Zwei Jahre sind vergangen… die Liebe bleibt

Jeden Quatsch hast Du mitgemacht. Du hast so gern gelacht. Auch wenn Dein Leben oft eher zum weinen war. Wie oft hast Du mir von früheren Silvesternächten erzählt, die Du durchgefeiert hast, obwohl am 01. Januar die Inventur anstand. Tanzen. Musik. Das waren Deine Leidenschaften. Für die Du leider im Laufe der Jahrzehnte immer weniger Zeit hattest. Arbeit. Das war es woraus irgendwann Dein Leben bestand. Arbeit und finanzielle Sorgen. Auch gesundheitlich ging es nach und nach bergab.

Und trotzdem warst Du immer voller Liebe. Du hattest Verständnis, selbst für die, die Dir mal das Leben zur Hölle gemacht hatten. Und da war immer noch Musik in Dir. Und Lachen und unglaublich viel Herzenswärme.

Und auch das Quatsch machen kam nicht zu kurz…

Born to be wild

Auf diesem Foto waren Du und ich Gangster. Wie es sich gehört: mit Kippe im Mundwinkel und einer Bierpulle in der Hand. Und Dein Enkelsohn Julian war der Detektiv, der konzentriert an der Lösung dieses Falles arbeitete. Was haben wir gelacht!

So viele vergessene Erinnerungen sind in den letzten zwei Jahren an die Oberfläche gekommen. Bei manchen weine ich und bei anderen lache ich. Du bleibst immer ein Teil von mir und wenn ich an Dich denke – während mir noch oft Sehnsuchtstränen über das Gesicht laufen –  dann fühle ich Liebe und Dankbarkeit für all das was Du mir geschenkt hast.

In liebevoller Erinnerung an Marlis Deutschmann, 22. März 1930 – 22. Mai 2017

 

Alle reden über Trauer 2019: Wie ich mir selbst meine Trauer aberkannte

alle reden über trauer„Alle reden über Trauer 2019“ – Silke Szymura hat in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2017 dazu aufgerufen, über dieses wichtige Thema zu sprechen, davon zu erzählen. Ihre Seite mit allen Beiträgen findet Ihr hier.

Ich habe lange darüber nachgedacht, von welcher Trauererfahrung ich Euch erzählen möchte. Wobei ich im Grunde schon wusste, welche Erfahrung darauf wartete, endlich einmal zur Kenntnis genommen zu werden…

Am 16. März 2015 ist mein Vater gestorben. Mein Vater. Der Mann, der in meiner Kindheit mein Held war. So lange, bis ich sein wahres Ich kennen- und verabscheuen lernte. Die letzten fünf Jahre vor seinem Tod, hatten wir keinen Kontakt mehr. Während dieser Zeit habe ich einen Schutzwall um mich herum aufgebaut. Ich begann mir darüber Gedanken zu machen, was im Falle seines Todes zu tun sein würde. Denn meine Mutter würde gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage sein, diese Pflicht zu übernehmen.

Am 17. März 2015 klingelte mein Telefon.
„Ich habe einen Brief vom Ordnungsamt erhalten.“ Die Stimme meiner Mutter klang panisch. Was kein Wunder war, hatte sie doch gerade schwarz auf weiß in nüchternen Worten mitgeteilt bekommen, dass ihr Ehemann, von dem sie getrennt lebte, verstorben war.
Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem Moment fühlte. Ich weiß nur, dass ich mich innerlich rasch zur Ordnung rief. Mein Vater war gestorben. Ok. Mit diesem Anruf hatte ich gerechnet. Ich war vorbereitet.
„Ich bin gleich bei dir“, teilte ich meiner Mutter mit, zog mich rasch an, setzte mich ins Auto und fuhr los.

Auf der viertelstündigen Fahrt ging ich in Gedanken meine To-Do-Liste durch:
– einen Bestatter suchen und finden
– die Beerdigung organisieren
– mit einem Notar einen Termin für die Erbausschlagung machen.

Und dann stand ich auch schon vor meiner Mutter, die noch kleiner und zusammen gesunkener wirkte, als in der letzten Zeit sowieso schon. Ich nahm sie in die Arme. war dabei aber die ganze Zeit damit beschäftigt, die Nachricht in der Nähe meines Verstandes zu halten, weit weg von meinem Herzen. Das wollte davon ja sowieso nichts wissen.

Durch den Brief des Ordnungsamtes erfuhr ich, wo mein Vater zuletzt gewohnt hatte. Ich rief dort an und fragte, was nun zu tun sei. Die Mitarbeiterin teilte mir mit, dass meine Mutter für die Beerdigung zuständig sei und der Leichnam meines Vaters in einem Krankenhaus läge. Ganz nebenbei erfuhr ich, dass mein Vater mit einer Frau zusammen gelebt hatte. Diese meldete sich dann auch noch irgendwann bei meiner Mutter, aber nur um nach einer Unterschrift zu fragen, damit sie in der Wohnung bleiben könne.

Ich informierte noch telefonisch meine (Halb-) Schwester, damit sie sich um unsere Mutter kümmerte und fuhr dann wieder nach Hause. An diesem Tag machte ich sozusagen Nägel mit Köpfen. Ich suchte im Internet einen Bestatter heraus, der am Wohnort meines Vaters arbeitete, rief dort an und als die Frau am Telefon mir ihr Beileid ausdrücken wollte, sagte ich ihr, dass das nicht nötig sei. Dies sei für mich nur eine Pflicht, denn ich hätte keinen Kontakt mehr zu meinem Vater gehabt. Sie verstand mich, da sie ähnliches erlebt hatte. Mal wieder fügte sich etwas in meinem Leben.

Und dann war ich auch schon mit meinem Ordner unter dem Arm unterwegs zum Bestatter. Ja, ich hatte mich im Voraus schlau gemacht, was ich benötigen würde und mir dies zurecht gelegt. Die Fahrt zum Bestatter dauerte eine Stunde und ich war dankbar, noch am selben Tag dorthin kommen zu können.

Das Gespräch mit dem Bestatter war gut und tat mir gut. Ich konnte die Ärmel hochkrempeln und alles besprechen und klären. Das war wichtig für mich, wollte ich doch dieses Kapitel in meinem Leben endlich abschließen.

Zu all den Plänen, die ich mir damals zurecht gelegt hatte, gehörte es auch, dass ich nicht zu der Beerdigung meines Vaters gehen würde. Was sich nun sowieso als unnötig erwies, da ich eine anonyme Urnenbeisetzung in Auftrag gab, bei der sowieso niemand dabei sein konnte.
Und plötzlich regte sich etwas in mir. Was war das bloß? Aus dem Bauch heraus fragte ich, ob ich meinen Vater noch einmal sehen könnte.
Das sei kein Problem, wurde mir gesagt. Das Krematorium, in dem die Einäscherung stattfinden sollte, hätte einen Abschiedsraum. Dort könnten wir uns treffen und ich könnte Abschied nehmen. Ohne weiter zu überlegen, sagte ich zu.

Was mich dazu gebracht hatte, weiß ich bis heute nicht. Aber vermutlich war mir klar geworden, dass es in dieser Welt nur noch eine Möglichkeit geben würde, meinen Vater wiederzusehen. Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich diese nicht verstreichen lassen sollte.
Mein Mann bot mir sofort an, mich zu begleiten. Ich wollte erst ablehnen (schließlich war ich stark genug, alles allein zu regeln…), aber dann war ich schlau genug, dies nicht zu tun.

Den Moment, als ich den ersten Blick auf meinen Vater im Sarg warf, werde ich nie vergessen. Von jetzt auf gleich schwappte ein Gefühl in mir hoch, dass ich nicht erwartet hatte: Mitleid. Er lag da und sah winzig klein aus (er war an Kehlkopfkrebs gestorben). Und… er war ganz allein. Ich hatte ihm zwar oft gesagt, dass ihm dies passieren würde, wenn er sich nicht ändern würde, aber ich hatte es ihm nicht gewünscht. Außer in meiner größten Wut und Enttäuschung natürlich.
Aber an diesem Tag, nein, da war ich nur unendlich traurig für ihn. Denn er hatte alle Chancen, die ich ihm gegeben hatte, verspielt. Und nun war es für ihn zu spät. Ich sagte ihm, dass ich ihm verzeihen würde und dass, wenn wir uns irgendwann wiedersehen würden, er doch bitte noch einmal überlegen sollte, ob er nicht anders handeln könnte. Denn dann würde er noch einmal eine Chance bekommen.

Ich weinte nicht – und dabei weine ich sogar bei traurigen Filmen Rotz und Wasser – aber ich spürte eine große Ruhe. Einen Frieden, der da zwischen uns war. Und Dankbarkeit dafür, dass mein Bauchgefühl mir wieder einmal einen guten Weg gewiesen hatte.

Wochen später war ich dann noch auf dem Friedhof und stand mit zwei Gerbera in der Hand an dem Urnenfeld, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat. Und dann, dann kamen die Tränen und ich begriff, dass ich mir meine Trauer um ein Haar selber aberkannt hatte. Ich hatte liebe Worte zurück gewiesen, weil:  wer ist schon um einen Vater traurig, mit dem man zu Lebzeiten keinen Kontakt haben wollte? Ja, ich hatte mir etwas vorgemacht, denn zum einen gibt es auch liebevolle Erinnerungen, die ich inzwischen zu schätzen weiß. Und zum anderen trauere ich auch um das was hätte sein können, was ich mir gewünscht hätte.

Ich habe daraus etwas wichtiges gelernt: Trauer sucht sich ihren Weg, egal wie sehr ich versucht habe, sie zu unterdrücken. Und wie ich tatsächlich in einer Situation reagiere, dass weiß ich erst, wenn ich mitten drin stecke.

In Erinnerung an meinen Vater: Herbert Deutschmann, geboren am 29. September 1938, gestorben am 16. März 2015.

Hinweis: die Begrifflichkeit der `aberkannten Trauer´ habe ich durch meine Seminare erst kennen gelernt. Dies findet „normalerweise“ von außen statt, wenn Menschen meinen, dass man selber keinen Grund zum Trauern hätte, z. B. die beste Freundin ist verstorben und dass deren Familie trauert wird selbstverständlich anerkannt, aber auch die übrig gebliebene Freundin kann eben eine große Trauer empfinden, was dann evtl. nicht gesehen wird bzw. gesehen werden kann. Wer näheres dazu wissen möchte, kann mich gerne fragen.

89 Jahre wären es heute…

Vor zwei Jahren haben wir zum letzten Mal Deinen Geburtstag gemeinsam gefeiert. Nachdem Du zwei Monate zuvor auf der Intensivstation gelegen hattest – dem Tod näher, als dem Leben – war es wie ein Wunder gewesen, dass Du noch ein letztes Mal Kraft geschöpft hattest.

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Der 87. Geburtstag – das letzte Foto von meiner Mutter und mir

Im engsten Familienkreis haben wir an Deinem 87. Geburtstag zusammen gesessen. Bei einem leckeren Kuchen und Schnittchen, beides vom Pflegeheim zur Verfügung gestellt, die auch einen wunderbaren Geburtstagstisch für Dich bereitet haben.

Dein Enkel war extra für diesen Tag angereist und Du hast Dich so gefreut, ihn zu sehen. Es hat Dein Glück an diesem Tag perfekt gemacht und Du hast gesagt, es sei der schönste Geburtstag Deines Lebens.

Zeitweise gingen Deine Gedanken an diesem Tag spazieren, Dein Blick ging durch uns hindurch. Du warst müde. So müde. Und ich konnte sehen, wie Deine Kraft weniger wurde. Schon an diesem Tag konntest Du kaum etwas essen. Dein Körper benötigte es nicht mehr. Aber Du hast Dich gefreut, wie gut es uns geschmeckt hat.

Wir alle hatten Geschenke für Dich, liebevoll verpackt. Denn das auspacken war bis zu diesem letzten Geburtstag immer das schönste für Dich gewesen. Wir mussten Dir hin und wieder helfen, wenn Deine Hände und Finger nicht mehr die Kraft aufbrachten. Aber Deine Augen, die haben geleuchtet.

Da das Wetter an diesem Tag schön war, beschlossen wir Dich noch durch den Garten zu schieben. Du wolltest den beginnenden Frühling sehen. Ein bisschen frische Luft atmen, nachdem Du fast nur noch in Deinem Zimmer im Bett liegen konntest.

Wir zogen Dich an und Dein Enkel schob Dich im Rollstuhl durch die schön gestaltete Anlage des Pflegeheims. Und obwohl Du mit jeder Sekunde müder zu werden schienst, hast Du gelächelt, wenn er gespielt schnell mit Dir um die Ecken geflitzt ist.

Das auskleiden aus den schönen Festsachen, die Dir die Pflegerinnen liebevoll ausgesucht und angezogen haben – wir waren extra früher hingefahren und diese lieben Menschen hatten schon alles vorbereitet! – hast Du schon nicht mehr richtig mitbekommen. Und die nächsten zwei Tage hast Du fast nur geschlafen. Aber es hatte sich gelohnt.

Genau zwei Monate später, am 22. Mai, bist Du eingeschlafen. An einem wunderschönen Frühlingstag. Aber in unseren Herzen bist Du nach wie vor lebendig und wirst es bleiben. Alles Liebe für Dich zu Deinem Ehrentag und lass Dich da wo Du bist ordentlich feiern!

 

 

Kurs für SterbebegleiterInnen: Ein Vortrag im Hospiz

Während der Praktikumsphase finden neben den Reflexionsabenden auch unterschiedliche Fortbildungen statt. An einem Dienstag habe ich mich – gemeinsam mit zwei anderen KursteilnehmerInnen – abends auf den Weg nach Hannover gemacht. Unser Ziel war das stationäre Hospiz Luise.

Kurt Bliefernicht – Leiter des Hospizes – empfing uns freundlich und dann begannen zwei interessante Stunden. Seit nunmehr 25 Jahren arbeitet Herr Bliefernicht im Hospiz Luise und er habe es nicht einen Tag bereut. Was ich bei dieser schweren Aufgabe wirklich bewunderswert finde.

IMG_3045Im Hospiz gibt es Räumlichkeiten für acht Bewohner. Eine Zahl, die im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen Hannovers (532.163 / 2016), verschwindend gering scheint. Nach wie vor sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Es gibt drei stationäre Hospize in Hannover, die laut Herrn Bliefernicht, gut zusammenarbeiten. Zusätzlich gibt es die ambulanten Hospizdienste, die gemeinsam mit Palliativteams, Sterbende Zuhause begleiten und betreuen. Ambulant geht dabei immer vor stationär.

Egal, ob nun ambulant oder stationär, es gehe immer um den individuellen Menschen. Denn jede(r) stirbt anders, ebenso wie die Menschen vorher unterschiedlich leben. Daher ist der Personalschlüssel im Hospiz auch auf 1,35 Mitarbeiter für einen Bewohner angelegt und es sind jeweils zwei Nachtwachen vor Ort.

Wer denkt, dass im Hospiz nicht „nur gestorben“ wird, der irrt. Im Hospiz Luise bemüht sich das Team darum, die letzte Lebenszeit so lebendig und würdevoll wie möglich zu gestalten. Unter anderem gibt es eine Kunst- und Musiktherapie und es wird auch schon mal im Winter für eine Bewohnerin gegrillt, weil sie dies immer so gerne mochte (am Tag darauf ist sie im Kreise ihrer Lieben verstorben).

Bei dieser geringen Anzahl an Plätzen muss es natürlich Aufnahmekriterien geben: eine unheilbare Krankheit, die jetzt fortschreitend ist und in absehbarer Zeit zum Tode führt; eine Erkrankung mit einer hohen Symptomlast (etwas, das Zuhause pflegerisch nicht mehr zu bewältigen ist); alle Ressourcen für ein Sterben im eigenen Zuhause sind ausgeschöpft und es muss eine Übereinstimmung des Kranken mit der Zielsetzung des Hauses geben.

Das Hospiz Luise ist eine Einrichtung der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul in Hildesheim. Einer Konfession muss man dennoch nicht angehören und – wie Herr Bliefernicht es ausdrückte – „… soll auch niemand im Hospiz Luise mit dem Kreuz erschlagen werden…“ Aber wer den Bedarf nach einer christlichen Begleitung hat, bekommt sie selbstredend und es gibt auch eine kleine Kapelle direkt im Hause.

Im Schnitt befinden sich die Patienten 17 – 21 Tage im Hospiz. Im Jahr 2018 wurden vier Patienten wieder nach Hause entlassen – oftmals ergeht es ihnen durch die Rundum Versorgung deutlich besser – wovon zwei zurück gekehrt und dann dort verstorben sind.

Auch die Krankenkassen haben für die Kostenübernahme Richtlinien. Verbleibt ein Patient länger als 6 – 8 Wochen im Hospiz, muss der weitere Aufenthalt begründet werden. Dazu sollte man wissen, dass die Krankenkassen nur einen Teil der Kosten übernehmen. Der Rest wird über Spenden finanziert, so dass der Patient selber nichts bezahlen muss. Vielleicht habt Ihr in Todesanzeigen schon einmal Spendenaufrufe der Angehörigen gelesen, die für ein Hospiz sammeln.

Wichtig für die Patienten ist sicherlich, dass die Angehörigen kommen und gehen können, wie sie wollen (ich gehe hierbei jetzt von einem guten Verhältnis aus). Die Türen des Hospizes werden Tag und Nacht für sie geöffnet, so dass man seine Lieben rund um die Uhr begleiten kann. Oder aber auch zwischendurch Atem schöpfen kann und sie trotz allem gut versorgt weiß.

„Sterben ist erstmal blöd“, allgemeines Lachen über diese flapsig wirkende Aussage von Herrn Bliefernicht – wie gut, dass Menschen, die in solchen Bereichen arbeiten, ihren Humor nicht verloren haben! – und fährt fort: „Aber das wie, wie ich von dieser Welt gehe…“ Ja, nicht nur ich nicke dazu, denn genau um dieses WIE geht es uns doch. Dieses WIE, dass wir versuchen wollen so gut wie möglich für die Sterbenden „hin zu bekommen“. Dafür zumindest möchte ich mich einsetzen.

Und zu diesem Einsatz gehört es auch, die Augen nicht vor der Realität zu verschließen. Die Realität, die oftmals eben auch schlecht riecht, sogar stinkt, schwer zu ertragen oder auch blutig ist. Denn eine von vielen praktischen Tipps ist es, einen Patienten der verblutet auf eine rote Wolldecke zu legen. Ich schlucke. Aber ja, das klingt sinnvoll.

Jedes Jahr sterben im Hospiz Luise Menschen. Und sie werden nicht vergessen. Denn immer vor Ostern werden die An- und Zugehörigen zu einem Gedenk Gottesdienst eingeladen. Und dies als Abschluss des tollen Vortrags zu hören, hinterlässt bei mir ein warmes Gefühl und den Wunsch aufkommen, dass so viele Menschen wie möglich so liebevoll begleitet sterben wie hier im Hospiz Luise.

Wenn Ihr noch mehr wissen wollt, schreibt Eure Fragen gerne in die Kommentare und hier findet Ihr auch die Website vom Hospiz Lusie.

Das `ETWAS´ nach dem Tod

Petra und Annegret – die Initiatorinnen des Totenhemd-Blogs – haben in einer Blog-Aktion die Frage aufgeworfen, was nach dem Tod kommt (den Beitrag dazu findet Ihr hier). Dies sind meine Gedanken dazu:

So weit ich mich zurück erinnern kann, habe ich daran geglaubt, dass nach dem Tod ETWAS ist. Als Kind war es der Glauben, dass ich in den Himmel komme. Ich konnte mir DSC_0188das gut vorstellen. Wenn ich nach oben sah und an sonnigen Tagen die Weite des Himmels endlos schien, dann war es für mich klar, dass es da oben mehr als genug Platz für uns alle gibt. In meiner Vorstellung gab es dort wundervolle grüne Wiesen mit einem bunten Blumenteppich, auf dem jeder der Lust hatte, herum tollen durfte. Und es gab einen idyllischen Bach, der leise plätschernd durch die Wiese floss. Und ein Stück weiter ein Wäldchen mit einer Sonnenbeschienen Lichtung. Und all meine Tiere, die schon gestorben waren, würde ich dort wiedertreffen.

Dann kamen die Zeiten, in denen ich nicht mehr betete, kein abendliches „Lieber Jesus mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, keine Kirchgänge mehr. Aber der Glauben an ETWAS nach dem Tod blieb bestehen.

Ich schaute etliche Filme / Serien, die sich um dieses Thema drehten: Ein Engel auf Erden, Ein Hauch von Himmel, Hinter dem Horizont. Nun glaube ich trotzdem nicht, dass Michael London mir irgendwann als Engel begegnen wird. Oder dass ich mir wie Robin Williams mein Leben nach dem Tod selber malen kann. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass nachdem ich gestorben bin und mein Körper seine Lebensfunktionen aufgegeben hat, meine Seele einen neuen Platz bekommt.

Ich glaube daran, dass meine Mutter mich in meinem Sterbemoment abholen wird (während sie starb, hat sie ebenfalls ihre Mutter gesehen) und dass dann auf der Schwelle des Todes die Tödin mit ihrer Sichel meinen Lebensfaden durchtrennen wird, damit ich weitergehen kann. Wohin? Wie es da aussieht? Was dann passiert? Ihr ahnt es… ich weiß es nicht. Warum ich dann davon überzeugt bin? Schlichtes Bauchgefühl.

Und ja, mir haben schon viele gesagt, dass das alles Quatsch sei. Nach dem Tod käme ein großes NICHTS. Und wie ich überhaupt so etwas glauben könnte. Schließlich würde die Wissenschaft dieses und jenes sagen.

Tja, ich weiß ganz tief in mir drin, dass da ETWAS ist. Und dieses Gefühl oder Wissen oder was auch immer es ist, sorgt dafür, dass ich – wenn irgendwann der Tag gekommen ist – ohne Angst der Tödin entgegentreten werde. Schließlich ist sie es auch, die neben der Sichel ein paar Ähren dabei hat. Damit etwas neues entstehen kann. Und warum – so frage ich Euch – soll ich versuchen, mich von diesem Bauchgefühl abzubringen? Es tut mir gut und dass ist das einzige was für mich zählt.

Kurs für SterbebegleiterInnen: Reflexion

Die vergangenen Wochen waren eine emotionale Achterbahn. Anfangs die Aufregung zu Beginn des Praktikums: Wen darf ich künftig besuchen? Wie stelle ich mich dabei an? Wie verlaufen die Reflexions Abende?

Zugegeben: am Anfang des Praktikums war ich ein wenig überrumpelt. Irgendwie war ich wohl doch mit einem rosa-Wolken-Blick an das Ganze heran gegangen und hatte mir vorgestellt, dass ich ein Mal pro Woche einen netten Menschen im Pflegeheim besuche, der sich dann darüber freut und mit dem ich mich gemütlich unterhalte, ihm meine Zeit und Aufmerksamkeit schenke.

Die Dame, die ich dann besucht habe, war dement und komplett auf die Hilfe der Pflegekräfte angewiesen. Also war es gleich zu Anfang schon einmal schwierig für mich, heraus zu finden, ob ihr meine Besuche denn überhaupt angenehm sind und gut tun. Aber ich habe mich da auf mein Bauchgefühl verlassen und letztendlich gab es mal mehr, mal weniger Anzeichen (und auch mal ein paar Worte), die mir zeigten, dass meine Besuche gern gesehen waren.

Selbstverständlich hat sich die Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes bei mir rückversichert, ob ich mit der Situation zurecht komme. Und eine weitere Kursteilnehmerin ist ebenfalls in diesem Pflegeheim und so konnten wir uns austauschen, wofür ich sehr dankbar bin.

Wie Ihr vielleicht schon in meinem Beitrag „Plötzlicher Abschied“ gelesen habt, ist die Bewohnerin Anfang des Jahres verstorben. Und Ihr könnt mir glauben, auch wenn ich sie nur kurz kennenlernen durfte, hat dieser Abschied bei mir Spuren hinterlassen. Aber auch ein großes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich sie noch ein Stück Wegs begleiten durfte. Denn das ist es letztendlich, was ich künftig tun möchte.

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Wichtig bei dieser Aufgabe ist die regelmäßige Reflexion in der Gruppe. Bereits jetzt im Praktikum ist dieser monatliche Termin ebenso verpflichtend, wie später, wenn wir als ehrenamtliche SterbebegleiterInnen im Einsatz sind. An diesen Abenden besteht die Möglichkeit, über Probleme zu sprechen, sich auszutauschen, die Meinung und das Wissen der anderen zu hören.

Die Reflexion nach dem plötzlichen Abschied war dann für mich nochmal etwas besonderes. Etwas, das ich noch nicht erlebt hatte. Ich berichtete, was geschehen war und dies noch mit einem gewissen Abstand. Doch dann bekam ich die Gelegenheit, eine Kerze anzuzünden und ein paar Abschiedsworte zu sprechen.

Und in diesem Moment schnürte sich mein Hals zu und der Tränen-Damm brach. Ja, ich war und bin traurig. Und das sicherlich nicht nur, weil Frau Müller (dies ist natürlich nicht der richtige Name!) verstorben ist. Oder weil ich sie gerne noch ein wenig besser kennen gelernt hätte. Sondern auch, weil ich in diesen wenigen Wochen etliche Erlebnisse – schöne und nicht so schöne – hatte. Und weil auch immer alte Trauer-Wunden wieder ein wenig bei mir aufreißen.

Es ist so wichtig, in diesen Zeiten aufgefangen zu werden. Mit Menschen zu sprechen, die wissen, wovon ich rede. Die mitfühlen. Mit schweigen. Mit trauern. Die aber auch ihre Sicht der Dinge – wenn es nötig ist – darlegen und mir einen Blick verschaffen, den ich (da ich ja mitten drin stecke) nicht habe.

In Gedanken hatte ich schon fast die Ärmel hochgekrempelt, um weitere Besuchsdienste zu machen. Aber im Gespräch bei der Reflexion habe ich begriffen, dass es nicht immer gut und richtig ist „einfach“ weiter zu machen. Und das genau hier auch mein Problem steckt, warum ich schon oft in meinem Leben meine Grenzen überschritten habe und mir dann seelisch die Puste ausgegangen ist.

Und nun tut es unglaublich gut, einfach mal los zu lassen, eine Pause zu machen, die Erlebnisse sacken zu lassen. Und auch die Trauer zuzulassen. Anstatt einfach den Deckel wieder drauf zu drücken und mit Volldampf weiter zu marschieren. Dieser Kurs, die daraus entstehenden Aufgaben und die Menschen, die dazu gehören, bereichern mein Leben. Und das bereits nach diesen wenigen Monaten. Dafür bin ich dankbar.

Ein plötzlicher Abschied

Die kleine Flamme zittert eine Weile, bis sie den Docht des Teelichts richtig zu fassen bekommen hat und gleichmäßig weiter brennt. Behutsam stelle ich das Licht zu den anderen und schicke in Gedanken einen lieben Gruß auf den Weg.

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Kurz danach gehe ich durch den Wald, erfreue mich an dem Blick auf das Kloster. Ich beobachte die Enten auf dem Teich. Ebenso wie der Wind rühren sie sich kaum. Die Sonne schickt wärmende Strahlen von einem leuchtend blauen Himmel herunter.

Mein Praktikum hat plötzlich eine Wendung genommen. So wie in den vergangenen drei Wochen, wollte ich mich heute auf den Weg zu Frau Müller (es handelt sich hierbei nicht um den richtigen Namen!) ins Pflegeheim machen. Doch bei meinem Anruf wurde mir mitgeteilt, dass sie verstorben ist.

Während ich die Waldwege entlang gehe, erinnere ich mich an diese drei Besuche. Meist habe ich still dagesessen, weil Worte in Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerz versanken. Stattdessen gab es sanfte Berührungen, Hände, die gehalten werden wollten. Ein schmerzender Kopf, der durch achtsames Streicheln Linderung erfuhr. Ein Lächeln hin und wieder, das mich tief berührte.

Ich bin dankbar, dass ich Frau Müller noch kennenlernen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten durfte. Möge sie in Frieden ruhen.