Heiligabend auf dem Mond – Teil 3/3

Heiligabend auf dem Mond – Teil 3/3 (den 1. Teil findet Ihr hier, den 2. hier)
von Nicole Vergin

„So, nun müssen wir aber wirklich die Weihnachtstafel decken.“ Hubert sprang auf, ging zu einem der Schränke und begann silberne Teller heraus zu holen und auf den Küchentisch zu stellen. „Ach, und bevor ich es vergesse. Hol dir doch erst einmal eine Kleinigkeit zu essen aus dem Kühlschrank. Bis zur Feier dauert es noch ein wenig und ich möchte nicht, dass du bis dahin verhungert bist.“
Wie gerne hätte Richard dieses Angebot abgelehnt. Aber sein Hunger war definitiv größer als sein Stolz und so hastete er zum Kühlschrank und bestaunte all die kleinen und großen Leckereien, die dort in zahlreichen Fächern gestapelt waren.
„Ich habe in die kleineren Dosen Portionsweise etwas für dich abgefüllt. Da ist bestimmt etwas bei, was du gerne magst.“ Hubert zeigte auf ein Fach, in dem sich etliche kleine Aufbewahrungsbehälter befanden.
Während Hubert die Festtafel deckte, genoss Richard die beste Mahlzeit, die er seit langem gehabt hatte. Er naschte wie ein kleiner Junge aus jeder Dose ein wenig und versuchte dabei nicht allzu sehr zu schlingen.
„Hau ruhig ordentlich rein“, rief Hubert ihm zu, während er silberne Kerzenleuchter aus einem der Wandschränke holte.

Und mit einmal ließ das Gefühl der Peinlichkeit in Richard nach. Es war, als würde die Urteilsfreie Freundlichkeit von Hubert, ihm eine Tür öffnen, die er für immer verschlossen geglaubt hatte. Eine Tür in sein Innerstes. Dort, wo er noch der Richard war, der er früher einmal gewesen war. Bevor seine jüngste Tochter gestorben war. Und obwohl er sich selber in diesem Augenblick wieder erkannte, merkte er, dass er trotz allem ein Anderer war. Ergab das Sinn? Bevor er weiter darüber nachgrübeln konnte, holte ihn Hubert aus seinen Gedanken zurück.

„Hilfst Du mir bitte, die silbernen Stühle ins Esszimmer zu tragen? Heute brauchen wir dort deutlich mehr als sonst“, lachte er.
So langsam wurde Richard neugierig. „Wer kommt denn heute Abend?“
„Na, die Sternzeichenhüter. Jedes Jahr am Heiligen Abend kommen wir hier auf dem Mond zusammen, um gemeinsam diesen Abend zu begehen. Es wird Dir gefallen, da bin ich sicher!“
Richard zuckte mit den Schultern. Sternzeichenhüter. Klar, warum auch nicht. Er war schließlich auf dem Mond, warum sollte ihm hier noch irgendetwas seltsam vorkommen?

Es wurde tatsächlich ein wunderbarer Heiliger Abend. Einer von denen, die im Gedächtnis blieben. Nicht nur, weil er sich in einer Runde befand, die er sich nach wie vor nicht erklären konnte. Sondern, weil Richard sich angenommen fühlte. Denn auch die Gäste hatten sich in keinster Weise an seiner Geschichte gestört.
Verschiedene Hüter waren mit ihm ins Gespräch gekommen und hatten ihm seine Anteilnahme bekundet. Ohne Wertung, so wie Hubert.
Wann habe ich mich das letzte Mal so wohl gefühlt, hatte er sich im Laufe des Abends gefragt. Die eine Antwort, er hatte sie nicht gefunden. Natürlich war er glücklicher gewesen, als seine kleine Tochter noch gelebt hatte. Trotzdem konnte er sich nur an wenige Augenblicke erinnern, in denen er von Menschen umgeben gewesen war, die sich selbst und die anderen so akzeptierten wie sie waren.
Was ihn zu der Frage brachte, ob Menschen dazu überhaupt in der Lage waren. Und… ob er selber dazu in der Lage war. Wie oft war er an obdachlosen Menschen auf der Straße vorbei gegangen. Ohne ein Wort. Oder ein Lächeln. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes von oben auf sie herab geblickt. Nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Während er diesen Gedanken nachhing, schämte er sich.
„Du bist ein Mensch“, raunte Hubert ihm zu, „Menschen machen Fehler. Die wirklich wichtige Frage ist doch, ob Du etwas daraus gelernt hast?“
Richard nickte. Er hoffte es. Inständig.

Auch und gerade die schönsten Stunden gehen einmal zu Ende. Nachdem Hubert die letzten Gäste verabschiedet hatte, räumten sie gemeinsam den Festsaal und die Küche auf. Schweigend. Richard hing weiter seinen Gedanken nach und Hubert – der diese ja lesen konnte – wusste es und ließ ihm seine Ruhe.
Wie sollte es nun für ihn weitergehen? Würde es für ihn doch noch ein Zurück geben? Zu seiner Familie, seinem alten Leben? Richard schüttelte bei diesen Gedanken den Kopf. Nein, sein altes Leben wollte er nicht zurück. Er wollte ein Leben mit Menschen, die ihn liebten. Mit einem Dach über dem Kopf und einer Arbeit, mit der er den Lebensunterhalt finanzieren konnte und die ihm Spaß machte. Und er wollte lernen, sich selbst zu lieben. Nicht, weil er eine Leistung brachte, weil er gut in seinem Job war. Sondern, weil er ein guter Mensch war, der es verdiente.

„Meinst Du, dass ich all das schaffen kann?“, fragte er den Mann im Mond. (Er staunte selbst, wie selbstverständlich er es mittlerweile nahm, dass Hubert seine Gedanken lesen konnte)
Hubert sah ihn mit ernstem Gesichtsausdruck eine Weile an. „Was glaubst Du denn?“
Richard hob die Schultern und ließ sie dann wieder fallen. „Ich glaube, dass es schwer wird, und…“, konzentriert schob er die Krümel auf der Küchenanrichte zusammen, bevor er fortfuhr,“… und ich muss an mich glauben. Aber ich weiß nicht mehr, wie das geht. All das was vorgefallen ist, was ich habe geschehen lassen, hat mir mein Selbstvertrauen genommen. Und…“, er tupfte mit dem Zeigefinger in den Krümeln herum, „.. und ich bin ganz allein.“
Der Mann im Mond legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Heute warst Du auf jeden Fall nicht allein.“
„Ja, Du hast Recht. Entschuldige. Und vor allem: Vielen Dank!“
„Nein, das meine ich nicht. Was ich sagen wollte, war: Du wirst immer neue Menschen finden. Und vielleicht auch einige aus der Vergangenheit zurück gewinnen können. Auch wenn eine Tür verschlossen scheint, gibt es oftmals einen Schlüssel, der sie wieder öffnet. Und sonst“, nun lachte Hubert, „sonst musst Du eben das Fenster nehmen.“
Richard stimmte in sein Lachen ein. Was sich verdammt gut anfühlte.

Letztendlich blieb er bis in das neue Jahr hinein auf dem Mond. Denn Hubert war der Meinung, dass er ihm erst ein wenig zur Hand gehen könnte, bevor er zur Erde zurückkehrte. Schließlich fiel auf dem Mond jede Menge Arbeit an, mit der er sonst allein da stand. So lauteten zumindest seine Worte. Aber auch ohne Gedanken lesen zu können, wusste Richard ganz genau, dass der Mann im Mond ihm ein wenig Zeit zum durchschnaufen schenken wollte. Damit er für den Start in seinen nächsten Lebensabschnitt gerüstet sein würde. Und dafür würde er ihm ewig dankbar sein.
Als er schließlich die silberne Strickleiter wieder hinab kletterte, fühlte er sich ausgeruht, satt und voller Mut und Tatkraft. Richard war klar, dass es alles andere als ein Kinderspiel sein würde. Und dass nicht alle seine Träume und Wünsche in Erfüllung gehen würden. Denn sein größter Wunsch war nach wie vor, dass seine jüngste Tochter noch am Leben wäre. Aber das war unmöglich. Trotzdem wusste er nun, dass er neue Wege finden und sie gehen würde. Denn Hubert hatte ihm etwas wichtiges geschenkt: Hoffnung.

8 Comments on “Heiligabend auf dem Mond – Teil 3/3

  1. Pingback: Heiligabend auf dem Mond – Teil 2/3 – Die Waldträumerin

  2. Pingback: Heiligabend auf dem Mond – Teil 1/3 – Die Waldträumerin

  3. Vielen lieben Dank für deine sehr schöne Geschichte Nicole. 😍
    Hoffnung ist ein gutes Wort, möge jeder etwas davon in sich tragen.

    Einen schönen Adventssonntag wünsche ich dir mit deiner Familie.
    Liebe Grüße zu dir,
    Nati 💕🎄

    P.S. Im vorletzten Absatz, ziemlich am Anfang, hat sich ein klitzekleiner Fehler eingeschlichen:
    Hubert sah ihn mit ernstem Gesichtsausdruck….
    Daraus ist bei die erstem geworden.

    Gefällt 1 Person

    • Guten Morgen liebe Nati,
      vielen lieben Dank für Deine Worte und Wünsche. Wir hatten ein wundervolles Advents-Wochenende und ich hoffe, dass hattest Du mit Deiner Familie auch! ❤
      Den Fehler habe ich schon berichtigt – danke für den Hinweis!! 😀
      Ich wünsche Dir einen guten Start in die vorletzte Woche des Jahres, und hoffe, dass Du in dieser Zeit nicht allzu viel Stress bei der Arbeit hast. ❤
      Liebe Grüße
      Nicole

      Gefällt 1 Person

      • Guten Morgen Nicole.
        Das klingt doch wunderbar bei dir. 😊
        Mein Wochenende war angefüllt mit Karten schreiben und kleine Päckchen packen.
        Hach, das wäre schön. Aber die nächsten zwei Wochen haben es in sich. Aber auch diese Zeit geht vorbei.
        Einen schönen Start in die neue Woche wünsche ich dir. 🍀💕
        Liebe Grüße,
        Nati

        Gefällt 1 Person

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