Paula und Nelly – Teil 1/2

Paula und Nelly Teil 1 von 2
von Nicole Vergin

Es waren einmal zwei Eseldamen, die hießen Paula und Nelly. Sie waren Wildesel, die niemandem gehörten und sich in keinen Stall einsperren ließen. Vor langer Zeit hatten sich die beiden Eseldamen getroffen und seitdem gingen sie ihre Wege gemeinsam.

Eines Tages trabten sie gemütlich einen Feldweg entlang, als sie an einer Wiese vorbei kamen, um die ein hoher Zaun gebaut war. Auf der Wiese stand ein großes weißes Pferd, das ihnen freudig entgegen wieherte.
„Hallo, willkommen“, rief es, „wo kommt ihr her und wo wollt ihr hin?“
„Wir kommen von weit her und wollen noch viel weiter hin“, antworteten Paula und Nelly.
„Ach“, sagte das Pferd, „wie gerne würde ich auch einfach einmal drauflos traben. Aber ich muss jeden Tag mit dem Bauern auf die Felder, um mit ihm zu arbeiten. Und wenn ich frei habe, stehe ich hier auf der Wiese oder im Stall. Sagt, ist es nicht gefährlich, so ganz allein umher zu ziehen?“
„Nein, nein“, schüttelten sie ihre grauen Köpfe mit den wohlgeformten langen Ohren, „wir brauchen niemanden, der auf uns aufpasst. Das schaffen wir ganz allein. Begleite uns doch ein Stück.“
„Oh nein“, wehrte das Pferd ab, „lieber nicht. Wenn der Bauer mich heute Abend in den Stall holt, dann weiß ich, dass ich meinen Hafer bekomme und ich keinen Hunger leiden muss. Und ich kann mich zum Schlafen in meine frische Strohschütte legen und muss nicht frieren.“
„Hafer?“ Die beiden Eseldamen sahen das Pferd fragend an.
„Ja, Hafer. Das Futter, das ich zwei Mal täglich bekomme. Ihr glaubt gar nicht, wie lecker das schmeckt.“
„Und wo bekommt man diesen Hafer?“
„Den kauft der Bauer bei der Mühle. Alle paar Monate ziehe ich unseren Karren dorthin und dann belädt der Bauer ihn mit großen Säcken, in denen der Hafer ist.“
Man konnte förmlich sehen, wie dem Pferd das Wasser im Maul zusammenlief.
„Können wir uns auch so einen Sack bei der Mühle holen?“, wollten die beiden Eseldamen nun wissen.
„Ja, sicher, wenn ihr genügend Geld habt.“
Paula und Nelly sahen sich an. Nein, Geld hatten sie keins. Aber so wichtig war diese Hafersache ja auch wieder nicht. So verabschiedeten sie sich freundlich von dem Pferd und trabten den Feldweg weiter entlang.

Einige Stunden vergingen und die beiden Eseldamen kamen immer wieder auf den Hafer zu sprechen. Sie stellten sich vor, wie er wohl schmecken würde. Das Pferd hatte ihnen das Futter so genau wie möglich beschrieben und nun kauten sie in Gedanken genüsslich auf den Körnern herum und malten sich alles in den schönsten Farben aus.
Wie so oft, war Paula die entschlossenere der Beiden.
„Nelly, wir müssen irgendwie an das Geld für einen Sack Hafer kommen.“
Nelly schaute ihre Freundin erstaunt an.
„Aber wir sind Esel. Wie sollen wir denn zu Geld kommen?“
Paula schritt eine Weile energisch den Weg entlang, bevor sie antwortete.
„Wir müssen es wie die Menschen machen. Die Menschen verkaufen etwas und bekommen dann Geld dafür. Und von dem Geld können sie sich dann kaufen was sie wollen.“
Nelly zog, wie stets in solchen Momenten, ihre Stirn in Falten und schob die Unterlippe nach vorn.
„Wir haben nichts zu verkaufen“, entgegnete sie unwillig.
„Dann müssen wir uns etwas ausdenken“, sagte Paula energisch, „du willst doch Hafer?“
Widerwillig nickte Nelly.
„Dann musst du auch etwas dafür tun.“
Schweigend und mit deutlich größerem Abstand zwischen ihnen schritten sie weiter. Nach und nach glättete sich Nellys Eselsstirn wieder und es sah aus, als ob sie nachdachte.
„Wir sind doch vorhin an einer Wiese vorbei gekommen.“
„Die mit den Apfelbäumen?“ Wie so oft verstanden sich die beiden Eseldamen ohne viele Worte.
„Genau. Die gehörten doch niemandem und die Äpfel sind gerade reif“, spann Nelly den Faden weiter.
„Du hast Recht“, nickte Paula, „wir sammeln die Äpfel…“
„… und verkaufen sie auf dem Markt…“
„… und kaufen uns von dem Geld einen Sack Hafer.“
Übermütig machten Paula und Nelly Bocksprünge und riefen laut „I-AAAAAAAAAAAH“, so dass es über alle Wiesen schallte.

Fortsetzung… Morgen erzähle ich Euch, wie die Geschichte von Paula und Nelly weitergeht. ❤

4 Comments on “Paula und Nelly – Teil 1/2

  1. Pingback: Paula und Nelly – Teil 2/2 – Die Waldträumerin

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