Christmas-Cool-Man – Teil 1/3

Christmas-Cool-Man
von Nicole Vergin

Es war kurz nach Weihnachten. Alle Geschenke waren ausgepackt, vieles schon wieder umgetauscht oder lieblos in die Ecke gestellt. Auf den Sammelplätzen türmten sich traurige Weihnachtsbaumgerippe. In einem Häuschen am Nordpol, hockte ein älterer Mann mit grimmigem Gesicht am Kamin. Die Tür vom Nebenraum öffnete sich und ein Weihnachtswichtel steckte vorsichtig seine Nase herein.
„Weihnachtsmann?“, wisperte er.
„Lass mich in Ruhe!“, knurrte der zurück.
Blitzschnell verschwand der Wichtel wieder. In so einer Stimmung hatte den Weihnachtsmann noch niemand erlebt. Sonst war er immer gemütlich und guter Dinge. Es lag an dem letzten Weihnachtsfest. Die Zeiten für Weihnachtsmann, Nikolaus – ja, sogar für den Osterhasen – waren schlecht. Immer weniger Kinder interessierten sich für sie und manche lachten sie sogar aus. Das eine oder andere Kind konnten sie noch überzeugen, aber die meisten drehten ihnen den Rücken zu und hockten sich lieber vor den Computer. Der Weihnachtsmann war ihnen nicht cool genug.
Nein, er hatte die Schn… Verzeihung, die Nase gestrichen voll. Ab sofort würde er in Rente gehen! Sollten sie doch sehen, wo die Geschenke herkamen. Seinetwegen konnten sie zu Weihnachten auch den Osterhasen engagieren – ihm war´s gleich.

Gedacht, getan. Der Weihnachtsmann ließ sich im Rentierschlitten in die nächste Stadt bringen, um sich dort ein Rentenantragsformular zu besorgen. In seinem besten Alltags-Nadelstreifen-Anzug schritt er durch die kahlen Gänge der Behörde, suchte das Zimmer auf dem die Buchstaben W-Z für die Nachnamen stand, klopfte höflich, trat ein und bat um das Formular.
„Kein Problem“, sagte der Beamte. „Bitten füllen Sie das Formular vollständig aus. Vergessen Sie Ihre Handynummer und Ihre E-Mail Adresse nicht. Geben Sie mir dann noch Ihren Personalausweis und ich werde sehen was ich für sie tun kann.“
„Handy, E-Mail…?“, stotterte der Weihnachtsmann. „Hab ich alles nicht. Genügt nicht meine Postadresse?“
Der Beamte sah ihn misstrauisch an. „Ja, im Notfall reicht das aus. Wo wohnen Sie denn?“
Der Weihnachtsmann war erleichtert. „Am Nordpol, Eisige Gasse 1, direkt neben dem Haus der Weihnachtswichtel.“
Sein Gegenüber riss die Augen auf. „Darf ich fragen, wie Ihr Name lautet?“
„Weihnachtsmann.“
Die Geschichte endete damit, dass man ihn wegen Veralberung einer Behörde rausschmiss.

Nach dieser Demütigung verkroch sich der Weihnachtsmann ein paar Tage in seinem Haus, dann fasste er einen Entschluss. Schnell rief er alle Weihnachtswichtel zu sich.
„Hier wird sich ab sofort einiges ändern!“, rief er ihnen zu.
„Aber hier kann sich nichts ändern“, wehrten sich besonders die älteren Wichtel. „Seit Jahrhunderten ist hier alles so wie heute.“
„Genau darum geht es“, dröhnte der Weihnachtsmann. „Wir sind altmodisch, langweilig und nicht auf dem neuesten Stand der Dinge. Kein Wunder, dass sich Niemand mehr für uns interessiert. Aus diesem Grund werden wir uns ein Update verpassen. Wir fangen damit an, dass ich künftig der Christmas-Cool-Man bin.“
Die Wichtel sahen sich verstört an.
„Hat er den Verstand verloren?“, „Vielleicht ist er auf den Kopf gefallen?“ – so und ähnlich wisperten sie untereinander.
Bevor sie sich jedoch weitere Gedanken machen konnten, fuhr der Weihnachtsmann mit seinen Erklärungen fort.
„Bis zum nächsten Weihnachtsfest werde ich eine Diät machen, damit ich an Heiligabend rank und schlank bin. Dann brauche ich ein Smartphone und eine B-Mehl Adresse.“
„E-Mail Adresse“, riefen die Wichtel lachend im Chor.
„Egal“, brummte der Weihnachtsmann. „Dann eben die!“

Gesagt, getan. In den kommenden Wochen hielt am Nordpol, in der Eisigen Gasse 1, die Technik Einzug. Der Weihnachtsmann und alle Wichtel wurden mit Smartphones und Laptops ausgestattet. Die sonst so ruhige Weihnachtswerkstatt war nun erfüllt vom Schrillen, Piepen und Klingeln der Geräte. Was die alten Wichtel mit Besorgnis erfüllte, ließ die jüngeren unter ihnen zur Höchstform auflaufen.
Herbert, der Spielzeug-Anstreich-Wichtel, legte sich eine Basecap zu, die er verkehrt herum auf seinen Kopf stülpte, nannte sich Hörb-Män und fragte ständig jeden: „Hey, was geht ab?“
Obwohl sie sonst zu Beginn des Jahres schon mit der Spielzeugproduktion für das kommende Fest begonnen hatten, bastelten sie nun die ganze Zeit an dem neuen Technikkram herum. Am schwersten tat sich hierbei der Weihnachtsmann persönlich. Offensichtlich war es gar nicht so einfach, cool zu sein.
Eines Morgens sprintete er in die Werkstatt – dank seiner Obst-Gemüse-und-sonstige-gesunde-Sachen-Diät hatte er schon einiges abgenommen und war entsprechend schneller geworden – und hielt seinem Oberwichtel Willifred aufgeregt sein Smartphone unter die Nase.
„Ich soll eine WatzAb einrichten!“
Die jüngeren Wichtel wälzten sich vor Lachen auf dem Boden.
„WhatsApp heißt das“, erklärte ihm Hörb-Män, „damit kannst Du kostenlos Nachrichten versenden.“ Flink zückte er sein eigenes Smartphone und zeigte dem staunenden Weihnachtsmann, wie so eine Nachricht aussah.
„Das will ich auch!“, rief dieser und drückte dem verdutzten Wichtel sein Smartphone in die Hand.

Den älteren Wichteln war jedoch das Lachen in der Zwischenzeit gründlich vergangen. Wer sollte denn nun die Geschenke für den Heiligen Abend vorbereiten? Und wie würde Weihnachten künftig überhaupt aussehen?
„Vielleicht bestellen wir die Geschenke nur noch über das Internet und lassen sie dann mit der Post zustellen!“, malte Bernhard, der Dienstälteste Wichtel, sich die weihnachtliche Zukunft in den düstersten Farben aus.
Die anderen Wichtel zuckten zusammen. „Braucht er uns dann überhaupt noch?“, fragten sie sich aufgeregt.
Ja, das war eine gute Frage. Eine Weihnachtswerkstatt, in der keine Geschenke mehr hergestellt wurden, brauchte auch keine Wichtel mehr.
„Da können wir ja gleich die Rentiere verkaufen“, grummelte Hugo, dessen Laune außerhalb der Weihnachtsfeiertage sowieso immer schlecht war.
„Aber wir müssen doch etwas tun können, um unseren Chef davon zu überzeugen, dass man die alten Traditionen nicht alle über Bord werfen muss“, meinte Bernhard und wuschelte nachdenklich mit den Fingern in seinem weißen Bart herum, so dass der aussah wie ein Vogelnest.
„Wir müssen die Kinder mit ins Boot holen“, piepste es von der Tür herüber. Unbemerkt von allen hatte sich Monti, einer der Jungwichtel, in den Raum geschlichen.
„Was willst Du denn!“, schnauzte Hugo den kleinen Wichtel an.
Bernhard legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Nun lass ihn doch mal. Anscheinend hat er eine Idee. Oder hast DU eine?“ Mit sanften Augen sah er den wütenden Wichtel an.
„Nö“, machte dieser und quetschte sich noch ein, „Tschuldigung“, raus, ohne Monti jedoch ins Gesicht zu sehen.
„Also“, begann dieser, während er aufgeregt an seinem grünen Wams herum zuppelte, „ich mag ja auch mal Nachrichten mit dem Smartphone verschicken oder an meinem Laptop spielen. Aber nur das…“ Er ließ offen, was er noch dazu dachte. „Egal“, fuhr er fort, „wichtiger ist: ich mag Weihnachten! Und zwar so, wie es immer war. Mit einem Weihnachtsbaum und einem Weihnachtsmann, der Geschenke bringt. Und ich mag den Schlitten mit den Rentieren. Das Glockengeläut…“
Bevor er sich in weiteren Details verlieren konnte, strich Bernhard ihm lachend über den Kopf: „Wir verstehen schon – Du möchtest, dass Weihnachten so wie immer gefeiert wird.“
Monti nickte strahlend.
„Aber wie sollen wir das hinbekommen? Du hast doch am letzten Heiligen Abend gesehen, wie wenig sich die Kinder für all das interessieren“, gab Hugo nun schon freundlicher gestimmt zu bedenken.
„Deshalb müssen wir sie auf unsere Seite holen.“
„Und wie?“ Bernhards Bart war mittlerweile völlig zerwühlt.
„Wir nutzen den ganzen Technik-Schnick-Schnack, den der Weihnachtsmann doch unbedingt haben will. Weil er denkt, dass er dann cool ist und die Kinder ihn wieder mögen. Ich habe da etwas entdeckt, das nennt sich youtube. Da kann man Filme einstellen und wenn man Glück hat, gucken sich das Menschen auf der ganzen Welt an.“
„Jutjub?“, „Film?“, „Quatsch!“, solche und ähnliche Worte prasselten auf Monti ein.
Nur einer, der Dienstälteste und weiseste aller Wichtel setzte sich still auf einen Stuhl und dachte nach. Und wenn Bernhard nachdachte, kam meistens etwas Gutes dabei heraus.

Teil 2 findet Ihr hier!

18 Comments on “Christmas-Cool-Man – Teil 1/3

  1. Pingback: Christmas-Cool-Man – Teil 3/3 – Die Waldträumerin

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