Großmutters Weihnachten – Teil 2/3

Großmutters Weihnachten – Teil 2/3 (den 1. Teil findet Ihr hier)
von Nicole Vergin
IMG_5321Da war eine Kugel, in der sich eine Bibliothek befand. Riesige Regale voller gebundener Bücher und eines von ihnen lag aufgeschlagen auf einem Lesepult. Gela kniff die Augen zusammen und versuchte in dem winzigen Buch zu lesen: `…Ununterbrochen widmet man sich den wesentlichen Dingen und verwendet sein ganzes Können darauf, und dann kommt der Augenblick, in dem man sie schlichtweg vergisst oder eben im Handumdrehen erledigt…´. Das war aus „Die Entdeckung des Himmels“, eins ihrer Lieblingsbücher. Sie hatte es damals von ihrer Großmutter geschenkt bekommen. Eine faszinierende Geschichte, die sich Harry Mulisch seinerzeit ausgedacht hatte. Sie hatte es mehr als einmal gelesen und oft mit ihrer Großmutter darüber gesprochen, die es immer geliebt hatte, sich über Bücher auszutauschen.

Zum x-ten Mal an diesem Tag traten Gela Tränen in die Augen. Es schien, als würde im Moment alles mit ihrer Großmutter zusammenhängen. Sie blinzelte und schaute noch einmal in die Schneekugel. Dieses Mal konnte sie die Schrift in dem winzigen Buch nicht lesen. Vermutlich hatten sich ihre Erinnerung und ihre Trauer zusammen getan und ihr einen Streich gespielt.
„Erinnerungen sind ein zweischneidiges Schwert.“ Die sanfte Stimme von Herrn Winkler drang in ihre Gedanken. „Einerseits sind sie das Land, in dem wir für immer mit einem geliebten Menschen zusammen sein können und andererseits machen sie uns jedes Mal klar, was wir verloren haben und nun vermissen.“
Gela nickte. Es war, als würde er ihre Gedanken lesen. So sehr sie sich auch über all die wunderbaren Erinnerungen, die sie mit ihrer Großmutter verbanden freute, so sehr schmerzten sie auch.
„Manchmal wünschte ich mir, dass Jemand all meine Erinnerungen löschen würde“, sie wagte es bei diesen Worten nicht, Herrn Winkler anzuschauen. Aber diesen Gedanken hatte sie schon häufiger gehabt und sich dafür geschämt.
„Ja, das verstehe ich.“
„Wirklich?“ Gela sah Herrn Winkler erstaunt an. „Denn ich verstehe es nicht. Ich schäme mich, dass ich so etwas überhaupt denke. Und jetzt habe ich es sogar noch ausgesprochen.“ Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. „Da könnte ich mir ja gleich wünschen, meine Großmutter hätte nie existiert. Wobei… dann gäbe es mich ja wohl auch nicht.“
„Sie brauchen sich nicht zu schämen. Es ist die Trauer, die all das mit uns macht. Sie sitzt mitten in unserem Herzen und stochert darin herum. Aber wissen Sie auch, warum Trauer so weh tut?“ Er blickte sie aus seinen freundlichen Augen an. „Weil es die Liebe gibt. Die Liebe für einen Menschen.“
„Dann ist die Trauer der Preis dafür?“
„Wenn Sie es so ausdrücken wollen.“

Gela schniefte. Erst jetzt merkte sie, dass ihr erneut Tränen über das Gesicht liefen. Herr Winkler reichte ihr wortlos ein akkurat gefaltetes und gebügeltes Stofftaschentuch. Sie schaute es an und musste trotz des Schmerzes lachen.
„Ein Gentleman hat immer ein Taschentuch für die Dame dabei. Das hat meine Oma immer gesagt.“
„Ihre Großmutter war eine weise Frau.“
„Oh ja, das war sie wirklich.“ Gela griff nach der Tasse, in der der Tee inzwischen kalt geworden war.
„Möchten Sie nicht lieber, dass ich Ihnen frischen nachschenke?“
Sie wollte das freundliche Angebot erst ausschlagen, aber ein heißer Tee würde ihr jetzt wirklich gut tun, also nickte sie. Die zweite Tasse Tee behielt sie gleich in ihren Händen und während sie sich weiter in dem kleinen Laden umschaute, nahm sie Schluck für Schluck.

Wie ein kleines Mädchen freute sie sich über all die Schneekugeln. Immer wieder nahm sie eine in die Hand und schüttelte sie behutsam, bis es innen begann zu schneien. Sie folgte den winzigen Schneeflocken mit den Augen und stellte sich vor, in einer von diesen Kugeln zu sein. Vielleicht in der mit der beschaulich aussehenden Gasse, an der rechts und links kleine Fachwerkhäuser standen, die weihnachtlich geschmückt und deren winzige Fenster erleuchtet waren. Oder die, in der ein alter Mann mit einem grauen Bart in einem Lehnstuhl saß und seinem Enkel aus einem dicken Märchenbuch vorlas. Kurz glaubte sie, dass knistern des Kaminfeuers zu hören, dass die kleine Szene erleuchtete.

Plötzlich hörte sie eine leise Stimme ein Weihnachtslied singen. „Morgen Kinder wird’s was geben…“, drang es an ihre Ohren sie meinte die Stimme zu kennen. Verwirrt drehte sie sich um und folgte dem Gesang, der wie von weit her zu kommen schien. Gelas Herz schlug aufgeregt schneller. Das war doch die Stimme ihrer Großmutter! Oder nicht? Nein, das konnte ja nicht sein. Aber es war auch ihr liebstes Weihnachtslied gewesen. Sie ging das Regal entlang, aus dem sie die Stimme zu hören glaubte. Um sie herum schien alles zu verschwinden. Die Geräusche von der Straße draußen. Die Anwesenheit von Herrn Winkler. Nur diese sanfte, so geliebte Stimme war da. Mit den Augen suchte sie die Regale ab, schaute in jede Schneekugel, drehte immer wieder den Kopf, um zu lauschen.

Und dann sah sie es. Eine kleine Schneekugel, in der ein Häuschen stand. Ein Häuschen mit einem Reetdach und einem kleinen blauen Briefkasten an einem dunkelbraun gestrichenen Zaun. Im Vorgarten hing an einer Eberesche ein Vogelhäuschen. Ohne es genau erkennen zu können, wusste Gela, dass an der Stirnseite „Piepmatzhausen“ stand. Das Häuschen hatte vor Jahren ihr Opa gebastelt und sie hatten es gemeinsam am Baum befestigt und die Vögel beobachtet, wie sie gierig die Körner aufpickten, die Oma täglich hineinstreute.
„Oma?“ Gelas Stimme war kaum zu hören. Sie machte noch einen weiteren Schritt auf das Regal zu. Ein Windstoß pfiff aus heraus und trug ein paar Schneeflocken mit sich. Als sie noch einen Schritt machte, knirschte es unter ihren Schuhsohlen. Sie sah hinab. Da war Schnee. Wie konnte das sein?
„Gela, komm schnell herein, es ist kalt!“ Die Tür des Häuschens öffnete sich und dort stand sie. Lächelnd und auf sie wartend. So wie früher. Mit ihrer Kittelschürze auf die große Blumen gedruckt waren.
„Oma!“ Zwei, drei große Schritte und sie versank in der liebevollen Umarmung ihrer Großmutter. Der unaufdringliche Geruch von Honig stieg ihr in die Nase. Er kam von der Seife, die Oma immer selbst gemacht hatte. Tränen liefen über Gelas Gesicht und sie schloss die Arme noch ein wenig fester um die kleine alte Frau, wollte sie festhalten und nie wieder loslassen.
„Nun komm rein, Gela. Das Christkind war da und wir wollen doch Weihnachten feiern.“

Mit großen Augen schaute sie ihre Großmutter an, die sich behutsam aus ihren Armen löste und dann vor ihr durch den Flur ging. Gela folgte ihr langsam und sah sich um. Da war die alte Holztruhe, in der Tischdecken und Bettwäsche aufbewahrt wurden. Und da an der Wand der Bilderrahmen mit den vierblättrigen Kleeblättern, die sie gemeinsam in einem Sommer auf der Wiese hinter dem Haus gesammelt und getrocknet hatten. Behutsam strich sie mit den Fingern über das Glas und meinte den Duft von frisch gemähtem Gras zu riechen.
In der guten Stube, wie die Großmutter den heimeligen Raum immer genannt hatte, stand ein Weihnachtsbaum. Gela atmete den würzigen Duft ein und bewunderte die Kerzen. Echte Kerzen natürlich, etwas anderes war bei ihrer Großmutter nie an den Baum gekommen. Die roten Kugeln, in denen sie sich spiegeln konnte, waren ihr noch genauso bekannt, wie der Engel, der mit dem Stern in seinen Händen ganz oben auf der Spitze angebracht war.
„Gefällt es dir?“
Gela nahm ihre Großmutter erneut in den Arm und flüsterte ihr ein „ja“ ins Ohr. Dann setzte sie sich auf das Sofa, ihre Knie waren wackelig, was nicht verwunderlich war, denn eben hatte sie noch im Laden von Herrn Winkler gestanden und nun war sie in der Weihnachtsstube ihrer Kindheit.

Der 3. und letzte Teil folgt am 26. Dezember – ich wünsche Euch schöne Weihnachtstage ❤

5 Comments on “Großmutters Weihnachten – Teil 2/3

    • Ich danke Dir!!! ❤ Ich liebe ja Schneekugeln und frage mich gerade, warum ich eigentlich nicht eine einzige habe??
      Das hatte ich und ich hoffe Du auch! ❤

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      • Ich hab zwei Mini Mini Kugeln. Seit dem schreiben, mag ich sie noch mehr. Könnte mir vorstellen das ein paar hier einziehen

        Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Großmutters Weihnachten – Teil 3/3 – Die Waldträumerin

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