Paula und Nelly – Teil 2/2

Paula und Nelly – Teil 2 von 2, den ersten Teil findet Ihr hier.
von Nicole Vergin

Gleich am nächsten Tag machten sie sich an die Umsetzung ihres Plans. Sie trabten zurück zu der Weide mit dem großen weißen Pferd.

„Hallo“, rief dieses erstaunt, „da seid ihr ja wieder.“
Die beiden Eseldamen erklärten dem Pferd, dessen Augen im Laufe der Geschichte immer größer wurden, ihren Plan und fragten, ob sie sich vielleicht für einen Tag den Karren des Bauern ausleihen könnten. Oder vielmehr Paula fragte, während Nelly mit niedergeschlagenen Augen daneben stand und beschämt mit dem rechten Huf scharrte.
„Ihr habt Glück“, sagte das Pferd, „wir waren gerade erst wieder mit dem Karren unterwegs und der Bauer wird ihn die nächste Zeit nicht brauchen. Er steht da drüben in dem Schuppen. Niemand wird es merken, wenn ihr ihn ausleiht. Und schaut euch um – der Bauer hatte früher zwei Ponys, die er vor den Karren gespannt hat. Die Geschirre wird er sicherlich aufbewahrt haben. Dann könnt ihr gemeinsam ziehen.“
Man merkte, dass es dem Pferd Spaß machte, seine neuen Freundinnen zu unterstützen. Auf diese Weise konnte es doch einmal ein wenig Abenteuerluft schnuppern.
„Hab vielen, vielen Dank“, sagten Paula und Nelly, „wir werden in zwei Tagen den Karren unversehrt zurückbringen. Und als Dank bekommst du dann auch etwas von unserem Hafer ab.“
„Das ist nicht nötig“, sagte das Pferd, „ich bekomme genügend, mein Bauer meint es stets gut mit mir. Ich freue mich, dass ich euch helfen kann.“
Aufgeregt liefen die beiden Eseldamen zu dem Schuppen, der durch einen großen Riegel versperrt war.
„Es geht nicht“, ließ Nelly entmutigt den Kopf hängen.
„Wir haben es doch noch gar nicht versucht“, stupste Paula die Freundin an.
Mit vereinten Kräften schoben und drückten sie den hölzernen Riegel nach oben, bis es ihnen tatsächlich gelang, das Tor des Schuppens zu öffnen. Die beiden Eseldamen brauchten all ihren Ideenreichtum, bis sie es tatsächlich geschafft hatten, den Karren vor die Scheune zu bewegen, die Geschirre anzubringen und sich selber vor das hölzerne Gefährt zu spannen. Aber es gelang ihnen. Und so zogen sie stolz an der Weide vorbei, riefen ihrem fröhlich wiehernden Freund noch einen Gruß zu und machten sich auf den Weg zu der Apfelwiese.

„Mir tut der Rücken weh“, ächzte Nelly nach einigen Stunden und blieb abrupt stehen.
„Ja, mir auch. Wir sind es eben nicht gewöhnt, einen Karren zu ziehen.“
„Dann lass uns doch eine kleine Pause machen.“
Paula seufzte. „Na gut, aber nur kurz. Schließlich müssen wir heute noch bei der Wiese anlangen und die Äpfel aufladen.“
Nelly stöhnte. „Können wir das mit den Äpfeln nicht erst morgen machen?“
„Aber Nelly, morgen müssen wir in aller Herrgottsfrühe aufstehen und die Äpfel zum Markt bringen. Sonst sind alle anderen vor uns dran und wir verkaufen nicht einen einzigen. Und dann gibt es auch keinen Hafer.“
„Du hast ja Recht“, sagte Nelly, während sie sich bereits aus dem Geschirr schälte. „Nur eine kleine Pause.“
Mit diesen Worten ließ sie sich am Wegesrand ins Gras fallen, rollte auf die Seite und schloss die Augen. Nur mühsam rappelte sie sich danach wieder auf, stieg zurück in das Geschirr und zottelte lustlos den Weg entlang.

Bald darauf kamen sie an die Apfelwiese. Soweit das Auge reichte, standen die Apfelbäume. Die prallen rot-grünen Äpfel zogen die Äste durch ihr Gewicht hinunter, so dass die beiden Eseldamen gut heran kamen, um die Äpfel vorsichtig mit den Zähnen von den Zweigen zu lösen und sie dann auf den Karren zu legen.
Nach und nach füllte sich das Gefährt, wobei Nelly immer müder und lustloser wurde.
„Lass uns doch den Rest morgen nach dem Aufstehen aufladen“, sagte sie, während sie genüsslich einen der saftigen Äpfel mit ihren großen Zähnen zerbiss.
„Nelly, das hatten wir doch schon. Das geht einfach nicht. Wir müssen heute Abend fertig werden. Und“, mit einem Seitenblick auf den Saft, der aus Nellys Maul troff, „wenn du weniger Äpfel essen und mehr aufladen würdest, dann wären wir auch früher fertig.“
Hastig schluckte Nelly den letzten Bissen hinunter und beeilte sich nun auch. Kurz darauf besahen sie sich stolz ihr Werk, fraßen jede noch zwei Äpfel bevor sie sich dann genüsslich auf die Seiten rollten und sofort einschliefen.

„Aufstehen!“
„Mmh?“
„Nelly, wir müssen uns auf den Weg machen!“
„Aber die Sonne ist noch gar nicht aufgegangen und ich bin müde.“ Nelly wollte sich wieder auf die Seite fallen lassen, als Paula sie mit einem kurzen Biss in das graue Hinterteil davon abhielt. Nelly sah ihre Freundin böse an, überlegte es sich dann jedoch anders und rappelte sich hastig auf.
Kurz darauf zogen sie den Karren mit den Äpfeln den schmalen Weg entlang auf das nächste Dorf zu. Nelly riss alle paar Tritte das Maul auf und gähnte herzzerreißend. Hin und wieder verlangsamte sich ihr Schritt, so dass das Gewicht des Karrens allein an Paulas Rücken zerrte.
Als Nelly wieder einmal zurückfiel und leicht stolperte, blieb Paula abrupt stehen, befreite sich aus dem Geschirr, trat an den Rand des Weges und drehte ihrer Freundin das Hinterteil zu.
Nelly sah ihr verdutzt hinterher.
„Paula?“
Keine Antwort.
Nun stieg auch Nelly aus dem Geschirr, ging an den Rand und zupfte angelegentlich ein paar Grashalme ab. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Paulas Eselsohren traurig bis fast auf den Boden hingen.
„Ich schaff das nicht allein“, sagte sie leise.
Betroffen sah Nelly ihre Freundin an. Behutsam ging sie Tritt um Tritt näher, reckte ihren grauen Hals über den Paulas und begann vorsichtig mit den Zähnen ihren Mähnenkamm zu kraulen.
„Es tut mir leid“, nuschelte sie dabei und stupste die Freundin vorsichtig an. „Komm, wir müssen weiter, sonst kommen wir zu spät.“
Paula sah Nelly an, überlegte einen Moment und nickte dann. Schweigend kehrten sie zu ihrem Karren zurück, stiegen in die Geschirre und zogen das hölzerne Gefährt mit gemeinsamer Kraft ihrem Ziel entgegen.

Wie die Geschichte ausging? Die beiden Eseldamen konnten all ihre Äpfel auf dem Markt verkaufen, denn die Menschen in dem kleinen Dorf waren begeistert von Paula und Nelly.
Und so kamen sie doch noch zu ihrem Sack Hafer, den sie nach und nach gemeinsam auffraßen – und der noch viel besser schmeckte, als sie es sich jemals hätten träumen lassen.

E N D E

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