Die sieben Mondfrauen

Die sieben Mondfrauen
von Nicole Vergin

Es war einmal in einer dunklen Nacht, als kein Stern am Himmel leuchtete und auch der Mond sein sonst so helles Antlitz verborgen hielt. Tief unter ihm in einem Wäldchen tastete sich ein junges Mädchen mühsam durch die undurchdringliche Schwärze. Immer wieder verfing sich ihr einfaches aus Sackleinen gefertigtes Kleid in Dornengestrüpp und kleinen Ästen. Die umgebundene Schürze war irgendwo zurückgeblieben, die Schleife hatte sich gelöst.
„Guter Mond“, flüsterte sie flehentlich. „Wo bist du nur?“
Aber dieser hüllte sich in Schweigen.

Erst am Morgen dieses Tages, hatte sich das Mädchen auf den Weg gemacht. Eine liebliche Stimme war in ihre Träume eingedrungen und sie versprach ihr ein glückliches und zufriedenes Leben. Aber sie müsse das Schloss, in dem sie als einfache Küchenmagd ihr Brot verdiente, verlassen. Wie verzaubert wachte sie auf, bevor noch der Hahn im Hof seinen Morgengruß erschallen ließ und packte ihr karges Bündel.
Den ganzen Tag war sie guter Dinge gewesen, während sie über Felder und Wiesen lief. Auch vor der Nacht war ihr nicht bange, da sie wusste das Vollmond war. Der gute alte Mond würde nur für sie leuchten und ihr den Weg weisen. Das zumindest versprach die Stimme in ihrem Traum.

Und so war es auch gekommen. Bei Einbruch der Nacht war sie noch immer nicht müde, ihre Füße trugen sie mit jedem Schritt weiter, fort von daheim. Nur für einen Moment blieben sie abrupt stehen, als über ihr das Mondlicht erstrahlte und alles um sie herum mit einem silbernen Schimmer bedeckte. Frohen Mutes ging sie weiter, als plötzlich vor ihr ein dunkler Punkt auftauchte. Genau vor ihren Augen wurde er größer und größer, ein tiefes schwarzes Loch. Um sie herum ertönte ein rauschen, das Gefühl als zöge etwas an ihr vorbei. Und wahrhaftig, alles Mondlicht wurde von dem schwarzen Loch eingesogen. Nach wenigen Augenblicken war es verschwunden und sie sah nichts mehr, wohin sie auch blickte.

Verängstigt versuchte sie ihren Weg zu finden. Aber es war aussichtslos. Schon nach wenigen Metern wusste sie nicht mehr, ob sie noch so wie tagsüber ihrem Ziel näher kam. Sie irrte verzweifelt herum, bis sie immer wieder über Wurzeln stolperte und gegen dicke Baumstämme prallte. Da war ihr klar, dass sie irgendwo in einem Wald war, aus dem sie in dieser Dunkelheit nicht wieder herausfinden würde.
Nachdem auch ihr Hilferuf an den Mond scheinbar ungehört von all der Schwärze verschluckt wurde, ließ sie sich zu Boden sinken und begann zu weinen. Tränen liefen über ihr schmutziges Gesicht, tropften auf den Waldboden, wo sie silbrig schimmernd nach und nach einen hellen Fleck hinterließen. Erstaunt blickte das Mädchen auf die einzige Lichtquelle in all der Dunkelheit. Wie kam es, dass ihre Tränen dies bewirken konnten?

Als hätte sie ihre Frage laut gestellt, war in ihrem Kopf auf einmal wieder die sanfte Stimme aus ihrem Traum.
„Hab keine Angst“, sprach sie leise. „Schließe für einen Moment die Augen, damit ich zu dir kommen kann und öffne sie erst, wenn ich es dir sage.“
Gehorsam schloss sie ihre Augen und bemerkte trotz der geschlossenen Lider, wie es um sie herum heller wurde. Ihre Angst wich ein wenig der Neugier und als die Stimme erneut zu ihr sprach, öffnete sie langsam die Augen. Vor ihr stand eine wunderschöne hoch gewachsene Frau in einem langen aus silbrigen Fäden gesponnenen Kleid. Ihre Taille wurde von einem Gürtel geschmückt, dessen Steine golden wie Sterne leuchteten. Als die Frau mit einer beruhigenden Geste eine Hand hob und die Schulter des jungen Mädchens sanft berührte, wehte der weite Ärmel ihres Kleides mit anmutigem Schwung. Auch die rötlich schimmernden, leicht gewellten Haare, die ihr bis auf die Schultern fielen, waren von goldenen und silbernen Fäden durchsetzt.

„Willkommen in unserem magischen Wald“, erklang die ihr nun schon bekannte Stimme. „Ich bin eine der sieben Mondfrauen und ich bin in deine Träume eingedrungen, um dich zu bitten meine Stelle hoch oben am Firmament einzunehmen.“
„Aber warum?“, wisperte das Mädchen leise. „Und warum gerade ich?“
„Jedes Jahr machen wir uns auf die Suche nach einem Mädchen mit reinem Herzen, dass niemanden auf dieser Welt hat, der sich um es kümmert. Und wenn wir es gefunden haben, bitten wir es einen unserer sieben Plätze einzunehmen. Wir Mondfrauen sind dazu auserkoren, für das Gleichgewicht des Mondes zu sorgen.“
„Ich verstehe euch nicht, holde Mondfrau.“
„Der Mond hat eine dunkle Seite, die ihr Menschenkinder nie zu sehen bekommt, da er in immer gleicher Bahn eure schöne Erde umrundet. Damit sich daran nie etwas ändert, gibt es seit Anbeginn der Zeiten die Mondfrauen. Jede von ihnen ist sieben Jahre an seiner Seite, um die Geschicke zu lenken. Danach kehrt sie, so wie ich in dieser Nacht, auf die Erde zurück und bittet ein junges ehrbares Mädchen ihre Stelle einzunehmen.“
„Aber wo wirst du hingehen, wenn ich deinen Platz einnehme?“
„So wie alle Mondfrauen vor mir, werde ich morgen früh in meinem Schloss an der Seite meines Prinzen erwachen und es wird mir künftig an nichts mangeln. Das ist die Belohnung für meine Dienste. Nur die Erinnerungen an die vergangenen sieben Jahre werden aus meinem Gedächtnis ausgelöscht sein.“
„Bitte sag mir, was wird sein, wenn ich nicht deinen Platz einnehme?“
„Dann wird es ein Ungleichgewicht geben, der Mond wird seine Bahn verlassen und seine andere Seite wird die Erde für immer in Dunkelheit tauchen. So wie du es vorhin erlebt hast, als alles Licht durch das Auge der Finsternis aufgesogen wurde.“
„Oh, nein! Das darf nicht passieren!“ Das Mädchen schnappte erschrocken nach Luft. „Dann will ich es tun. Ich werde deinen Platz einnehmen.“
„Sei bedankt. Ich weiß, du wirst es nicht bereuen. Lebe wohl!“ Mit diesen Worten hob die Mondfrau die Hand zu einem letzten Gruß und verschwand so plötzlich wie sie erschienen war. An ihrer Stelle jedoch befand sich eine silberne Treppe, deren Ende nicht mit bloßem Auge zu erkennen war. Wie selbstverständlich stand das Mädchen auf und begann die Stufen zu erklimmen. Auf dem Weg nach oben, begann sie sich zu verwandeln. Die ärmliche Kleidung wich einem prächtigen Gewand. Die zu einem Bauernzopf geflochtenen Haare lösten sich und fielen ihr in prächtigen Wellen über den Rücken. Einer Prinzessin gleich, schritt sie die Stufen empor. Rechts und links der Treppe verbeugten sich leuchtende Sterne, die ihre neue Herrscherin willkommen hießen.

So bekam in dieser Nacht der gute alte Mond erneut eine Mondfrau an seine Seite, die gemeinsam mit den sechs anderen die Geschicke weiter zum guten lenken würde.
Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie heute glücklich und zufrieden mit ihrem Prinzen in dem schönen Schloss, dass sie für ihre Dienste erhalten hat.

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