Großmutters Weihnachten – Teil 1/3

Großmutters Weihnachten – Teil 1/3
von Nicole Vergin

Diese verdammte Adventszeit. Gela stapfte mit gesenktem Kopf die weihnachtlich geschmückten Straßen entlang. Egal, wie sehr sie sich auch bemühte, es war unmöglich all die leuchtenden Sterne, Tannenzweige und bunten Weihnachtsfiguren zu übersehen. Zu allem Übel roch es nach Zimt, frisch gepellten Mandarinen und Lebkuchen.
Vor zwei Tagen war sie in Timmendorf angekommen, fest entschlossen, dem Trubel um die kommenden Festtage aus dem Weg zu gehen. Lange Strandspaziergänge und abends in ihrer Ferienwohnung heißen Tee schlürfen, der nicht nach weihnachtlichen Gewürzen roch.
Gela hatte jedoch unterschätzt, wie sehr ihr menschliche Begegnungen fehlen würden. Allein am Strand kreiste ihr Gedankenkarussell noch mehr als sonst und es war nicht nur der eisige Ostwind, der ihr Tränen in die Augen trieb.

Vor einem halben Jahr war ihre Großmutter gestorben. „Friedlich eingeschlafen“, wie die mitfühlende Stimme einer Pflegerin aus dem Heim, in dem sie seit knapp einem Jahr untergebracht war, mitgeteilt hatte.
„Aber am Wochenende war sie doch noch munter, als ich sie besucht habe.“ Ein viel zu kurzer Besuch, wie sich Gela nun vorhielt. Doch das aktuelle Projekt auf der Arbeit hatte fertig werden müssen, ihr Chef gedrängelt. Wie es eben im Alltag so war.
Von jetzt auf gleich hatte sie dann Urlaub genommen, alles stehen und liegen gelassen. Zu spät!, wie ihr eine gehässige Stimme immer wieder zuflüsterte. Da ihre Eltern bereits vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sie sich um alles allein kümmern müssen: die Beerdigung, das ausräumen des Zimmers im Pflegeheim und was noch alles mit einem Nachlass zu tun hatte. Dabei hatte sie mit Erstaunen festgestellt, dass ihre geliebte Oma einen nicht unerheblichen Notgroschen auf die Seite gelegt hatte, den sie nun erbte.
Geld! Schnöder Mammon! Und doch erlaubte genau das ihr nun, dass sie sich eine längere Auszeit nehmen konnte, um mit der Trauer um ihre Großmutter fertig zu werden. Zu der sich ungefragt auch noch die seelischen Altlasten um den Tod der Eltern dazu gesellten, denn damals war sie so lange stark geblieben, bis die Trauer sich einfach ihr Recht genommen und sie unter den Scherben ihres bisherigen Lebens begraben hatte.

Gela war immer schon gerne an der See gewesen und bisher hatte der Wind auch oft ihre Sorgen mit sich fortgetragen. Aber dieses Mal war das Paket, das sie trug wohl zu schwer. Und dass ausgerechnet jetzt die Weihnachtszeit vor der Tür stand, machte es nicht besser.
„Morgen Kinder wird’s was geben…“, stimmte neben ihr ein Junge schief und vor allem laut das altbekannte Lied an. Am liebsten hätte sie ihm den Mund verboten. Stattdessen ballte sie die Hände, die sie tief in die Taschen ihres Wollmantels gesteckt hatte zu Fäusten und schritt weiter aus, um der Adventsstimmung zu entkommen. Als die nächste Straßenecke in Sicht kam, rannte sie fast. Sie bog um die Kurve und im Bruchteil einer Sekunde lief sie in Jemanden hinein. Haltsuchend streckte sie die Arme aus, aber es war zu spät. Im nächsten Moment lag sie der Länge nach auf dem Gehsteig.
Tränen liefen Gela über das Gesicht. Aber es war nicht nur der Schmerz von dem Sturz, sondern der in ihrem Innersten. Eine sanft klingende Männerstimme drang an ihr Ohr: „Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.“
Und schon fühlte sie zwei kräftige Hände, die vorsichtig und doch bestimmt ihren Arm umfassten und sie auf die Füßen zogen. Dabei wäre sie am liebsten auf dem Gehsteig liegen geblieben. Vielleicht würde es ja in der kommenden Nacht wieder schneien, so dass sie am Morgen unter einer weiteren Schneeschicht versteckt wäre.
„Geht es Ihnen gut?“ Ein besorgter Blick traf sie.
Gela nickte und schüttelte dann den Kopf.
„Kommen Sie, mein Geschäft befindet sich in dieser Straße. Wir gehen dorthin und dann koche ich Ihnen einen Tee auf den Schreck.“ Der Mann, der diese Worte an sie richtete, war gekleidet als käme er gerade aus einer Opernvorstellung. Sie betrachtete ihn kurz, nahm die elegant gebundene schwarze Fliege, den Frack und den Zylinder auf dem Kopf des Fremden wahr. Er sah aus, als sei er aus der Zeit gefallen.
Gela atmete tief durch und schüttelte dann ein weiteres Mal den Kopf. „Vielen Dank, aber Sie müssen sich keine Mühe machen. Es geht mir wirklich gut.“ Der aufsteigende Schluchzer und die Tränen, die über ihre blassen Wangen liefen, straften sie Lügen.
„Bitte junges Fräulein, lassen Sie sich von mir helfen.“
Das `junge Fräulein´ entlockte ihr ein winziges Lächeln. Sie schob den Arm durch seinen, den er ihr charmant anbot und humpelte neben ihm den Gehsteig entlang. Nun erst bemerkte sie den Schmerz in ihrem rechten Knie. Anscheinend hatte sie sich bei ihrem Sturz doch verletzt. Glücklicherweise erreichten sie bereits nach kurzer Zeit das Geschäft des Fremden. Vor dem Schaufenster war ein Rollgitter angebracht, das er aufschloss und dann unter lautem Gerassel nach oben schob.
„Ich dachte solche Gitter gibt es heutzutage gar nicht mehr“, staunte Gela.
„Nun, mein Geschäft und ich sind gemeinsam in die Jahre gekommen. Warum soll man uns das nicht ansehen?“ Er lächelte sie charmant an und hielt ihr dann die Tür auf.

IMG_5321„Wow!“ Beim Betreten des Geschäfts vergaß Gela für einen Moment die Schmerzen in Herz und Knie. Der Anblick dessen, was in den hölzernen Regalen auf Käufer wartete, war magisch. „Ich wusste nicht, dass es so viele unterschiedliche Schneekugeln gibt“, flüsterte sie verzaubert.
In allen Größen, Formen und Farben standen sie dort. Mit diesem altmodischen Hauch, den man heute Retro nennt und der Gela jedes Mal das Herz wärmte. Sie beugte sich zu einem der Regale, das im Eingangsbereich stand, als ein Schmerz durch ihr Knie schoss, der sie aufstöhnen ließ.
„Kommen Sie, setzen sie sich hier erst einmal hin.“ Behutsam wurde sie zu einem Ohrensessel geführt, der in einer Ecke des Geschäfts stand. Dankbar ließ sie sich auf dem ausgeblichenen grünen Polster nieder.
„Ich hole Ihnen rasch einen Tee, machen Sie es sich inzwischen bequem.“ Mit diesen Worten verschwand der alte Herr hinter einem Vorhang, wo sie ihn eifrig hantieren hörte. Wenig später zischte ein Wasserkessel und dann kam er mit einer Tasse dampfenden Tees wieder zu ihr. Es roch herrlich nach frischer Pfefferminze und Gela war dankbar, dass es keine weihnachtlichen Gewürze waren, nach denen der Tee roch.
In der Zwischenzeit hatte sie ihren Wintermantel ausgezogen und über die Lehne gehängt und auch der Fremde hatte seinen Mantel und Zylinder abgelegt.
„Nun wird es aber auch Zeit, dass ich mich vorstelle: mein Name ist Ludwig Winkler.“ Ein imaginärer Hut wurde gelüftet und eine Verbeugung angedeutet.
Gela war entzückt von diesem charmanten Herrn, der altersmäßig wohl aus der Zeit ihrer Großmutter stammte wie sie vermutete. „Ich heiße Gela“, stellte sie sich nun ihrerseits vor, „Gela Siebold.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er mit festem, aber nicht unangenehmem Druck, schüttelte.
„Trinken Sie erst einmal Ihren Tee, damit Ihnen warm wird. Sie haben ja eiskalte Hände.“

Gela tat wie ihr geheißen und schaute sich währenddessen neugierig in dem kleinen Geschäft um. An den Wänden befanden sich Regale, die offenbar maßgeschneidert eingepasst worden waren. Und in den Regalen waren einzelne Fächer unterschiedlich groß unterteilt. In jedem der kleinen und größeren Fächer stand jeweils eine Schneekugel.
„Wie kann sich denn in der heutigen Zeit ein Geschäft nur mit Schneekugeln halten?“, fragte sie neugierig, „oder haben Sie noch anderes im Sortiment.
Lächelnd schüttelte Ludwig Winkler den Kopf. „Nein, hier gibt es ausschließlich Schneekugeln. Das Geschäft ist ein Herzensprojekt von mir.“
Ein Herzensprojekt bedeutete vermutlich, dass man damit nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, vermutete Gela. Vielleicht hatte Herr Winkler ja einfach genügend Geld, um sich dies als Leidenschaft leisten zu können. Sie war wie verzaubert von dem Anblick all der Schneekugeln.
„Darf ich sie mir genauer betrachten?“ Mit leuchtenden Augen sah sie ihren Gastgeber an, der lächelnd nickte. Sie stellte die Teetasse ab, zog sich aus dem Ohrensessel hoch und belastete vorsichtig ihr schmerzendes Knie. Anscheinend war nichts Schlimmeres bei dem Sturz passiert, denn bis auf ein leichtes Stechen hatte sich der Schmerz verflüchtigt.
Gela ging an den Regalen entlang und betrachtete die unterschiedlichen Kugeln. Da war eine mit einem elegant gekleideten Paar, das sich in Tanzhaltung befand. Die Frau trug ein wunderschönes Ballkleid und der Mann, der offensichtlich die Augen nicht von ihr lösen mochte, einen eleganten Anzug. Wie wundervoll jedes Detail an den Figuren gearbeitet war. Sie beugte sich noch weiter vor und da meinte sie Walzermusik zu hören und das Geräusch als würde ein Kleid während des Tanzes über den Boden wischen.
„Haben Sie das auch gerade gehört?“, verwundert drehte sich Gela zu Herrn Winkler um, der sie lächelnd beobachtete.
„Die Walzermusik? Oh ja“, bestätigte er zu ihrem Erstaunen, „die Beiden tanzen schon seit langem diesen gemeinsamen Tanz.“ Dann lächelte er, während die letzten Takte der Musik verklangen und Gela sich nicht mehr sicher war, ob sie sie wirklich gehört hatte.
Herr Winkler zwinkerte ihr zu. Vermutlich hatte sie doch bei ihrem Sturz einen kleinen Schock erlitten, der nun zu dieser Irritation geführt hatte. Gela schüttelte den Kopf und sah sich dann weiter um.

Teil 2 folgt am 24. Dezember – ich wünsche Euch einen schönen 4. Advent!

13 Kommentare zu „Großmutters Weihnachten – Teil 1/3

  1. Äh … sind das jetzt die Geschichten, die Du „vorprogrammiert“ hast, damit sie zur richtigen Zeit aufschlagen?
    „Großmutters Weihnachten“? Nein, danke! Kann ich nicht lesen. Ist bestimmt so etwas wie „am Ende wird alles gut“.
    Als ich allerdings am 20. Dezember mein „Weihnachten 2019“ gepostet habe, dachte ich mir, oh, wäre das was für Nicole? Meine von ihr erwartete Weihnachtsgeschichte? Pah, inhaltlich eher weniger. Hatte ich auch so nicht geplant.
    Aber solltest Du vom Festrausch dann mal runter kommen, sieh es Dir an! Frohes Fest!

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    1. Genau, das ist die „vorprogrammierte“ Geschichte!
      Ich bin heilfroh, dass Du Dir ja aussuchen konntest, ob Du sie liest oder nicht. Wäre ja für mich ein gruseliger Gedanken, wenn Du daran nicht vorbei gekonnt hättest… Aber ich verrate Dir jetzt trotzdem, dass nicht einfach alles gut ist bzw. wird. 😉
      Na, da werde ich auf jeden Fall noch vorbeischauen. Ich mag ungeplante Geschichten (Auch „Großmutters Weihnachten“ ist ungeplant) und inhaltlich bin ich – wie immer – sehr flexibel.
      Danke! ❤ Das hatte ich!

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  2. Um es noch mal klar zu sagen: Ich freue mich für Dich, dass Dir die Advents- und Weihnachtszeit so gut gefällt, dass Du froh bist und es Dir gut geht!!!
    Bei mir hören Sorgen und schlaflose Nächte nicht auf. Wie das ganze Jahr über, nur weil Weihnachten wäre. Ich kenne keinen Knopf an mir, den ich drücken könnte, damit die Glückshormone ausgeschüttet werden … (weil ich so oft drücke, bin schon ganz bedrückt 😉 )

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    1. Ich weiß. Manchmal liest es sich zwar überhaupt nicht so, aber umso mehr gefällt es mir, dass Du es nochmal schreibst. ❤
      Und was Sorgen und schlaflose Nächte betrifft, die habe ich auch; übers Jahr verteilt und die machen auch vor der Weihnachtszeit nicht halt. Trotzdem liebe ich die Weihnachtszeit. Anscheinend habe ich den Knopf gefunden…
      Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute für 2020 und viele positive, schöne (und nicht bedrückende!) Momente! ❤

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