilometer geschafft. Nun liefen wir Richtung Teutoburger Wald, um erstmalig auch ein paar Höhenmeter zu sammeln. Der Dunst/Nebel hing tief im Wald und sorgte für herbstliche Stimmung. Die Anstiege waren alle zwischen moderat und heftig und nach ca. 5 KM waren wir aus dem Wald heraus. Der nächste VP lag an einer gut befahrenen Strasse und nachdem wir dort ein Stück entlanggelaufen waren, bogen wir wieder in ruhigere ländliche Gefilde ein.

 

Immerhin regnete es nicht mehr, es wurde sogar etwas wärmer. Die Wegführung schlängelte sich durch die Landschaft. So erreichten wir den VP Spenge, wo unsere Dropbags lagerten. Ich hatte schon zwischendurch entschieden, nichts zu ändern und so wie bisher weiterzulaufen. Hier konnte man ordentlich auftanken und die meisten taten das auch. Den großen Hunger hatte ich noch nicht und so nahm ich einen Apfelschnitz, ein paar Salzstangen und trank Apfelschorle, mein Lieblings-Laufgetränk.

Jetzt kam sogar mal die Sonne durch und ich näherte mich der Halbzeit: 50 KM hatte ich nach ziemlich genau 6:30 Stunden geschafft und mittlerweile ging ich auch einige Stücke des Weges.

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Man musste immer wieder genau aufpassen, wo die Strecke langführte. Oft war nur das Wappen, mit einem Richtungspfeil versehen, irgendwo an einen Laternenmast oder ein Verkehrsschild geklebt, zu sehen und dann hieß es rechts oder links herum. Wie gut war es da doch, das ich den GPS-Track auf meinem Gerät hatte und jeder Richtungswechsel akustisch angezeigt wurde.

So war das Finden der Strecke für mich grundsätzlich kein Problem. Verlaufen habe ich mich kaum, und wenn, dann höchstens ein paar Meter. Umso verwunderter war ich, als ich hinterher von einer Teilnehmerin hörte, das sie sich um gute 14 Kilometer verlaufen hatte. Als ich die Details dazu hörte (kein Internet an einer Stelle, Pfeil auf Schild falsch gedeutet) erschien mir das zwar nicht unlogisch, aber für mein Verständnis von so einem Lauf gehört auch dazu, das ich mich mit der Strecke vorab auseinandersetze und mich auch mit den technischen Möglichkeiten bestmöglich vorbereite.

 

Sei’s drum. Feldwege, kleine Strassen und auch wieder tolle Trails führten mich weiter und so gelangte ich nach ca. 63 KM an den VP Brake. Hier mussten wir vom Wappenweg abbiegen und ein Stück bergan in den Ort um Wasser, Cola, Apfelschorle und vielerlei Leckereien zum Futtern zu uns nehmen zu können. Hier tauchten auch 50-KM-Läufer und Wanderer auf, die hier ihren Wendepunkt hatten, um dann wieder gemeinsam mit uns Richtung Landschulheim zu laufen.

Es war mittlerweile richtig warm geworden, die Anstrengung machte sich bemerkbar und die Strecke zog sich ganz schön hin. Dankenswerterweise war die Landschaft nach wie abwechslungsreich und schön, so dass das Auge immer was anderes geboten bekam. Wir folgten den beständigen Richtungswechseln und alles lief darauf hinaus, das wir uns langsam dem Teutoburger Wald zum zweiten Mal näherten.

Spätestens bei Asemissen merkte man die leichten Anstiege und nach knapp 84 KM waren wir an der VP Oerlinghausen. Nun gab es zwei Möglichkeiten: direkt nach Hause ins Ziel laufen, ca. 4 KM und damit den Wappenweg im Originalzustand und 88 Gesamtkilometern geschafft zu haben. Oder: den Schlenker im Teutoburger Wald zum Ausflugslokal „Bienenschmidt“ dranzuhängen. Der Lohn dafür: 12 KM und etliche Höhenmeter auf dem Hermannsweg.

Für mich gab es keine Option – ich wollte 100 KM laufen und darum startete ich gegen 17.25 Uhr Richtung „Bienenschmidt“. Jan-Olof hatte dort keinen Kontrollposten eingerichtet, also konnte man dort wenden, wo man es für richtig hielt. Diese Freiheit verwunderte mich zuerst, aber zum einen kam immer irgendein Läufer entgegen, und zum anderen betrügt man sich ja nur selbst, wenn man hier schummelt. Ultraläufer sind schon ein eigenes Völkchen.

 

Ich hatte mir im Vorfeld ausgemalt, dass diese 12 KM nochmal zwei Stunden erfordern könnten und so war es auch. Die Steigungen waren teilweise heftig, der Untergrund teils steinig. Man gut, das es trocken war, sonst wäre es noch viel schwieriger geworden. Und diese Anstrengung auf diesem Teil der 100 KM tat ein Übriges. Jetzt waren doch nicht mehr viele Körner vorhanden.

Als ich zum zweiten Mal an der VP Oerlinghausen ankam, dämmerte es schon leicht und im dunklen Wald war der Track schon etwas mühsamer zu erkennen. Aber noch wollte ich die Lampe nicht herausholen. Dann meldete sich die Batterieanzeige und ich musste neue einsetzen. Endlich konnte ich weiter. Diese vier KM waren ziemlich lang, aber um 20.05 Uhr war es soweit: ich lief ins Ziel!

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Glücklich und geschafft klatschte ich mich mit anderen Finishern ab. Auch Morten war noch da. Er hat den Lauf unter 11 Stunden gefinisht und ist letztlich Dritter geworden.
Trinken, was essen und dann zur Dusche gehen, das war die übliche Reihenfolge. Anschließend ging ich nochmal zum Speisesaal des Landschulheims, aber mittlerweile waren kaum noch Teilnehmer da, so das ich mich entschloss, mich hinzulegen.

 

Eine angenehme Nacht später war gegen 8 Uhr morgens Frühstück angesagt, wir saßen alle schon um 7.30 Uhr am Tisch, und letztlich waren noch 6 Teilnehmer sowie Jan-Olof und Frau anwesend. Aber diese morgendliche Runde mit dem gegenseitigen Erzählen der Erlebnisse des gestrigen Tages und auch schon länger zurückliegender Läufe hatte etwas Besonderes. Die Anspannung von Freitag und Samstag war weg, der Lauf geschafft und die Stimmung gelöst bis wehmütig.

Gegen 9.15 Uhr brach ich auf, machte mich auf die knapp 90 Kilometer lange Heimreise und genoss dann zusammen mit Frau und Hund den Rest des Wochenendes.

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