Süße Liebe – Teil 1/2

Süße Liebe
von Nicole Vergin

Ein unbeobachteter Moment hatte für den Beginn ihrer Freundschaft genügt. Während Antons Kinderfrau mit dem Obsthändler über ein paar rotbackige Äpfel verhandelte, schlich sich der Junge an den Rand des Marktplatzes. Dort hockte er sich neben eine Pfütze, die der nächtliche Regen hinterlassen hatte, und tippte andächtig mit der Spitze seines Zeigefingers in das kalte Wasser. Kleine Wellen kräuselten sich um seinen Finger und ließen Antons Spiegelbild verschwimmen. Immer tiefer beugte er sich über die Pfütze, bis seine Nasenspitze beinahe das Wasser berührte.

„Was machst du da?“
Unerwartet tauchte eine Stimme neben ihm auf. Mit einem satten Platsch landeten Antons Hände mitten in der Pfütze. Der Schreck hatte ihn sein Gleichgewicht gekostet. Hastig sprang er auf und fand sich vor einem Mädchen wieder. Beinahe ebenso groß wie er, schaute sie ihm neugierig in die Augen.
„Du hast mich erschreckt“, stellte er schüchtern fest, während er versuchte die triefenden Hände an seiner hellen Leinenhose abzuwischen.
Währenddessen beugte sich das Mädchen über die Pfütze und sagte: „Schau, wie sich mein Gesicht im Wasser spiegelt.“
„Mmh“, machte Anton und dachte dabei, wie hübsch das Mädchen aussah.
„Bist du morgen wieder hier?“, fragte die Kleine.
„Ich weiß nicht“, antwortete Anton und sah sich rasch nach seiner Kinderfrau um. Olivia, so war ihr Name, würde es nicht gefallen, dass er sich hier mit einem wildfremden Mädchen unterhielt, die anscheinend ganz allein durch die Gassen des kleinen Städtchens stromerte.
„Anton?“ Olivias Stimme drang in Antons Ohr.
„Ich muss los!“, flüsterte er rasch.
Das fremde Mädchen schaute lächelnd zu ihm auf. „Wollen wir Freunde sein? Ich heiße Marie.“
Beherzt nickte Anton, bevor er sich umdrehte und auf die wartende Kinderfrau zulief.

Die Schelte, die er an diesem Abend für seine verschmutzte Kleidung einstecken musste, berührte ihn nicht. In Gedanken sah er die kleine Marie, wie sie neben der Pfütze hockte und ihm ihre Freundschaft anbot. Noch nie war ihm so etwas passiert.
Wohlbehütet wuchs er in seinem Elternhaus auf. Die Tage verbrachte er mit seiner Kinderfrau, da der Vater von früh bis spät in seiner Kanzlei arbeitete und die Mutter sich, wie sie stets seufzend erklärte, in der Gesellschaft zeigen musste. Andere Kinder gab es in ihrem Haushalt nicht und mit den Kindern in den Gassen durfte er nicht spielen.
Und so war diese Begegnung etwas Kostbares für den kleinen Anton.
Sein letzter Gedanke, bevor er an diesem Abend die Augen schloss, galt seiner neuen Freundin Marie.

Es vergingen ein paar Tage, bevor sich erneut eine Gelegenheit für Anton und Marie zu einem Wiedersehen ergab.
Ein launischer Herbsttag mit kalten Winden, die sich entschlossen durch den wollenen Mantel des Jungen bissen. Anton ging mit seiner Kinderfrau im nahegelegenen Stadtpark spazieren. Olivia stand, wie so oft, unter einer der großen Eichen und plauderte mit anderen Kinderfrauen. Da Anton wusste, dass Olivias Gespräche stets eine Weile dauerten, ging er ein Stück weiter und hielt nach Eicheln Ausschau. Er wollte einige von ihnen mit nach Hause nehmen, um sie dort in eine Schale mit Wasser zu legen. Vielleicht würde dann in seinem Zimmer eine kleine Eiche wachsen!

„Pst!“, machte es plötzlich aus einem nahe gelegenen Gebüsch heraus.
Anton erkannte Maries Stimme sofort wieder.
„Bleib da drin!“, flüsterte er ihr aufgeregt zu, „meine Kinderfrau sieht dich sonst und dann muss ich sofort mit ihr nach Hause gehen.“
„Warum?“, fragte Maries Stimme ebenso leise.
Anton schluckte. „Ich darf nicht mit fremden Kindern spielen.“
Einen Moment war es still. Dann erklang Maries Stimme erneut. „Dann spielen wir eben, ohne dass sie uns zusammen sieht.“
Anton konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie das vor sich gehen sollte. Aber schon kam die Antwort in Form einer bunten Kugel auf ihn zugerollt.
„Buddel zwischen uns ein Loch“, wisperte Marie, „dann versuchen wir abwechselnd mit der Kugel dort hinein zu treffen.“
Anton schaute kurz zu Olivia hinüber. Aber diese war in ihr Gespräch vertieft, so dass der Junge sich voller Freude auf das Spiel mit Marie einließ.

Diese heimlichen Treffen waren es, die Anton in der kommenden Zeit das Leben versüßten. Stets hielt er auf den Ausflügen mit seiner Kinderfrau die Augen offen, um wenigstens einen Blick auf Marie zu erhaschen. So manches Mal ergab sich auch nur die Möglichkeit eines Zuzwinkerns oder eines heimlichen Winkens mit dem kleinen Finger im Vorübergehen.
Ein besonderer Tag war es für Beide stets, wenn sie zusammen sprechen oder – das Höchste aller Gefühle – ein Spiel spielen konnten.

Die Winterzeit nahte und Anton und Marie sahen sich nur noch selten. Anton, der den klirrenden Frost mit seinen magischen Eisblumen liebte, konnte nicht verstehen, dass seine Kinderfrau die Stunden des Tages lieber mit ihm vor dem Kamin verbringen wollte. Sie lockte ihn mit dem Vorlesen von Abenteuergeschichten und dem Backen von leckeren Keksen.
Aber Anton dachte bei allem was er tat immer nur an seine Freundin Marie.

Teil 2 findet Ihr hier!

11 Comments on “Süße Liebe – Teil 1/2

  1. Pingback: Süsse Liebe – Teil 2/2 – Die Waldträumerin

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