Der kleine Baum – Teil 3/3

Der kleine Baum – Teil 3/3 (Teil 1 findet Ihr hier und Teil 2 hier)
von Nicole Vergin

In der nun folgenden Zeit, reagierte der kleine Baum auf keines der unzähligen, aufmunternden Worte, die ihm zuflogen. Stumm und starr ragte sein kraftloser Stamm inmitten all der Frühjahrsschönheit in der Natur auf.
Während überall im Wald die kleinen und großen Wunder der wieder erwachten Natur zu sehen waren, rührte sich bei dem kleinen Baum nichts. Keine Knospe, kein Stückchen frisches Grün war zu sehen. Der kleine Baum sah inmitten der schönsten Sonnenstrahlen aus, wie ein kahler Winterbaum.
„Mit ihm ist es aus“, höhnte der kleine Nadelbaum und sah sich Beifall heischend in der Runde der Nachbarbäume um.
Diese jedoch wendeten sich von ihm ab und bemühten sich weiter um das Wohl des kleinen Baumes. Leider vergeblich. Trotz aller Fürsorge, regte dieser sich nicht, so dass alle befürchteten, dass der kleine Nadelbaum Recht behalten könnte. Es sah so aus, als wäre kein Leben mehr in dem einst so hübschen, kleinen Baum.

Glücklicherweise war aber doch noch Leben in dem kleinen Baum. Er hatte sich ganz tief in sich selbst vergraben und dachte über sich selber nach.
„Ach“, seufzte er in Gedanken, „warum habe ich bloß im vergangenen Winter all meine Kraft in meine Blätter gesteckt? Nun stehe ich hier inmitten der schönen Frühlingszeit und kein Blättchen wächst an meinen Zweigen. Nicht einmal die Vögel gesellen sich zu mir, um auf meinen Ästen zu schaukeln und Lieder von Sonnenschein und Lebenslust zu singen. Sie haben Angst vor mir, weil sie denken, dass kein Leben mehr in mir ist.“
So haderte er einige Tage mit sich. Aber alles Klagen half nichts. Das musste auch der kleine Baum irgendwann einsehen. Er war nahe daran aufzugeben.

An einem besonders schönen Frühlingsmorgen, öffnete er die Augen, um sich ein letztes Mal umzusehen.
Von oben suchten sich die Strahlen der Morgensonne einen Weg durch die dichten Zweige der hohen Bäume. Einer von ihnen entdeckte die nur einen Spaltbreit geöffneten Augen des kleinen Baumes.
„Guten Morgen, kleiner Baum“, grüßte er ihn freundlich und ließ sich auf einem seiner Zweige nieder. Dort schaute er sich verwundert um. „Was hast du?“, fragte er dann, „bist du krank?“
„Lass mich in Ruhe“, wehrte der kleine Baum ab. „Mit mir ist es vorbei. Ich habe einen großen Fehler gemacht und dafür muss ich jetzt büßen.“
„Welch harte Worte an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen“, lachte der kleine Sonnenstrahl vergnügt. „Fehler kann man wieder gut machen“, fügte er hinzu.
„Diesen nicht“, sagte der kleine Baum resigniert, „schau mich doch an.“ Bei diesen Worten bewegte er ein wenig seine Äste, die immer noch kahl und trostlos aussahen.

Der Sonnenstrahl besah sich den kleinen Baum von oben bis unten und wollte dann wissen, was ihm wiederfahren sei. Und so erzählte der kleine Baum seine Geschichte. Wie er einst mit seinen Freunden, den anderen Bäumen, Jahr um Jahr glücklich hier im Wald gelebt hatte. Bis zu dem Tage, als er meinte, dass er nie wieder im Winter kahl sein wolle. Und wie sehr er diesen Schritt jetzt bereuen würde, denn ihm sei klar geworden, dass es schön sei, als kleiner Baum die verschiedenen Jahreszeiten zu erleben. Mit einem Seufzer beschloss er seine Geschichte.
„Mmh“, machte der kleine Sonnenstrahl und überlegte einen Moment lang. „Irgendetwas muss man doch tun können, um deine Geschichte zum Guten zu wenden.“
„Das meinen wir auch“, ertönten die tiefen Stimmen der großen Nadelbäume. „Wir müssen uns gemeinsam etwas einfallen lassen“, fügte einer von ihnen hinzu, während die anderen mit ihren Zweigen Zustimmung nickten.
Auf dem Gesicht des kleinen Baumes zeigte sich nach Wochen das erste Mal ein winzigkleines Lächeln. Wie gut, dass er so treue Freunde hatte. Gemeinsam würden sie sicherlich einen Weg finden.

Den ganzen Tag hatten sie geredet und überlegt. Der kleine Baum, der Sonnenstrahl und die großen Nadelbäume. Nach einer Weile mischte sich sogar eine weitere, verschämt klingende Stimme unter die der anderen. Der kleine Nadelbaum hatte eingesehen, dass er sich falsch verhalten hatte und dadurch einsam geworden war. Nun wollte er versuchen, ein wenig davon wieder gut zu machen.
Sogar einige Tiere fanden sich am Fuße des kleinen Baumes ein, als sie hörten das dieser Hilfe benötigte. Da war die Igelfamilie, die sich jeden Herbst über das Laub für ihre Höhlen freute. Und auch die Eichhörnchen eilten herbei, denn dank des kleinen Baumes standen jedes Jahr leckere Bucheckern auf ihrem Speiseplan.

Es war der Sonnenstrahl, der in einem Satz zusammen fasste, worin das Problem des kleinen Baumes bestand.
„Du hast keine Kraft mehr“, sagte er. „Alles, was du an Stärke besessen hast, steckte über den Winter in deinen Blättern. Dir fehlt die Winterruhe!“
Alle sahen sich gegenseitig an und nickten. Genau so war es. Der kleine Baum konnte in diesem Frühjahr gar keine neuen Blätter bekommen, da er viel zu müde war.
„Du musst schlafen“, ertönte da die tiefe Stimme von einem der großen Nadelbäume.
„Genau“, nickte der Sonnenstrahl aufgeregt mit seinem kleinen, leuchtend gelben Kopf, „ganz lange musst du schlafen. Und wenn du ausgeschlafen hast, dann können dir im nächsten Frühjahr auch wieder neue Blätter wachsen.“
Der kleine Baum schaute zweifelnd in die Runde seiner vielen Helfer.
„Aber ich kann doch jetzt nicht einfach schlafen. Ich brauche Luft und Licht und Wasser, damit meine Wurzeln mich weiter versorgen können. Sonst wird mein Holz rissig und trocken und dann ist es vorbei mit mir.“ Bei diesen Gedanken liefen dem kleinen traurigen Baum wieder einmal dicke, harzige Tränen an seinem Stamm entlang.
„Wir kümmern uns um dich!“, sagte der Sonnenstrahl entschlossen und fügte hinzu: „ich schicke regelmäßig meine Freunde zu dir, damit du genügend Wärme bekommst.“
„Und wir sorgen mit unseren Ästen dafür, dass du genügend Licht und Wind bekommst“, boten die großen Nadelbäume an.
„Wir achten darauf, dass keine Schädlinge deine Wurzeln anknabbern“, riefen die Eichhörnchen und die Igel.
„Und… und ich“, wisperte eine zaghafte Stimme neben dem kleinen Baum, „ich gebe dir Wasser ab, wenn du zu wenig hast und wenn sich zuviel Regen an deinen Wurzeln sammelt, dann helfe ich es wegzutrinken.“ Es war der kleine Nadelbaum, der hier seine Hilfe anbot.
Der kleine Baum war gerührt. All seine Freunde wollten ihm helfen und das obwohl er im letzten Winter nur mit sich beschäftigt gewesen war und sie keines Blickes gewürdigt hatte.
„Danke“, sagte er und nickte mit seinen Ästen zu jedem einzelnen hinüber. Dann schloss er die Augen und fiel müde in einen tiefen langen Schlaf.

Als das nächste Frühjahr begann, erwachte der kleine Baum. Frisch und ausgeruht schlug er die Augen auf und sah all seine Freunde um sich versammelt.
„Willkommen zurück, kleiner Baum“, riefen sie ihm vergnügt zu.
Und tatsächlich, der kleine Baum hatte es mit Hilfe seiner Freunde geschafft, seinen Fehler wieder gut zu machen. Das sicherste Zeichen dafür, waren die vielen kleinen, hellgrünen Blätter, die sich zaghaft den Weg in das Leben suchten.

Seit dieser Zeit genießt der kleine Baum die Schönheiten der unterschiedlichen Jahreszeiten. Und wer weiß, vielleicht begegnet ihr ihm einmal bei einem Spaziergang im Wald.

13 Comments on “Der kleine Baum – Teil 3/3

  1. Was für ein Glück der kleine Baum hatte, dass ihn kein übereifriger Förster in diesem Sommer gesehen und geschlagen hat. Hätte auch anders ausgehen können.
    Sehr schön zu lesen, man fühlt sofort mit.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁☕🥐👍

    Gefällt 1 Person

    • So ist es liebe Christiane! Aber die großen Bäume hätten bestimmt auf ihn aufgepasst und dem Förster einen Ast auf den Kopf geschmissen… könnte der Ansatz für eine neue Grusel-Geschichte werden… Heimtückischer Mord im Forst… oder so 😉
      Freut mich sehr, dass es Dir gefällt! ❤
      Liebe Grüße und hab einen schönen Tag
      Nicole

      Gefällt 1 Person

    • Vielen lieben Dank für Deine Worte! ❤ Oh, ich war auch so froh, als es dem kleinen Baum wieder gut ging. 😉 Meistens wird ja im Märchen alles "gut". Zumindest bei den Volksmärchen (die, die ich kenne). Hans Christian Andersen hat da in seinen Kunstmärchen allerdings gerne andere Wege eingeschlagen… und trotzdem liebe ich seine Märchen so sehr!

      Gefällt 1 Person

  2. Ein schöner Abschluss. So sollte es sein, dass Freund auch zu einem stehen und aufbauen, wenn man mal eine schlechte Entscheidung getroffen hat.

    Wirklich sehr, sehr schön.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

    • Ein dickes Dankeschön für Deine lieben Worte! ❤
      Ja, so sollten Freunde sein. Da hat der kleine Baum echt Glück gehabt! 😉
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
      liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

    • Ganz lieben Dank für Deine Worte, da freue ich mich sehr drüber! ❤ Mal schauen, ob ich irgendwann "etwas" aus meinen Märchen mache…
      Dir auch alles Liebe und hab ein schönes Wochenende!
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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