Lese-Zauber: „Die Weisheit alter Hunde“ – ein Buch von Elli H. Radinger

Seit unsere Hündin Gina unsere Familie bereichert, sind wir viel damit beschäftigt, sie einfach zu beobachten. Wie sie hingebungsvoll auf einem Spielzeug herumkaut, wie sie ausgelassen Bällen hinterläuft, wie sie entspannt auf dem Sofa liegt – auf dem Rücken, die Pfoten in die Luft – kurz: wie sie ihr Leben genießt.

Sie braucht dazu nicht viel. Futter, Wasser, Bewegung, Kraul-Hände, Hunde-Kumpels und als Sahnehäubchen etwas zum Spielen. Sie lebt im Hier und Jetzt. Und das rund um die Uhr. Klar ist es blöd, wenn ich mal später mit ihr spazierengehe und aus reiner Gewohnheit kommt sie dann schon mal an, um nachzufragen, wann es denn losgeht. Aber, wenn ich ihr sage, dass es noch ein wenig dauert, dann vertraut sie mir einfach, dass ich mich schon um sie kümmern werde.

IMG_5820All diese kleinen und großen Beobachtungen beschreibt Elli H. Radinger in ihrem wundervollen Buch „Die Weisheit alter Hunde“. Und wie der Titel es schon sagt, geht es dabei vorangig um ältere Hunde. Wie sie uns durchs Leben begleiten und wir sie. Die Bindung, die entsteht und die (meist) mit dem Älterwerden noch inniger wird. Diese manchmal wortlose Kommunikation, das zunicken, der kurze Blickwechsel. Aha, ja verstehe schon.

Und sie schreibt vom Abschied nehmen. Davon wie sie es vor Jahren mit ihrem Seelenhund erlebt hat und wie es heute mit ihrer Hündin ist, die nun auch in die Jahre kommt.

Beim Lesen habe ich geweint, geschmunzelt, gelacht. Immer wieder mit dem Kopf genickt, denn stimmt, so ist das mit unseren wunderbaren vierbeinigen Familienmitgliedern. Neben dem geschriebenen Wort, gibt es auch noch viele wunderschöne Fotos, die mir ein Lächeln nach dem anderen aufs Gesicht gezaubert haben.

„Was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können“ heißt es im Untertitel – ja, da gibt es wirklich eine ganze Menge.

Weiterbildung `Seelfrau. Trauer-, Sterbe- und Seelenbegleitung´ – ein Gespräch mit Andrea Martha Becker

Als ich 2017 das erste Mal die Messe `Leben & Tod´in Bremen besucht habe, ist mir der Schriftzug eines Stands ins Auge gefallen: `Seelfrau´. Ich wollte erst weitergehen, aber dann las ich: `Weiterbildung Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung´. Mein Interesse war geweckt! (Anmerkung: bereits einen Monat später habe ich meine Weiterbildung in Hamburg begonnen)

Aber was ist denn nun eigentlich eine `Seelfrau´? Wer sich im Internet umschaut, wird feststellen, dass sich `Wikipedia´(bisher) darüber ausschweigt. Im `Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm´bin ich jedoch fündig geworden:
seelfrau, … , so die todten wäscht und anzieht, … , die bey der leiche sitzet, und ihre besondere verrichtung hat, …“.

Das bedeutet auf „Neu-Deutsch“ und zusammengefasst: Es war – neben den Angehörigen – die Seelfrau, die im Mittelalter am Bett der Sterbenden saß, die Verstorbenen wusch und ankleidete und neben der Totenklage auch den Angehörigen Trost spendete. Über die Jahrhunderte ist viel von diesem alten Wissen verschütt gegangen und der Umgang mit den Toten ist eine Männerdomäne geworden.

Seit neun Jahren gibt es nun eine Weiterbildung, die alte Traditionen mit aktuellem, fundiertem Wissen über Sterbe- und Trauervorgänge verknüpft: die Weiterbildung zur `Seelfrau. Trauer-, Sterbe- und Seelenbegleitung´nach Andrea Martha Becker.

Andrea MarthaWelche Wege sie zu dieser Weiterbildung geführt haben und wer die Frau ist, die dahinter steht, dass habe ich in einem Gespräch mit ihr heraus gefunden:

„Wir finden, Du solltest das machen!“ Mit diesen Worten, so erzählt Andrea Martha, begann die `Seelfrau-Reise´. Es war während ihrer Qualifikation zur Schamanischen Heilerin, als sie von einigen der teilnehmenden Frauen darauf angesprochen wurde, ob sie nicht eine Weiterbildung anbieten wolle. Zu dieser Zeit arbeitete Andrea Martha bereits als Sterbe- und Trauerbegleiterin, aber sie habe sich vor der Verantwortung gescheut, die eine solche Aufgabe mit sich bringt. Ihre Antwort lautete dennoch: „Ich denke darüber nach.“

Letztendlich war diese Szene der „Tritt in den Hintern, den man manchmal benötigt“, lacht Andrea Martha, denn tatsächlich fand 2011 die erste Ausbildung statt. „Sechs Frauen hatten sich sogar schon während meiner `Nachdenk-Zeit´ angemeldet“, erzählt sie und hält einen Moment inne, bevor sie fortfährt: „Ich hinterfrage oft, was und wie ich es tue.“

Dieses sich-selbst-hinterfragen sorgt dafür, dass die Weiterbildung seit Beginn kontinuierlich weiter entwickelt wurde. Bestand sie anfangs noch aus 12 Wochenenden – jeweils Samstags und Sonntags -, so beinhaltet die Weiterbildung heute 14 Wochenenden und beginnt jeweils am Freitag. Zudem bereichern Gastreferentinnen, wie z. B. die Bestatterin Claudia Bartholdi – sie ist Inhaberin des Bestattungsunternehmens TrauerLichtung – , das Wissensangebot.

Mit den Themen Sterben, Tod und Trauer wurde Andrea Martha bereits früh konfrontiert. „Meine Eltern haben damals in Schwarz geheiratet“, erzählt sie, „zwei Wochen vor ihrer Hochzeit war der jüngste Bruder meines Vaters tödlich verunglückt. Dass so ein Unglück Spuren in einer Familie hinterlässt, liegt auf der Hand“, fügt sie hinzu. Sie selber kennt eine andere Art von Trauer: ein Contergan-Nachfolger-Medikament hat bei ihr Nebenwirkungen hinterlassen. In ihrer Kindheit waren ihre Zähne braun, wodurch sie Spott und Häme ausgesetzt war. Mütter zeigten auf sie, während sie ihren Kindern mit den Worten „so sehen Deine Zähne aus, wenn Du nicht putzt“ drohten. Ein Schmerz, der tiefe Abdrücke in einer kindlichen Seele hinterlässt.

Schon früh bemerkte Andrea Martha, dass sie keinerlei Berührungsängste mit dem Tod hat. Auch das Versorgen von Verstorbenen, die letzte liebevolle Hinwendung, schreckt sie nicht ab. „Ich trete in einen Raum, da ist die Zeit stehen geblieben“, ihr Blick schweift während dieser Worte für einen Moment wie in weite Ferne, „ich habe das Gefühl, ich kann noch in Kontakt treten, rede mit den Verstorbenen und werde ganz ruhig.“

Ihr enormes Wissen setzt sich aus verschiedenen Aus- und Weiterbildungen zusammen, denn Andrea Martha ist nicht „nur“ Sterbe- und Trauerbegleiterin, sondern auch Krankenschwester, Kommunikationstrainerin, Reiki Lehrerin und Palliativ Fachkraft. Auch ein Studium findet man auf ihrem beruflichem Werdegang, das zu einem Abschluss als Diplom Theologin geführt hat. „Ich hatte eine sehr religiöse Mutter“, erklärt Andrea Martha diese Entscheidung, „und das Studium und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Christentum, war einerseits Interesse an philosophisch-religiösen Themen und andererseits war es ein Akt der Emanzipation von den frommen und unkritischen Vorstellungen, in denen ich groß geworden bin“, erzählt sie und fügt noch lachend hinzu, dass dieser Weg durchaus etwas rebellisches gehabt hatte.

Es ist diese Mischung aus Wissen, Erfahrungen, Neugier und Lebenslust, die Andrea Martha nicht nur in ihre selbstständige Arbeit als Dozentin für die `Weiterbildung zur Seelfrau´einfließen lässt, sondern sie auch für ihre Anstellung als Koordinatorin in einem ambulanten Hospizdienst qualifiziert. Und egal, von welchem dieser Bereiche sie spricht, die Freude an ihrem Tun steht ihr dabei ins Gesicht geschrieben. Wobei die `Seelfrau´so wie sie selber sagt, ihr besonderes Herzensprojekt ist. Und dass merkt Frau bei jeder Unterrichtseinheit.

Liebe Andrea Martha, ich danke Dir von Herzen für das intensive Gespräch und für all das, was Du mir in der Weiterbildung an Wissen und an Selbsterkenntnis mitgegeben hast. Ich wünsche Dir für Deine wichtige Arbeit weiterhin alles Gute!

Weitere Informationen über die Weiterbildung zur `Seelfrau. Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung´ nach Andrea Martha Becker findet Ihr auf der Seite www.seelfrau.de
oder persönlich von Andrea Martha Becker unter der Telefonnr.: 040 – 8198 5237.

Die nächste Weiterbildung beginnt am 27. November 2020 – Anmeldungen sind noch bis zum 01. Oktober 2020 möglich.

 

 

 

„Du kennst Dich doch damit aus“ – der Bedarf nach Gesprächen über den Tod

Auf dem Totenhemd-Blog von Petra und Annegret gibt es wieder eine tolle Blog-Aktion. Diesmal mit dem Titel: Wo spaziert der Tod durch euer Bild?

DSC_0218Wer mich kennt weiß, dass der Tod schon von Kindesbeinen an, einen Platz in meinem Leben hat. Gespräche über Sterben, Tod und Trauer sind für mich nichts ungewöhnliches, nichts was mich abschreckt. Aber seit Mai 2018 hat sich da nochmal etwas geändert. Damals habe ich meine Weiterbildung zur Seelfrau (Sterbe-, Trauer- und Seelenbegleitung) begonnen und im September desselben Jahres kam noch der Kurs für ehrenamtliche SterbebegleiterInnen hinzu. Da ich dies offen – persönlich und hier auf dem Blog – kommuniziert habe, traten immer häufiger Menschen an mich heran mit den Worten: „Du kennst Dich doch damit aus…“

Und dann erzählten sie mir davon, wie und wo der Tod durch ihre Bilder spaziert ist. Oftmals, um sich etwas vom Herzen zu reden oder zu schreiben. Aber auch, um Rat zu erhalten (meiner Erfahrung nach haben die Menschen, die Antworten in sich). Denn tatsächlich ist es nach wie vor so, dass Viele sich mit dem Tod nicht „auskennen“. Für die es sich um ein Tabu Thema bzw. ein Angst Thema handelt. Aber dem Tod ist es nunmal Scheißegal, ob wir ihn in unserem Leben haben wollen. Er kommt, so wie es ihm passt.

Vieles habe ich zu hören bekommen, was mich berührt hat und dankbar dafür macht, dass ich diesen Weg gehen darf. Also lasst uns weiter über den Tod sprechen, schreiben… und ihm den Platz im Leben geben, den er sowieso hat.

Und nun noch einige „Du-kennst-Dich-doch-damit-aus-Erinnerungs-Splitter“:

Eine Frau, deren Tochter an Krebs verstorben ist und die ich als Trauerbegleiterin ein Stück auf ihrem Weg begleiten durfte.

Eine Frau, deren Mann vor einem Jahr verstorben ist und die mir erzählt hat, dass sie nach wie vor in eine Trauergruppe geht… und von ihrem Bruder gefragt wurde: gehst Du da etwa immer noch hin?

Ein Mann, der 20 Jahre mit einem Gehirntumor gelebt hat und den ich in seinen letzten drei Monaten begleiten durfte.

Eine Frau, deren guter Freund sich das Leben genommen hat und die Rat gesucht hat, wie sie der Witwe beistehen kann.

Kartoffelpuffer-Wettessen – Wenn das Lieblingsessen eine Leiter in den Himmel baut

„Mama, wann machst Du mal wieder Puffer??“ – Wie oft habe ich in meiner Kindheit diese Frage gestellt… Mein Vater und ich haben immer Kartoffelpuffer-Wettessen gemacht. Da ging es um die Menge, nicht um Geschwindigkeit. Es war einfach so toll, diese Leckerei zu futtern. Mein Vater aß sie mit Apfelmus und ich mit Salz oder Zucker. Am allerallerliebsten mit Zucker. Einer richtig dicken Schicht, unter der der Puffer kaum noch zu erkennen war. Und wenn ich dann das abgeschnittene Stück Puffer zum Mund führte, dann fiel die Hälfte des Zuckers auf den Teller. Aber das musste so sein. Genau so.


Meine Mutter liebte die Wochenenden, an denen sie Kartoffelpuffer machte nicht besonders. Denn sie hatte die Arbeit und wir das Vergnügen. Schließlich war sie die Hausfrau und es war ihr Job. Ja, so habe ich das damals noch kennen gelernt. Mein Vater hat im Haushalt keinen Finger krumm gemacht. Ich in meiner Kindheit übrigens auch nicht… Übrigens hat meine Mutter „ganz nebenbei“ auch gearbeitet, erst in einer Bäckerei – sie war gelernte Verkäuferin – und später hatte sie dann unterschiedliche Putzstellen in Privathaushalten. Teilweise bis zu drei zeitgleich. Und das wöchentlich.

Trotzdem weiß ich, dass sie sich immer gefreut hat, wenn mir ihr Essen geschmeckt hat und sie das daher auch gerne gemacht hat. Irgendwann habe ich sie dann mal nach dem Rezept für ihre Kartoffelpuffer gefragt. Leider in einer Zeit, in der sie selber nicht mehr gekocht hat und sich daher nicht mehr genau erinnern konnte. Ich habe es dann versucht und es ist nix draus geworden.

Danach hatte ich das Thema `selbstgemachte Kartoffelpuffer´ für lange Zeit abgehakt. Aber nun war da dieser Weihnachts-Roman von der Familie mit dem Reibekuchen-Stand („Das Leben ist kein Punschkonzert“ von Heike Wanner). Und in dem Buch hinten drin ein Rezept. Als ich es las, war mir klar: das probiere ich aus! Heute stand ich also in der Küche – wobei mein Mann die Kartoffeln geschält hat, denn Hausarbeit wird bei uns geteilt – habe Teig angerührt und dann die Puffer Stück für Stück in heißem Fett gebraten. Sofort roch es wie früher in der Küche meiner Eltern. Es kamen Erinnerungen hoch und ich schwelgte in dem Geborgenheits-Gefühl, dass ich damals immer verspürt habe.

Einen Teil der Puffer habe ich mit Lachs und Kräuterquark genossen (Vorlieben ändern sich ja auch mal), aber einen Teil eben auch mit Salz und – vor allem – Zucker! Und es war himmlisch, so unfassbar lecker!

Auf so viele Arten kann man sich in seiner Trauer an einen geliebten Menschen erinnern. Und Essen ist eine davon. An diesem Wochenende habe ich nicht nur Puffer gemacht, sondern auch einen Topfkuchen – den Lieblingskuchen von meiner Mutter – den sie genau so mochte, wie ich ihn immer mache. Ohne irgendwelchen Schnick-Schnack, sondern „schierer Kuchen“, wie sie es genannt hat.

Ja, manchmal kann selbst das Lieblingsessen eine Leiter in den Himmel bauen und eine liebevolle Verbindung zu dem geliebten Menschen zaubern…

Charatücher – ein `In-der-Werkstatt-Gespräch´mit der Diplom Designerin Gela Hecking-Kühl

Etwas gemeinsam tun. Für die erkrankte Freundin aus dem Chor und für die eigene Trauer. Das war es, was die 30 Chormitglieder in die Werkstatt von Gela Hecking-Kühl geführt hat. Als Gela erzählt, wie die Frauen und Männer nach und nach zu ihr an den Webstuhl gekommen sind, um ein Tuch zu erstellen, in das sie gute Wünsche für die Freundin weben wollten, da schlucke ich. Welch berührende Momente. „Ja, es war ein Geschenk, die Gruppe auf diesem Weg begleiten zu dürfen. Da wurde Musik gemacht – sogar eine Harfe kam zum Einsatz – und es wurde gesungen.“

DSC_0010Ich bin zu Besuch in der Werkstatt der Diplom-Designerin Gela Hecking-Kühl. Um uns herum stehen Webstühle, große und kleine. Der älteste stammt aus dem Jahr 1841 und hat 50 Jahre in einer Scheune darauf gewartet, wieder zum Einsatz zu kommen. Fasziniert betrachte ich den aus Eiche und Nadelholz gefertigten Webstuhl. „Er hat keine Schrauben, sondern ist gesteckt“, erklärt mir Gela. Neugierig rüttle ich ein wenig an dem hölzernen Kunstwerk und stelle fest, wie stabil es auch ohne Schrauben ist.

Mit dem Thema Weben hatte ich zuletzt in der Schule zu tun. Gezwungenermaßen sozusagen. Aber Gelas Begeisterung ist ansteckend und während ich ihr zusehe, wie sie einige Reihen webt, merke ich wie der Funke überspringt und mein Interesse geweckt ist.

Aber was hat es nun mit den Charatüchern (Chara: althochdeutsch für Trauer oder Klage) auf sich? Und wie ist Gela Hecking-Kühl überhaupt auf dieses Thema gekommen?

„Im Jahr 2000 ist meine Mutter während eines Aufenthalts in Portugal gestorben“, beginnt sie zu erzählen.“ Meine Eltern hatten schon länger beschlossen, dass wenn einer von ihnen auf einer Reise verstirbt, er dann auch dort begraben werden sollte.“ Neben all der Fröhlichkeit in Gelas Augen, taucht auch nach all den Jahren noch ein Schatten auf. „Für mich war das damals schwer“, fährt sie fort, „mir fehlte ein Ort zum Trauern.“

Gela ist sich sicher, dass es vielen Menschen ähnlich ergeht, denn gerade in der heutigen Zeit leben Familienmitglieder oftmals weit voneinander entfernt, so dass der Besuch am Grab schwierig ist. Die leidenschaftliche Weberin aber hat für sich Wege in der Trauer gefunden. Dieser Weg führte sie erst einmal in einen Webkurs an der VHS. „Beim Weben“, so erzählt sie mir, „habe ich Ruhe gefunden. Und dann kam nach und nach der Wunsch auf, etwas aus dieser neu entdeckten Leidenschaft zu machen. Ein Studium vielleicht. Aber dazu fehlte mir der notwendige Schulabschluss, das Abitur.“ Sie lacht, während sie gedanklich in diese Zeit zurückreist. „Mein Mann hat einfach gesagt: dann mach doch das Abitur!“

Und dass hat sie getan. Inzwischen ist sie neben ihrer Arbeit als Familienpflegerin (in diesem Rahmen hat sie u. a. Sterbende begleitet und ist so schon mit dem Thema Tod in Verbindung gekommen) studierte Diplom Textildesignerin und die Charatücher, ja, die waren eine Idee für ihr Diplom. Eine Idee, die sie danach nicht mehr losgelassen hat.

„Der Begleiter für die `letzte Reise´“ – so steht es auf Gelas Broschüre. „Die Charatücher schmücken bei der Beerdigung den Sarg oder die Urne“, erklärt sie mir, „und am Ende der Zeremonie wird es dann den Angehörigen überreicht. Natürlich können die Tücher auch als Beigabe im Sarg verbleiben oder sie werden aufgeteilt. Die Möglichkeiten sind vielfältig.“

Ich stelle mir vor, dass ich ein solches Andenken nach der Beerdigung meiner Mutter hätte mit nach Hause nehmen können. Anstelle der leeren Hände, die sich nach dem absenken der Urne im Ruheforst so nutz- und hilflos angefühlt haben. Ein Charatuch, dass dann auf dem Erinnerungstisch, den ich für meine Mutter gestaltet habe, einen Platz gefunden hätte. Ja, mir gefällt dieser Gedanke und ich wünschte, ich hätte früher von dieser Möglichkeit gewusst.

So wie der Mann, der ebenfalls den Weg in Gelas Werkstatt gefunden und dort bereits vor dem Tod seiner Mutter eine rosa Stola für sie gewebt hat, um ihr dadurch etwas mit Liebe handgefertigtes auf ihrer letzten Reise mitgeben zu können.

Neben den handgewebten Tüchern bietet Gela auch selbst genähte Kissen in verschiedenen Formaten an, die aus der Kleidung von Verstorbenen gefertigt werden. Da findet das Lieblings-T-Shirt einen Erinnerungsplatz ebenso wie die Jeans, die so oft getragen wurde.

Der Nachmittag in der Werkstatt von Gela Hecking-Kühl war für mich eine Bereicherung und gab mir einen Einblick in die Möglichkeiten der Charatücher und wie Trauer durch sie Gestalt annehmen kann.

Liebe Gela, ich danke Dir von Herzen für diesen wunderbaren Einblick und wünsche Dir weiter viel Erfolg für Deine wichtige Arbeit.

Weitere Informationen über Gela Hecking-Kühl und ihre Arbeit findet Ihr auf Ihrer Website: www.charatuch.de.

Und nun noch einige Impressionen aus der Werkstatt:

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Blog-Aktion: Friedhofs-Spaziergang

An diesen Friedhof habe ich gar nicht mehr gedacht dabei kenne ich die anderen in den verschiedenen Ortsteilen von Rehburg-Loccum und bin gerne auf ihnen unterwegs gerade jetzt wo ich einen Beitrag über einen Friedhofs-Spaziergang schreiben möchte da ist es doch interessant wobei ich mich längst für den alten Loccumer Friedhof entschieden hatte bei Sonnenuntergang gerne ein Wolkenverhangener Himmel ein wenig Nebel stehe ich nun hier am Tor in Bad Rehburg wo eigentlich nur ein Waldspaziergang mit unserer Hündin stattfinden sollte und zudem jetzt die Sonne scheint der Himmel blau über mir leuchtet bin ich nicht überzeugt dennoch betrete ich den Friedhof dessen gleichförmige Anlage nackt und wenig einladend ist zieht es mich dorthin die Entdecker-Augen weit geöffnet die Kamera schussbereit am Wald entlangführend nur der Zaun zwischen Bäumen und frisch gemähter Wiese unterbrochen von Gräbern die Blick auf den anliegenden Kurpark haben wo am Rand ein Gedenkstein in einem Nest aus Efeu steht die Inschrift für mich unleserlich und dort ein silberner Engel wachend über Erika wenige Meter entfernt ein weißes Kaninchen oder doch ein Hase bin mir gar nicht sicher muss ich auch nicht toi toi wünscht ein Kind seinem Paps schmerzlich vermisst eine Wunde im Herzen dort die abgelaufene Ruhezeit die einer Rückmeldung bei der Friedhofsverwaltung bedarf ob wohl noch Jemand da ist der sich melden kann oder weilen die Angehörigen selber nicht mehr unter uns da am Rand auf einem größeren Stein ein kleiner mit versteckter Liebe bemalter offene dagegen auf dem Grab der besten Oma der Welt wo ein Anker die Verbindung ist überall Erinnerung und Liebe auch auf dem steinernen Kreuz das von Glaube Hoffnung und Liebe spricht all die kleinen und großen Entdeckungen da der Haupteingang die schmucklose Kapelle Grabplatten auf der Erde die in der Dunkelheit in Licht baden dürfen auch der Teil der Gefallenen mit einem einzigen Grablicht versehen eins für alle oder doch eins für einen Besonderen vieles bleibt ungeklärt nicht aber der Handlauf bei den zwei Stufen denn ich weiß durchaus dass zwei Stufen den Unterschied machen können zwischen kann ich erreichen und ist für mich unmöglich gut dass es auch Ruheplätze gibt.

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Dieser Friedhofs-Spaziergang ist Teil der diesjährigen Blog-Aktion des Totenhemd Blogs von Annegret und Petra. Die Beiden haben zum 5. Mal zu Ihrer tollen November Blog-Aktion eingeladen und ich freue mich, dass ich wieder dabei sein kann.

„Die Form des Textes kann lyrisch, investigativ, Stream of Consciousness (Petra fragt Annegret und weiß nun: dies ist ein literarisches Stilmittel, wenn es so ohne Punkt und Komma fließt)“ – so stand es in der Einladung und ich habe mich das erste Mal an einem Bewusstseinsstrom (Stream of Consciousness) versucht, habe vorher noch bei James Joyce „Ulysses“ hineingeschaut, der das über 100 Seiten praktiziert hat – es hat mir riesigen Spaß gemacht!

Hier findet Ihr die anderen Beiträge, die wieder einmal sehr unterschiedlich und spannend sind!

Ausstellung „Trauer geht `unter die Haut´“

„Bedeutet Trauertattoos, dass man sich den Namen des Verstorbenen in die Haut stechen lässt?“ Das wurde ich kürzlich gefragt, als ich von der Ausstellung „Trauer geht `unter die Haut´“ erzählte. Die Antwort: ja, es kann der Name sein. Oder etwas anderes, das Trauerende mit den Verstorbenen in Verbindung bringt.

Wie der Vater, der auf seinem Arm ein Filly Pferd trägt. Eins von diesen quietschbunten Plüschpferden, die mal ein (Ein) Horn oder auch gerne Krönchen tragen. Und wenn ein Vater seiner 13-jährigen Tochter zwei Tage vor ihrem Tod genau so ein Kuscheltier geschenkt hat, ja, dann ist das ein guter Grund, dass es nun seinen Arm ziert.

Trauer ist individuell. Und die Wege, die Menschen in diesen Zeiten gehen, sind alles andere als gradlinig. Das machte Fr. Dr. Tanja Brinkmann in ihrem Vortrag anlässlich der Vernissage, die am Freitag in der Stadtkirche in Wunstorf stattfand, klar. Und dass Tattoos eine von vielen Möglichkeiten sind, eine Verbindung zu den geliebten Menschen zu behalten.

„Say hello again. Warum Verbindungen zu Verstorbenen oftmals heilsam sind“, war der Titel des Vortrags, der mich sehr berührt hat. Fr. Dr. Brinkmann hat eine wunderbare Art, dieses Thema greifbar zu machen und Möglichkeiten aufzuzeigen mit der Trauer weiter zu leben. Bei Interesse schaut doch einmal auf ihre Website, die Ihr hier findet.

Ergänzend gab es bei der Vernissage einen Stand von Gela Hecking-Kühl zum Thema Charatücher und Chara Tuch Kissen. Eine weitere, wie ich finde sehr schöne Option, Trauer ins Leben zu integrieren. Zu diesem Thema werde ich gesondert noch einen Beitrag schreiben, da ich Frau Hecking-Kühl in ihrer Werkstatt besuchen darf. Vorab könnt Ihr Euch gerne hier bei ihr auf der Website umschauen.

Gestern habe ich zwei Stunden lang die Ausstellung „begleitet“. Sprich, ich stand gemeinsam mit einer Kollegin für Fragen oder auch Gespräche bereit. Und es war so berührend zu sehen, wie die Besucher die Ausstellung erleben. Einige, die anfangs sehr skeptisch wirkten, waren rasch in den Lebensgeschichten der Trauernden, die unter den Fotos stehen, gefangen. Etliche haben ihre Gedanken dazu in einem Gästebuch hinterlassen. So wie der junge Vater, der schrieb: „Mein kleiner Sohn ist in die Kirche hineingelaufen und hat mir dadurch schöne Eindrücke verschafft.“

Auch einen Eintrag auf Rumänisch gab es, denn Tod und Trauer macht vor Landesgrenzen nicht Halt. Oder die ältere Dame, die mit sehr strengem Gesichtsausdruck herein kam. Deren Züge mit dem Betrachten der einzelnen Fotos immer weicher wurden und die sich freute, als meine Kollegin sie noch ansprach und ihr Informationsmaterial mit auf den Weg gab.

Die zwei Stunden vergingen wie im Fluge und ich freue mich, dass ich sowohl am Freitag als auch nächste Woche Dienstag nochmals die Ausstellung mitbetreuen werde. Und falls Jemand von Euch in der Nähe wohnt, dann kommt doch gerne vorbei.

Hier noch die Ausstellungszeiten:

Wunstorf in der Stadtkirche
25.10., Freitag, 10 – 18 Uhr

Neustadt am Rübenberge in der Liebfrauenkirche
29.10., Dienstag, 14 – 18 Uhr
01.11., Freitag, 10 – 16 Uhr
02.11., Samstag, 10 – 16 Uhr
03.11., Sonntag 11 – 13 Uhr

Die Autorinnen des Projektes: Katrin Hartig & Stefanie Oeft-Geffarth
Ein Projekt der CONVELA GmbH
Veranstalter der Ausstellung: DASEIN, Ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienst Neustadt-Wunstorf

Zum Abschluss einige Foto Impressionen…

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