Anja von „…ein Stück untröstlich“ – eine wundervolle Begegnung auf der Messe `Leben und Tod´in Bremen (Teil 3)

„Bin bei den Stehtischen, blau-weiß geringeltes Shirt“. Ich drückte auf `senden´. Ok, gleich würde ich sie persönlich treffen. Anja. Anja, die ich bisher nur aus dem Internet kannte und mit der ich – zumindest schriftlich – auf einer Wellenlänge war. Ob wir uns nicht mal „live und in Farbe“ begegnen wollten, hatte sie mich via facebook gefragt, als klar war, dass wir Beide auf der Messe `Leben und Tod´in Bremen sein würden. Und ich hatte aus vollem Herzen zugestimmt.

Denn mal ehrlich: ich war ja auch neugierig. Neugierig, wer denn wohl hinter diesem besonderen Blog „…ein Stück untröstlich“ steckt. (Hier gehts lang zu Anjas Blog!) Wie ist die Frau, die dort ihre Trauer öffentlich teilt und so vielen anderen aus den trauernden Herzen schreibt, ihnen Mut macht und ein Stück zur Seite steht.

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Wir machten es uns auf einem der Sofas in der Lese-Ecke bequem und… kamen sofort ins Gespräch. Und einiges davon möchte ich hier gerne mit Euch teilen. (Ja, Anja weiß davon und hat zugestimmt! 🙂 )

Dass mit dem Schreiben hat Anja erst in der Trauer um ihren Mann für sich entdeckt. Anfangs waren es „nur“ die sogenannten Morgenseiten, in denen sie sich alles von der Seele geschrieben hat. Bis sie dem Aufruf von Silke Szymura gefolgt ist und den Gastbeitrag „Darf ich bitte trotzdem Witwe sein“ geschrieben hat (hier ist der Link dazu!). Das erste Mal hinaus ins weite Netz. Mit ihren Erfahrungen, Gefühlen, all dem Schmerz.

„Ich wollte das laut und öffentlich kundtun“, erzählt sie mir. Und genau so entstand dann auch ihr Blog „…ein Stück untröstlich“. Das war 2017 und inzwischen werden Anjas Beiträge nicht nur von zahlreichen LeserInnen geschätzt, sondern sie selbst sagt, dass sich u. a. durch das Schreiben vieles gewandelt und sich daraus eine faszinierende Entwicklung ergeben hat.

Eine, dieser Entwicklungen ist: Anjas Blog gibt es nun auch als Buch. Ein Buch, mit dem für sie ein Kapitel abgeschlossen und das zugleich ein Meilenstein ist. (Ich lese es gerade und werde Euch noch gesondert davon erzählen)

Ein Satz ist mir aus diesem bereichernden Gespräch sehr im Gedächtnis geblieben: „Bei allem was du verlierst, gewinnst du auch etwas. Du musst deinen Blick weiten.“

Liebe Anja, ich danke Dir für dieses Gespräch und ich freue mich, dass wir uns persönlich begegnet sind! ❤

Teil 1 meines Messebesuchs findet Ihr hier und Teil 2 hier!

Beerdigungs-Clown und Bestattungs-Spielzeug – ein Besuch auf der Messe `Leben und Tod´in Bremen (Teil 2)

Teil 1 meines Messe-Berichts findet Ihr hier und Teil 3 hier!

Nachdem ich meinen Highlights des diesjährigen Vortragsprogramms gelauscht und zudem schon die ersten tollen Begegnungen hatte, machte ich mich daran, durch die Halle zu stromern und mir das Angebot an den Ständen anzuschauen. Einiges kannte ich bereits vom vergangenen Jahr, aber es war auch viel Neues dabei. Besonders gut gefiel mir:

Bestattungs-Spielzeug

Kinder können sich heutzutage in die unterschiedlichsten Welten hinein spielen: sie können als Ritter Drachen erlegen, Prinzessin im eigenen Schloss sein, im Operationssaal stehen und operieren. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Und einige davon können dabei behilflich sein, Kindern die Welt zu erklären.

Auf der Messe stand ich nun auf einmal dem Erfinder des Bestattungs-Spielzeug an seinem Stand gegenüber. Der Niederländer Richard Hattink ist Trauerpädagoge und bietet mit seinem Angebot eine Möglichkeit, Kindern den Tod auf spielerische Art näher zu bringen. Ihr ahnt es wahrscheinlich schon: ich war hin und weg von dem kleinen Friedhof, der Trauerhalle, dem Sarg und den passenden Figuren. Alles übrigens von der Marke Lego. Eine Welt zum be-greifen.

Und dazu dieser aufgeschlossene, sympatische Mann, bei dem ich mir nur allzu gut vorstellen kann, wie er Kindern dieses Thema – das oft durch die Erwachsenen tabuisiert wird – nahe bringt.

Schaut Euch doch einfach mal hier auf seiner Webseite um!

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Eifeler Urnen-Manufaktur

„Urnen aus Laubhölzern der Vulkaneifel“ – so steht es auf der Eingangsseite der Webseite. Die Zeit der „Einheitsurnen“ ist längst Geschichte. Heutzutage besteht auch hier die Möglichkeit der individuellen Gestaltung. Und wer – so wie ich – ein Holz-Fan ist, der sollte sich doch unbedingt diese wunderschön gestalteten Urnen anschauen. Handarbeit von A-Z.

Auf der Webseite (die Ihr hier findet) gibt es übrigens einen interessanten Einblick in die Werkstatt.

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Waterurn BV

Ich bleibe noch einmal beim Thema `Individuelle Urnen´. Dieses Angebot kommt aus den Niederlanden (hier findet Ihr die Webseite, die allerdings auf holländisch ist, aber die Anbieter sprechen auch Deutsch – habe ich getestet! 😉 ) Die Technik des Ganzen habe ich ehrlich gesagt nicht so richtig verstanden, ich war einfach zu fasziniert davon, wie wunderschön sich diese Urnen z. B. in einem Garten integrieren lassen. Wobei man sich dafür die Asche des Verstorbenen aushändigen lassen müsste, was in Deutschland bisher nur im Bundesland Bremen möglich ist. Oder – so der Anbieter – man lässt die Kremierung in Holland vollziehen und bekommt sie dann. Wobei ich persönlich bisher nie den Wunsch hatte meine lieben Verstorbenen bei mir im Garten zu haben.

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Beerdigungs-Clown

„Die schwere Decke der Trauer etwas anheben“, so steht es auf dem Flyer von Kaala Knuffl (alias Birgit Sauerschell), der Beerdigungs-Clownin. Mit ihrer in rot und schwarz gehaltenen Clowns-Gewandung hat sie meinen Blick sofort angezogen. Einen Clown auf einer Beerdigung? Das hat mich neugierig gemacht.

Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit Kaala Knuffl und konnte mir sofort gut vorstellen, bei einer Trauerfeier mit ihr ganz neue Wege zu gehen. Denn ein Clown ist eben mehr als der Spaßmacher im Zirkus. Auch in Krankenhäusern gibt es ja schon lange die Klinik-Clowns, die dort hervorragende und wichtige Arbeit leisten.

„Poesie am Grab“ – „Erleichternde Hoffnung“ – „Ein Mittler zwischen Tod und Leben“. Schaut doch einfach mal auf ihrer Website vorbei, die Ihr hier findet!

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Friedhofsgeflüster

Eine hochgewachsene Frau, ganz in Schwarz mit Korkenzieherlocken. Es ist die „Schwarze Witwe“, die von Dr. Anja Kretschmer verkörpert wird. In einer Gewandung aus dem 18. Jahrhundert bietet sie Führungen über Friedhöfe in ganz Deutschland an, bei denen die ZuhörerInnen jede Menge über alte Traditionen rund um das Thema Tod erfahren.

Neben einem Flyer mit etlichen Terminen erhalte ich auch noch einen Leichenbitter, einen selbst gemachten Kräuterschnaps, den die Messe-BesucherInnen auch als Mitbringsel käuflich erwerben können. Als kleinen Eindruck habe ich im Nachhinein noch hier auf der Webseite gestöbert und mir hier einen kleinen Film angeschaut. Und im September kann ich die „Schwarze Witwe“  auf dem Engesohder Friedhof in Hannover dann auch live erleben.

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Dies ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen Stände auf der Messe. Zusätzlich gibt es Möglichkeiten, sich über Hospiz- und Palliativarbeit, über Patientenverfügungen, Sterbe- und Trauerbegleitung und vieles mehr zu informieren. Und all dies in einem lockeren Rahmen, in dem es – zumindest mir – leicht fällt, ins Gespräch zu kommen.

Erwähnenswert ist noch die Ausstellung „Gemeinsam unterwegs“, die Bilder des Langeooger Inselmalers Anselm zeigte mit Zitaten aus Liedern von Rolf Zuckowski. Wunderschöne Bilder, die ich mir lange angeschaut habe. Bei Interesse findet Ihr diese und andere auf der Seite des Inselmalers (hier).

Der 3. und letzte Teil meines Messe-Berichtes folgt in den nächsten Tagen und handelt von einer besonderen Begegnung.

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„Ich und sterben?…“ – ein Besuch auf der Messe `Leben und Tod´in Bremen (Teil 1)

RCHE0901Schon Wochen vor meinem Messebesuch fiel mir eines der diesjährigen Werbemittel in die Hand: ein Lesezeichen mit den Worten: „Ich und sterben? Nur über meine Leiche!“

Ich lachte. Genau mein Humor. Und dann dachte ich darüber nach: ist es denn immer noch so, dass Menschen den Tod aus dem Leben ausschließen wollen? Bei all dem, was es mittlerweile zu lesen, hören, sehen… gibt? Ja. Tatsächlich.

Die Messe `Leben und Tod´, die in diesem Jahr zum 10. mal in Bremen stattgefunden hat, bietet tolle Möglichkeiten, sich über alles rund um den Tod zu informieren. Einfach mal rein zu schnuppern. Und wem das dann doch noch zu „unheimlich“ ist, der kann ja jetzt einfach mal meinen Beitrag lesen…

IMG_3662Abfahrt 7:54 Uhr. So stand ich am 10. Mai bereits am frühen Morgen in Nienburg am Bahnsteig. Der Zug fuhr pünktlich und ich war bereits nach einer dreiviertel Stunde wohlbehalten in Bremen. Es folgte ein Fußweg von ca. drei Minuten und schon stand ich vor der Messehalle. Einfacher geht es wirklich nicht und ich konnte sicher sein, dass ich abends nicht, wie im Vorjahr, im Rückreise Verkehr feststecken würde.

Meine Vorfreude auf diesen Messebesuch war riesig! Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, wo ich nichts und niemanden kannte, war ich diesmal mit tollen Menschen verabredet und auch an einigen Ständen gab es ein herzliches Wiedersehens-Hallo. (Von einer Begegnung werde ich in einem gesonderten Beitrag noch erzählen… ❤ )

Die Stimmung war also von Anfang an bestens und so stürzte ich mich mitten hinein ins Getümmel und in das tolle Vortragsprogramm. Ich hatte mich im Voraus entschlossen, nicht als Fachbesucher teilzunehmen – und somit Workshops und weitere Vorträge besuchen zu können – da es auch so ein reichliches Angebot gab und bei einem Tag einfach nicht genügend Zeit für alles blieb. (Im nächsten Jahr werde ich an beiden Tagen teilnehmen!)

Und hier nun einige meiner ganz persönlichen Highlights in diesem Jahr:

Vortrag: Palliative Care – Lebensqualität (nicht nur) für das Lebensende
von Prof. Dr. Borasio

IMG_3674Auf diesen Vortrag hatte ich mich schon Wochen vorher gefreut, denn Prof. Dr. Borasio hatte mir mit seinem Buch „Über das Sterben“ bereits 2011 zahlreiche Fragen zum Thema `Sterben´ beantwortet. Und zwar nicht auf Fachchinesisch, sondern klar, offen, verständlich und das auch noch mit Empathie.

Und genauso ist dieser Arzt, dieser besondere Palliativmediziner. Ein Mann, der sicherlich bei vielen aneckt, wenn er – so wie in seinem Vortrag – Aussagen trifft, wie z. B.:
„Die Ehrenamtlichen (Sterbebegleiter) sind unbezahlte Profis“
„Die Pharmakonzerne machen ihre Umsätze nunmal nicht mit spiritueller Begleitung“ (im Kontext dazu, dass Körper UND Seele Beachtung finden müssen)
und zum Thema `Übertherapiert am Lebensende´: „Privat versichert zu sein, ist ein hohes Gesundheitsrisiko. Wer kann, der rette sich noch in eine gesetzliche“.

Mich hat dieser Vortrag ebenso beeindruckt wie sein Buch. Und wer sich auch dafür interessiert, dem lege ich diese Lektüre wärmstens ans Herz. (Das Lesen des Buches hat dafür gesorgt, dass ich meine Mutter viel besser in ihrem Sterbeprozess begleiten konnte!)

Lesung: „The End“
von Eric Wrede

IMG_3678Im vergangenen Jahr sah ich eine Doku mit und über Eric Wrede. (Leider finde ich sie jetzt nicht wieder, aber hier findet Ihr auf youtube ein Interview) Den Mann, der Musikmanager war und auf Bestatter umsattelte. Warum und wie? Das erzählt er in seinem Buch. Als ich im Programm der Messe von dieser Lesung las, wusste ich, dass ich sie mir nicht entgehen lassen würde!

Denn Eric Wrede ist nicht einfach „nur“ Bestatter, er ist es mit Leib und Seele und mit der Überzeugung, dass ein Verstorbener ein Recht auf eine respektvolle Behandlung hat und dass ein „guter“ Abschied die Angehörigen in ihrer Trauerarbeit unterstützen kann. Denn das ist leider nicht selbstverständlich.

Während der Lesung beobachtete ich einige Male die ZuhörerInnen und ich erkannte, was ich mir schon gedacht hatte: dieser entschlossene junge Mann, ist nicht jedermanns „Sache“. Muss ja auch nicht. Und dass sich einigen vermutlich die Fußnägel aufgerollt haben, als er davon las, wie er mal eine Urne auf einem Berliner Friedhof bei Nacht (ich glaube Nebel gab es nicht) ausgegraben hat, ist ja vielleicht auch verständlich. ABER, lest die ganze Geschichte und bildet Euch selber eine Meinung. Im seinem Buch findet Ihr nicht nur eigene Erlebnisse, sondern auch zahlreiche Anregungen und Hilfestellungen für einen Trauerfall. Und glaubt mir: jeder braucht das mal und es kann hilfreich sein, wenn man dann nicht völlig ahnungslos und dadurch rasch überfordert ist.

Soviel zu den Programmpunkten im Forum, die ich besucht habe. Im zweiten Teil meines Berichts wird es dann um die Stände gehen, die für mich in diesem Jahr besonders interessant waren.

Und es gilt wie immer: wenn Ihr Fragen habt – zum Messebesuch oder auch rund um die Themen Sterben, Tod und Trauer – immer her damit. Ich beantworte sie gerne unten in den Kommentaren oder per Mail!

Hier findet Ihr noch den Bericht von 2018!

Und hier den 2. Teil des Berichts von 2019!

Zwei Jahre sind vergangen… die Liebe bleibt

Jeden Quatsch hast Du mitgemacht. Du hast so gern gelacht. Auch wenn Dein Leben oft eher zum weinen war. Wie oft hast Du mir von früheren Silvesternächten erzählt, die Du durchgefeiert hast, obwohl am 01. Januar die Inventur anstand. Tanzen. Musik. Das waren Deine Leidenschaften. Für die Du leider im Laufe der Jahrzehnte immer weniger Zeit hattest. Arbeit. Das war es woraus irgendwann Dein Leben bestand. Arbeit und finanzielle Sorgen. Auch gesundheitlich ging es nach und nach bergab.

Und trotzdem warst Du immer voller Liebe. Du hattest Verständnis, selbst für die, die Dir mal das Leben zur Hölle gemacht hatten. Und da war immer noch Musik in Dir. Und Lachen und unglaublich viel Herzenswärme.

Und auch das Quatsch machen kam nicht zu kurz…

Born to be wild

Auf diesem Foto waren Du und ich Gangster. Wie es sich gehört: mit Kippe im Mundwinkel und einer Bierpulle in der Hand. Und Dein Enkelsohn Julian war der Detektiv, der konzentriert an der Lösung dieses Falles arbeitete. Was haben wir gelacht!

So viele vergessene Erinnerungen sind in den letzten zwei Jahren an die Oberfläche gekommen. Bei manchen weine ich und bei anderen lache ich. Du bleibst immer ein Teil von mir und wenn ich an Dich denke – während mir noch oft Sehnsuchtstränen über das Gesicht laufen –  dann fühle ich Liebe und Dankbarkeit für all das was Du mir geschenkt hast.

In liebevoller Erinnerung an Marlis Deutschmann, 22. März 1930 – 22. Mai 2017

 

Alle reden über Trauer 2019: Wie ich mir selbst meine Trauer aberkannte

alle reden über trauer„Alle reden über Trauer 2019“ – Silke Szymura hat in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2017 dazu aufgerufen, über dieses wichtige Thema zu sprechen, davon zu erzählen. Ihre Seite mit allen Beiträgen findet Ihr hier.

Ich habe lange darüber nachgedacht, von welcher Trauererfahrung ich Euch erzählen möchte. Wobei ich im Grunde schon wusste, welche Erfahrung darauf wartete, endlich einmal zur Kenntnis genommen zu werden…

Am 16. März 2015 ist mein Vater gestorben. Mein Vater. Der Mann, der in meiner Kindheit mein Held war. So lange, bis ich sein wahres Ich kennen- und verabscheuen lernte. Die letzten fünf Jahre vor seinem Tod, hatten wir keinen Kontakt mehr. Während dieser Zeit habe ich einen Schutzwall um mich herum aufgebaut. Ich begann mir darüber Gedanken zu machen, was im Falle seines Todes zu tun sein würde. Denn meine Mutter würde gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage sein, diese Pflicht zu übernehmen.

Am 17. März 2015 klingelte mein Telefon.
„Ich habe einen Brief vom Ordnungsamt erhalten.“ Die Stimme meiner Mutter klang panisch. Was kein Wunder war, hatte sie doch gerade schwarz auf weiß in nüchternen Worten mitgeteilt bekommen, dass ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebte, verstorben war.
Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem Moment fühlte. Ich weiß nur, dass ich mich innerlich rasch zur Ordnung rief. Mein Vater war gestorben. Ok. Mit diesem Anruf hatte ich gerechnet. Ich war vorbereitet.
„Ich bin gleich bei dir“, teilte ich meiner Mutter mit, zog mich rasch an, setzte mich ins Auto und fuhr los.

Auf der viertelstündigen Fahrt ging ich in Gedanken meine To-Do-Liste durch:
– einen Bestatter suchen und finden
– die Beerdigung organisieren
– mit einem Notar einen Termin für die Erbausschlagung machen.

Und dann stand ich auch schon vor meiner Mutter, die noch kleiner und zusammen gesunkener wirkte, als in der letzten Zeit sowieso schon. Ich nahm sie in die Arme. war dabei aber die ganze Zeit damit beschäftigt, die Nachricht in der Nähe meines Verstandes zu halten, weit weg von meinem Herzen. Das wollte davon ja sowieso nichts wissen.

Durch den Brief des Ordnungsamtes erfuhr ich, wo mein Vater zuletzt gewohnt hatte. Ich rief dort an und fragte, was nun zu tun sei. Die Mitarbeiterin teilte mir mit, dass meine Mutter für die Beerdigung zuständig sei und der Leichnam meines Vaters in einem Krankenhaus läge. Ganz nebenbei erfuhr ich, dass mein Vater mit einer Frau zusammen gelebt hatte. Diese meldete sich dann auch noch irgendwann bei meiner Mutter, aber nur um nach einer Unterschrift zu fragen, damit sie in der Wohnung bleiben könne.

Ich informierte noch telefonisch meine (Halb-) Schwester, damit sie sich um unsere Mutter kümmerte und fuhr dann wieder nach Hause. An diesem Tag machte ich sozusagen Nägel mit Köpfen. Ich suchte im Internet einen Bestatter heraus, der am Wohnort meines Vaters arbeitete, rief dort an und als die Frau am Telefon mir ihr Beileid ausdrücken wollte, sagte ich ihr, dass das nicht nötig sei. Dies sei für mich nur eine Pflicht, denn ich hätte keinen Kontakt mehr zu meinem Vater gehabt. Sie verstand mich, da sie ähnliches erlebt hatte. Mal wieder fügte sich etwas in meinem Leben.

Und dann war ich auch schon mit meinem Ordner unter dem Arm unterwegs zum Bestatter. Ja, ich hatte mich im Voraus schlau gemacht, was ich benötigen würde und mir dies zurecht gelegt. Die Fahrt zum Bestatter dauerte eine Stunde und ich war dankbar, noch am selben Tag dorthin kommen zu können.

Das Gespräch mit dem Bestatter war gut und tat mir gut. Ich konnte die Ärmel hochkrempeln und alles besprechen und klären. Das war wichtig für mich, wollte ich doch dieses Kapitel in meinem Leben endlich abschließen.

Zu all den Plänen, die ich mir damals zurecht gelegt hatte, gehörte es auch, dass ich nicht zu der Beerdigung meines Vaters gehen würde. Was sich nun sowieso als unnötig erwies, da ich eine anonyme Urnenbeisetzung in Auftrag gab, bei der sowieso niemand dabei sein konnte.
Und plötzlich regte sich etwas in mir. Was war das bloß? Aus dem Bauch heraus fragte ich, ob ich meinen Vater noch einmal sehen könnte.
Das sei kein Problem, wurde mir gesagt. Das Krematorium, in dem die Einäscherung stattfinden sollte, hätte einen Abschiedsraum. Dort könnten wir uns treffen und ich könnte Abschied nehmen. Ohne weiter zu überlegen, sagte ich zu.

Was mich dazu gebracht hatte, weiß ich bis heute nicht. Aber vermutlich war mir klar geworden, dass es in dieser Welt nur noch eine Möglichkeit geben würde, meinen Vater wiederzusehen. Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich diese nicht verstreichen lassen sollte.
Mein Mann bot mir sofort an, mich zu begleiten. Ich wollte erst ablehnen (schließlich war ich stark genug, alles allein zu regeln…), aber dann war ich schlau genug, dies nicht zu tun.

Den Moment, als ich den ersten Blick auf meinen Vater im Sarg warf, werde ich nie vergessen. Von jetzt auf gleich schwappte ein Gefühl in mir hoch, dass ich nicht erwartet hatte: Mitleid. Er lag da und sah winzig klein aus (er war an Kehlkopfkrebs gestorben). Und… er war ganz allein. Ich hatte ihm zwar oft gesagt, dass ihm dies passieren würde, wenn er sich nicht ändern würde, aber ich hatte es ihm nicht gewünscht. Außer in meiner größten Wut und Enttäuschung natürlich.
Aber an diesem Tag, nein, da war ich nur unendlich traurig für ihn. Denn er hatte alle Chancen, die ich ihm gegeben hatte, verspielt. Und nun war es für ihn zu spät. Ich sagte ihm, dass ich ihm verzeihen würde und dass, wenn wir uns irgendwann wiedersehen würden, er doch bitte noch einmal überlegen sollte, ob er nicht anders handeln könnte. Denn dann würde er noch einmal eine Chance bekommen.

Ich weinte nicht – und dabei weine ich sogar bei traurigen Filmen Rotz und Wasser – aber ich spürte eine große Ruhe. Einen Frieden, der da zwischen uns war. Und Dankbarkeit dafür, dass mein Bauchgefühl mir wieder einmal einen guten Weg gewiesen hatte.

Wochen später war ich dann noch auf dem Friedhof und stand mit zwei Gerbera in der Hand an dem Urnenfeld, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat. Und dann, dann kamen die Tränen und ich begriff, dass ich mir meine Trauer um ein Haar selber aberkannt hatte. Ich hatte liebe Worte zurück gewiesen, weil:  wer ist schon um einen Vater traurig, mit dem man zu Lebzeiten keinen Kontakt haben wollte? Ja, ich hatte mir etwas vorgemacht, denn zum einen gibt es auch liebevolle Erinnerungen, die ich inzwischen zu schätzen weiß. Und zum anderen trauere ich auch um das was hätte sein können, was ich mir gewünscht hätte.

Ich habe daraus etwas wichtiges gelernt: Trauer sucht sich ihren Weg, egal wie sehr ich versucht habe, sie zu unterdrücken. Und wie ich tatsächlich in einer Situation reagiere, dass weiß ich erst, wenn ich mitten drin stecke.

In Erinnerung an meinen Vater: Herbert Deutschmann, geboren am 29. September 1938, gestorben am 16. März 2015.

Hinweis: die Begrifflichkeit der `aberkannten Trauer´ habe ich durch meine Seminare erst kennen gelernt. Dies findet „normalerweise“ von außen statt, wenn Menschen meinen, dass man selber keinen Grund zum Trauern hätte, z. B. die beste Freundin ist verstorben und dass deren Familie trauert wird selbstverständlich anerkannt, aber auch die übrig gebliebene Freundin kann eben eine große Trauer empfinden, was dann evtl. nicht gesehen wird bzw. gesehen werden kann. Wer näheres dazu wissen möchte, kann mich gerne fragen.

89 Jahre wären es heute…

Vor zwei Jahren haben wir zum letzten Mal Deinen Geburtstag gemeinsam gefeiert. Nachdem Du zwei Monate zuvor auf der Intensivstation gelegen hattest – dem Tod näher, als dem Leben – war es wie ein Wunder gewesen, dass Du noch ein letztes Mal Kraft geschöpft hattest.

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Der 87. Geburtstag – das letzte Foto von meiner Mutter und mir

Im engsten Familienkreis haben wir an Deinem 87. Geburtstag zusammen gesessen. Bei einem leckeren Kuchen und Schnittchen, beides vom Pflegeheim zur Verfügung gestellt, die auch einen wunderbaren Geburtstagstisch für Dich bereitet haben.

Dein Enkel war extra für diesen Tag angereist und Du hast Dich so gefreut, ihn zu sehen. Es hat Dein Glück an diesem Tag perfekt gemacht und Du hast gesagt, es sei der schönste Geburtstag Deines Lebens.

Zeitweise gingen Deine Gedanken an diesem Tag spazieren, Dein Blick ging durch uns hindurch. Du warst müde. So müde. Und ich konnte sehen, wie Deine Kraft weniger wurde. Schon an diesem Tag konntest Du kaum etwas essen. Dein Körper benötigte es nicht mehr. Aber Du hast Dich gefreut, wie gut es uns geschmeckt hat.

Wir alle hatten Geschenke für Dich, liebevoll verpackt. Denn das auspacken war bis zu diesem letzten Geburtstag immer das schönste für Dich gewesen. Wir mussten Dir hin und wieder helfen, wenn Deine Hände und Finger nicht mehr die Kraft aufbrachten. Aber Deine Augen, die haben geleuchtet.

Da das Wetter an diesem Tag schön war, beschlossen wir Dich noch durch den Garten zu schieben. Du wolltest den beginnenden Frühling sehen. Ein bisschen frische Luft atmen, nachdem Du fast nur noch in Deinem Zimmer im Bett liegen konntest.

Wir zogen Dich an und Dein Enkel schob Dich im Rollstuhl durch die schön gestaltete Anlage des Pflegeheims. Und obwohl Du mit jeder Sekunde müder zu werden schienst, hast Du gelächelt, wenn er gespielt schnell mit Dir um die Ecken geflitzt ist.

Das auskleiden aus den schönen Festsachen, die Dir die Pflegerinnen liebevoll ausgesucht und angezogen haben – wir waren extra früher hingefahren und diese lieben Menschen hatten schon alles vorbereitet! – hast Du schon nicht mehr richtig mitbekommen. Und die nächsten zwei Tage hast Du fast nur geschlafen. Aber es hatte sich gelohnt.

Genau zwei Monate später, am 22. Mai, bist Du eingeschlafen. An einem wunderschönen Frühlingstag. Aber in unseren Herzen bist Du nach wie vor lebendig und wirst es bleiben. Alles Liebe für Dich zu Deinem Ehrentag und lass Dich da wo Du bist ordentlich feiern!

 

 

Kurs für SterbebegleiterInnen: Ein Vortrag im Hospiz

Während der Praktikumsphase finden neben den Reflexionsabenden auch unterschiedliche Fortbildungen statt. An einem Dienstag habe ich mich – gemeinsam mit zwei anderen KursteilnehmerInnen – abends auf den Weg nach Hannover gemacht. Unser Ziel war das stationäre Hospiz Luise.

Kurt Bliefernicht – Leiter des Hospizes – empfing uns freundlich und dann begannen zwei interessante Stunden. Seit nunmehr 25 Jahren arbeitet Herr Bliefernicht im Hospiz Luise und er habe es nicht einen Tag bereut. Was ich bei dieser schweren Aufgabe wirklich bewunderswert finde.

IMG_3045Im Hospiz gibt es Räumlichkeiten für acht Bewohner. Eine Zahl, die im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen Hannovers (532.163 / 2016), verschwindend gering scheint. Nach wie vor sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Es gibt drei stationäre Hospize in Hannover, die laut Herrn Bliefernicht, gut zusammenarbeiten. Zusätzlich gibt es die ambulanten Hospizdienste, die gemeinsam mit Palliativteams, Sterbende Zuhause begleiten und betreuen. Ambulant geht dabei immer vor stationär.

Egal, ob nun ambulant oder stationär, es gehe immer um den individuellen Menschen. Denn jede(r) stirbt anders, ebenso wie die Menschen vorher unterschiedlich leben. Daher ist der Personalschlüssel im Hospiz auch auf 1,35 Mitarbeiter für einen Bewohner angelegt und es sind jeweils zwei Nachtwachen vor Ort.

Wer denkt, dass im Hospiz nicht „nur gestorben“ wird, der irrt. Im Hospiz Luise bemüht sich das Team darum, die letzte Lebenszeit so lebendig und würdevoll wie möglich zu gestalten. Unter anderem gibt es eine Kunst- und Musiktherapie und es wird auch schon mal im Winter für eine Bewohnerin gegrillt, weil sie dies immer so gerne mochte (am Tag darauf ist sie im Kreise ihrer Lieben verstorben).

Bei dieser geringen Anzahl an Plätzen muss es natürlich Aufnahmekriterien geben: eine unheilbare Krankheit, die jetzt fortschreitend ist und in absehbarer Zeit zum Tode führt; eine Erkrankung mit einer hohen Symptomlast (etwas, das Zuhause pflegerisch nicht mehr zu bewältigen ist); alle Ressourcen für ein Sterben im eigenen Zuhause sind ausgeschöpft und es muss eine Übereinstimmung des Kranken mit der Zielsetzung des Hauses geben.

Das Hospiz Luise ist eine Einrichtung der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Hildesheim. Einer Konfession muss man dennoch nicht angehören und – wie Herr Bliefernicht es ausdrückte – „… soll auch niemand im Hospiz Luise mit dem Kreuz erschlagen werden…“ Aber wer den Bedarf nach einer christlichen Begleitung hat, bekommt sie selbstredend und es gibt auch eine kleine Kapelle direkt im Hause.

Im Schnitt befinden sich die Patienten 17 – 21 Tage im Hospiz. Im Jahr 2018 wurden vier Patienten wieder nach Hause entlassen – oftmals ergeht es ihnen durch die Rundum Versorgung deutlich besser – wovon zwei zurück gekehrt und dann dort verstorben sind.

Auch die Krankenkassen haben für die Kostenübernahme Richtlinien. Verbleibt ein Patient länger als 6 – 8 Wochen im Hospiz, muss der weitere Aufenthalt begründet werden. Dazu sollte man wissen, dass die Krankenkassen nur einen Teil der Kosten übernehmen. Der Rest wird über Spenden finanziert, so dass der Patient selber nichts bezahlen muss. Vielleicht habt Ihr in Todesanzeigen schon einmal Spendenaufrufe der Angehörigen gelesen, die für ein Hospiz sammeln.

Wichtig für die Patienten ist sicherlich, dass die Angehörigen kommen und gehen können, wie sie wollen (ich gehe hierbei jetzt von einem guten Verhältnis aus). Die Türen des Hospizes werden Tag und Nacht für sie geöffnet, so dass man seine Lieben rund um die Uhr begleiten kann. Oder aber auch zwischendurch Atem schöpfen kann und sie trotz allem gut versorgt weiß.

„Sterben ist erstmal blöd“, allgemeines Lachen über diese flapsig wirkende Aussage von Herrn Bliefernicht – wie gut, dass Menschen, die in solchen Bereichen arbeiten, ihren Humor nicht verloren haben! – und fährt fort: „Aber das wie, wie ich von dieser Welt gehe…“ Ja, nicht nur ich nicke dazu, denn genau um dieses WIE geht es uns doch. Dieses WIE, dass wir versuchen wollen so gut wie möglich für die Sterbenden „hin zu bekommen“. Dafür zumindest möchte ich mich einsetzen.

Und zu diesem Einsatz gehört es auch, die Augen nicht vor der Realität zu verschließen. Die Realität, die oftmals eben auch schlecht riecht, sogar stinkt, schwer zu ertragen oder auch blutig ist. Denn eine von vielen praktischen Tipps ist es, einen Patienten der verblutet auf eine rote Wolldecke zu legen. Ich schlucke. Aber ja, das klingt sinnvoll.

Jedes Jahr sterben im Hospiz Luise Menschen. Und sie werden nicht vergessen. Denn immer vor Ostern werden die An- und Zugehörigen zu einem Gedenk Gottesdienst eingeladen. Und dies als Abschluss des tollen Vortrags zu hören, hinterlässt bei mir ein warmes Gefühl und den Wunsch aufkommen, dass so viele Menschen wie möglich so liebevoll begleitet sterben wie hier im Hospiz Luise.

Wenn Ihr noch mehr wissen wollt, schreibt Eure Fragen gerne in die Kommentare und hier findet Ihr auch die Website vom Hospiz Lusie.