Heiligabend auf dem Mond – Teil 1/3

Heiligabend auf dem Mond – Teil 1/3 (den 2. Teil findet Ihr hier und den 3. hier)
von Nicole Vergin

„I´m dreaming of a white christmas…“ Die melancholisch klingende Stimme von Bing Crosby drang an Richards Ohren. Träume. Ja, die hatte er auch. Aber es war lange her, dass sie sich um Schnee gedreht hatten. Ein Lächeln flackerte über sein schmales Gesicht und für einen Moment sah er sich selber als kleinen Jungen an der Hand seiner Mutter am Heiligen Abend durch den Schnee zur Kirche hüpfen.
Wie auf ein Stichwort erklangen die Glocken des nahe gelegenen Doms. Gleich würde die Weihnachtsmesse mit dem Krippenspiel beginnen. Jedes Jahr war er mit seiner Familie hingegangen, den Kindern zuliebe. Im Stillen hatte er stets über sich gelacht. Das ganze Jahr sich nicht in der Kirche blicken lassen, aber dann zu Weihnachten die Bänke besetzen.

Heute würde er alles dafür geben, auch beim Gottesdienst dabei zu sein. Aber die Zeiten, in denen er mit seinen kleinen Töchtern und seiner Frau zusammengelebt hatte, waren unwiderruflich vorbei. Nur ein Wunder könnte sie alle wieder vereinen. Doch daran glaubte er nicht einmal am Heiligen Abend.
Müde ließ er sich auf eine Bank am Marktplatz nieder. Rasch war seine ohnehin schon Schneefeuchte Hose nass. Aber er war zu erschöpft, um weiter zu gehen. Den ganzen Nachmittag hatte er eine Obdachlosen Unterkunft nach der anderen abgeklappert. Alle waren an den Feiertagen belegt. Da passte nicht einmal eine Maus zwischen all die zerlumpten, übrig gebliebenen Gestalten. Daher hatte er beschlossen, wieder unter der Brücke zu übernachten, wo er schon etliche Male Unterschlupf gefunden hatte. Nur bisher war es nie so kalt gewesen.

Ein junges Paar ging an ihm vorüber. Sie balancierte trotz des Schnees auf hohen Absätzen. Die Beiden stritten sich lautstark darüber, wer denn nun die Geschenke für die Eltern hätte besorgen sollen. Für Richard hatten sie keinen Blick übrig.
Die Geschäfte in der Innenstadt waren mittlerweile geschlossen. Stille legte sich über die weihnachtlich geschmückten Straßen. Richard sah sich um. Es war niemand mehr zu sehen. Sicherlich waren sie nun alle zuhause, in ihren warmen Häusern. In den Wohnzimmern standen verschwenderisch geschmückte Tannenbäume, unter denen sich Geschenke türmten. Aus den Küchen drangen Gerüche nach Geschmortem und Gebratenem durch die Räume. Manche Familien saßen sicherlich schon an den Weihnachtstafeln und stöhnten darüber, dass sie nach den Feiertagen wieder die ganzen Kalorien abtrainieren müssten.

Richards Magen meldete sich energisch. „Ich weiß“, murmelte er, „du hast heute noch nicht viel bekommen.“ In einer der Unterkünfte hatte er zumindest noch einen Teller Suppe abbekommen, bevor er wieder in das Schneegestöber hinaus gegangen war. Inzwischen rieselten nur noch vereinzelte Flocken zu Boden, das war ja immerhin schon einmal etwas positives. Aber seinem Magenknurren tat das natürlich keinen Abbruch. Wo sollte er heute bloß noch etwas zu essen her bekommen? Richard blickte nach oben, als stünde irgendwo am dunklen Himmel eine Antwort. Stattdessen fiel etwas im wahrsten Sinne des Wortes aus den Wolken. Er konnte gerade noch den Kopf zur Seite drehen, um nicht getroffen zu werden.
Als er zu seinen Füßen sah, stakte dort etwas silbriges aus der Schneedecke heraus. Richard wollte schon danach greifen, sah sich dann aber vorsichtshalber erst einmal um. Zu oft hatte er in den vergangenen Monaten erlebt, dass man ihn für einen Dieb hielt. Und schmutzige Hände, die nach einem silbrigen Gegenstand griffen, hatten ja das Wort „Dieb“ förmlich in die Haut eintätowiert.
Nach wie vor war er allein, nur die Puppen aus dem gegenüber liegenden Schaufenster starrten in seine Richtung. Na, dachte er mit leichtem Galgenhumor, die werden mich wohl nicht verpfeifen.
Vorsichtig zog er an dem Gegenstand und schüttelte ihn dann kurz, um ihn vom Schnee zu befreien. Erstaunt blickte er auf seinen „Schatz“. Ein Schneebesen. So ein altmodischer, wie ihn schon seine Mutter besessen hatte. Heutzutage wurde ja alles mit lauten Küchenmaschinen verarbeitet. Vorbei die Zeit, in der ein Schneebesen mit gleichmäßig rührenden Bewegungen etwas vermengte. Richard erinnerte sich daran, wie oft er früher Schneebesen, Holzlöffel und andere Küchenwerkzeuge abgeleckt hatte. Unwillkürlich fuhr er sich mit der Zungenspitze über die Lippen und meinte fast den süßen Geschmack von Plätzchenteig zu schmecken.
Resigniert starrte er auf den Schneebesen. Da saß er hier allein am Heiligen Abend auf einer Bank und träumte vom Plätzchenteig naschen, anstatt sich endlich einen Schlafplatz zu suchen. Behutsam legte er den Schneebesen auf die Bank. Irgendwem würde er schon gehören. Er stand auf, schaute noch einmal nach oben und als er nichts sah – was sollte er dort außer dem Nachthimmel auch sehen – zuckte er die Achseln und wollte sich wieder auf den Weg machen.
„Pst!“

Was war das? Richard schaute sich verwundert um, konnte aber niemanden sehen.

„Pst!“
Da, schon wieder. Er schüttelte den Kopf. Was Hunger einem so alles vorgaukeln konnte. Nun hörte er schon Stimmen.
„Du bist nicht verrückt!“

Richard sah erneut nach oben, von wo die Stimme zu kommen schien. „Bist du dir sicher?“, entgegnete er mehr zum Spaß.
„Ja!“, war die resolute Antwort. „Und nun steh bitte nicht länger rum, sondern hilf mir. Sonst fehlt mir nachher zu meinem Weihnachtsmenü die Soße.“
Bevor Richard noch etwas erwidern konnte, hörte er ein klappern, als würden Stöcker gegeneinander fallen. Und da fiel ein weiteres Mal etwas aus den Wolken. Eine Strickleiter, die ebenfalls silbern schimmerte.
„Ich drehe komplett durch.“ Richard fasste sich mit der Hand an die Stirn, aber diese war kühl. Vielleicht war das ja so etwas wie eine Weihnachts Morgana.
„Bitte, tue mir den Gefallen und komm zu mir rauf und bring mir den Schneebesen“, die Stimme wurde nun deutlich drängender.
Richard kratzte sich am Kopf.
„Du kannst auch heute Abend mitfeiern“, lockte die Stimme.
„Gibt es auch was zu essen?“ Die Frage diktierte eindeutig Richards leerer Magen.
„Jede Menge!“, war die zufriedenstellende Antwort.
Nun überlegte Richard nicht mehr lange. Egal, ob er halluzinierte oder irgendeine andere Macke hatte, alles war besser, als hier hungrig in der Kälte herum zu stehen. Er griff nach der Strickleiter und ruckelte ein wenig daran.
„Das hält! Vertraust du mir etwa nicht?“ Klang die Stimme jetzt etwa beleidigt?
Richard setzte einen Fuß auf die unterste Sprosse und dann begann der Aufstieg. Schritt für Schritt für Schritt für Schritt. Die Leiter schien kein Ende zu nehmen. Nach einer Weile hatte er den Kopf im wahrsten Sinne des Wortes in den Wolken. Wie gut, dass er keine Höhenangst hatte.


Je höher er stieg, desto dunkler wurde es. Als er einmal nach unten schaute, sah er nur noch winzig kleine Lichter schimmern. Sicherlich träumte er all das. Vielleicht war er im Schnee ausgerutscht und auf den Kopf gefallen. Irgend so etwas musste passiert sein. Denn er hatte noch nie von jemandem gehört, der an einer Strickleiter in den Himmel kletterte.
Ein Gefühl von Zeitlosigkeit machte sich in ihm breit und schien ihn zu wärmen. Es war, als hätte er all seine Sorgen und Nöte auf der Erde zurück gelassen. Auf einmal war es ihm egal, wie lange er hier noch hinauf kletterte. Es fühlte sich gut an. Und er schien gar nicht müde zu werden.
Irgendwann sah Richard nach oben und da waren mit einem Mal Lichter zu sehen. Wie Sterne. Solche, wie er sie als Kind gemalt hatte. Nur viel schöner. Er kletterte schneller und schneller nach oben, das Leuchten zog ihn magisch an…

Die Fortsetzung gibt es am 18. Dezember

14 Comments on “Heiligabend auf dem Mond – Teil 1/3

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