Die Buchempfehlung

Die Buchempfehlung
von Nicole Vergin

„Moin!“, schallt es mir aus der rechten Ecke des kleinen Buchladens am Rathaus entgegen.
„Moin“, entgegne ich zaghaft. Grüßt man so in dieser Gegend? Ich weiß es nicht.
Eine junge Frau mit einem altmodisch anmutenden Haarknoten folgt ihrer Stimme.
„Kann ich Ihnen helfen oder…?“
Oder, denke ich und sage laut: „Ich würde mich gerne umschauen.“
Sie nickt und tritt zur Seite. Begeisterung sieht anders aus. Oder bilde ich mir das nur ein? Möglich, schließlich habe ich einen schlechten Tag. Oder auch mehrere.

Neugierig sehe ich mich um. Nicht-Liebhaber von Buchläden würden sagen, dass doch alle Läden gleich seien. Viele Bücher und ein bisschen Schnicki. Aber das stimmt nicht. Jeder Buchladen ist anders. Klar, Bücher gibt es nun mal in jedem – wen wundert´s. Aber wie der Laden aufgebaut ist, wo man welche Bücher findet. Welche besonders hervor gehoben sind und welche nicht. Das sagt doch eine Menge aus.
Die Buchhandlung am Rathaus hat auf jeden Fall schon einmal zwei „Dinge“: eine etwas übereifrige junge Buchhändlerin und eine ältere Kollegin oder womöglich die Inhaberin, die einen norddeutsch-grantigen Eindruck macht.
Ansonsten gibt es neben den Regalen voller Bücher eine Ecke mit Schulbedarf. Zwei Stufen geht es nach oben und schon befinde ich mich im Paradies der Blankohefte und allem was so dazu gehört. Eines der zahlreichen Hefte spricht mich besonders an. Schwarz mit einem weichen Rücken – wie für mich gemacht. Ich drücke es eng an mich, während ich mich weiter umsehe.
Die Treppen wieder hinunter an einem der Tische vorbei. Nichts fällt mir dort ins Auge was ich gerne näher betrachten möchte. Nein, nicht mein Geschmack. Ich gehe zum nächsten Regal und stöbere dort. Jodi Picoult – na das sieht doch schon besser aus. Habe ich, habe ich auch, habe ich… nicht! Ich lese den Klappentext und überlege, ob ich mir das Schätzchen gönnen soll. Ein neues Buch. Eigentlich ein Luxus, den ich mir selten gönne. Und wenn, dann im Urlaub. Also, ist heute der passende Tag!

Ich sehe mich noch ein wenig weiter um, als die Stimme der Buchhändlerin erneut erklingt.
„Das haben wir heute erst ganz neu reinbekommen. Ein wunderschönes Buch.“
Schön, denke ich und lächele unverbindlich wobei ich die junge Frau nicht einmal ansehe.
„Es handelt von einer jungen Frau, deren Mutter gestorben ist und die ihr eine Liste hinterlassen hat mit Punkten die sie erfüllen muss. Und jedes Mal, wenn ein Punkt abgehakt ist, bekommt sie einen Brief von ihrer Mutter.“
Uff, stöhne ich innerlich, die lässt sich ja gar nicht bremsen. Jodi und das Blankobuch fest an meine Herzgegend gedrückt wende ich mich ihr nun doch zu. Ganz so unhöflich will ich nicht sein, also lasse ich mich auf das Gespräch ein.
„Klingt ein bisschen wie in „P.S. Ich liebe Dich“, wende ich kritisch ein.
„Naja, ein wenig, aber…“, geht es weiter.
Als ich bereits zu hoffen wage, dass ich doch noch in Ruhe weiterstöbern kann, nimmt sie ein anderes Buch zur Hand.
„Und das hier ist auch wunderschön. Auch mit Herz und Schmerz…“
„Das Cover ist ja entsetzlich“, grätsche ich dazwischen.
„Ja, schon, aber die Geschichte ist wunderbar. Wir mussten das Buch schon mehrfach nachbestellen und es ist immer gleich wieder vergriffen.“
Nur heute nicht, denke ich ironisch.
„Es handelt von einer Frau, die ihre Enkelin bittet in Paris…“
Paris? Meine Ohren werden plötzlich zu Kohlblättern.
„Und sie reist dann dahin…“
„Wissen Sie was? Ich gönne mir heute etwas“, unterbreche ich sie ein weiteres Mal und stelle Jodi wieder ins Regal, „ich nehme beide!“
Sie sieht erstaunt aus. So als könne sie es nicht glauben, dass ich ihren Empfehlungen folge.
Und ich? Ich kann es auch nicht glauben. Aber mein Gefühl sagt mir laut und deutlich: „Kauf diese beiden Bücher!“
Wer kann dazu schon „Nein“ sagen?!
Ich gehe zur Kasse.
„Wenn mir die Bücher nicht gefallen, habe ich einen Grund mal wieder in die Stadt zu kommen“, ich sehe die Buchhändlerin mit einem Augenzwinkern an.
„Um sich zu beschweren?“
„Nein, so etwas tue ich nicht.“
Sie tippt den Preis des Blankobuches ein. „Und in das Blankoheft können Sie ja gleich Ihre Urlaubserlebnisse reinschreiben.“
„Ein Blankoheft kaufen, ist etwas ganz anderes als etwas hinein zu schreiben“, informiere ich sie.
Erstaunt sieht sie mich an und versteht ganz offensichtlich nicht. Macht nichts, ich verstehe das ja auch nicht.
Kurz darauf verlasse ich zufrieden den Laden.

Noch am selben Abend beginne ich eines der Bücher zu lesen. Die Zeit vergeht und ich kann mich nicht losreißen. Es ist, als hätte diese Geschichte nur auf mich als Leserin gewartet. Ein Licht in einer für mich schwierigen Zeit. Ich bin nachdenklich, traurig, manchmal lache ich und es fließen auch Tränen. Tief im Inneren fühle ich mich berührt.
Bereits zwei Tage später habe ich das erste Buch ausgelesen und lasse das zweite folgen. Instinktiv weiß ich, dass auch dieses mich ein Stück weit retten, mir ein Licht in meiner Dunkelheit anzünden und einen Weg weisen wird.
Ein Dankeschön ist das mindeste was ich der jungen Frau in dem Buchladen schulde. Da ich in der Zwischenzeit jedoch aus meinem Urlaub zurückgekehrt bin, schreibe ich eine E-Mail.
Die Antwort kommt rasch: „Vielen Dank für Ihre netten Worte. Aber kann es sein, dass Sie unsere Buchhandlung verwechselt haben? Denn eine junge Dame, die Ihrer Beschreibung entspricht, arbeitet bei uns leider nicht.“
Einen Moment lang starre ich auf die Zeilen, dann wandert mein Blick zum Fenster hinaus und hinauf in die Wolken: „Danke!“, flüstere ich lächelnd.

7 Comments on “Die Buchempfehlung

      • …das fand mein Kopf gerade so spannend… Hat sie nicht einen der Romane zurück ins Regal gestellt? Dann war in meiner Phantasie eins der Bücher zum Lesen auch das Schwarze… Und da ist es besonders spannend, welche Geschichte dort wohl entsteht… 😉
        Gut, mein Deutschlehrer hätte mir wohl die Anmerkung an den Rand geschrieben „wie kommen Sie darauf?“ – aber ich finde den Gedanken schön 💙

        Gefällt 1 Person

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