Ein Jahr ist vergangen… die Liebe bleibt

Als ich heute Morgen aufgewacht bin, schien die Sonne. Die Vögel zwitscherten ihr morgendliches Konzert und draußen im Garten blühten unsere Pfingstrosen ebenso 1. Todestagherrlich wie der Rhododendron. Alles genauso wie vor einem Jahr, dachte ich für einen Moment. Doch natürlich ist das nicht so. Du bist nicht mehr da. Zumindest kann ich Dich nicht mehr berühren. Deine Hände streicheln. Die Haut Deiner Wangen, die bis zum Schluss so unglaublich weich waren.

Denn heute vor einem Jahr bist Du eingeschlafen. Friedlich. Nach einigen Monaten voller Kampf und Aufbegehren. Und ebenso voller Harmonie, Musik… so friedvollen Stunden. „Mach das Fenster weit auf, wenn es soweit ist“, hatte mir eine liebe Freundin gesagt, „dann kann ihre Seele hinaus fliegen.“

Ja, das habe ich gemacht und es fühlte sich so gut, so richtig an. Denn ich bin sicher, da ist noch mehr, wenn der Körper nicht mehr weiter kann. Deine Seele, ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, aber es gibt sie noch. Und das macht es mir leichter.

Und wer weiß, vielleicht kannst Du dies jetzt sogar lesen. Schließlich gibt es ja mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Davon warst Du auch immer überzeugt. Und ich habe in diesem Jahr öfter das Gefühl gehabt, dass Du mir ganz nah warst. Natürlich nicht immer, schließlich wirst Du auch anderes zu tun haben. Oder einfach Dein neues Dasein genießen wollen. Ja, das stelle ich mir gerne vor. Und ich bin dankbar, wenn Du einfach hin und wieder mal vorbei schaust. Einfach so. Daher werde ich weiter alle Sinne öffnen, um diese Momente nicht zu verpassen.

Warst Du auch dabei, als ich gemeinsam mit Deinem Enkel und Deinem Schwiegersohn im Ruheforst war und wir Dir die Seerosen gebracht haben? Wenn nicht, hast Du sie bestimmt später gesehen. Und sicherlich darüber gefreut. Seerosen. Sie waren Dir immer die liebsten.

Ein Jahr ist vergangen… die Liebe bleibt.

Hinweis: glücklicherweise bin ich im Internet über die Seite von Angela Stehr gestolpert: die Traueroblate. Hierbei handelt es sich um Grabbeigaben, die aus ungebranntem Ton bestehen, also Naturbelassen sind und sich somit auch für Ruheforste eignen. Auf Anfrage hat mir Angela diese wundervollen Seerosen gestaltet. ❤
Ihre Seite findet Ihr hier.

Kann ein Herz an einer alten Zitruspresse hängen?

Abgeschabt ist sie. Rissig. Benutzt. Kein Wunder, schließlich sind wir vor 29 Jahren gemeinsam in die erste eigene Wohnung gezogen. Und auch da war sie nicht mehr brandneu.

Jahrelang war sie bereits bei meiner Mutter in Benutzung gewesen. Ich höre sie bis heute Zitruspresse„Möchtest du auch Orangensaft?“, rufen. Klar wollte ich! Schon immer mochte ich frisch ausgepressten Orangensaft. Nur zum selber machen war ich stets zu faul. Wie schön, wenn man dann eine Mutter hat, die einen damit verwöhnt. Nicht, dass ich das damals schon zu schätzen wusste…

Aber dann kam die Zeit, wo sie Schmerzen in ihren Händen bekam – heute weiß ich, dass es Rheumatoide Arthritis war, meine rechte Hand kann davon inzwischen ebenfalls ein Liedchen trällern – und dann zog bald darauf eine elektrische Zitruspresse bei meinen Eltern ein.

Tja, und so konnte ich diese alte, einfache Zitruspresse bei meinem Sprung aus dem Nest mitnehmen. Auch meine Faulheit, selber Orangen auszupressen machte sich in meinem neuen Zuhause breit. Irgendwann bekam ich dann aber doch im wahrsten Sinne des Wortes den Dreh raus und die Zitruspresse war aus meinem Leben nicht mehr weg zu denken.

Lange Zeit habe ich die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen: der kleine braune Küchenhelfer war nicht nur alt, sondern vor allem auch schäbig geworden. Für schlappe 5,98 € könnte ich ein neues Modell erstehen, in einem schönen Limonengrün.

Was mich davon abhält? Ganz einfach: die Erinnerung und die Angst davor, dass nach und nach alles verschwindet, was noch mit meiner Mutter zu tun hat. Denn fast ein Jahr nachdem sie eingeschlafen ist, kommt immer mehr, was ich nach und nach loslassen muss. Oder möchte. Je nachdem, worum es sich handelt. Was mir anfangs noch deutlich leichter fiel, wird jetzt schwieriger.

Sollte das nicht genau andersherum sein?, habe ich mich gefragt und gemerkt, dass es für das Trauern um einen geliebten Menschen nun einmal keine To-Do-Liste gibt, die ich nach und nach abhaken und erledigen könnte. Trauer ist ein individueller Prozess, den man nicht planen oder in irgendeiner Form abarbeiten kann.

Ich merke, dass mir vieles erst jetzt nach etlichen Monaten bewusst wird. Es kommen Erinnerungen hoch, die mich mal zum Lachen und mal zum Weinen bringen. Oder auch beides durcheinander. Und da hat mich diese kleine Zitruspresse doch tatsächlich heute aus der Bahn geworfen. Denn plötzlich war mir bewusst, dass ich nie wieder hören würde, wie meine Mutter mir zuruft: „Möchtest du auch Orangensaft?“

Irgendwann werde ich das alte Stück Plastik – denn nüchtern betrachtet ist es nichts anderes – loslassen. Aber wann das sein wird, das wird mein Herz entscheiden. Und bis dahin bekommt sie einen Platz in meiner Erinnerungsecke.

Ein etwas anderes Museum: Friedhofsmuseum Hannover

„Herzlich Willkommen“, schallt es mir entgegen, als ich den Eingangsbereich des 2Friedhofsmuseum auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover betrete. Ein Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung sprintet mir förmlich entgegen. Nicht erst in diesem Moment ahne ich, dass die Besucher nicht gerade hierher strömen.

„In guten Zeiten waren es mal bis zu 40 Besucher an einem Tag“, erzählt einer der Mitarbeiter, „leider hat das nachgelassen.“ Dementsprechend ist das Museum – das von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung gestaltet worden ist –  inzwischen auch nur noch jeweils am 1. Mittwoch des Monats (außer an Feiertagen!) von 13.00 – 16.00 Uhr geöffnet.

Aber worum geht es denn nun in dieser Ausstellung?

Natürlich um die Arbeit auf einem Friedhof. Was wird benötigt? Worauf muss man

achten? So finden sich in der Ausstellung neben diversen Gerätschaften eben auch ein kleiner Hügel mit einem Plüsch-Maulwurf. Ja, auch auf einem Friedhof darf gelacht werden!

In einer Ecke stehen ausgediente Tasten-Instrumente, die zahlreiche Trauerfeiern mit ihrer Musik begleitet haben. Ebenso wie ein Einblick in die Entwicklung der

Begräbniskultur. War es früher noch ganz normal, dass die Verstorbenen in der guten Stube aufgebahrt wurden, so ist es heute oft so, dass alles möglichst rasch hinter geschlossenen Türen abgehandelt wird. Nicht umsonst steht auf einem der Aufkleber, die sich auf dem Boden befinden: „Finden Sie Trost in Ihrer Trauer?“

Da das Museum in den früheren Räumlichkeiten des Krematoriums untergebracht ist (heute befindet sich das einzige städtische Krematorium Hannovers im Stadtteil Lahe) bietet die Ausstellung auch zu

diesem Thema einen Einblick inkl. einer kleinen Präsentation auf einem Laptop. Und vielleicht beruhigt es zum Beispiel den einen oder anderen, dass alle Verstorbenen vor der Kremierung nochmals vom Amtsarzt untersucht werden. Ich weiß von meiner Mutter, dass sie dieses Wissen durchaus hat besser schlafen lassen.

Hier darf und soll auch gelacht werden!

Den Besuchern ein wenig die Scheu nehmen, informieren aber auch zeigen, dass der Tod – und alles was damit zu tun hat – zum Leben dazugehört. Das ist es, was diese Ausstellung bewirken soll.

Der Mitarbeiter mit dem ich mich eine ganze Weile unterhalte und der gerne meinen Berg an Fragen beantwortet, freut sich sichtlich über mein Interesse. Und ja, wir machen

auch Scherze – denn Friedhöfe sind nicht nur ein Ort der Trauer. Hier gibt es jede Menge Erinnerungen, was stets auch eine Möglichkeit sein kann mit seiner Trauer umzugehen, sie zu verarbeiten. Gerade in Großstädten werden Friedhöfe übrigens auch immer mehr als Naherholungsgebiete genutzt. Denn die meisten bieten nicht nur historische Einblicke in das frühere Leben der jeweiligen Stadt, sondern eben auch wunderschöne gepflegte Anlagen, in denen man spazierengehen und seine Gedanken auf Wanderschaft schicken kann.

Und was das Lachen betrifft: es gibt in der Ausstellung sogar einen „Scherzraum“, wo

unter anderem Sprüche von Grabsteinen zu lesen sind, die die Mitarbeiter zusammengetragen haben. „Hier ruht der liebe Arzt, Herr Frumm. Und die er heilte rings herum.“ Nicht immer nett, aber ein Schmunzeln hier und da…

Vielleicht gehört ein wenig Neugierde dazu…

Ja, es ist sicherlich nicht Jedermanns Sache, sich „ohne Not“ Särge, Verbrennungsöfen, Kreuze, Grabdenkmäler anzuschauen. Ich denke, es gehört durchaus Neugier – oder nennen wir es lieber Interesse? – dazu, sich auch mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber letztendlich betrifft der Tod nun einmal Jeden von uns. Und ich für meinen Teil fühle mich oft besser, wenn ich über „etwas“ Bescheid weiß. Einfach, damit es mich dann nicht so eiskalt erwischt.

Aber dass muss Jeder für sich selbst entscheiden.

Und wo findet man dieses Museum?

Friedhofsmuseum Hannover auf dem Stadtteil Friedhof Seelhorst
Garkenburgstraße 43
30519 Hannover

Und hier findet Ihr die Website des Museums. ACHTUNG! Die Öffnungszeiten stimmen nicht – ich habe gerade mit dem zuständigen Mitarbeiter gesprochen: jeden 1. werktägigen Mittwoch im Monat von 13.00 – 16.00 Uhr warten die Mitarbeiter auf Besucher.