„Den Weg mitgehen“ – Der ambulante Hospizdienst DASEIN feiert 20-jähriges Jubiläum

DSC_0218„Den Weg mitgehen“. So steht es auf dem Flyer des ambulanten Hospizdienstes DASEIN (www.hospiz-dasein.de). Aber was bedeutet das? Es bedeutet Menschen, die sich in der letzten Lebensphase und in der Trauer befinden, ein Stück ihres Weges zu begleiten und für sie DA(zu)SEIN. Durch Hospizdienste ist es oft möglich, den Wunsch, zu Hause zu sterben, zu erfüllen. Die haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen verstehen ihre Arbeit als Ergänzung zu medizinischen, schmerztherapeutischen, pflegenden und seelsorgenden Maßnahmen.

Es ist Montagmorgen. Das Bereitschaftshandy klingelt, und gleich darauf meldet auch der Festnetzanschluss einen Anruf. Sabine Behm und Heike Hendel, die beiden Koordinatorinnen des ambulanten Hospizdienstes DASEIN, sind ein eingespieltes Team, das sich von einem turbulenten Start in die Woche nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Bei einem der Anrufe handelt es sich um die Anfrage für eine Sterbebegleitung im Krankenhaus. Nun ist rasches Handeln gefragt. Fünf Telefonversuche später sagt eine Ehrenamtliche zu, dass sie die Begleitung übernehmen kann. Wenig später steht sie in der Tür, holt sich den Schlüssel für das Hospiz-Auto ab und ist schon auf dem Weg.

Der Vormittag vergeht wie im Fluge. Während Heike Hendel sich um das Beantworten der E-Mails und die Vorbereitungen für den anstehenden Letzte-Hilfe-Kurs kümmert, arbeitet Sabine Behm an einer weiteren Begleitungsanfrage. Eine Dame wünscht sich einen russisch-orthodoxen Seelsorger. Nun heißt es erst recherchieren und danach eine Anfrage stellen, die hoffentlich positiv beantwortet wird.

Zwischendurch klingelt das Telefon weiter. Heike Hendel spricht mit Interessenten für den nächsten Vorbereitungskurs für SterbebegleiterInnen sowie den Letzte-Hilfe-Kurs, wobei sie erklären muss, dass dieser bereits ausgebucht ist.

In der gemeinsamen Mittagspause ist durchatmen angesagt. Und essen, denn dies hat, so sind sich beide einig, Priorität. „Selbstfürsorge ist ein wichtiges Thema“, erklärt Heike Hendel, während ihre Kollegin für einen Moment die Füße hochlegt und sich entspannt.

Danach geht es Schlag auf Schlag weiter: Die Dokumentation von Begleitungen, die Absprache einer gemeinsamen Präsentation. Auch ist es wieder an der Zeit, die aktuellen Begleitungen abzutelefonieren. Da werden die Angehörigen gefragt, wie es ihnen mit der Unterstützung geht und auch die Ehrenamtlichen selber werden umsorgt.

An diesem Tag wird Sabine Behm nach Feierabend das Bereitschaftstelefon mit nach Hause nehmen. Darauf ist eine der beiden Koordinatorinnen täglich von 6 – 22 Uhr erreichbar. Und wenn jemand im Sterben liegt, dann auch mal die ganze Nacht.

So und ähnlich verlaufen die Tage im Jahr 2020 beim ambulanten Hospizdienst DASEIN.

Aber wie hat vor 20 Jahren alles begonnen? Christiane Schröder erinnert sich an die Anfangszeiten. Damals fehlte es an Unterstützungsangeboten für Sterbende, Angehörige und Trauernde. Als engagierte Pfarrfrau und Besuchsdienst-Mitarbeiterin war das ihre Motivation, etwas auf den Weg zu bringen.

Rund zehn Personen mit unterschiedlichen Motivationen schlossen sich im März 2000 zu einer Projektgruppe zusammen: Die „Hospizinitiative DASEIN“ war geboren. Die Projektleitung lag zunächst in den Händen der Kirchenkreis-Sozialarbeiterin und so war es naheliegend, die Gruppe organisatorisch beim evangelischen Kirchenkreis Neustadt anzugliedern. Monatliche Treffen sorgten für erste Erfolge: Ein Flyer wurde entworfen, und die Veranstaltungsreihe zum Thema „Hilfe zum Leben – ein neuer Umgang mit Sterben, Tod und Trauer“ sorgte für Bekanntheit in der Öffentlichkeit.

Im darauffolgenden Jahr folgte ein Zusammenschluss der Kirchenkreise Neustadt und Wunstorf, wodurch das Einsatzgebiet der Initiative schlagartig wuchs und weitere MitarbeiterInnen aus Wunstorf dazukamen. Im Februar startete der erste Vorbereitungskurs für Ehrenamtliche zur Sterbebegleitung unter dem Titel „Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde“.

An diesem Kurs nahm neben elf anderen Interessenten auch Christiane Schröder teil. „Damals waren es noch sechs oder sieben Abende, ein Wochenende und ein kurzes Praktikum“, erzählt sie, „also ein Bruchteil davon, wie heute der Kurs aufgebaut ist.“

Bereits 2002 fand monatlich der offene Treff mit dem Titel „Hospiz am Abend“ statt, der dann zwei Jahre später durch die Hospizfrühstücke abgelöst werden sollte.

Größere strukturelle Veränderungen gab es im Jahr 2003. Die offizielle Bezeichnung lautete nun „Ambulanter Hospizdienst DASEIN“, und mit Sabine Behm gab es erstmalig eine hauptamtliche Mitarbeiterin im Team. 23 Stunden im Monat arbeitete sie als Koordinatorin. Sie kümmerte sich nicht nur um die Ehren-amtlichen, sondern besetzte auch die neu eingerichtete Sprechstelle in Neustadt und war zudem Ansprechpartnerin für etliche andere Themen. Und endlich gab es auch Zuschussfinanzierungen durch die Krankenkassen, was vieles erst ermöglichte, da bis zu diesem Zeitpunkt die Arbeit von DASEIN ausschließlich durch Spenden finanziert worden war.

In den folgenden Jahren wuchs der ambulante Hospizdienst zu einer beachtlichen Einrichtung heran. Die Stunden der Koordinatorin Sabine Behm konnten nach und nach erhöht werden und eine weitere Koordinatorin kam ins Team. Die Hospizfrühstücke gab es nun sowohl in Wunstorf als auch in Neustadt und die Zahl der ehrenamtlich arbeitenden Frauen und Männer wuchs beständig. Mit regelmäßigen Veranstaltungen zu hospizlichen Themen wurden immer wieder Menschen angesprochen und nicht selten zur Teilnahme an Vorbereitungskursen motiviert. Im März 2018 fand eine der größten Veränderungen statt: der Umzug in ein größeres Büro.

Nach den Anfängen in Neustadt fand der Hospizdienst im Haus der Corvinus-gemeinde in Wunstorf ein neues „Zuhause“. Ein lichtdurchflutetes Büro mit ausreichend Platz für Mitarbeiterbesprechungen und Trauergruppen. Von hier aus wurden nun die Einsätze der ehrenamtlichen Sterbe- und TrauerbegleiterInnen koordiniert. Seit Mai 2019 steht sogar ein Hospizauto vor der Tür, das mit  Unterstützung der Projektförderung „Hand in Hand“ des NDR und vielen Einzel-spendern finanziert wurde.

In und um Neustadt und Wunstorf sind inzwischen 53 Frauen und Männer ehrenamtlich als Sterbe- und TrauerbegleiterInnen im Einsatz. 2019 wurden 96 Sterbende und ihre Angehörigen begleitet, es gab 15 Trauereinzelbegleitungen und eine Trauergruppe mit neun TeilnehmerInnen. Zudem wird in Neustadt 14-tägig eine Trauersprechstunde angeboten, und es gibt Trauereinzelbegleitung auch für Kinder.

Bei all diesen Zahlen schweigt Christiane Schröder einen Moment, bevor sie dann sagt, dass sie stolz sei auf diese Ergebnisse und „Dafür hat sich das echt gelohnt!“

Dieser Meinung sind auch die Koordinatorinnen. „Ich kann mir keine andere Arbeit vorstellen“, meint Sabine Behm und ihre Kollegin nickt dazu. Beide sind – ebenso wie Christiane Schröder und all die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, ohne die es keinen ambulanten Hospizdienst gäbe – mit ganzem Herzen dabei.

Aber was macht diese Arbeit nun so besonders? Welche Erlebnisse stechen hervor? „Die Arbeit an sich ist besonders“, erklärt Heike Hendel und Sabine Behm fügt noch hinzu: „Jede Begleitung ist einzigartig und nicht wiederholbar. Außerdem“, ergänzt sie noch, „ist auch das Drumherum wichtig. Wir arbeiten mit tollen ehrenamtlich engagierten HospizlerInnen zusammen, sind in der Region gut vernetzt und haben eine sehr verlässliche Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis als Träger. Das ist nicht selbstverständlich und mit ein Grund, warum ich hier bin.“

Auf die Frage, welche Spuren die Arbeit hinterlässt, sind sich die beiden Koordi-natorinnen einig: „Die Arbeit verändert einen selbst und jede Begleitung berührt einen persönlich.“  Manchmal nehme sie auch etwas mit nach Hause, meint Heike Hendel „Wenn es nicht so lief, wie man es sich gewünscht hat, wenn Hilfe abgelehnt wurde…“

Mitten in diesen Satz hinein klingelt das Telefon. Es ist eine der Ehrenamtlichen, die Fragen zu ihrer Begleitung hat und ihr Herz ausschütten möchte. Auch dafür haben die Koordinatorinnen offene Ohren und auch hier heißt es: „Den Weg mitgehen“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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