Die Gewitterkiste

Die Gewitterkiste
von Nicole Vergin

Ein lauter Donnerschlag ertönte, mein Herz schlug verzweifelt Alarm. Ich lugte durch einen Spalt zum Fenster hin, wo genau in diesem Moment ein gleißender Blitz vom Himmel herabschoss.
„Eins, zwei, drei, vier…“, zählte ich laut.
Schon vor der fünf das Krachen eines weiteren Donners. Ohne Frage, das Gewitter kam näher. Wackelte nicht bereits meine Kiste bedrohlich? Schwankte nicht das Haus? Und was war mit dem Blitzableiter? War er wirklich intakt?
Dank der modernen Technik wurde ich glücklicherweise früh genug vor Gewitter gewarnt. Bereits seit drei Jahren zahlte ich meine monatliche Unwetterfrühwarnpauschale von 4,99 € im Monat. Ein Preis, der sich auszahlte. Von orkanartigen Böen über starken Schneefall bis hin zu ergiebigem Dauerregen. Ich wurde vor allem rechtzeitig per SMS gewarnt.
Wobei für mich die Warnung vor schwerem Gewitter das Wichtigste ist. Sobald diese Nachricht auf dem Display meines Handys leuchtet, verschwinde ich auf dem schnellsten Weg nach Hause. Denn dort wartet schon meine Gewitterkiste auf mich. Schnell hinein, die Tür zu, den Riegel vorschieben und dann… dann bin ich in Sicherheit!
Meine bisherigen Freundinnen hielten mich für durchgeknallt, aber damit muss ich leben. Ebenso wie drei Generationen Männer in unserer Familie vor mir. Denn so lange gibt es diese Kiste schon.

Mein Ur-Großvater hat sie gebaut. Leider war es mir nicht mehr vergönnt, ihn kennen zu lernen. Er starb bereits vor meiner Geburt. Aber auf Familienfotos habe ich ihn gesehen. Wie er im Kreise seiner fünf Kinder und seiner Frau aufrecht hinter ihnen steht. Das gestrenge Familienoberhaupt. Mit seinen 1,85 m war er für die damalige Zeit riesig. Die Größe gepaart mit seinen durch harte Feldarbeit erworbenen Muskeln, ließen ihn unbesiegbar erscheinen.
Im Dorf munkelte man, dass er vor nichts Angst habe, nicht einmal vor dem Leibhaftigen. Das mit dem Leibhaftigen stimmte. Hätte dieser bei ihm an die hölzerne Tür des reetgedeckten Bauernhauses geklopft, mein Ur-Großvater hätte ihn höchstpersönlich zurück in die glühenden Höllenfeuer gejagt.
Nur seine Frau wusste, dass es doch etwas gab was ihm Angst bereitete. Sobald am Himmel dunkle Wolken aufzogen, sich bedrohlich zusammenballten um kurz darauf Blitz und Donner herab zu werfen, dann murmelte er etwas von dringlichen Besorgungen, warf sich mitten während der Feldarbeit auf sein Pferd und ritt im gestreckten Galopp nach Hause. Dort schloss er sich in eine kleine Kammer ein, die außer ihm niemand betreten durfte.
Jahrelang rätselte seine Frau, was er wohl während eines Gewitters in dieser Kammer machte. Eines Tages wurde ihr die Geheimnistuerei zuviel. Wieder einmal hatte sich der Himmel so richtig über ihnen ausgetobt. Als er danach aus seiner Kammer schlich, lauerte sie ihm bereits auf.
„Nun hab ich wahrlich genug von deinen klammheimlichen Geschichten“, warf sie ihm die Worte vor die Füße.
Erschrocken sprang er zurück. Wie ein Teufelchen aus der Kiste war sie aus ihrer Ecke heraus gehupft. Grimmig wollte er sie abwehren. Aber er hätte sich denken können, dass sein resolutes Weib nicht locker lassen würde. Und so erzählte er ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit von seiner Gewitterangst.
Er ließ sie sogar in die Kammer schauen, wo sie dann nicht schlecht staunte. Was hatte sie sich nicht alles zurecht gedacht über deren Inhalt. Und nun? Nun fand sie hier nur eine Bretterkiste. Gerade groß genug, dass ihr Männe sitzend darin Platz fand. Sogar eine Tür mit einem Riegel besaß das Ding. Ein paar Mal ging sie um die Kiste herum, konnte aber beim besten Willen nichts weiter daran entdecken.
Verwundert sah sie ihren Mann an, dessen Gesicht die Farbe einer reifen Hagebutte angenommen hatte.
„Hinnerk, was ist das denn nun mit deiner Kiste hier?“, fragte sie ihn.
„Das ist meine Gewitterkiste. Da kriech ich rein und dann, dann fühl ich mich sicher.“
„Aber die Kiste hat doch nichts mit Gewitter zu tun. Wie soll die dir bloß helfen?“
„Ich weiß“, verlegen zuckte er mit den Achseln. „Aber ich fühl mich sicher.“
Von diesem Tag an fragte sie nicht weiter. Jeder hatte schließlich seine Schwächen und wenn die ihres Mannes das Sitzen in einer ollen Kiste war. Na, da war nun wirklich nichts Schlimmes dran.

Leider konnte sie nicht verhindern, dass ihr ältester Sohn eines Tages davon Wind bekam. Er, der sich sowieso meist dem Vater anschloss, übernahm diese Angst in Windeseile, so dass sie sich über kurz oder lang gemeinsam in die Kiste quetschten. Nach dem Tode des Vaters, erbte der Älteste die Gewitterkiste.
Und so geschah es, dass die Kiste mittlerweile über vier Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt wurde und letztendlich bei mir gelandet ist. Mit den Jahrzehnten haben wir natürlich einige Verbesserungen vorgenommen. Der Boden in der Kiste ist mit einem Teppich ausgelegt, was schlicht bequemer ist. Es gibt einen kleinen Anbau, in dem Bücher und Rätselhefte Platz gefunden haben. Manchmal dauern Gewitter eben länger. Das Tollste sind jedoch die eingebauten Scharniere, so dass die Kiste wie ein Bausatz auf- und abgebaut werden kann. Was bei Umzügen ein ganz großer Vorteil ist.
Bisher habe ich jedoch noch niemanden, dem ich die Kiste vererben kann. Die Frauen heutzutage sehen diese kleinen Marotten viel zu eng. Nur weil ich mal während der einen oder anderen Veranstaltung nach Hause hetze, um in meine Kiste zu kriechen. Schon lassen sie mich im Regen stehen.
Aber ich werde schon noch Eine finden, die mich so liebt wie ich bin. Ich werde mich gleich wieder auf die Suche machen – nach dem Gewitter.

8 Kommentare zu „Die Gewitterkiste

  1. Ach, irgendwie sympathisch diese kleine Macke…oder befremdlich.
    Aber jeder hat so seine Ängste – so beeindruckt ich von Gewitter bin, so sehr ängstigt mich diese Kraft auch.
    Und als Kind hätten wir bestimmt alle gerne so eine Gewitterkiste gehabt.

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    1. *lach* Ja, es ist so ein Mittelding…
      Und gegen manche Ängste kommt man einfach nicht an. Bei mir ist es Höhenangst, damit habe ich unglaublich zu kämpfen. Was Gewitter betrifft, bin ich nicht übermäßig ängstlich, möchte mich allerdings dann auch nicht draußen befinden… 😉

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      1. Ich muss überlegen – so richtige Ängste habe ich nicht – aber ich fühle mich schon unwohl wenn es zu eng wird, oder Höhe, wo kein Geländer ist. Ansonsten geht es eigentlich.
        Mir fällt im Moment nichts ein.

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