Charatücher – ein `In-der-Werkstatt-Gespräch´mit der Diplom Designerin Gela Hecking-Kühl

Etwas gemeinsam tun. Für die erkrankte Freundin aus dem Chor und für die eigene Trauer. Das war es, was die 30 Chormitglieder in die Werkstatt von Gela Hecking-Kühl geführt hat. Als Gela erzählt, wie die Frauen und Männer nach und nach zu ihr an den Webstuhl gekommen sind, um ein Tuch zu erstellen, in das sie gute Wünsche für die Freundin weben wollten, da schlucke ich. Welch berührende Momente. „Ja, es war ein Geschenk, die Gruppe auf diesem Weg begleiten zu dürfen. Da wurde Musik gemacht – sogar eine Harfe kam zum Einsatz – und es wurde gesungen.“

DSC_0010Ich bin zu Besuch in der Werkstatt der Diplom-Designerin Gela Hecking-Kühl. Um uns herum stehen Webstühle, große und kleine. Der älteste stammt aus dem Jahr 1841 und hat 50 Jahre in einer Scheune darauf gewartet, wieder zum Einsatz zu kommen. Fasziniert betrachte ich den aus Eiche und Nadelholz gefertigten Webstuhl. „Er hat keine Schrauben, sondern ist gesteckt“, erklärt mir Gela. Neugierig rüttle ich ein wenig an dem hölzernen Kunstwerk und stelle fest, wie stabil es auch ohne Schrauben ist.

Mit dem Thema Weben hatte ich zuletzt in der Schule zu tun. Gezwungenermaßen sozusagen. Aber Gelas Begeisterung ist ansteckend und während ich ihr zusehe, wie sie einige Reihen webt, merke ich wie der Funke überspringt und mein Interesse geweckt ist.

Aber was hat es nun mit den Charatüchern (Chara: althochdeutsch für Trauer oder Klage) auf sich? Und wie ist Gela Hecking-Kühl überhaupt auf dieses Thema gekommen?

„Im Jahr 2000 ist meine Mutter während eines Aufenthalts in Portugal gestorben“, beginnt sie zu erzählen.“ Meine Eltern hatten schon länger beschlossen, dass wenn einer von ihnen auf einer Reise verstirbt, er dann auch dort begraben werden sollte.“ Neben all der Fröhlichkeit in Gelas Augen, taucht auch nach all den Jahren noch ein Schatten auf. „Für mich war das damals schwer“, fährt sie fort, „mir fehlte ein Ort zum Trauern.“

Gela ist sich sicher, dass es vielen Menschen ähnlich ergeht, denn gerade in der heutigen Zeit leben Familienmitglieder oftmals weit voneinander entfernt, so dass der Besuch am Grab schwierig ist. Die leidenschaftliche Weberin aber hat für sich Wege in der Trauer gefunden. Dieser Weg führte sie erst einmal in einen Webkurs an der VHS. „Beim Weben“, so erzählt sie mir, „habe ich Ruhe gefunden. Und dann kam nach und nach der Wunsch auf, etwas aus dieser neu entdeckten Leidenschaft zu machen. Ein Studium vielleicht. Aber dazu fehlte mir der notwendige Schulabschluss, das Abitur.“ Sie lacht, während sie gedanklich in diese Zeit zurückreist. „Mein Mann hat einfach gesagt: dann mach doch das Abitur!“

Und dass hat sie getan. Inzwischen ist sie neben ihrer Arbeit als Familienpflegerin (in diesem Rahmen hat sie u. a. Sterbende begleitet und ist so schon mit dem Thema Tod in Verbindung gekommen) studierte Diplom Textildesignerin und die Charatücher, ja, die waren eine Idee für ihr Diplom. Eine Idee, die sie danach nicht mehr losgelassen hat.

„Der Begleiter für die `letzte Reise´“ – so steht es auf Gelas Broschüre. „Die Charatücher schmücken bei der Beerdigung den Sarg oder die Urne“, erklärt sie mir, „und am Ende der Zeremonie wird es dann den Angehörigen überreicht. Natürlich können die Tücher auch als Beigabe im Sarg verbleiben oder sie werden aufgeteilt. Die Möglichkeiten sind vielfältig.“

Ich stelle mir vor, dass ich ein solches Andenken nach der Beerdigung meiner Mutter hätte mit nach Hause nehmen können. Anstelle der leeren Hände, die sich nach dem absenken der Urne im Ruheforst so nutz- und hilflos angefühlt haben. Ein Charatuch, dass dann auf dem Erinnerungstisch, den ich für meine Mutter gestaltet habe, einen Platz gefunden hätte. Ja, mir gefällt dieser Gedanke und ich wünschte, ich hätte früher von dieser Möglichkeit gewusst.

So wie der Mann, der ebenfalls den Weg in Gelas Werkstatt gefunden und dort bereits vor dem Tod seiner Mutter eine rosa Stola für sie gewebt hat, um ihr dadurch etwas mit Liebe handgefertigtes auf ihrer letzten Reise mitgeben zu können.

Neben den handgewebten Tüchern bietet Gela auch selbst genähte Kissen in verschiedenen Formaten an, die aus der Kleidung von Verstorbenen gefertigt werden. Da findet das Lieblings-T-Shirt einen Erinnerungsplatz ebenso wie die Jeans, die so oft getragen wurde.

Der Nachmittag in der Werkstatt von Gela Hecking-Kühl war für mich eine Bereicherung und gab mir einen Einblick in die Möglichkeiten der Charatücher und wie Trauer durch sie Gestalt annehmen kann.

Liebe Gela, ich danke Dir von Herzen für diesen wunderbaren Einblick und wünsche Dir weiter viel Erfolg für Deine wichtige Arbeit.

Weitere Informationen über Gela Hecking-Kühl und ihre Arbeit findet Ihr auf Ihrer Website: www.charatuch.de.

Und nun noch einige Impressionen aus der Werkstatt:

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7 Comments on “Charatücher – ein `In-der-Werkstatt-Gespräch´mit der Diplom Designerin Gela Hecking-Kühl

  1. Eine schöne Idee – das erinnert ein bisschen an Quiltnähen – wo Gebete und gute Wünsche eingearbeitet werden.
    Beim Weben dieser Charatücher kann man sich noch mal an seinen Liebsten erinnern.

    Gefällt 2 Personen

    • Es freut mich, dass er Dir gefällt liebe Moni ❤ Es war auch total spannend, all die kleinen und großen Dinge in der Werkstatt zu bestaunen. Daher habe ich auch so viele Details fotografiert.
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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