Heiligabend auf dem Mond – Teil 2/3

Heiligabend auf dem Mond – Teil 2/3 (den 1. Teil findet Ihr hier und den 3. hier)
von Nicole Vergin

Und dann sah er den Anfang der Leiter. Sie war am dicken Ast eines silbrig schimmernden Baumes befestigt. Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass inzwischen wieder fester Boden aufgetaucht war. Und auf diesem stand der Baum. Und neben dem Baum hüpfte ein fröhlich aussehender Mann auf und ab.
„Wunderbar, wunderbar“, rief der Fremde, „da ist ja mein Schneebesen. Nun lass uns rasch in die Küche laufen, damit die Soße für das Festessen noch rechtzeitig fertig wird.“
Richard holte wie in Trance den Schneebesen aus seiner Manteltasche, streckte die Hand aus und zog sie dann doch wieder zurück.
„Moment. Vielleicht sagst du mir erst einmal, wer du bist. Und… wo sind wir hier überhaupt?“ Neugierig sah er sich um. Alles um ihn herum schimmerte silbern. Der Baum. Der Boden auf dem er stand und sogar das lange Gewand des Fremden. Das im Übrigen ein wenig an ein Nachthemd erinnerte. Aber diesen Gedanken behielt er lieber für sich.
„Oh, entschuldige. Ich vergesse meine gute Kinderstube.“ Mit einem herzlichen Lächeln auf seinem von silbrig weißen Haaren umrahmten Gesicht, streckte der Mann, der sicherlich ein Kopf kleiner als Richard war, ihm die Hand entgegen. „Herzlich Willkommen, Richard. Ich bin Hubert, der Mann im Mond.“
Der Mann im Mond? Vor lauter Verwirrung streckte Richard nicht seine Hand, sondern den Schneebesen aus. Aber Hubert umging das, in dem er einfach mit beiden Händen seine linke umfasste und ordentlich schüttelte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte los.
„Hey! Moment mal!“, rief Richard. „Wo willst du denn hin?“
Mit sichtlichem Erstaunen auf seinem Gesicht, drehte sich Hubert um. „Na, in die Küche. Ich hab doch gesagt, dass wir noch die Soße fertigmachen müssen.“
Richard schüttelte den Kopf. „Du sagst, du bist Hubert. Der Mann im Mond. Und das soll ich dir glauben? Das ist doch total irre!“
„Du bist gerade über eine Strickleiter in den Himmel geklettert, um mir meinen Schneebesen zu bringen“, lachte Hubert, „und dann wundert dich noch irgendwas?“
„Stimmt…“ Richard ließ sich am Stamm des Baumes hinabgleiten und hockte sich auf den Boden. „Bisher dachte ich ja auch, dass ich das alles nur träume. Oder, dass ich mir den Kopf angestoßen habe und bewusstlos bin oder so. Aber“, er sah sich mit großen Augen um, „aber es fühlt sich alles so ECHT an.“
Nun lachte Hubert aus vollem Herzen. „Weil es ECHT ist!“ Er streckte Richard beide Hände hin und zog ihn mit erstaunlicher Kraft nach oben. „Komm mit in meine Küche und dann gebe ich dir etwas Gutes zu trinken. Das wird dich wieder auf die Beine bringen.“
„Aber keinen Alkohol“, murmelte Richard, während er brav hinter Hubert her trottete.
„Natürlich nicht“, rief Hubert über die Schulter zurück, „du bist schließlich trockener Alkoholiker.“
Richard sparte sich die Frage, woher Hubert das wusste. Seinen Namen hatte er ja auch gewusst. Und schließlich waren sie hier auf dem Mond. Und da wunderte er sich doch einfach über gar nichts mehr.

Die Küche von Hubert, dem Mann im Mond, war eine echte Überraschung für Richard. Abgesehen von dem silbrigen Schimmer, der auf allem lag, handelte es sich um eine gemütliche Küche im Landhausstil. Ein bisschen kam er sich vor, wie früher im Haus seiner Großmutter. Kein Wunder, dass Hubert auch einen altmodischen Schneebesen besaß.
Richard ließ sich auf die gemütliche Eckbank fallen und stützte den Kopf in die Hände. Noch immer war er nicht sicher, ob er das alles tatsächlich erlebte oder doch nur verrückt geworden war. Es wäre schließlich nicht verwunderlich, wenn all der Alkohol, den er damals nach dem Unfalltod seiner jüngsten Tochter in sich hinein geschüttet hatte, Folgen auf sein Gehirn hätte.
„Eine schlimme Zeit“, drang Huberts Stimme in seine Gedanken ein.
Richard sah auf. Hubert stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und er hörte das leise schaben des Schneebesens, während der Mann im Mond die Soße rührte.
Tränen liefen ihm über das Gesicht. Das erste Mal seit Monaten. Bilder seiner Tochter tauchten vor ihm auf. Und dann Bilder seiner älteren Tochter und seiner Frau. Wie sie verängstigt und allein gelassen an seinem Bett im Krankenhaus gestanden hatten, als er wieder mal im Suff die Treppe hinunter gefallen war.
Es war ihm damals nicht gelungen, seine Trauer mit Schnaps weg zu spülen. Aber er hatte den Rest seiner Familie vertrieben.
„Wir können so nicht weitermachen.“ Richard sah direkt vor sich das Gesicht seiner Frau über das Tränen lief, die auf seine Bettdecke tropften.
Wieder und wieder hatte sie ihm Rettungsanker zugeworfen. Aber er hatte es nicht geschafft, sich daran fest zu halten. Und dann war sie gegangen und hatte seine andere Tochter, die den Vater nach dem Verlust der Schwester umso dringender gebraucht hätte, auch im Stich gelassen.

„Hätte ich mich doch an diesem Punkt schon von einer Entziehungskur überzeugen lassen“, murmelte Richard, während der Schneebesen weiter seine Kreise im Topf zog. „Aber nein“, seine Stimme wurde lauter, anklagender, „Richard braucht natürlich noch eine Sondereinladung. Richard muss natürlich erst noch ein paar Mal auf die Fresse fallen. Richard. Der Looser.“
„Immerhin bist du dann doch irgendwann in die Klinik gegangen.“ Huberts Stimme klang erstaunlich neutral.
„Zu spät. Es war zu spät.“ Richard wischte sich mit dem dreckigen Ärmel seines Mantels über die Augen.
„Meinst du?“, fragte Hubert nur.
„Ja. Meine Frau traute mir nicht mehr. Meinte, sie müsste unsere Tochter schützen. Und verdammt“, er haute mit der Faust auf den hölzernen Esstisch, so dass eine kleine silbrige Wolke aufstob, „sie hatte Recht!“
„Und das war dann der Grund, sich weiter fallen zu lassen. Job weg. Wohnung weg. Wie kommt es, dass du trotzdem keinen Tropfen mehr getrunken hast?“ Hubert hatte sich ihm nun zugewandt und hielt ihm den silbernen Schneebesen hin. „Ablecken?“
Mechanisch streckte Richard den Arm aus und griff danach. Seine Zunge hatte es nicht verlernt, sich um die einzelnen Metallstäbe zu winden, um ja keinen Rest umkommen zu lassen. „Lecker“, stellte er fest und fügte dann hinzu, „ich wusste, dass wenn ich jemals wieder einen Tropfen Alkohol trinke, alles vorbei sein würde. Ich wollte einen winzigen Rest Hoffnung behalten.“
„Hoffnung ist gut“, Hubert nahm ihm den Schneebesen ab.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, murmelte Richard, „so sagt man doch, oder? Aber so tief wie ich gesunken bin, bin ich bereits vor ihr gestorben.“ Er wartete förmlich darauf, dass Hubert „so etwas darfst du nicht sagen“ zum besten gab.

Wie viele Weisheiten hatte er in den langen Monaten seines Absturzes zu hören bekommen. Ja, seine Freunde und die Familie hatten es gut mit ihm gemeint. Aber Trauer war nun mal keine vergossene Milch, die man aufwischen konnte und damit war alles wieder gut. Die Trauer um seine Tochter hatte ihn innerlich zerfressen, Stück für Stück. Und um den Schmerz wenigstens hin und wieder zu unterdrücken, hatte er Alkohol in sich hinein geschüttet. Aber jedes Mal, wenn er wieder nüchtern war, war auch der Schmerz wie ein treuer Gefährte zurück gekehrt.

„Und irgendwann hast du dann begriffen, dass es so nicht weitergeht.“
Richard sah Hubert an. „Du kannst wohl meine Gedanken lesen.“ Eine Feststellung, keine Frage.
„Nur, wenn du es willst“, war die rätselhafte Antwort.
„Aber woher weißt du, ob ich das will?“
Hubert rührte noch einmal seine Soße um, legte dann den Schneebesen auf einen Teller und zog den Soßentopf von der heißen Herdplatte runter. Dann rutschte er auf die Eckbank gegenüber von Richard und sah ihn an.
„Stell dir ein Fass vor, in das immer wieder Wasser hinein tropft. Anfangs hört man noch, wenn die Tropfen auf das Holz treffen. Nach und nach ist es nur noch ein plitsch platsch und eines Tages ist es voll. Und ein einzelner Tropfen bringt es zum überlaufen. Und wenn ein Mensch diesen Punkt erreicht hat, muss er sich mitteilen. Er öffnet sich und so kann ich seine – oder in dem Fall deine – Gedanken lesen.“

Richard nickte. Ja, es tat ihm erstaunlich gut, mit diesem Fremden über sein verkorkstes Leben zu sprechen. In den Monaten, in denen er nun schon auf der Straße lebte, hatte es nur wenig Gespräche gegeben. Die Tage waren davon bestimmt, essen und eine Schlafmöglichkeit zu organisieren. Und an guten Tagen versuchte er sich manchmal auch Gedanken darüber zu machen, ob er es nicht doch schaffen würde, sich wieder eine Arbeit zu suchen. Eine Arbeit. Eine Wohnung. Ein Leben.
„Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“, nun gab Hubert doch eine Weisheit zum Besten. „Und bevor du die Augen verdrehst“, dieses verflixte Gedankenlesen, „könntest du darüber nachdenken, mit welchem ersten kleinen Schritt du in Richtung Leben zurückgehen könntest.“
Tipps vom Mann im Mond. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte Richard bestimmt einen Lachkrampf bekommen. Aber so nickte er nur und tat so, als würde er tatsächlich darüber nachdenken.
„Es muss nicht jetzt sein.“ Hubert grinste ihn an.
Verflixt, dachte Richard. Ich sollte mich daran gewöhnen, dass er in meinen Gedanken wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen kann.

6 Comments on “Heiligabend auf dem Mond – Teil 2/3

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