vergessene Geschwister

Der erste Monat meines Projekts ist vorüber. Ich habe mich hauptsächlich mit einem Familienbuch befasst. Dieses Buch hat meine Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter, für sie angefertigt. Es beinhaltet Stammbäume, Kindheits-Anekdoten, die Geschichte des Elternhauses und noch einiges mehr. Ihr könnt Euch sicher denken, wie emotional es für mich war, das alles zu lesen.

Meine Mutter ist im Harz geboren und aufgewachsen. Ihr Großvater und auch ihr Vater waren Fuhrmann von Beruf. Sie transportierten mit ihren Pferdekarren ausschließlich Waren, keine Personen. Ihre Kaltblüter (Pferde) wurden auch zum Holzrücken im Wald eingesetzt. Oft hat meine Mutter erzählt, dass ihr Vater schon mit elf Jahren gearbeitet hat, und die Familie unterstützen musste. Die Pferde haben ihn damals um einiges überragt, aber er hat es hin bekommen. Als meine Mutter neun Jahre alt war, begann der Krieg. Die meiste Zeit haben sie in ihrem Bergdorf nicht allzuviel mitbekommen. Auch hungern mussten sie nicht, da sie einen Hof hatten und selber schlachteten.



Ich kenne nur Bruchstücke aus ihrer Kindheit und Jugend, aber so wie sie davon erzählte, war es insgesamt eine glückliche Zeit. Was sich durch die Geschichten in ihrem Buch noch bestätigte.

Mein Onkel R. war für mich immer der älteste der sechs Geschwister. Ich habe nie etwas anderes zu hören bekommen. Im Stammbaum jedoch taucht eineinhalb Jahre vor seiner Geburt ein Junge auf, der nur knappe zwei Monate gelebt hat. Später entdecke ich, dass er an einer Lungenentzündung verstorben ist. Wie tragisch für meine Großeltern. Ich bin froh, den kleinen Hans entdeckt und gedanklich wieder in die Familie aufgenommen zu haben. In einem Genogramm, das sich ebenfalls in diesem Buch befindet, taucht noch ein Mädchen auf. Aber es ist für mich nicht klar erkenntlich, ob sie ein weiteres Geschwisterkind war. Als Anmerkung stand dabei, dass sie mit „einem Karfunkel geboren wurde“ (ich weiß nicht, was damit gemeint ist; vielleicht ein Furunkel?), und bereits mit einem Monat verstorben ist.

In den vergangenen Wochen habe ich mehrfach von meiner Mutter geträumt. Meist ging es um Lebenssituationen, die schwierig waren und ihr viel abverlangt haben. Ich habe darüber nachgedacht, wie ihr Leben war, als sie in meinem Alter – also Anfang 50 – war. Sie hatte eine 10-jährige Tochter (das war ich), die aufmüpfig und nicht leicht zu händeln war. Ihre ältere Tochter (meine Halb-Schwester) war 27 und hatte starke Depressionen. Und ihr zweiter Ehemann war Alkoholiker und befand sich gerade in einer Entziehungskur. Aus dieser Zeit gibt es etliche Briefe und Karten. Von mir, meiner Mutter und meinem Vater.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich wusste warum mein Vater zur Kur musste. Aber ich wusste, dass er das Geld gerne in die Kneipe trug, und dann besoffen nach Hause kam. Aus den Briefen geht hervor, dass mein Vater hauptsächlich gejammert und sich über das schlechte Essen beschwert hat. Meine Mutter hat – wie stets – versucht, die Wogen zu glätten und es ihm recht zu machen. Es tut weh, hinter diese Kulissen zu schauen. Aber vieles hilft mir auch dabei, meine Eltern im Nachhinein noch besser zu verstehen.

Geschrieben habe ich bisher kaum etwas. Ich denke, dass wird sich nach und nach ergeben. Ich mache mir keinen Stress, gerade weil ich ja auch mit dem verarbeiten all dieser Erinnerungen klar kommen muss. Mal schauen, wie es in den nächsten Wochen weitergeht.

Nachsatz: meine Mutter war schon zu Lebzeiten damit einverstanden, dass ich ihre Geschichte aufschreibe. Aber ich werde – wie Ihr schon gesehen habt – Namen nicht ausschreiben bzw. unkenntlich machen.

14 Comments on “vergessene Geschwister

    • Guten Morgen liebe Nati,
      ja, das ist es tatsächlich. Vor allem, wenn mir nach und nach Erkenntnisse kommen. Viele sorgen für Erleichterung, einige aber auch für ein „schlechtes Gewissen“. Aber ich weiß auch, dass es normal ist. Gerade mit zunehmender Erfahrung sieht man vieles anders und würde anders handeln.
      Hab einen schönen Tag!
      Liebe Grüße
      Nicole

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      • Guten Morgen Nicole.
        Ich denke ein schlechtes Gewissen ist da nicht angebracht.
        In jungen Jahren hat man noch einen anderen Blick und nicht das Wissen auf die Dinge. Vieles erschließt sich bestimmt auch erst jetzt, wodurch du manches anders sehen und verstehen kannst.
        Aber es ist durchaus normal dass sich dieses Gefühl dann einschleicht.
        Liebe Grüße und einen schönen Start in den Tag wünsche ich dir.
        Nati

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    • Guten Morgen Nati,
      ja, mit den Gefühlen (z. B. Schuld, schlechtes Gewissen) ist das ja so eine Sache. Sie sind da (wie Du ja auch schreibst; sie sind normal). Ob berechtigt oder unberechtigt. Und letztendlich ist es für mich gut, weil ich dann über das nachdenke: wie ich bin, wie ich mich verhalte. Und wie ich mich künftig verhalten möchte. Ich sehe das inzwischen positiv. Und – wenn möglich – lerne ich daraus. ❤
      Aber… meine Mutter würde absolut NICHT wollen, dass ich ein schlechtes Gewissen habe!! 😉
      Ich wünsche Dir einen tollen Tag und einen guten Start in ein schönes Wochenende ❤
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

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