Weiterbildung `Seelfrau. Trauer-, Sterbe- und Seelenbegleitung´ – ein Gespräch mit Andrea Martha Becker

Als ich 2017 das erste Mal die Messe `Leben & Tod´in Bremen besucht habe, ist mir der Schriftzug eines Stands ins Auge gefallen: `Seelfrau´. Ich wollte erst weitergehen, aber dann las ich: `Weiterbildung Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung´. Mein Interesse war geweckt! (Anmerkung: bereits einen Monat später habe ich meine Weiterbildung in Hamburg begonnen)

Aber was ist denn nun eigentlich eine `Seelfrau´? Wer sich im Internet umschaut, wird feststellen, dass sich `Wikipedia´(bisher) darüber ausschweigt. Im `Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm´bin ich jedoch fündig geworden:
seelfrau, … , so die todten wäscht und anzieht, … , die bey der leiche sitzet, und ihre besondere verrichtung hat, …“.

Das bedeutet auf „Neu-Deutsch“ und zusammengefasst: Es war – neben den Angehörigen – die Seelfrau, die im Mittelalter am Bett der Sterbenden saß, die Verstorbenen wusch und ankleidete und neben der Totenklage auch den Angehörigen Trost spendete. Über die Jahrhunderte ist viel von diesem alten Wissen verschütt gegangen und der Umgang mit den Toten ist eine Männerdomäne geworden.

Seit neun Jahren gibt es nun eine Weiterbildung, die alte Traditionen mit aktuellem, fundiertem Wissen über Sterbe- und Trauervorgänge verknüpft: die Weiterbildung zur `Seelfrau. Trauer-, Sterbe- und Seelenbegleitung´nach Andrea Martha Becker.

Andrea MarthaWelche Wege sie zu dieser Weiterbildung geführt haben und wer die Frau ist, die dahinter steht, dass habe ich in einem Gespräch mit ihr heraus gefunden:

„Wir finden, Du solltest das machen!“ Mit diesen Worten, so erzählt Andrea Martha, begann die `Seelfrau-Reise´. Es war während ihrer Qualifikation zur Schamanischen Heilerin, als sie von einigen der teilnehmenden Frauen darauf angesprochen wurde, ob sie nicht eine Weiterbildung anbieten wolle. Zu dieser Zeit arbeitete Andrea Martha bereits als Sterbe- und Trauerbegleiterin, aber sie habe sich vor der Verantwortung gescheut, die eine solche Aufgabe mit sich bringt. Ihre Antwort lautete dennoch: „Ich denke darüber nach.“

Letztendlich war diese Szene der „Tritt in den Hintern, den man manchmal benötigt“, lacht Andrea Martha, denn tatsächlich fand 2011 die erste Ausbildung statt. „Sechs Frauen hatten sich sogar schon während meiner `Nachdenk-Zeit´ angemeldet“, erzählt sie und hält einen Moment inne, bevor sie fortfährt: „Ich hinterfrage oft, was und wie ich es tue.“

Dieses sich-selbst-hinterfragen sorgt dafür, dass die Weiterbildung seit Beginn kontinuierlich weiter entwickelt wurde. Bestand sie anfangs noch aus 12 Wochenenden – jeweils Samstags und Sonntags -, so beinhaltet die Weiterbildung heute 14 Wochenenden und beginnt jeweils am Freitag. Zudem bereichern Gastreferentinnen, wie z. B. die Bestatterin Claudia Bartholdi – sie ist Inhaberin des Bestattungsunternehmens TrauerLichtung – , das Wissensangebot.

Mit den Themen Sterben, Tod und Trauer wurde Andrea Martha bereits früh konfrontiert. „Meine Eltern haben damals in Schwarz geheiratet“, erzählt sie, „zwei Wochen vor ihrer Hochzeit war der jüngste Bruder meines Vaters tödlich verunglückt. Dass so ein Unglück Spuren in einer Familie hinterlässt, liegt auf der Hand“, fügt sie hinzu. Sie selber kennt eine andere Art von Trauer: ein Contergan-Nachfolger-Medikament hat bei ihr Nebenwirkungen hinterlassen. In ihrer Kindheit waren ihre Zähne braun, wodurch sie Spott und Häme ausgesetzt war. Mütter zeigten auf sie, während sie ihren Kindern mit den Worten „so sehen Deine Zähne aus, wenn Du nicht putzt“ drohten. Ein Schmerz, der tiefe Abdrücke in einer kindlichen Seele hinterlässt.

Schon früh bemerkte Andrea Martha, dass sie keinerlei Berührungsängste mit dem Tod hat. Auch das Versorgen von Verstorbenen, die letzte liebevolle Hinwendung, schreckt sie nicht ab. „Ich trete in einen Raum, da ist die Zeit stehen geblieben“, ihr Blick schweift während dieser Worte für einen Moment wie in weite Ferne, „ich habe das Gefühl, ich kann noch in Kontakt treten, rede mit den Verstorbenen und werde ganz ruhig.“

Ihr enormes Wissen setzt sich aus verschiedenen Aus- und Weiterbildungen zusammen, denn Andrea Martha ist nicht „nur“ Sterbe- und Trauerbegleiterin, sondern auch Krankenschwester, Kommunikationstrainerin, Reiki Lehrerin und Palliativ Fachkraft. Auch ein Studium findet man auf ihrem beruflichem Werdegang, das zu einem Abschluss als Diplom Theologin geführt hat. „Ich hatte eine sehr religiöse Mutter“, erklärt Andrea Martha diese Entscheidung, „und das Studium und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Christentum, war einerseits Interesse an philosophisch-religiösen Themen und andererseits war es ein Akt der Emanzipation von den frommen und unkritischen Vorstellungen, in denen ich groß geworden bin“, erzählt sie und fügt noch lachend hinzu, dass dieser Weg durchaus etwas rebellisches gehabt hatte.

Es ist diese Mischung aus Wissen, Erfahrungen, Neugier und Lebenslust, die Andrea Martha nicht nur in ihre selbstständige Arbeit als Dozentin für die `Weiterbildung zur Seelfrau´einfließen lässt, sondern sie auch für ihre Anstellung als Koordinatorin in einem ambulanten Hospizdienst qualifiziert. Und egal, von welchem dieser Bereiche sie spricht, die Freude an ihrem Tun steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben. Wobei die `Seelfrau´so wie sie selber sagt, ihr besonderes Herzensprojekt ist. Und dass merkt Frau bei jeder Unterrichtseinheit.

Liebe Andrea Martha, ich danke Dir von Herzen für das intensive Gespräch und für all das, was Du mir in der Weiterbildung an Wissen und an Selbsterkenntnis mitgegeben hast. Ich wünsche Dir für Deine wichtige Arbeit weiterhin alles Gute!

Weitere Informationen über die Weiterbildung zur `Seelfrau. Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung´ nach Andrea Martha Becker findet Ihr auf der Seite www.seelfrau.de
oder persönlich von Andrea Martha Becker unter der Telefonnr.: 040 – 8198 5237.

Die nächste Weiterbildung beginnt am 27. November 2020 – Anmeldungen sind noch bis zum 01. Oktober 2020 möglich.

 

 

 

„Du kennst Dich doch damit aus“ – der Bedarf nach Gesprächen über den Tod

Auf dem Totenhemd-Blog von Petra und Annegret gibt es wieder eine tolle Blog-Aktion. Diesmal mit dem Titel: Wo spaziert der Tod durch euer Bild?

DSC_0218Wer mich kennt weiß, dass der Tod schon von Kindesbeinen an, einen Platz in meinem Leben hat. Gespräche über Sterben, Tod und Trauer sind für mich nichts ungewöhnliches, nichts was mich abschreckt. Aber seit Mai 2018 hat sich da nochmal etwas geändert. Damals habe ich meine Weiterbildung zur Seelfrau (Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung) begonnen und im September desselben Jahres kam noch der Kurs für ehrenamtliche SterbebegleiterInnen hinzu. Da ich dies offen – persönlich und hier auf dem Blog – kommuniziert habe, traten immer häufiger Menschen an mich heran mit den Worten: „Du kennst Dich doch damit aus…“

Und dann erzählten sie mir davon, wie und wo der Tod durch ihre Bilder spaziert ist. Oftmals, um sich etwas vom Herzen zu reden oder zu schreiben. Aber auch, um Rat zu erhalten (meiner Erfahrung nach haben die Menschen, die Antworten in sich). Denn tatsächlich ist es nach wie vor so, dass Viele sich mit dem Tod nicht „auskennen“. Für die es sich um ein Tabu Thema bzw. ein Angst Thema handelt. Aber dem Tod ist es nunmal Scheißegal, ob wir ihn in unserem Leben haben wollen. Er kommt, so wie es ihm passt.

Vieles habe ich zu hören bekommen, was mich berührt hat und dankbar dafür macht, dass ich diesen Weg gehen darf. Also lasst uns weiter über den Tod sprechen, schreiben… und ihm den Platz im Leben geben, den er sowieso hat.

Und nun noch einige „Du-kennst-Dich-doch-damit-aus-Erinnerungs-Splitter“:

Eine Frau, deren Tochter an Krebs verstorben ist und die ich als Trauerbegleiterin ein Stück auf ihrem Weg begleiten durfte.

Eine Frau, deren Mann vor einem Jahr verstorben ist und die mir erzählt hat, dass sie nach wie vor in eine Trauergruppe geht… und von ihrem Bruder gefragt wurde: gehst Du da etwa immer noch hin?

Ein Mann, der 20 Jahre mit einem Gehirntumor gelebt hat und den ich in seinen letzten drei Monaten begleiten durfte.

Eine Frau, deren guter Freund sich das Leben genommen hat und die Rat gesucht hat, wie sie der Witwe beistehen kann.

Die Gewitterkiste

Die Gewitterkiste
von Nicole Vergin

Ein lauter Donnerschlag ertönte, mein Herz schlug verzweifelt Alarm. Ich lugte durch einen Spalt zum Fenster hin, wo genau in diesem Moment ein gleißender Blitz vom Himmel herabschoss.
„Eins, zwei, drei, vier…“, zählte ich laut.
Schon vor der fünf das Krachen eines weiteren Donners. Ohne Frage, das Gewitter kam näher. Wackelte nicht bereits meine Kiste bedrohlich? Schwankte nicht das Haus? Und was war mit dem Blitzableiter? War er wirklich intakt?
Dank der modernen Technik wurde ich glücklicherweise früh genug vor Gewitter gewarnt. Bereits seit drei Jahren zahlte ich meine monatliche Unwetterfrühwarnpauschale von 4,99 € im Monat. Ein Preis, der sich auszahlte. Von orkanartigen Böen über starken Schneefall bis hin zu ergiebigem Dauerregen. Ich wurde vor allem rechtzeitig per SMS gewarnt.
Wobei für mich die Warnung vor schwerem Gewitter das Wichtigste ist. Sobald diese Nachricht auf dem Display meines Handys leuchtet, verschwinde ich auf dem schnellsten Weg nach Hause. Denn dort wartet schon meine Gewitterkiste auf mich. Schnell hinein, die Tür zu, den Riegel vorschieben und dann… dann bin ich in Sicherheit!
Meine bisherigen Freundinnen hielten mich für durchgeknallt, aber damit muss ich leben. Ebenso wie drei Generationen Männer in unserer Familie vor mir. Denn so lange gibt es diese Kiste schon.

Mein Ur-Großvater hat sie gebaut. Leider war es mir nicht mehr vergönnt, ihn kennen zu lernen. Er starb bereits vor meiner Geburt. Aber auf Familienfotos habe ich ihn gesehen. Wie er im Kreise seiner fünf Kinder und seiner Frau aufrecht hinter ihnen steht. Das gestrenge Familienoberhaupt. Mit seinen 1,85 m war er für die damalige Zeit riesig. Die Größe gepaart mit seinen durch harte Feldarbeit erworbenen Muskeln, ließen ihn unbesiegbar erscheinen.
Im Dorf munkelte man, dass er vor nichts Angst habe, nicht einmal vor dem Leibhaftigen. Das mit dem Leibhaftigen stimmte. Hätte dieser bei ihm an die hölzerne Tür des reetgedeckten Bauernhauses geklopft, mein Ur-Großvater hätte ihn höchstpersönlich zurück in die glühenden Höllenfeuer gejagt.
Nur seine Frau wusste, dass es doch etwas gab was ihm Angst bereitete. Sobald am Himmel dunkle Wolken aufzogen, sich bedrohlich zusammenballten um kurz darauf Blitz und Donner herab zu werfen, dann murmelte er etwas von dringlichen Besorgungen, warf sich mitten während der Feldarbeit auf sein Pferd und ritt im gestreckten Galopp nach Hause. Dort schloss er sich in eine kleine Kammer ein, die außer ihm niemand betreten durfte.
Jahrelang rätselte seine Frau, was er wohl während eines Gewitters in dieser Kammer machte. Eines Tages wurde ihr die Geheimnistuerei zuviel. Wieder einmal hatte sich der Himmel so richtig über ihnen ausgetobt. Als er danach aus seiner Kammer schlich, lauerte sie ihm bereits auf.
„Nun hab ich wahrlich genug von deinen klammheimlichen Geschichten“, warf sie ihm die Worte vor die Füße.
Erschrocken sprang er zurück. Wie ein Teufelchen aus der Kiste war sie aus ihrer Ecke heraus gehupft. Grimmig wollte er sie abwehren. Aber er hätte sich denken können, dass sein resolutes Weib nicht locker lassen würde. Und so erzählte er ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit von seiner Gewitterangst.
Er ließ sie sogar in die Kammer schauen, wo sie dann nicht schlecht staunte. Was hatte sie sich nicht alles zurecht gedacht über deren Inhalt. Und nun? Nun fand sie hier nur eine Bretterkiste. Gerade groß genug, dass ihr Männe sitzend darin Platz fand. Sogar eine Tür mit einem Riegel besaß das Ding. Ein paar Mal ging sie um die Kiste herum, konnte aber beim besten Willen nichts weiter daran entdecken.
Verwundert sah sie ihren Mann an, dessen Gesicht die Farbe einer reifen Hagebutte angenommen hatte.
„Hinnerk, was ist das denn nun mit deiner Kiste hier?“, fragte sie ihn.
„Das ist meine Gewitterkiste. Da kriech ich rein und dann, dann fühl ich mich sicher.“
„Aber die Kiste hat doch nichts mit Gewitter zu tun. Wie soll die dir bloß helfen?“
„Ich weiß“, verlegen zuckte er mit den Achseln. „Aber ich fühl mich sicher.“
Von diesem Tag an fragte sie nicht weiter. Jeder hatte schließlich seine Schwächen und wenn die ihres Mannes das Sitzen in einer ollen Kiste war. Na, da war nun wirklich nichts Schlimmes dran.

Leider konnte sie nicht verhindern, dass ihr ältester Sohn eines Tages davon Wind bekam. Er, der sich sowieso meist dem Vater anschloss, übernahm diese Angst in Windeseile, so dass sie sich über kurz oder lang gemeinsam in die Kiste quetschten. Nach dem Tode des Vaters, erbte der Älteste die Gewitterkiste.
Und so geschah es, dass die Kiste mittlerweile über vier Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt wurde und letztendlich bei mir gelandet ist. Mit den Jahrzehnten haben wir natürlich einige Verbesserungen vorgenommen. Der Boden in der Kiste ist mit einem Teppich ausgelegt, was schlicht bequemer ist. Es gibt einen kleinen Anbau, in dem Bücher und Rätselhefte Platz gefunden haben. Manchmal dauern Gewitter eben länger. Das Tollste sind jedoch die eingebauten Scharniere, so dass die Kiste wie ein Bausatz auf- und abgebaut werden kann. Was bei Umzügen ein ganz großer Vorteil ist.
Bisher habe ich jedoch noch niemanden, dem ich die Kiste vererben kann. Die Frauen heutzutage sehen diese kleinen Marotten viel zu eng. Nur weil ich mal während der einen oder anderen Veranstaltung nach Hause hetze, um in meine Kiste zu kriechen. Schon lassen sie mich im Regen stehen.
Aber ich werde schon noch Eine finden, die mich so liebt wie ich bin. Ich werde mich gleich wieder auf die Suche machen – nach dem Gewitter.

Mein positives Einkaufs-Erlebnis

Meist liest und hört man von dem was schlecht ist bzw. war: der Arzt, der sich keine Zeit für seine Patienten nimmt, die Kassiererin im Supermarkt, die Kunden anpflaumt… oder – ganz aktuell – geht es um Einkäufe im Supermarkt, die in Handgreiflichkeiten enden. Ich verstehe, wenn man sich dann Luft machen muss, echt. Aber ich erzähle jetzt bewusst davon, wie es mir gerade im Supermarkt ergangen ist.

Wir wohnen auf dem Land. Unser Städtchen hat rund 10.000 Einwohner. Alles bunt gemischt. Jung und alt, helle und dunklere Hautfarbe, nette und nicht so nette Menschen. Also ganz normal.

IMG_5677Ich fuhr nun heute in besagtes Städtchen – wir wohnen ein wenig außerhalb – und hatte die Bilder und Storys im Kopf, die derzeit über das Thema einkaufen umhergeistern. Davon lasse ich mich zwar nicht abschrecken, aber ich habe mich schon gefragt, was mich wohl im Shopping-Paradies erwartet.

Auf dem Parkplatz: alles ok. Etliche Autos, dazwischen Menschen, die ihre normal beladenen Einkaufswagen zum Ausladen schieben. Im Supermarkt auf den ersten Blick alles super. Keine ungewöhnlich große Menschenansammlung, auch an den Kassen nicht. Obst und Gemüsestände gut gefüllt und alles sauber und ordentlich.

Ich schiebe meinen Wagen durch die Gänge, lege nach und nach meine Wunsch-Artikel hinein, lächele dem einen und anderen Entgegenkommenden zu und bekomme ein Lächeln zurück. Die Verkäuferin an der Frischtheke ist freundlich wie immer, wir wechseln ein paar Worte, bevor sie mir meine Tüte herüber reicht.

In vielen Gängen sind MitarbeiterInnen dabei, die Waren einzuräumen. Zwischendurch fährt jemand mit dem Reinigungswagen an mir vorbei – da muss wohl im Moment mehrfach geputzt werden vermute ich. Hier und da sind einige Fächer etwas leerer und ja, Mehl, Nudeln und Toilettenpapier sind auch hier recht leer geräubert. Ich habe Glück, die Nudelsorte, die ich brauche für das morgige Mittagessen (kurze Maccharoni) mag wohl niemand.

Das einzige was etwas anders ist als sonst – neben den leereren Regalen – ist, dass es ruhiger ist. Die Kunden scheinen weniger zu reden, sind in sich gekehrter. Aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor.

Unser Kühlschrank ist jetzt jedenfalls wieder gut gefüllt und ich bin froh, dass ich hier bei uns kein Einkaufs-Chaos erlebt habe.

Macht es gut und passt auf Euch auf!

Und auf einmal scheint alles Kopf zu stehen

„Deutschland im Ausnahmezustand“ titelte der Münchner Merkur vor zwei Stunden online.

Ausnahmezustand? Ich schaue kurz bei Wikipedia vorbei und lese: „Als Ausnahmezustand wird ein Zustand bezeichnet, in dem die Existenz des Staates oder die Erfüllung von staatlichen Grundfunktionen von einer maßgeblichen Instanz als akut bedroht erachtet werden.“

COVID-19 ist der Name dieser „Instanz“. Ein Virus hat sich seit Anfang des Jahres in der Welt ausgebreitet und sorgt nun dafür, dass unser Leben Einschränkungen erfährt.

Letzten Donnerstag fand die monatliche Supervision statt, an der die Ehrenamtlichen des ambulanten Hospizdienstes teilnehmen müssen. Und die Frage in der Eingangsrunde lautete: Worüber habt Ihr Euch heute besonders Gedanken gemacht? Ich war nicht die Einzige, die in diesem Zusammenhang das Wort „Coronavirus“ ausgesprochen hat.

Bin ich panisch? Horte ich Klopapier? Schlage ich mich um ein paar Kilogramm Mehl? Nein. Aber das Ganze geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich mache mir Sorgen: um die Menschen in meinem Umfeld, die fortgeschrittenen Alters sind und deren Immunsystem nicht mehr auf vollen Touren läuft. Und um die, die z. B. eine Krebserkrankung durchlitten haben und sich nun erst langsam wieder berappeln. Aber auch um die, die kleine Kinder haben und nicht wissen, wohin mit ihnen, während sie selber arbeiten müssen.

Ich selber arbeite seit vielen Jahren „von Zuhause“ – Home Office nennt sich das ja heute – und wie ich mein Ehrenamt wahrnehme, entscheide ich von Fall zu Fall. Die Spaziergänge mit unserer Gina kann ich gelassen weiter genießen, denn wenn wir tagsüber in unserer Abgeschiedenheit unterwegs sind, treffe ich nur selten andere Menschen. Auch mein Mann wird in Kürze den häuslichen Schreibtisch belegen, denn die Firma in der er arbeitet, hat an ihrem Standort rund 1.000 Mitarbeiter und denen wurde in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass sie nach und nach auch alle ins Home Office geschickt werden.

Mal ehrlich: so eine Situation habe ich in 50 Lebensjahren noch nicht erlebt. Ich bin eines dieser Glückskinder, die nicht in (deutschen) Kriegszeiten oder Kriegsgebieten geboren worden sind. Und auch andere Ausnahmesituationen – zumindest in diesem Umfang – nicht kennen. Und ja, ich habe schon ein mulmiges Gefühl. Nicht weil ich mich selber anstecken könnte, denn ich bin glücklicherweise gesund wie ein Fisch im Wasser, aber eben – wie oben erwähnt – Menschen, denen es nicht so gut geht. Und ja, mein Mitgefühl gilt auch all denen, die nun in finanzielle Schwierigkeiten geraten werden.

Ich hoffe, dass ein Großteil der Menschen vernünftig und ruhig reagiert. Dass es ein Miteinander gibt, auch wenn es sicherlich nicht einfach ist. Hier und da wird erwähnt, dass wir daran als Gemeinschaft wachsen können. Ob das klappt, weiß ich nicht, aber es wäre wirklich schön.

Passt gut auf Euch und Eure Lieben auf und werdet oder bleibt gesund!