Der kleine Baum – Teil 1/3

Der kleine Baum – Teil 1/3
von Nicole Vergin

In einem großen Wald, da lebten einst unzählige Tannen, Fichten und Kiefern. Große und kleine Bäume gab es da. Sie alle waren verschieden. Eines jedoch hatten sie alle gemeinsam. Ihre Nadeln waren das ganze Jahr über grün.

Nun geschah es eines Tages, dass mitten unter ihnen ein weiterer Baum zu wachsen begann. Wie bei all den anderen Bäumen, begrüßten sie auch diesen voller Freude.
„Willkommen in unserem Wald!“, riefen sie ihm zu.
Und genau wie bei allen kleinen Bäumen, sorgten die umstehenden großen Bäume auch für diesen. Im Sommer, wenn es sehr heiß war und es nur wenig Wasser gab, dann schüttelten die großen Bäume bei Sonnenaufgang ihr Nadelkleid, damit der kleine Baum, der selber noch keine Tautropfen sammeln konnte, mit diesen begossen wurde.
Brannte die Sonne zu heiß, dann nahmen sie den kleinen Baum unter ihre weit ausladenden Äste und gaben ihm so Schutz. Regnete es dann endlich wieder, zogen sie ihre Zweige zurück, so dass der kleine Baum genau soviel Wasser bekam, wie er gerade benötigte.
Wen wundert es da, dass der kleine Baum mit den Jahren immer schöner und größer wurde. Ebenso schön, wie seine großen Freunde. Nur eines an ihm war anders. Er hatte keine Nadeln an seinen Zweigen, sondern Blätter.

Anfangs dachten alle, dass sich dies noch ändern würde. Aber so war es nicht. Es konnte sich auch gar nicht ändern, da der kleine Baum kein Nadel- sondern ein Laubbaum war.
Seine umstehenden Freunde waren anfangs sehr verwundert, aber ihnen gefiel der kleine Baum. Besonders, da er in jeder Jahreszeit anders aussah.
Im Frühling bildeten sich an seinen Zweigen kleine Knospen, aus denen dann nach und nach Blätter wurden. Sie wuchsen und wuchsen, bis sie ihre wahre Größe erreicht hatten. Dann erstrahlten sie in hellem Grün.
Im Laufe des Sommers wuchsen dem kleinen Baum dann sogar noch Früchte. Darüber freuten sich besonders die Eichhörnchen, denn die Früchte waren für sie ganz besondere Leckerbissen.
Der Zauber des Herbstes brachte dem kleinen Baum ein farbenfrohes Gewand mit. Die Farbe der Blätter verwandelte sich, so dass der Baum ein rot-gelbes Kleid trug, das durch die Herbstsonne strahlte und weithin sichtbar war.
Dann jedoch, wenn die Tage kürzer wurden und der Winter heranstapfte, wurde der Baum müde. Alle Kraft wich aus seinen Blätter. Sie wurden braun und trudelten nach und nach zu Boden. Und während alle Nadelbäume auch im Winter ihr grünes Kleid trugen, stand der kleine Baum völlig kahl zwischen ihnen.
In dieser Zeit duckte er sich gerne unter die größeren Bäume und versuchte sich ganz klein zu machen, weil niemand ihn so sehen sollte. Aber irgendwann war er auch dafür zu groß.
Die älteren unter den Nadelbäumen redeten ihm gut zu.
„Du bist so ein schöner Baum“, sagten sie, „du bist hier im Wald bei uns etwas besonderes!“
„Aber ich möchte nichts besonderes sein“, entgegnete der kleine Baum und ließ traurig seine Zweige hängen. „Ich möchte ein ganz gewöhnlicher Nadelbaum sein. Ich möchte zu euch gehören.“
„Du gehörst zu uns“, sagten alle.
Alle, bis auf einen. Ein kleiner Nadelbaum, der selber noch sehr jung war, hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass ein Laubbaum in ihrem Wald nichts zu suchen hatte.
Und so ärgerte er den kleinen Baum. Er streckte seine Wurzeln aus und versuchte ihm das Regenwasser weg zu trinken. Und wenn zuviel Regen fiel, dann ließ er den kleinen Baum ganz allein in einer großen Pfütze stehen, in der Hoffnung, dass das Holz des Laubbaumes faulig werden würde.
„Du bist keiner von uns“, sagte ihm der kleine Nadelbaum und schaute bewusst in eine andere Richtung.

Der kleine Baum wurde immer trauriger. Keiner seiner großen Freunde schaffte es, ihn aufzuheitern. Egal wie oft sie ihm sagten, dass sie ihn gerne in ihrem Wald hatten. Die Worte des kleinen Nadelbaumes hatten tiefe Wunden in seinem hölzernen Herz hinterlassen.
Und so begann der kleine Baum darüber nachzudenken, wie er sich verändern könnte, um den Nadelbäumen ähnlicher zu werden. Tag und Nacht grübelte er, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen.

Es verging ein weiteres Jahr, ohne das der kleine Baum viel von den wunderschönen Jahreszeiten mitbekam.
Im Frühjahr verpasste er das Erwachen der Natur. All die Tierkinder, die plötzlich durch den Wald tobten. Und im Sommer hätte er beinahe seine herrlichen braunen Früchte, die Bucheckern, nicht bemerkt, die wie jedes Jahr an ihm wuchsen. Auch die wärmenden Sonnenstrahlen, in denen er sich sonst so gerne wiegte, beachtete er kaum.
Schon stand der Herbst bevor, als eines Tages der kleine Nadelbaum zu ihm sagte: „Na, kleiner Baum. Nun wird es bald wieder Zeit, dass du deine Blätter abwirfst. Dann siehst du nicht mehr so frisch und grün aus, wie wir anderen. Dann bist du kahl und unansehnlich.“ Bei diesen Worten betrachtete er geringschätzig das Laub des kleinen Baumes und schüttelte betont langsam sein grünes Nadelkleid.
Der kleine Baum ließ voller Verzweiflung die Zweige hängen. Seine Blicke wanderten über das Laub, das noch voll grüner Lebenskraft war. Den ganzen Tag über gab er sich seinem Kummer hin. In der darauffolgenden Nacht schaute er nach oben in den nachtschwarzen Himmel, wo vereinzelte Sterne ihm zuwinkten. So, als wollten sie ihm Mut machen.

Und so kam es, dass der kleine Baum in dieser Nacht einen einsamen Entschluss fasste.

Teil 2 findet Ihr hier!

12 Kommentare zu „Der kleine Baum – Teil 1/3

    1. Das wäre sehr schade, liebe Ingrid. Und vor allem auch langweilig! Ja, der kleine Baum hat sich an einem ganz eigenen Weg versucht… 😉

      Liebe Grüße nach Teneriffa (was habt Ihr denn gerade für ein Wetter??) und Dir noch einen schönen Sonntag!
      Nicole

      Gefällt 1 Person

      1. ich freue mich schon auf die Fortsetzung 🙂

        Bei uns ist es zur Zeit angenehm warm und sonnig, ich kann nicht klagen – obwohl es ganz gut wäre, wenn wieder einmal etwas Regen käme. So muss eben der Wasserschlauch für feuchte Erde sorgen.

        Ich wünsche dir auch noch einen schönen Restsonntag, ich werde meinen morgen genießen, denn wir haben am Wochenende das Museum auch geöffnet. 🙂 Einen guten Start in die Woche!
        Liebe Grüße Ingrid

        Gefällt 1 Person

  1. @ ARTlandya: Das freut mich sehr, liebe Ingrid!
    Und warm und sonnig klingt schon schön. Aber klar, Regen braucht es. Wenn ich bei uns an die letzten trockenen Sommer denke, wird mich ganz anders.
    Du arbeitest in einem Museum? Klingt spannend!
    Dann genieße heute Deinen freien Tag,
    liebe Grüße
    Nicole

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