Tierhospiz und Trauerbegleitung für Tierhalter – ein Gespräch mit Vanessa Reif

„Atme langsam tief ein und aus.“ Atmen. Ein Vorgang, den der Körper meist von allein beherrscht. Doch in unsicheren Lebenslagen, schnappen wir oft nur noch nach Luft, atmen flach in die Brust, anstelle von tief in den Bauch. Gerade in Trauerzeiten passiert das immer wieder. Vor mir auf dem Tisch liegen mehrere Blätter Papier, auf denen die Umrisse von Wolken zu sehen sind. Ich habe mir die SOS-Wolke von der Seite Tierliebe und Trauer heruntergeladen und ausgedruckt. Ich bereite mich damit auf ein Gespräch mit Vanessa Reif vor. Der Frau, die hinter dieser Soforthilfe für trauernde Tierhalter steht.

Wir sind uns online begegnet, und als ich las, dass sie ein Tierhospiz betreibt, wollte ich mehr wissen. Über ihre Arbeit und wie sie dazu gekommen ist. Denn im Gegensatz zu den Hospizen für Menschen, finde ich im Internet weit weniger Tierhospize. Dank der technischen Möglichkeiten sitzen wir uns schon bald an den Bildschirmen gegenüber und ich lausche interessiert, welchen Weg Vanessa gegangen ist, bis sie vor fünf Jahren dieses Tierhospiz eröffnet hat.

„2011 wurde mein Kater überfahren“, erzählt sie mir. „Ich habe damals in meiner Trauer kein Verständnis erfahren. Weder von meiner Familie, noch von Freunden. Es ist doch nur ein Tier, sagten einige sogar.“ Erst nach drei Jahren fand sie einen Weg aus ihrer Trauer heraus.

Vanessa nahm Pflegetiere, kleine Katzen, auf. „Aber es fiel mir schwer, sie wieder abzugeben“, erinnert sie sich, „woher sollte ich wissen, ob sie es künftig gut haben würden.“

Erst mit dem Einzug älterer Katzen wurde ihr bewusst, wo ihre Stärken und ihre Berufung liegen. Der alte Kater Flocke zeigte Vanessa, wie wichtig es ist, dass Tiere im Alter und später im Sterben begleitet werden. Er war auch dabei, als 2015 die „Villa Anima“ (Anima ist das lat. Wort für Seele) mit 10 Hospizkatzen startete, und zeitgleich ein Verein gegründet wurde.

„Flocke ist dann noch einmal richtig aufgeblüht“, Vanessas Augen leuchten während ihrer Worte, „er hat das ganze Haus erkundet, und sich mit den Katzen bekannt gemacht. Vier Wochen später ist er friedlich gestorben.“

Inzwischen hat Vanessa über 80 Tiere beim Sterben begleitet. „Tiere sind angstfrei in ihrer Sterbephase“, erläutert sie mir, „sie machen sich keine Vorstellungen vom Sterben, so wie wir Menschen.“ Um andere Tierhalter in der letzten Lebensphase mit ihren Tieren zu unterstützen, arbeitet sie an einem Handbuch, das es online und in gedruckter Form (mit einem Journal für persönliche Einträge) geben wird. Dieses Handbuch soll Sicherheit geben und Mut machen, anders hinzuschauen. „Ich möchte anregen, den für das Tier und für sich eigenen Weg zu finden.“ Vanessa selber handelt in erster Linie nach ihrem Bauchgefühl und ihrer Erfahrung. Bei Bedarf nutzt sie die Zusammenarbeit mit Tierarzt, Tierheilpraktiker und Tierkommunikation.

Aber Vanessa Reif engagiert sich nicht nur für alte und kranke Tiere, inzwischen ist sie auch für Tierhalter in der Trauer ein wichtiger Anker geworden. Ein weiteres Mal hat eines ihrer eigenen Tiere sie auf den passenden Weg gebracht. Nachdem ihre Hündin Mimi gestorben ist, hat sie im Traum ihr Gesicht gesehen und eine Nachricht erhalten: begleite Tierhalter in der Trauer.

„Das hört sich vielleicht im ersten Moment merkwürdig an“, lacht sie, „aber Mimi war wie mein Schatten, und so wundert es mich nicht, dass wir über den Tod hinaus eine liebevolle Verbindung haben. Und dann habe ich nachgedacht“, sie macht eine kurze Pause und nickt dann bekräftigend, „ich hatte oft genug die Trauer am eigenen Leib erfahren, und über die Jahre immer mehr Wege hinausgefunden. Warum sollte ich meine Erfahrungen nicht weitergeben?“ Und so begann sie eines halbes Jahr nach Mimis Tod eine Fortbildung zur Trauerbegleiterin.

Ihre Angebote hat sie auf einer Website zusammengefasst. Bei derartigen Arbeiten kommt Vanessa zugute, dass sie Kommunikationsfachwirtin und Verlagskauffrau studiert und gelernt hat. Bei all diesen Aufgaben ist es verständlich, dass sie im Tierhospiz Unterstützung benötigt. Inzwischen stehen ihr zwei Helfer zur Seite: ein Mini-Jobber und eine Teilzeitkraft. „Trotzdem brauche ich täglich noch selber fünf Stunden, um alle Tiere in der Villa zu versorgen“, lacht sie. Da ist es gut, dass sie durch die Arbeit als Trauerbegleiterin ein weiteres flexibles Standbein hat, und nicht mehr – so wie in der Anfangszeit – stundenweise einer beruflichen Tätigkeit außerhalb der Villa Anima nachgehen muss.

Auf meine Frage nach den für sie berührendsten Momenten, überlegt sie kurz. „Es gibt natürlich viele berührende Momente, aber besonders ist es, wenn nicht zahme Katzen sich nach einer Eingewöhnungszeit völlig entspannen können und mir ihr Herz öffnen. Ich dränge meine Anwesenheit keinem Tier auf, versuche immer ihre Bedürfnisse zu erkunden und ihnen noch eine schöne Zeit zu machen.“

Bei Vanessa’s Worten kommt in mir der Wunsch auf, es möge viel mehr Menschen geben, die sich um alte und kranke Tiere kümmern, und sie nicht als finanzielle und zeitliche Last sehen. Umso schöner, dass vor ein paar Wochen die Idee entstanden ist, ein Netzwerkprojekt ins Leben zu rufen mit einer professionellen Schnittstelle. „Halb Deutschland fragt bei mir nach Hospizplätzen an“, erzählt sie mir, „und ich kann eben nur eine begrenzte Anzahl aufnehmen. Da wäre es toll, wenn es weitere Möglichkeiten geben würde.“

Die Begeisterung und Leidenschaft für ihre Aufgaben wirken ansteckend. Und so kann ich mir gut vorstellen, dass auch dieses Projekt ein Erfolg wird, und wir in Zukunft öfter von Tierhospizarbeit hören und lesen werden.

Liebe Vanessa, ich danke Dir für unser Gespräch, dass mich bereichert und zum nachdenken gebracht hat. Ich wünsche Dir für all Deine Projekte von Herzen alles Gute!

Weitere Informationen über Vanessa’s Arbeit findet Ihr unter www.tierliebe-und-trauer.de und www.villa-anima.de.





9 Comments on “Tierhospiz und Trauerbegleitung für Tierhalter – ein Gespräch mit Vanessa Reif

  1. Hallo Nicole.
    Danke fürs Zeigen.
    Ich finde es gut dass es solche Orte gibt, auch Tierfriedhöfe.
    Schließlich begleitet einen das eigene Tier über Jahre und wird mehr als nur ein Freund oder Familienmitglied. Da tut es gut wenn es einen Ort gibt wo man das verstorbene Tier besuchen kann oder wo das Tier begleitend die letzten Tage verleben darf.
    LG, Nati

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Nati,
      sehr gerne. Ja, Tierfriedhöfe finde ich auch wichtig. In diesem Jahr habe ich geplant ca. 1 x im Monat Beiträge rund um Sterben, Tod und Trauer zu schreiben. Das ist mir in 2020 ein wenig kurz gekommen. ❤
      Wie es allgemein in Tierhospizen ist, weiß ich nicht. Aber in der Villa Anima werden ausschließlich Tiere aus dem örtlichen Tierheim und Fundkatzen versorgt und begleitet. Kapazitäten für Privattiere gibt es dort nicht. Meine Tiere, meine Fell-Familie, habe ich immer bis in den Tod begleitet. ❤
      Hab ein schönes Wochenende, liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 2 Personen

      • Ein wichtiges Thema welches man gern von sich schiebt.
        Aber du beschäftigst dich ja intensiv damit. 💕
        Ich würde es auch so handhaben wie du, zu Hause, wenn es möglich ist.
        Dankeschön, ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende Nicole. 🙂🍀

        Gefällt 1 Person

    • Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich mit diesen Themen von Kindheit an keinerlei Berührungsängste hatte. (Meine Oma wohnte am Friedhof, das fand ich SO spannend! Und gruselig… 😉 )Das hat mir schon in manchen Situationen geholfen. Aber es ist nunmal nicht Jedermanns „Sache“, wobei es Jedermann betrifft…
      Das ist schön ❤ ❤ ❤
      Ich danke Dir! ❤

      Gefällt 1 Person

      • Meine Schwester wohnte auch mal direkt an einem Friedhof. Ich fand den Ausblick schön. Aber ich muss zugeben dass auch ich, wie die Meisten, dieses Thema eher von mir schiebe. Obwohl ich doch stets ein realistischer Mensch bin und der Tod nun einmal dazu gehört.

        Gefällt 1 Person

  2. Davon hab ich noch nie gehört. Eine tolle Sache – vorallem für die Trauernden. Ich kenne das, wenn die Leute sagen, ist doch nur ein Tier. Aber dieses Tier hat einen viele Jahre begleitet und war nie mit irgendwelchen Vorurteilen behaftet. Pure Liebe und Freude. Als unsere Hündin letztes Jahr starb, sind wir auch in ein Loch gefallen, das selbst die Katzen nicht füllen konnten. Wir konnten uns zu nichts aufraffen. Auch als unser Kater vor 7 Jahren starb – ich hab tief getrauert. Man selbst kann es oft nicht fassen, wie sehr es schmerzt.

    Wirklich eine tolle Sache.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 3 Personen

    • Es tut mir sehr leid, dass Eure Hündin im letzten Jahr gestorben ist, liebe Rina. ❤
      "Pure Liebe und Freude" – wie schön und klar ausgedrückt ❤ Ja, genauso ist es. Und die Risse, die wir durch den Tod unserer Vierbeiner im Herzen fühlen, sind tief.
      Trauerbegleitung ist wichtig für die, die es brauchen und wollen. Egal, welchen Verlust wir beklagen.
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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