Baron Münchhausen läuft Marathon

Baron Münchhausen läuft Marathon
von Nicole Vergin

In meiner Kindheit hieß es stets: „Du bist ein Lügenbaron Münchhausen“, wenn ein Familienmitglied die Wahrheit für sich zurecht gebogen hat. Im Klartext, wenn eine dicke Lüge im Raum stand.
Mein Vater machte Zeit seines Lebens dem Baron nicht nur Konkurrenz, nein er übertraf ihn sogar. Egal, ob es um die nicht abgelegte Meisterprüfung ging, für die er sich feiern ließ oder den in der Kneipe „verlorenen“ Geldschein – besser, man glaubte ihm nicht.
Als kleines Mädchen war er mein Held. Ich wusste nichts von all den Lügengebilden, die er baute, und liebte seine Geschichten, in denen er weit ausholte und die Sterne vom Himmel herunter log.

So auch eines Tages, als er beschloss, an einem Marathon teilzunehmen. Ich war unglaublich aufgeregt, schließlich wusste ich, dass die Strecke genau vor dem Mietshaus in dem wir lebten, vorbeiführte. Mehrfach hatte ich vom Fenster aus mit meinem Papa zusammen, die Läufer angefeuert und genau das wollte ich nun für ihn tun.
Meine Mutter schob mir den Sessel vor das Fenster, ich stellte mich darauf und folgte den anfangs noch zahlreichen Läufern mit den Augen. Das Ticken der Standuhr zeigte mir, dass die Zeit voranschritt. Inzwischen waren nur noch in großen Abständen Läufer zu sehen. Viele davon gingen, weil es wohl zu schwer geworden war.
Irgendwann gab ich auf und schlich müde und traurig in mein Zimmer. Ich hatte meinen Papa verpasst.
Dann klingelte es. Ich sprang auf, rannte zur Tür, riss sie auf und schaute über das Treppengeländer.
„Papa!“, ich sprang die Stufen hinunter, ihm entgegen.
Er humpelte, zog sich mühsam am Geländer empor. Doch auf seinem Gesicht lag ein siegessicheres Lächeln. Gleich darauf streckte er mir eine goldene Medaille an einem blau-gelben Band entgegen. Er hatte es tatsächlich geschafft – ich war so stolz auf ihn.
Dass er sich aufgrund mangelnden Trainings eine Überbelastung am Fuß zugezogen hatte, war mir egal. Für mich war er – wieder mal – mein Held.

Jahre später schaute ich mir die Medaille genauer an: für die Teilnahme am 10-km Lauf, war dort eingraviert. Während die Strecke des 42,195 km langen Marathon vor unserem Haus entlangführte, fand die 10 km Runde in einem anderen Stadtteil statt. Ob mein Vater das im Voraus wusste? Keine Ahnung. Aber dass er keinen Marathon gelaufen war, das wird ihm wohl klar gewesen sein. Der Lügenbaron Münchhausen hatte also wieder einmal zugeschlagen.

8 Comments on “Baron Münchhausen läuft Marathon

    • Guten Morgen Nati,
      ein schwieriger Weg auf dem ich immer mal wieder die Augen davor verschlossen habe, dass er sich nicht ändert. Egal, wie weh er anderen damit tut. Und ich habe oft auf meine Mutter geschimpft, weil sie ja gemein zu meinem Papa war. Was sie erduldet hat, ist mir erst spät klar geworden. Ganz „nebenbei“ war mein Vater auch noch Alkoholiker und Fremdgänger. Leider hat sie ihn erst im hohen Alter von 75 Jahren verlassen.
      Hab einen schönen Tag!
      Liebe Grüße
      Nicole

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      • Guten Morgen Nicole.
        Das hört sich gar nicht schön an und deine Mutter musste sehr viel ertragen.
        Ein Wunder dass sie nicht schon viel früher ging.
        Ach da mag man sich gar nicht vorstellen was in ihr alles vorging.
        Manchmal kann man dann als Erwachsener manche Handlungen besser verstehen.
        Danke dir, das wünsche ich dir auch Nicole. 💕🍀
        LG, Nati

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    • Guten Morgen Nati,
      ja, ich verstehe als Erwachsene vieles. Aber eben nicht alles. Und das ist der Punkt mit dem ich – glücklicherweise – Frieden geschlossen habe. Ich bin ein anderer Mensch, ich würde anders handeln. Oder etwas nicht? Schließlich stecke ich nicht in ihrer Haut. Und sie hat eben auch schon mit Ehemann Nr. 1 einiges mitgemacht. Von außen lässt es sich immer leicht reden.
      Zumindest habe ich versucht, ihr die letzten Jahre schön zu machen, nachdem sie ausgezogen ist. Das tröstet mich.
      Ich wünsche Dir eine wundervolle Woche ❤
      Liebe Grüße
      Nicole

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      • Guten Morgen Nicole.
        Irgend etwas davon trägt man immer in sich.
        Entweder geht man den entgegengesetzten Weg oder den gleichen.
        Ich habe mich stets für den anderen Weg entschieden. Ist dann auch eine gewisse Art damit umzugehen.
        Dankeschön, einen schönen Start in die neue Woche wünsche ich dir.
        LG, Nati 💕🍀

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    • Guten Morgen Nati,
      oh ja, man trägt immer etwas in sich… ich merke erst nach und nach wie ähnlich ich meiner Mutter tatsächlich bin. Das ist mir vorher nur nicht aufgefallen, weil ich bewusst versucht habe, mich gegenteilig zu verhalten. Aber nun merke ich, dass ich in vielem eben doch genauso bin… aber vieles eben auch nicht bzw. habe ich da gelernt und / oder es ins positive gewandelt. Ich schaffe es inzwischen sogar, die Seiten meines Vaters die ich definitiv habe, wertzuschätzen. Das war allerdings ein viel größerer Schritt. Spannend so ein Leben! 😉
      Hab einen schönen Tag! ❤
      Liebe Grüße
      Nicole

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