Meine Oma

Diesen Erinnerungs-Text habe ich vor drei Jahren geschrieben… und dann wieder vergessen. Im Rahmen der Arbeiten am Erinnerungs-Buch für meine Mutter ist er nun wieder „aufgetaucht“.

Omas sitzen im Schaukelstuhl am Kamin, die Enkelkinder zu ihren Füßen auf Kissen gekuschelt, lauschend. Geschichten wabern durch den Raum. Sie beginnen mit „Ich erinnere mich…“ oder „Damals, als…“.
Mit staunenden Augen sehen die Kleinen die Bilder, die Oma beim erzählen heraufbeschwört. Pferdegespanne, die schnaubend Anhöhen erklimmen, an denen sich Wälder schmiegen, um dort Holz zu rücken. Lange, heiße Sommertage, an denen Kinder in ihren Schulferien Heidelbeeren sammeln und auf den Feldern beim Heu wenden mit anpacken müssen. Von Sonnenstrahlen, die sich unbarmherzig auf kleine und große Körper stürzen, um an freien Stellen feuerrote Male zu hinterlassen.
All die kleinen und großen Geschichten, die weiterleben und ihren Weg in die nächsten Generationen finden sollen.

Genau so habe ich mir eine Oma, meine Oma, immer vorgestellt und gewünscht. Die Realität war jedoch anders. Ich lebte mit meinen Eltern in Hannover, meine Oma im Harz, in der Bergstadt St. Andreasberg. In meiner Kindheit, in meinen kindlichen Augen, ein Ort aus einem Märchen. Raus aus den lärmenden Straßen, hinein in eine kleine überschaubare Welt, in der Kinder noch auf den Straßen spielen konnten. Umgeben von Bergen, die mir riesig erschienen, Wälder, die meine Abenteuerlust weckten, und weite Wiesen über deren Hänge wir uns vorwärts, rückwärts und seitwärts kugelten.

Meine Eltern besaßen kein Auto, so dass eine Harzreise ein seltenes, kostbares Erlebnis war. Die Straße, in der meine Oma lebte, hieß Glück-auf-Weg. Heute weiß ich, dass dies auf den früheren Bergbau hinweist. Damals jedoch war es sonnenklar für mich, dass hier und nur hier das Glück wohnte.
Der Moment, wenn wir nach endloser Fahrt auf den Hof traten, trieb mir jedes Mal Freudentränen in die Augen. Das grüne Tor der Auffahrt weit geöffnet. Vor uns das zweistöckige Haus, das schon meinem Ur-Großvater gehörte. Helle Fassade mit vielen Fenstern, der Eingang über zwei Stufen zu erreichen. Und das spannende war für mich immer, dass man sich dann in einem kleinen Vorraum befand, der sogenannte Schauer. Gedacht für das abstreifen dreckverkrusteter Stiefel, wenn die Arbeiter von der Stall- oder Waldarbeit müde ins Haus gingen. Für mich aber war es ein besonderer Raum, in dem ich mit meiner Lieblingscousine auf der kleinen Sitzbank hockte, die auf giftgrüner, drahtiger Auslegware stand und geheime Pläne schmiedete. Trat unverhofft jemand in unseren Raum, dann kicherten wir und versuchten geheimnisvoll zu wirken.

Direkt am Haus, sowohl vom Hof als auch durch die Waschküche zu erreichen, befand sich der Pferdestall. Von klein auf fühlte ich mich zu diesen großen Tieren mit den meist sanften Gemütern hingezogen. Die buschigen Mähnen, die ich bürstete, sobald ich groß genug war um daran zu gelangen. Das weiche Fell, in das ich meine Nase hineinwühlte, um den Duft aufzusaugen und ihn mit nach Hause zu nehmen. Und jedes Mal durfte ich ein Stückchen auf dem Hof herum reiten. Geführt von meinem Onkel, der nach dem Tod seines Vaters den Hof übernommen hatte. Immer ein Lachen auf seinem gutmütigen Gesicht, immer eine Melodie auf den Lippen. So stapfte er unverdrossen Runde um Runde, wenn ich um mehr bettelte.

Meine Oma war in dieser ganzen Glückseligkeit für mich nur eine Randerscheinung. Jemand, den ich kurz mal sah, mit dem ich aber nichts anfangen konnte. Umgekehrt schien es mir genauso. Ich war das jüngste Enkelkind von einer ganzen Schar, so dass die Oma-Gefühle schon einige Jahre ausgelebt waren. Zudem lebten die anderen in der näheren Umgebung. Ganz andere Möglichkeiten für eine Beziehung.
Aus dieser Zeit erinnere ich mich nur an eine Szene zwischen meiner Oma und mir. Wir waren für einige Tage zu ihr gereist. Ich war in der Küche und wollte etwas aus dem Kühlschrank holen. Vielleicht wollte ich auch nur wissen, was alles darin war. Ich weiß es nicht mehr. Was ich weiß ist, dass meine Oma plötzlich wie aus dem Boden gewachsen neben mir stand und mir verbot einfach an den Kühlschrank, an ihren Kühlschrank zu gehen. Mit welchen Worten sie das tat, behielt ich in der Aufregung nicht. Mir lief ein Schauer über den Rücken, mein Herz raste, ich hatte Angst. Meine Mutter erschien im selben Moment auf dem Plan, hörte das Verbot und war stocksauer. Ich sackte noch mehr in mich zusammen, in der Gewissheit, dass ich nun das Vater unser zu hören bekam. Einen Moment später hob ich erstaunt den Kopf, blickte den Erwachsenen in die Gesichter. Meine Mutter machte meine Oma zur Schnecke. Ich konnte es kaum fassen. Worte wie „sie ist doch keine Fremde“ und „wie kannst du nur?“ fielen.
Was danach geschah, ist aus meiner Erinnerung getilgt. An den Kühlschrank meiner Großmutter bin ich jedoch nie wieder gegangen. Soviel zu meiner Vorstellung von Kaminfeuer und Geschichten.

Es kam die Zeit, da rückte meine Oma in jeder Beziehung nah an mich, an mein Leben heran. Zu nah für meine Begriffe! Sie war damals über 80 und konnte die schmale Stiege in ihrem Haus nicht mehr hinaufsteigen, um ins Bad zu gelangen. Mein Onkel, der mit seiner Frau inzwischen der alleinige Bewohner der oberen Geschosse war, war nicht willens im Erdgeschoss ein Bad installieren zu lassen. Dafür sei kein Geld da, beschied er abschlägig. Ins Heim wollte meine Oma nicht. Was blieb?
Eine Übergangslösung. Eine Übergangslösung, die soweit ich mich erinnere, zwei Jahre dauerte. Während dieser Zeit lebte meine Oma abwechselnd bei meiner Tante, die mit ihrer Familie ebenfalls in St. Andreasberg lebte und bei uns in Hannover. Sie benötigte für die zwei bis drei Monate jeweils ein eigenes Zimmer und bekam kurzerhand meins. Was für einen Teenager von 15 Jahren einen Albtraum bedeutete.
Ich zog ins Gästezimmer, mit dem nötigsten ausgestattet. Alles andere versuchte ich aus meinem Zimmer zu schleusen, wenn die Oma gerade mal nicht dort verweilte. Ach ja, das Gästezimmer besaß keinen Ofen. Heizung gab es bei uns noch nicht. Meine Mutter war gezwungen Ölkannen vom Keller in den 2. Stock zu schleppen. Nicht zu vergessen, die Eimer mit den Briketts für den Badeofen. Ein warmes Bad war einfach angenehmer.

Nach einer Weile hatte ich es gründlich satt. Ich zog mit all meinem Kram ins Gästezimmer. Ich war jung, die Kälte machte mir auch im Winter nichts aus. Im Gegenteil, es war so etwas wie ein Abenteuer, wenn ich an einem frostigen Wintermorgen erwachte und vom Bett aus die Eisblumen am Fenster betrachtete. Und – ganz wichtig – keine Vertreibungen mehr. Kein schnüffeln in meiner Privatsphäre.
Naja, fast. Sobald meine Oma bei uns residierte, brachte sie einen Teil des Tages damit zu, mich auszuquetschen. Was machst du gerade? Was hast du vorher gemacht? Und was eigentlich danach? Gehst du weg? Wenn ja, wohin? Und wann kommst du wieder?
Heute weiß ich, dass ihr Leben klein und beengt geworden war. Sie wurde hin und her gereicht, wie ein altes Möbelstück. Für meine Mutter, die ständig am schuften war, wurde die Belastung unerträglich. Das hob die Stimmung nicht. Auch ich war patzig und schlecht gelaunt. War das ganze doch in einer Zeit, in der ich nicht einmal mit mir selber klar kam. Geschweige denn mit Familienmitgliedern, mit denen ich sonst so gut wie nie zu tun gehabt hatte.

Eines Nachts lag ich selig schlummernd in meinem Bett, als ich plötzlich durch das Einschalten des Deckenlichts geweckt wurde. Ich hatte mich noch nicht von dem Schreck erholt (meine Mutter schlief auf dem Sofa), als die kleine Gestalt im Nachthemd schon aus der Türöffnung zurück in den Flur verschwand. Das Licht ließ sie an, die Tür offen. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als aufzustehen und zu schauen was meine Oma Nachthemd tragender weise zu dieser Unzeit in der Wohnung trieb.
Irgendwo auf unserem endlosen Flur fing ich sie ab und versuchte sie davon abzuhalten noch weitere Türen zu öffnen und die Lichter anzuschalten. Ich hatte eine dunkle Vorahnung, was mein Vater mit ihr anstellen würde, wenn sie ihn aus dem Schlaf riss. Behutsam dirigierte ich sie unter beruhigend gemurmelten Worten in ihr Zimmer. Glücklicherweise ließ sie sich willig führen, legte sich hin, so dass ich sie zudecken konnte.
Ich wünschte ihr eine „Gute Nacht“ und versprach ihr nochmals, dass alles gut werden würde. Gerade wollte ich mich umdrehen und in mein Zimmer verschwinden, als sie nach meiner Hand griff und sagte: „Du bist ein Engel.“
Nie vorher oder danach war ich meiner Oma näher, als in diesem Moment.

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