Rotkäppchen, die wahre Geschichte – ein Märchen von Sabine Arnke

Wolltet Ihr schon immer mal Rotkäppchens wahre Geschichte kennenlernen? Wie war das denn nun wirklich mit dem Wolf und dem Jäger und der Großmutter…? In meinem letzten Schreib-Lust Seminar hat eine Teilnehmerin dieses Märchen geschrieben und als sie es vorlas, wusste ich sofort, dass ich sie bitten würde, es hier veröffentlichen zu dürfen. Und sie hat JA gesagt! DANKE dafür, liebe Sabine!

Und nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen!

Rotkäppchen – Die wahre Geschichte
von Sabine Arnke

Es war einmal vor langer Zeit, nicht weit entfernt von hier, da lebten ein Mädchen und seine Mutter in einem kleinen Dorf am Rande des Waldes. Und weil das Mädchen so gerne ihren roten Umhang mit der großen Kapuze trug, wurde es von jedermann Rotkäppchen genannt.

Rotkäppchen und seine Mutter lebten ganz alleine, denn der Vater war aus dem großen Krieg nicht wieder zurückgekehrt. Rotkäppchen hatte aber eine Großmutter, die lebte mitten im Wald in einem kleinen Häuschen. Dort sammelte die Großmutter Beeren, aus denen sie köstliche Marmeladen kochte oder Schnaps brannte, und Kräuter, die sie zu Sträußchen zusammenband, die die Suppen besonders schmackhaft machten.
Einmal in der Woche besuchten Rotkäppchen und ihre Mutter die Großmutter und brachten ihr die Dinge, die sich nicht im Wald finden oder in ihrem Garten wachsen lassen konnte. Auch wenn die Dorfbewohner Angst vor der seltsamen Frau im Walde hatten und die Gegend um das Häuschen mieden, war Rotkäppchen gerne dort. Das Häuschen war etwas windschief, so dass die Dielen knarrten und die Türen quietschten. Doch das störte Rotkäppchen und die Großmutter nicht. „Wenn mein Sohn noch am Leben wäre, so hätte er das Haus wohl gerichtet. Doch unser Herrgott hat anders entschieden. So soll ich wohl damit zufrieden sein.“, pflegte die alte Frau lächelnd zu sagen.

Eines Tages war ein neuer Jäger in das Dorf gekommen, denn es hatte sich herumgesprochen, dass ein Wolf im Walde sein Unwesen trieb. Der Jäger aber hatte ein Auge auf die Mutter geworfen, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters von 28 Jahren noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt hatte. Nun war es aber so, dass der Jäger weder besonders erfolgreich, noch besonders schlau war, so dass die Dorfbewohner schnell begannen, sich über ihn lustig zu machen. Die Mutter störte sich nicht daran, denn sie wollte nicht länger alleine sein.
Doch die Großmutter mochte es nicht leiden, dass dieser tumbe Mensch ihrem Sohne an den Tisch und in das Bett der Schwiegertochter nachfolgen sollte. Auch Rotkäppchen mochte den Jäger nicht. Ihr reichte es schon, dass die Dorfbewohner von ihrer Großmutter schlecht redeten. Da wollte sie nicht auch noch einen neuen Vater, über den alle hinter seinem Rücken lachten.
Darum wurde Rotkäppchen mit der Zeit immer übellauniger, wenn der Jäger in der Nähe war. Doch so sehr sie sich auch bemühte ihn zu vergraulen, der Jäger blieb. Wenn er des abends nach Hause ging, bekam Rotkäppchen von der Mutter Schelte, weil sie so ungezogen gewesen war, und an manchen Tagen auch Strafen. Auch die Großmutter hatte mit ihren Vorhaltungen kein Glück. „Lass mich mit deinem Geschwätz in Ruhe, Alte. Sonst kannst du dir dein Mehl in Zukunft selbst aus dem Dorf holen.“, sagte die Mutter eines Tages ganz erbost. Von da an sagte die Großmutter nichts mehr gegen den Jäger.

Als der Frühling kam, wollte der Jäger gerne mit der Mutter alleine sein. Und so überlegte er tagelang, wie er wohl das Rotkäppchen aus dem Haus bekommen könnte. Auch die Mutter wollte gerne den Jäger einmal für sich haben, ohne das ungezogene Rotkäppchen in der Nähe. So ersannen die beiden eine List.
An einem Sonntag, als die Mutter einen Kuchen gebacken und Wein auf den Tisch gestellt hatte, erschien der Jäger so, als käme er gerade aus dem Wald.
„Gute Frau,“ sagte er zur Mutter, die mit Rotkäppchen am Tisch saß, „ich komme gerade von eurer Schwiegermutter. Sie liegt krank im Bett und möchte so gerne das Rotkäppchen um sich haben.“
„Ach, die Arme!“, rief die Mutter und machte ein betrübtes Gesicht. „Wie gerne würde ich dem Wunsch der Alten entsprechen. Doch lasse ich Rotkäppchen nicht alleine durch den Wald gehen. Schließlich ist dort ein böser Wolf.“
„Macht euch keine Sorgen, gute Frau.“, antwortete der Jäger. „Ich will das Kind sicher durch den Wald zu seiner Großmutter geleiten. Und am Abend hole ich sie wieder ab.“ Dabei zwinkerte er der Mutter verschwörerisch zu.
Rotkäppchen sah dies, verstand es aber nicht.
„Danke, guter Jäger.“, sagte die Mutter freudestrahlend. „So komm denn her, Rotkäppchen. Hier hast du Kuchen und Wein.“ Sie schnitt ein großes Stück Kuchen ab und legte es mit der Flasche Wein in den Korb. „Bring dies der Großmutter, damit es ihr bald wieder besser geht.“

So machten sich Rotkäppchen und der Jäger auf den Weg. Der Jäger ging mit großen Schritten voran, denn er wollte bald wieder im Dorf sein. Rotkäppchen eilte so schnell hinterher, wie es ihre Beine ihr erlaubten. Kurz vor dem Haus der Großmutter kamen sie an einer Blumenwiese vorbei. Der Jäger hielt an und sprach zu Rotkäppchen: „Pflücke der Großmutter noch ein paar Blümchen. Das wird sie freuen. Ab hier bist du sicher. Ich gehe jetzt ins Dorf zurück und hole dich am Abend wieder ab.“, sprach’s, drehte sich um und lief schnell den Weg zurück.
Als Rotkäppchen mit den Blumen und dem Korb mit Kuchen und Wein ins Haus der Großmutter trat, saß diese ganz gemütlich mit Becher Kräutertee im Schaukelstuhl und sah ganz gesund aus. Die Großmutter verwunderte sich, das Rotkäppchen so ganz alleine und ohne seine Mutter bei sich zu sehen. Sie ließ sich von dem Kind die ganze Geschichte erzählen. Danach sann sie eine Weile vor sich hin.
„Diese Schlitzohren.“, sagte sie und stand auf. „Na, wartet, wir werden sehen, wer zuletzt lacht.“ Sie griff in eine Truhe und holte den Balg eines toten Wolfs hervor. „Das Tier habe ich am Morgen gefunden. Aus seinem Fell wollte ich mir eine warme Weste für den Winter machen. Doch nun soll er uns noch einmal nützen.“

Gegen Abend zogen sie dem Wolf ein Nachthemd der Großmutter an, setzen ihm eine Nachtmütze und eine Brille auf und legten ihn ins Bett. Dann löschten sie alle Kerzen bis auf ein kleines Talglicht neben dem Bett und versteckten sie sich darunter. Als der Jäger kurze Zeit später glücklich und zufrieden zum Haus der Großmutter kam, verwunderte er sich, dass es dort so dunkel und still war.
Er öffnete die Haustür und näherte sich dem Bett. „Was hat die Alte für große Augen,“ dachte er, „das ist mir noch nie aufgefallen. Und diese großen Ohren und der Mund.“
Er trat vorsichtig näher heran und erkannte, dass dort im Bett ein Wolf lag, als ob er schliefe. Weil aber die Großmutter unter dem Bett sich nicht so bücken konnte, wölbte sich die Matratze und es sah so aus, als hätte der Wolf einen vollen Bauch.
„Großmutter, Rotkäppchen!“, flüsterte der Jäger, denn er wollte den Wolf nicht wecken. „Wir sind hier!“, kam es unter dem Bett hervor.
Der Jäger aber dachte, das Tier hätte die beiden gefressen. „Wie soll ich das meiner Liebsten oder den Dorfbewohnern erklären?“, dachte er erschrocken, drehte sich um und verschwand auf nimmer Wiedersehen.
Rotkäppchen und die Großmutter aber waren sehr zufrieden.

12 Comments on “Rotkäppchen, die wahre Geschichte – ein Märchen von Sabine Arnke

  1. Wie drollig! Eine schöne Geschichte, aber auch traurig, dass weder die, die zu alt noch zu jung für viele Männer sind, der Frau „im rechten Alter“ ihr Glück gönnen wollen…

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Deinen Kommentar und es freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt!
      Ja, anscheinend ist es im Märchen oft wie im wahren Leben: da gibt es Neider und solche, die meinen zu wissen was für die Menschen am besten ist. Und dass ist traurig!

      Liken

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