Süsse Liebe – Teil 2/2

Süße Liebe (Teil 1 findet Ihr hier)
von Nicole Vergin

Das Jahr neigte sich dem Ende zu. Anton hatte Marie seit einigen Tagen nicht gesehen. Heute nun sollte sich das ändern. Der Junge war wildentschlossen, das Mädchen wenigstens noch ein einziges Mal in diesem Jahr zu sehen.

Der geeignete Moment war gekommen, als die Hauswirtschafterin beim Kontrollieren der Vorratskammer bemerkte, dass sich Mäuse an den Kartoffeln gütlich getan hatten. Was sollte die Köchin nun zu dem Festtagsbraten als Beilage kochen? Der Herr des Hauses, Antons Vater, erwartete gestampfte Kartoffeln. So wie jedes Jahr zum Jahreswechsel.
Anton, der dem Wortausbruch der Wirtschafterin gelauscht hatte, konnte die Gelegenheit mit Händen greifen, so deutlich stand sie vor ihm.

„Ich!“, rief er entschlossen, „ich hole vom Markt neue Kartoffeln!“
Und ohne eine Antwort abzuwarten, griff er nach seinem dunkelblauen Wollmantel mit den großen silbernen Knöpfen und eilte zur Tür.
„Warte!“ Die Hand der Hauswirtschafterin hielt den Jungen mit festem Griff an der Schulter fest.
„Du kannst nicht alleine fortgehen“, erklärte sie Anton.
„Aber ich war seit ein paar Tagen nicht mehr draußen.“ Anton sah die Hauswirtschafterin mit großen Augen an.
Diese seufzte. „Nun gut, aber warte, ich hole Olivia, damit sie dich begleitet.“
Der Junge schlug die Augen nieder, damit die Wirtschafterin das verräterische Glitzern darin nicht sah. Friedlich nickte er und setzte sich, wie zur Bestätigung seines guten Willens, auf den Hocker, der im Eingangsbereich des Hauses stand.

Während die Hauswirtschafterin ihre Röcke raffte, um die zwei Treppen hinauf zu den Dienstbotenzimmern zu steigen, schlich Anton in die Küche und öffnete so leise wie möglich die Schublade in der er das Wirtschaftsgeld wusste. Wie gut, dass er die Wirtschafterin einmal beobachtet hatte, wie sie die Börse dort hinein getan hatte!
Rasch entnahm er ihr ein paar Münzen, griff nach dem geflochtenen Einkaufskorb und war gleich darauf durch einen Türspalt hinaus auf die Straße geschlüpft. Nun hieß es, die Beine in die Hand zu nehmen und trotzdem auf dem festgefrorenen Schnee nicht auszurutschen. So schnell es ihm möglich war, lief Anton zum Marktplatz – nicht ohne sich beständig umzuschauen, ob er Marie irgendwo entdeckte.
Auf dem Marktplatz angekommen, steuerte er direkt auf den Stand mit den Kartoffeln zu, an dem die Köchin oder manchmal auch Olivia einkauften. Kurz darauf lagen bereits dicke, große Kartoffeln in seinem Korb. Genau die Richtigen, um daraus Stampfkartoffeln zu machen.

Kreuz und quer lief er danach durch die Gassen und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um. Nichts. Keine Marie. Es war wie verhext. Gerade an diesem Tag, wo er endlich einmal ohne seine Kinderfrau unterwegs war. Für einen Moment stellte er den Korb in den Schnee und pustete in seine kalten Hände. Wie dumm, dass er in der Eile nicht an seine Handschuhe gedacht hatte.

„Hallo Anton“, erklang plötzlich die bekannte Stimme neben ihm.
Glückstrahlend schaute Anton hoch und sah direkt in Maries leuchtende Augen.
„Sind deine Hände kalt?“, fragte sie und umfasste sie im gleichen Moment mit ihren eigenen kleinen Händen.
„Schön warm“, war alles was Anton heraus brachte.
In seinem Bauch begann es zu kribbeln. Im letzten Sommer hatte Anton bei einem Ausflug in den Wald einen Ameisenhügel gesehen. Lange hatte er diese vielen kleinen Tierchen beobachtet. Wie sie hin- und her- und über einander weg rannten. So, genau so, fühlte es sich in seinem Bauch an.
„Wo ist Olivia?“ Marie sah sich um, während sie weiter Antons Hände wärmte.
„Ich bin allein hier“, antwortete Anton und erzählte ihr, wie es dazu gekommen war.
Inzwischen war einige Zeit vergangen und die Turmuhr der nahegelegenen Kirche schlug zur vollen Stunde.
„Ich muss heim.“ Bedauernd sah Anton Marie an. Wie gerne wäre er noch geblieben. Hier bei ihr. Aber in der Zwischenzeit würde ihn Olivia sicher schon suchen. Und er musste daheim sein, bevor seine Eltern zurückkehrten.
Marie stellte sich neben ihn, fasste mit ihrer rechten Hand seine linke und sagte: „Ich begleite dich ein Stück.“
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Anton wollte gerne etwas sagen. Irgendetwas, wofür Marie sich interessieren könnte.
„Die Köchin hat heute schon den Festtagspudding gekocht“, platzte er plötzlich heraus und lief augenblicklich rot an.
Aber Marie lächelte ihn weiter lieb an und dachte offenbar nicht daran, ihn auszulachen.
„Magst du Pudding?“, wagte er sich nun weiter vor.
„Ich weiß nicht“, war die Antwort.
Anton blieb abrupt stehen. „Du weißt nicht, ob du Pudding magst?“ Der Junge sah sie mit großen Augen an. Für ihn war es das Größte, wenn er wusste, dass die Köchin Pudding kochte. Schon oft hatte er in der Küche gestanden und ihr dabei zugesehen. Jedes Mal war er aufs Neue erstaunt, dass der Pudding nicht unten im Topf schwarz wurde, sondern stets goldgelb war, wenn sie ihn in die Puddingschale zum abkühlen goss.
„Bei mir zuhause gibt es keinen Pudding“, sagte Marie mit leichter Stimme, „wir können uns so etwas nicht leisten.“

Ein paar Schritte grübelte Anton darüber nach, was Marie ihm gerade offenbart hatte. Der Junge hatte schon von Menschen gehört, die arm waren. Seine Eltern gingen oft auf Abendgesellschaften, wo für die Armen gesammelt wurde. Aber so richtig vorstellen konnte er sich unter dem Wort Armut nichts.
Natürlich war ihm aufgefallen, dass Marie immer dasselbe braune, verschlissene Kleid trug, wenn sie sich sahen. Aber, dass das Armut bedeuten könnte – nein, das war ihm nicht in den Sinn gekommen. Arme Menschen waren doch traurig und lächelten nie. Aber seine Marie war immer fröhlich.
In der Zwischenzeit waren die Beiden stehen geblieben. Anton sah verlegen vor sich auf den Boden. Als er hochsah, blickte er genau in Maries schöne leuchtende Augen.
„Warum seid ihr arm?“, traute sich der Junge zu fragen.
Marie zog für einen Moment die Schultern hoch, als ob ihr nun doch kalt sei. „Mein Vater ist im letzten Jahr gestorben und nun muss meine Mutter für uns beide Geld verdienen. Sie arbeitet als Dienstmädchen bei feinen Herrschaften. Und manchmal kann ich auf dem Markt ein paar kleine Geldstücke dazu verdienen. Ich helfe beim Aufräumen oder trage den Kunden ihre Körbe nach Hause.“
Mit großen Augen sah Anton seine Freundin an.
Diese knuffte ihn spielerisch in die Seite.
„Komm, du musst nach Hause“, sagte sie und bot ihm erneut ihre Hand an.
Mit festem Griff nahm Anton sie, während ein Gedanke in seinem Kopf Gestalt annahm.

In der folgenden Nacht, als alle Lichter des Hauses erloschen waren und die Bewohner in tiefem Schlummer lagen, erhob sich eine Gestalt aus ihrem Bett. Zwei Füße tapsten die Stufen hinunter in das Erdgeschoss, wo die Küche lag. Die Tür wurde leise knarrend geöffnet und eine Hand griff nach dem großen Schlüsselbund, den die Hauswirtschafterin allabendlich bevor sie zu Bett ging, dort an einen großen Nagel hing.

Es war Anton, der hier das Wagnis einging zum zweiten Mal an diesem Tag eine Strafpredigt zu bekommen. Glücklicherweise waren seine Eltern bei seiner Heimkehr noch abwesend, so dass er mit vielen Entschuldigungen und Versprechungen bei Olivia erreichte, dass diese ihn nicht verraten würde. Zu groß war die Angst der Kinderfrau, dass sie selbst entlassen werden könnte.
Und nun schlich er durch die dunklen Zimmer, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Oben an der Kellertreppe blieb er einen Moment stehen und schluckte. Der Keller war selbst am Tag schon ein unheimlicher Ort, aber nun in der Nacht schauderte es Anton um so mehr.
Aber wenn er seiner Marie eine Freude machen wollte, dann musste er es wagen. Und so nahm er die flackernde Petroleumlampe, die er aus der Küche mitgenommen hatte, hielt sie am ausgestreckten Arm vor sich und leuchtete die Stufen so gut es eben ging aus.

Endlich war er unten angelangt und stand kurz darauf schon an der Tür des Vorratsraumes. Zielsicher griff er nach dem richtigen Schlüssel, öffnete die Tür und trat ein.
Auf dem zweiten Regalbrett leuchtete sie verführerisch. Die weiße Schale mit dem goldgelben Pudding darin. Rasch drehte er eine der herumstehenden Holzkisten um, kletterte hinauf und hob die Schale vorsichtig hinunter. Behutsam stellte er sie auf den kleinen Tisch, der neben dem Regal stand.
Nun kramte er aus seinem Beutel, den er sich umgehängt hatte, eine Dose mit einem Deckel, einen Teelöffel und einen Pfannenwender. Diesen schob er behutsam in die Schale, hob damit die Puddinghaut, die stets beim Kochen entstand, an und klappte sie zur Seite. Dann nahm er den Teelöffel, tauchte ihn in den Pudding und füllte die kleinen Mengen in seine Dose. Nach einer Weile, verschloss er die Dose sorgfältig, Dann glättete er den übrig gebliebenen Pudding und klappte die Haut vorsichtig wieder zurück.
Anton nickte zufrieden. Ja, so hatte er es sich vorgestellt. Als sei nichts gewesen, leuchtete die helle Masse in der Schale. Nur bei genauem hinsehen konnte man einen kleinen Rand oberhalb der Haut entdecken. Aber das würde sicherlich niemandem auffallen.
Nachdem er die Puddingschale wieder an seinen Platz gestellt hatte, verschloss Anton sorgfältig die Vorratskammer, stellte die Lampe an ihren Platz und hängte den Schlüssel zurück. Kurz darauf lag er zufrieden in seinem Bett. Sicher würde sich Marie über den Pudding freuen.

Bevor er einschlief, stellte er sich vor, wie Marie den Pudding genüsslich essen und dabei über das ganze Gesicht lachen würde. Und wer weiß – und bei diesem Gedanken begannen die Ameisen wieder in Antons Bauch herum zu krabbeln – vielleicht würde sie ihm mit ihren Pudding beschmierten Lippen sogar einen kleinen süßen Kuss auf die Wange hauchen.

9 Comments on “Süsse Liebe – Teil 2/2

  1. Pingback: Süße Liebe – Teil 1/2 – Die Waldträumerin

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