Großmutters Weihnachten – Teil 3/3

Großmutters Weihnachten – Teil 3/3 (den 1. Teil findet Ihr hier und den 2. hier)
von Nicole Vergin

IMG_5321„Oma, wie kann das alles sein? Du bist doch…“, sie wagte es nicht das Wort auszusprechen.
„Tot, meinst du.“ Die Großmutter lächelte und strich ihr liebevoll über die Wange. „Ja, ich bin tot.“
Ein Ruck ging durch Gelas Herz, hatte sie doch für einen trügerischen Moment geglaubt, dass ihre Großmutter noch am Leben sei.
„Und wo sind wir dann jetzt hier?“
„In meiner guten Stube“, die Großmutter zwinkerte ihr verschwörerisch zu, so wie früher, wenn sie gemeinsam Streiche ausgeheckt hatten.
Gela lachte aus vollem Herzen. „Du bist mir eine“, sie drohte ihr spielerisch mit dem Finger.
„Es tut gut, dich lachen zu hören“, der Gesichtsausdruck ihrer Großmutter war ein wenig ernster geworden. „Ich mochte dein Lachen schon, seit du als Baby auf meinem Arm gegluckst hast.“
„Aber in den letzten Monaten war mir nicht zum Lachen zumute.“ Gela streckte die Hand nach der ihrer Großmutter aus und umfasste sie – die Hand, durch die sie so viel Liebe und Trost empfangen hatte. „Du fehlst mir so.“
„Du fehlst mir auch und Weinen ist voll ok“, sie zwinkerte, „das sagt man doch heute so, oder?“
Gela schmunzelte.
„Doch vielleicht kommt ja jetzt hin und wieder mal ein Lachen dazwischen. Wenn du an unsere Abenteuer denkst, die wir zusammen erlebt haben. Oder an unser Kuchenwettessen.“

Gela prustete los, als sie daran dachte, wie sie gemeinsam einen Topfkuchen gebacken, den mit der Schokokruste und den Smarties, und dann versucht hatten, jeder die Hälfte so schnell wie möglich zu essen. Nach zwei großen Stücken war ihr damals mit ihren sieben Jahren so übel geworden, dass sie sich hatte übergeben müssen. Und ihre Mutter hatte mit ihnen geschimpft, besonders natürlich mit der Großmutter.
„Siehst du, da sind so viele wunderbare Erinnerungen, die alle in dir lebendig sind.“
„Aber du bist tot und ich will dich wiederhaben!“ Beinahe hätte sie wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft vor lauter Frust.
„Das kannst du nicht haben und das weißt du. Jeder muss sterben, früher oder später. Wie gut, dass wir die gemeinsame Zeit so wunderbar genutzt haben.“ Die Großmutter legte die Arme um sie, während sie vor ihr stand, und wiegte sie behutsam hin und her. Ganz so, als sei sie noch dieses kleine Mädchen, das einfach mit dem Fuß aufstampfte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
„Warum hast du immer Recht, Oma?“, schniefte sie in die geblümte Kittelschürze.
„Weil ich alt, weise und erfahren bin.“ Ohne dass sie es sah, wusste Gela, dass ihre Großmutter bei diesen Worten zwinkerte, denn sie hatte sich selber nie gegenüber jüngeren Leuten mit ihrer Lebenserfahrung hervor getan. „Jeder hat etwas beizutragen, egal wie jung oder alt er ist“, hatte sie immer gesagt.

Nach einer Weile wischte sich Gela die Tränen ab, putzte sich die Nase und stellte erneut ihre Frage: „Wo sind wir denn nun hier? Und warum? Wie lange kann ich bleiben?“
„Wir sind im Land unserer Erinnerungen. Ein guter Freund hat mir geholfen, die Tür zwischen den Welten einen Spalt weit zu öffnen.“
„Ludwig Winkler ist ein Freund von dir?“, zählte Gela eins und eins zusammen.
„Genau. Er und sein Schneekugelgeschäft haben auch mir damals in meiner Trauer um deinen Großvater geholfen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du auch mal in Timmendorf warst.“
„War ich auch nicht…“, ihre Großmutter lächelte verschmitzt.
„Dann warst du in einer Filiale von Herrn Winkler? Ich hatte es so verstanden, dass er nur dieses eine Geschäft besitzt“, grübelte Gela laut.
„Das stimmt ja auch“, bestätigte ihre Großmutter und bevor Gela weiter nachhaken konnte, fuhr sie fort, „das Geschäft ist immer da, wo es benötigt wird, wo Menschen in ihrer Trauer einsam sind und sich nicht zu helfen wissen.“
„Aber… aber…“, mit offenem Mund starrte sie ihre Großmutter an.
„Ja, Ludwig Winkler ist ein Engel.“
„Wow!“, Gela ließ sich auf dem Sofa auf dem sie die ganze Zeit kerzengerade gesessen hatte, zurückfallen, „da wird mir ja heute einiges geboten. Das muss ich erst einmal verdauen.“
Ihre Großmutter lachte. „Das tu´ mal mein Mädchen, aber wir feiern jetzt erstmal unser vorgezogenes Weihnachtsfest. Oder willst du dir diese Gelegenheit entgehen lassen?“
„Auf keinen Fall!“

Die folgenden Stunden verbrachten sie mit dem Genuss des Weihnachtsessens, das wie früher aus einer Gans, Rotkohl und den besten Klößen der Welt bestand. Dann läutete die Großmutter die kleine Glocke und Gela durfte ihre Geschenke auspacken. Stück für Stück fand sie in buntem Papier eingewickelt wunderbare kleine und große Dinge, die sie in ihrer Kindheit bekommen hatte. Da war das Buch „Tomte Tummetott“ von Astrid Lindgren, das ihre Großmutter ihr wieder und wieder vorgelesen hatte. Und den Stoffaffen mit den langen Armen, den sie Heini getauft und der so lange in ihrem Bett geschlafen hatte, bis er auseinandergefallen und sie bittere Tränen geweint hatte.
Und dann sangen sie Weihnachtslieder: „Ihr Kinderlein kommet“, „Oh Tannenbaum“ und natürlich Großmutters Lieblings-Weihnachtslied „Morgen Kinder wird’s was geben“.
Es war für Gela eine Erinnerungsreise durch viele Jahre Weihnachten. Nach und nach fiel ihr wieder ein, wie viel ihr gerade dieses Fest immer bedeutet hatte. Und mit den Erinnerungen kam auch die Freude daran zurück und der Glaube, dass sie auch in ihrem echten Leben einmal wieder den Wunsch verspüren würde, mit lieben Menschen Weihnachten zu feiern. Sie musste nur Geduld mit sich haben.

„Nun wird es Zeit für dich zu gehen.“
Großmutters Worte rissen Gela aus ihren Gedanken. Sie schluckte. Da war es wieder, dass kleine Mädchen in ihr, dass nicht wollte, dass dieser Tag jemals endet. Nur dieses Mal wusste sie auch, dass es kein weiteres Erleben mit ihrer Großmutter geben würde.
Wie in Trance ließ sie sich zur Tür begleiten, ein letztes Mal schlossen sie sich in die Arme und dann ging Gela zum Gartentor, öffnete es, drehte sich um und winkte der Gestalt im geblümten Kittel zu. In dem Moment, als sie das Gartentor hinter sich schloss, verschwamm die Umgebung und als sich die Schwaden um sie herum wieder aufklarten, fand sie sich neben Ludwig Winkler in seinem Laden wieder, die Schneekugel in der Hand.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Herr Winkler hielt sie leicht am Ellbogen umfangen.
Mit einem Kloß im Hals nickte Gela. Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor sie ihrer Stimme wieder traute. „Ich danke Ihnen. Sehr! Es war wundervoll dieses letzte Weihnachtsfest mit meiner Großmutter. Wundervoll und ja, auch traurig. Aber es hat mich auch daran erinnert, dass es weitere Feste für mich geben wird. Und die“, sie wischte sich eine Träne ab, die über ihre Wange lief, „werde ich so feiern, wie Oma und ich es immer geliebt haben. Und so wird sie in meinem Herzen immer dabei sein.“
Ludwig Winkler lächelte und zeigte dann auf die Schneekugel. „Die ist für sie, damit sie all das nicht vergessen.“ Behutsam legte Gela das kostbare Geschenk in einen Beutel, den Herr Winkler ihr reichte.
Sie umarmten sich wortlos wie alte Freunde und dann war auch hier die Zeit für den Abschied gekommen. Gela verließ den altmodischen Laden, trat hinaus auf die Straße, wo immer noch dicke Schneeflocken vom Himmel fielen. Nach einigen Schritten drehte sie sich um und war nicht erstaunt, dass der Laden verschwunden war.
„Wem Herr Winkler wohl als nächstes hilft?“, murmelte sie vor sich hin, während sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht die Straße hinunter ging.

Danke, dass Ihr Gela auf ihrer Erinnerungsreise begleitet habt! Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute und dass es Euch gelingt, mit Euren Erinnerungen (weiter) zu leben und ihnen immer mal wieder neue hinzuzufügen.
Alles Liebe
Eure Waldträumerin Nicole

10 Comments on “Großmutters Weihnachten – Teil 3/3

  1. Eine wunderschöne Geschichte, die bestimmt dem ein oder anderen trauernden helfen kann.
    Bei mir hinterlässt sie ein klingeln im Herzen. Ich hoffe mich daran zu erinnern, wenn mich ein Trauerfall betrifft.

    Einen schönen restlichen 2. Weihnachtsfeiertag

    Gefällt 1 Person

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