Der kleine Baum – Teil 2/3

Der kleine Baum – Teil 2/3 (Teil 1 findet Ihr hier)

Die Wochen vergingen und der Herbst kam übers Land – mit stürmischen, übermütigen Winden, mit tautropfenden Spinnennetzen im Morgennebel aber auch mit einer goldenen Sonne im herbstlichen Gewand.

Anfangs fiel niemandem auf, dass mit dem kleinen Baum eine Veränderung vorging. Wie oft hatte er sich sonst mit den großen Nadelbäumen unterhalten und sich all die Geschichten erzählen lassen, die diese in ihren langen Lebensjahren erlebt hatten.
Nun stand er stumm an seinem Platz und hatte für niemanden mehr ein Wort. Nicht einmal einen Blick. Anfangs sprachen sie ihn noch darauf an.
„Kleiner Baum, was ist mit dir? Hast du Kummer?“
„Es ist alles in Ordnung“, war die kurze Antwort des kleinen Baumes.
Der kleine Nadelbaum jedoch freute sich, dass der kleine Baum kaum noch sprach.
„Wie angenehm ruhig es hier doch auf einmal ist“, wandte er sich an die großen Nadelbäume.
Aber auch diese sprachen nicht viel und hatten kein Verlangen danach, sich mit dem kleinen Nadelbaum zu unterhalten. Sie waren traurig.
Und so kam es, dass der Herbst in diesem Jahr im Wald viele traurige Gesichter sah. Sogar die Igelfamilie, die in der Nähe des kleinen Baumes lebte, war nicht so fröhlich wie sonst.
„Sag kleiner Baum“, sprachen sie ihn vorsichtig an. „Warum fallen deine Blätter in diesem Jahr nicht auf den Boden? Wir warten schon darauf, um unsere Winterhöhlen damit auszupolstern.“
„Ihr müsst euch in diesem Jahr etwas anderes suchen“, antwortete der kleine Baum, ohne einen Blick auf die Igelfamilie zu werfen. „In diesem Jahr werde ich meine grünen Blätter behalten!“
Alle umstehenden Bäume und alle Tiere, die in der Nähe waren, hielten für einen Moment den Atem an. Sogar der Herbststurm vergaß, den Wind in den Baumwipfeln spielen zu lassen.

Nun also war das Geheimnis um den kleinen Baum gelüftet: er wollte nicht, dass sich in diesem Herbst seine Blätter verfärbten, um dann auf den Boden zu sinken und ihn kahl zurückzulassen. Daher sagte er kaum ein Wort und starrte nur angestrengt vor sich hin, denn er benötigte all seine Kraft, um seine Blätter festzuhalten.
Ein Raunen wogte von einem Baum zum anderen. Sie flüsterten sich die erstaunliche Geschichte zu. Hin und Her wogten die Worte. Jeder fügte noch eigene Gedanken hinzu, Jeder hatte etwas zu sagen. Wie gerne wollten sie dem kleinen Baum mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie sagten ihm, wie hübsch sie ihn auch im Winter fanden und dass sie ihn gern hatten – ganz so wie er war.
Vergebens. Der kleine Baum starrte weiter entschlossen vor sich hin, während er jedes einzelne seiner Blätter festhielt, damit die Herbstwinde sie nicht mitnehmen konnten.
Dann kam der Winter mit all seinen Eigenheiten. Frost und Schnee hatte er im Gepäck und sein eisiger Hauch ließ die Natur erstarren. Viele Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, um dort ihren Winterschlaf zu halten. Die Tiere, die nicht schliefen, waren für die unwirtlichen Monate so gut es ging gerüstet. Alle Pflanzen und Bäume hörten auf zu wachsen, um sich für das kommende Frühjahr auszuruhen.
Alle, bis auf einen. Der kleine Baum stand inmitten des Schnees und zitterte vor Kälte. Immer noch sah er aus wie ein Baum im Sommer, mit grünen, kräftigen Blättern. Alle Kraft, die er benötigte, um gut über den Winter zu kommen, steckte in ihnen.
Die großen Bäume betrachteten ihn besorgt und versuchten ihn mit ihren dichten Zweigen einzuhüllen, ihn vor dem Frost zu schützen. Aber der kleine Baum wollte auch diese Hilfe nicht. Zu sehr fürchtete er sich davor, dass seine Blätter zu Boden fallen könnten und er so wie all die Jahre zuvor nackt und hässlich inmitten all der grünen Nadelbäume stehen würde.
Langsam aber stetig verging der Winter und dem kleinen Baum kam es so vor, als wolle er in diesem Jahr gar nicht mehr weichen.

Dann eines Morgens, weckte ein vorwitziger Sonnenstrahl den kleinen Baum.
„Hallo du“, rief er, „wach auf, der Frühling kommt zurück in den Wald. Mach dich bereit!“
Und schon sauste er weiter, um auch den anderen Bäumen, Pflanzen und Tieren die gute Nachricht zu verkünden.
Der kleine Baum freute sich, denn er hoffte, dass das Leben für ihn nun wieder einfacher werden würde. Jedes Jahr war der Frühling für alle Waldbewohner eine besondere Zeit. Neues Leben erwachte, selbst in den kleinsten Winkeln drängten sich zarte, grüne Spitzen durch den dunklen Waldboden ans Licht.
Die Vögel spielten um die Baumwipfel herum Fangen und zwitscherten dabei aus voller Kehle. Alle Winterschläfer kamen aus ihren Höhlen und reckten ihre wintermüden Glieder der Frühlingssonne entgegen. Das war ein Summen und Surren, ein Zwitschern und Zwatschern, ein einziges Gewirre.

Inmitten all dieses blühenden Lebens, stand der kleine Baum mit zitternden Zweigen.
„Ist dir kalt, kleiner Baum?“, fragte einer seiner großen Freunde besorgt.
„Nein“, flüsterte der kleine Baum, „ich bin nur so unendlich müde.“
Während der Frühling nach und nach alle im Wald aufweckte, fielen dem kleinen Baum immer häufiger die Augen zu. Seine Zweige, die er den ganzen Winter über aufrecht gehalten hatte, hingen einer nach dem anderen kraftlos nach unten.
„Ich schaffe es einfach nicht mehr, meine Zweige hochzuhalten“, flüsterte der kleine Baum verzweifelt, während eine dicke, harzige Träne an seinem Stamm entlang lief.
Der kleine Nadelbaum, der den kleinen Baum im Winter missmutig betrachtet hatte, lachte nun hämisch.
„Nun ist es vorbei mit all deiner Schönheit!“
„Sei still!“, fuhr ihn daraufhin einer der großen Bäume an.
Gemeinsam mit den anderen umstehenden großen Bäumen, versuchten sie mit ihren weiten ausladenden Zweigen, die des kleinen Baumes zu stützen. Sie wollten ihm einen Teil der Last abnehmen.
Aber es half alles nichts. Der kleine Baum fiel immer mehr in sich zusammen und als sich auch der letzte Ast nach unten neigte, da wurde sein Laub braun und fiel zu Boden.
Als der kleine Baum sah, wie sein letztes Blatt auf den Waldboden trudelte, schloss er die Augen und verstummte.

Der 3. und letzte Teil folgt am 19. Februar!

13 Comments on “Der kleine Baum – Teil 2/3

  1. Deine Geschichte erinnert mich von der Art her, immer mehr an ein Buch, dass ich als Kind vesessen habe. Ich habe nur leider den Titel vetgessen, aber die Geschichte war von der Erzählstruktur und Stimmung ähnlich.
    Ich fiebere schon dem letzten Teil entgegen.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Der kleine Baum – Teil 3/3 – Die Waldträumerin

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