Der kleine Baum – Teil 3/3

Der kleine Baum – Teil 3/3 (Teil 1 findet Ihr hier und Teil 2 hier)
von Nicole Vergin

In der nun folgenden Zeit, reagierte der kleine Baum auf keines der unzähligen, aufmunternden Worte, die ihm zuflogen. Stumm und starr ragte sein kraftloser Stamm inmitten all der Frühjahrsschönheit in der Natur auf.
Während überall im Wald die kleinen und großen Wunder der wieder erwachten Natur zu sehen waren, rührte sich bei dem kleinen Baum nichts. Keine Knospe, kein Stückchen frisches Grün war zu sehen. Der kleine Baum sah inmitten der schönsten Sonnenstrahlen aus, wie ein kahler Winterbaum.
„Mit ihm ist es aus“, höhnte der kleine Nadelbaum und sah sich Beifall heischend in der Runde der Nachbarbäume um.
Diese jedoch wendeten sich von ihm ab und bemühten sich weiter um das Wohl des kleinen Baumes. Leider vergeblich. Trotz aller Fürsorge, regte dieser sich nicht, so dass alle befürchteten, dass der kleine Nadelbaum Recht behalten könnte. Es sah so aus, als wäre kein Leben mehr in dem einst so hübschen, kleinen Baum.

Glücklicherweise war aber doch noch Leben in dem kleinen Baum. Er hatte sich ganz tief in sich selbst vergraben und dachte über sich selber nach.
„Ach“, seufzte er in Gedanken, „warum habe ich bloß im vergangenen Winter all meine Kraft in meine Blätter gesteckt? Nun stehe ich hier inmitten der schönen Frühlingszeit und kein Blättchen wächst an meinen Zweigen. Nicht einmal die Vögel gesellen sich zu mir, um auf meinen Ästen zu schaukeln und Lieder von Sonnenschein und Lebenslust zu singen. Sie haben Angst vor mir, weil sie denken, dass kein Leben mehr in mir ist.“
So haderte er einige Tage mit sich. Aber alles Klagen half nichts. Das musste auch der kleine Baum irgendwann einsehen. Er war nahe daran aufzugeben.

An einem besonders schönen Frühlingsmorgen, öffnete er die Augen, um sich ein letztes Mal umzusehen.
Von oben suchten sich die Strahlen der Morgensonne einen Weg durch die dichten Zweige der hohen Bäume. Einer von ihnen entdeckte die nur einen Spaltbreit geöffneten Augen des kleinen Baumes.
„Guten Morgen, kleiner Baum“, grüßte er ihn freundlich und ließ sich auf einem seiner Zweige nieder. Dort schaute er sich verwundert um. „Was hast du?“, fragte er dann, „bist du krank?“
„Lass mich in Ruhe“, wehrte der kleine Baum ab. „Mit mir ist es vorbei. Ich habe einen großen Fehler gemacht und dafür muss ich jetzt büßen.“
„Welch harte Worte an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen“, lachte der kleine Sonnenstrahl vergnügt. „Fehler kann man wieder gut machen“, fügte er hinzu.
„Diesen nicht“, sagte der kleine Baum resigniert, „schau mich doch an.“ Bei diesen Worten bewegte er ein wenig seine Äste, die immer noch kahl und trostlos aussahen.

Der Sonnenstrahl besah sich den kleinen Baum von oben bis unten und wollte dann wissen, was ihm wiederfahren sei. Und so erzählte der kleine Baum seine Geschichte. Wie er einst mit seinen Freunden, den anderen Bäumen, Jahr um Jahr glücklich hier im Wald gelebt hatte. Bis zu dem Tage, als er meinte, dass er nie wieder im Winter kahl sein wolle. Und wie sehr er diesen Schritt jetzt bereuen würde, denn ihm sei klar geworden, dass es schön sei, als kleiner Baum die verschiedenen Jahreszeiten zu erleben. Mit einem Seufzer beschloss er seine Geschichte.
„Mmh“, machte der kleine Sonnenstrahl und überlegte einen Moment lang. „Irgendetwas muss man doch tun können, um deine Geschichte zum Guten zu wenden.“
„Das meinen wir auch“, ertönten die tiefen Stimmen der großen Nadelbäume. „Wir müssen uns gemeinsam etwas einfallen lassen“, fügte einer von ihnen hinzu, während die anderen mit ihren Zweigen Zustimmung nickten.
Auf dem Gesicht des kleinen Baumes zeigte sich nach Wochen das erste Mal ein winzigkleines Lächeln. Wie gut, dass er so treue Freunde hatte. Gemeinsam würden sie sicherlich einen Weg finden.

Den ganzen Tag hatten sie geredet und überlegt. Der kleine Baum, der Sonnenstrahl und die großen Nadelbäume. Nach einer Weile mischte sich sogar eine weitere, verschämt klingende Stimme unter die der anderen. Der kleine Nadelbaum hatte eingesehen, dass er sich falsch verhalten hatte und dadurch einsam geworden war. Nun wollte er versuchen, ein wenig davon wieder gut zu machen.
Sogar einige Tiere fanden sich am Fuße des kleinen Baumes ein, als sie hörten das dieser Hilfe benötigte. Da war die Igelfamilie, die sich jeden Herbst über das Laub für ihre Höhlen freute. Und auch die Eichhörnchen eilten herbei, denn dank des kleinen Baumes standen jedes Jahr leckere Bucheckern auf ihrem Speiseplan.

Es war der Sonnenstrahl, der in einem Satz zusammen fasste, worin das Problem des kleinen Baumes bestand.
„Du hast keine Kraft mehr“, sagte er. „Alles, was du an Stärke besessen hast, steckte über den Winter in deinen Blättern. Dir fehlt die Winterruhe!“
Alle sahen sich gegenseitig an und nickten. Genau so war es. Der kleine Baum konnte in diesem Frühjahr gar keine neuen Blätter bekommen, da er viel zu müde war.
„Du musst schlafen“, ertönte da die tiefe Stimme von einem der großen Nadelbäume.
„Genau“, nickte der Sonnenstrahl aufgeregt mit seinem kleinen, leuchtend gelben Kopf, „ganz lange musst du schlafen. Und wenn du ausgeschlafen hast, dann können dir im nächsten Frühjahr auch wieder neue Blätter wachsen.“
Der kleine Baum schaute zweifelnd in die Runde seiner vielen Helfer.
„Aber ich kann doch jetzt nicht einfach schlafen. Ich brauche Luft und Licht und Wasser, damit meine Wurzeln mich weiter versorgen können. Sonst wird mein Holz rissig und trocken und dann ist es vorbei mit mir.“ Bei diesen Gedanken liefen dem kleinen traurigen Baum wieder einmal dicke, harzige Tränen an seinem Stamm entlang.
„Wir kümmern uns um dich!“, sagte der Sonnenstrahl entschlossen und fügte hinzu: „ich schicke regelmäßig meine Freunde zu dir, damit du genügend Wärme bekommst.“
„Und wir sorgen mit unseren Ästen dafür, dass du genügend Licht und Wind bekommst“, boten die großen Nadelbäume an.
„Wir achten darauf, dass keine Schädlinge deine Wurzeln anknabbern“, riefen die Eichhörnchen und die Igel.
„Und… und ich“, wisperte eine zaghafte Stimme neben dem kleinen Baum, „ich gebe dir Wasser ab, wenn du zu wenig hast und wenn sich zuviel Regen an deinen Wurzeln sammelt, dann helfe ich es wegzutrinken.“ Es war der kleine Nadelbaum, der hier seine Hilfe anbot.
Der kleine Baum war gerührt. All seine Freunde wollten ihm helfen und das obwohl er im letzten Winter nur mit sich beschäftigt gewesen war und sie keines Blickes gewürdigt hatte.
„Danke“, sagte er und nickte mit seinen Ästen zu jedem einzelnen hinüber. Dann schloss er die Augen und fiel müde in einen tiefen langen Schlaf.

Als das nächste Frühjahr begann, erwachte der kleine Baum. Frisch und ausgeruht schlug er die Augen auf und sah all seine Freunde um sich versammelt.
„Willkommen zurück, kleiner Baum“, riefen sie ihm vergnügt zu.
Und tatsächlich, der kleine Baum hatte es mit Hilfe seiner Freunde geschafft, seinen Fehler wieder gut zu machen. Das sicherste Zeichen dafür, waren die vielen kleinen, hellgrünen Blätter, die sich zaghaft den Weg in das Leben suchten.

Seit dieser Zeit genießt der kleine Baum die Schönheiten der unterschiedlichen Jahreszeiten. Und wer weiß, vielleicht begegnet ihr ihm einmal bei einem Spaziergang im Wald.

Der kleine Baum – Teil 2/3

Der kleine Baum – Teil 2/3 (Teil 1 findet Ihr hier)

Die Wochen vergingen und der Herbst kam übers Land – mit stürmischen, übermütigen Winden, mit tautropfenden Spinnennetzen im Morgennebel aber auch mit einer goldenen Sonne im herbstlichen Gewand.

Anfangs fiel niemandem auf, dass mit dem kleinen Baum eine Veränderung vorging. Wie oft hatte er sich sonst mit den großen Nadelbäumen unterhalten und sich all die Geschichten erzählen lassen, die diese in ihren langen Lebensjahren erlebt hatten.
Nun stand er stumm an seinem Platz und hatte für niemanden mehr ein Wort. Nicht einmal einen Blick. Anfangs sprachen sie ihn noch darauf an.
„Kleiner Baum, was ist mit dir? Hast du Kummer?“
„Es ist alles in Ordnung“, war die kurze Antwort des kleinen Baumes.
Der kleine Nadelbaum jedoch freute sich, dass der kleine Baum kaum noch sprach.
„Wie angenehm ruhig es hier doch auf einmal ist“, wandte er sich an die großen Nadelbäume.
Aber auch diese sprachen nicht viel und hatten kein Verlangen danach, sich mit dem kleinen Nadelbaum zu unterhalten. Sie waren traurig.
Und so kam es, dass der Herbst in diesem Jahr im Wald viele traurige Gesichter sah. Sogar die Igelfamilie, die in der Nähe des kleinen Baumes lebte, war nicht so fröhlich wie sonst.
„Sag kleiner Baum“, sprachen sie ihn vorsichtig an. „Warum fallen deine Blätter in diesem Jahr nicht auf den Boden? Wir warten schon darauf, um unsere Winterhöhlen damit auszupolstern.“
„Ihr müsst euch in diesem Jahr etwas anderes suchen“, antwortete der kleine Baum, ohne einen Blick auf die Igelfamilie zu werfen. „In diesem Jahr werde ich meine grünen Blätter behalten!“
Alle umstehenden Bäume und alle Tiere, die in der Nähe waren, hielten für einen Moment den Atem an. Sogar der Herbststurm vergaß, den Wind in den Baumwipfeln spielen zu lassen.

Nun also war das Geheimnis um den kleinen Baum gelüftet: er wollte nicht, dass sich in diesem Herbst seine Blätter verfärbten, um dann auf den Boden zu sinken und ihn kahl zurückzulassen. Daher sagte er kaum ein Wort und starrte nur angestrengt vor sich hin, denn er benötigte all seine Kraft, um seine Blätter festzuhalten.
Ein Raunen wogte von einem Baum zum anderen. Sie flüsterten sich die erstaunliche Geschichte zu. Hin und Her wogten die Worte. Jeder fügte noch eigene Gedanken hinzu, Jeder hatte etwas zu sagen. Wie gerne wollten sie dem kleinen Baum mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie sagten ihm, wie hübsch sie ihn auch im Winter fanden und dass sie ihn gern hatten – ganz so wie er war.
Vergebens. Der kleine Baum starrte weiter entschlossen vor sich hin, während er jedes einzelne seiner Blätter festhielt, damit die Herbstwinde sie nicht mitnehmen konnten.
Dann kam der Winter mit all seinen Eigenheiten. Frost und Schnee hatte er im Gepäck und sein eisiger Hauch ließ die Natur erstarren. Viele Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, um dort ihren Winterschlaf zu halten. Die Tiere, die nicht schliefen, waren für die unwirtlichen Monate so gut es ging gerüstet. Alle Pflanzen und Bäume hörten auf zu wachsen, um sich für das kommende Frühjahr auszuruhen.
Alle, bis auf einen. Der kleine Baum stand inmitten des Schnees und zitterte vor Kälte. Immer noch sah er aus wie ein Baum im Sommer, mit grünen, kräftigen Blättern. Alle Kraft, die er benötigte, um gut über den Winter zu kommen, steckte in ihnen.
Die großen Bäume betrachteten ihn besorgt und versuchten ihn mit ihren dichten Zweigen einzuhüllen, ihn vor dem Frost zu schützen. Aber der kleine Baum wollte auch diese Hilfe nicht. Zu sehr fürchtete er sich davor, dass seine Blätter zu Boden fallen könnten und er so wie all die Jahre zuvor nackt und hässlich inmitten all der grünen Nadelbäume stehen würde.
Langsam aber stetig verging der Winter und dem kleinen Baum kam es so vor, als wolle er in diesem Jahr gar nicht mehr weichen.

Dann eines Morgens, weckte ein vorwitziger Sonnenstrahl den kleinen Baum.
„Hallo du“, rief er, „wach auf, der Frühling kommt zurück in den Wald. Mach dich bereit!“
Und schon sauste er weiter, um auch den anderen Bäumen, Pflanzen und Tieren die gute Nachricht zu verkünden.
Der kleine Baum freute sich, denn er hoffte, dass das Leben für ihn nun wieder einfacher werden würde. Jedes Jahr war der Frühling für alle Waldbewohner eine besondere Zeit. Neues Leben erwachte, selbst in den kleinsten Winkeln drängten sich zarte, grüne Spitzen durch den dunklen Waldboden ans Licht.
Die Vögel spielten um die Baumwipfel herum Fangen und zwitscherten dabei aus voller Kehle. Alle Winterschläfer kamen aus ihren Höhlen und reckten ihre wintermüden Glieder der Frühlingssonne entgegen. Das war ein Summen und Surren, ein Zwitschern und Zwatschern, ein einziges Gewirre.

Inmitten all dieses blühenden Lebens, stand der kleine Baum mit zitternden Zweigen.
„Ist dir kalt, kleiner Baum?“, fragte einer seiner großen Freunde besorgt.
„Nein“, flüsterte der kleine Baum, „ich bin nur so unendlich müde.“
Während der Frühling nach und nach alle im Wald aufweckte, fielen dem kleinen Baum immer häufiger die Augen zu. Seine Zweige, die er den ganzen Winter über aufrecht gehalten hatte, hingen einer nach dem anderen kraftlos nach unten.
„Ich schaffe es einfach nicht mehr, meine Zweige hochzuhalten“, flüsterte der kleine Baum verzweifelt, während eine dicke, harzige Träne an seinem Stamm entlang lief.
Der kleine Nadelbaum, der den kleinen Baum im Winter missmutig betrachtet hatte, lachte nun hämisch.
„Nun ist es vorbei mit all deiner Schönheit!“
„Sei still!“, fuhr ihn daraufhin einer der großen Bäume an.
Gemeinsam mit den anderen umstehenden großen Bäumen, versuchten sie mit ihren weiten ausladenden Zweigen, die des kleinen Baumes zu stützen. Sie wollten ihm einen Teil der Last abnehmen.
Aber es half alles nichts. Der kleine Baum fiel immer mehr in sich zusammen und als sich auch der letzte Ast nach unten neigte, da wurde sein Laub braun und fiel zu Boden.
Als der kleine Baum sah, wie sein letztes Blatt auf den Waldboden trudelte, schloss er die Augen und verstummte.

Der 3. und letzte Teil folgt am 19. Februar!

Der kleine Baum – Teil 1/3

Der kleine Baum – Teil 1/3
von Nicole Vergin

In einem großen Wald, da lebten einst unzählige Tannen, Fichten und Kiefern. Große und kleine Bäume gab es da. Sie alle waren verschieden. Eines jedoch hatten sie alle gemeinsam. Ihre Nadeln waren das ganze Jahr über grün.

Nun geschah es eines Tages, dass mitten unter ihnen ein weiterer Baum zu wachsen begann. Wie bei all den anderen Bäumen, begrüßten sie auch diesen voller Freude.
„Willkommen in unserem Wald!“, riefen sie ihm zu.
Und genau wie bei allen kleinen Bäumen, sorgten die umstehenden großen Bäume auch für diesen. Im Sommer, wenn es sehr heiß war und es nur wenig Wasser gab, dann schüttelten die großen Bäume bei Sonnenaufgang ihr Nadelkleid, damit der kleine Baum, der selber noch keine Tautropfen sammeln konnte, mit diesen begossen wurde.
Brannte die Sonne zu heiß, dann nahmen sie den kleinen Baum unter ihre weit ausladenden Äste und gaben ihm so Schutz. Regnete es dann endlich wieder, zogen sie ihre Zweige zurück, so dass der kleine Baum genau soviel Wasser bekam, wie er gerade benötigte.
Wen wundert es da, dass der kleine Baum mit den Jahren immer schöner und größer wurde. Ebenso schön, wie seine großen Freunde. Nur eines an ihm war anders. Er hatte keine Nadeln an seinen Zweigen, sondern Blätter.

Anfangs dachten alle, dass sich dies noch ändern würde. Aber so war es nicht. Es konnte sich auch gar nicht ändern, da der kleine Baum kein Nadel- sondern ein Laubbaum war.
Seine umstehenden Freunde waren anfangs sehr verwundert, aber ihnen gefiel der kleine Baum. Besonders, da er in jeder Jahreszeit anders aussah.
Im Frühling bildeten sich an seinen Zweigen kleine Knospen, aus denen dann nach und nach Blätter wurden. Sie wuchsen und wuchsen, bis sie ihre wahre Größe erreicht hatten. Dann erstrahlten sie in hellem Grün.
Im Laufe des Sommers wuchsen dem kleinen Baum dann sogar noch Früchte. Darüber freuten sich besonders die Eichhörnchen, denn die Früchte waren für sie ganz besondere Leckerbissen.
Der Zauber des Herbstes brachte dem kleinen Baum ein farbenfrohes Gewand mit. Die Farbe der Blätter verwandelte sich, so dass der Baum ein rot-gelbes Kleid trug, das durch die Herbstsonne strahlte und weithin sichtbar war.
Dann jedoch, wenn die Tage kürzer wurden und der Winter heranstapfte, wurde der Baum müde. Alle Kraft wich aus seinen Blätter. Sie wurden braun und trudelten nach und nach zu Boden. Und während alle Nadelbäume auch im Winter ihr grünes Kleid trugen, stand der kleine Baum völlig kahl zwischen ihnen.
In dieser Zeit duckte er sich gerne unter die größeren Bäume und versuchte sich ganz klein zu machen, weil niemand ihn so sehen sollte. Aber irgendwann war er auch dafür zu groß.
Die älteren unter den Nadelbäumen redeten ihm gut zu.
„Du bist so ein schöner Baum“, sagten sie, „du bist hier im Wald bei uns etwas besonderes!“
„Aber ich möchte nichts besonderes sein“, entgegnete der kleine Baum und ließ traurig seine Zweige hängen. „Ich möchte ein ganz gewöhnlicher Nadelbaum sein. Ich möchte zu euch gehören.“
„Du gehörst zu uns“, sagten alle.
Alle, bis auf einen. Ein kleiner Nadelbaum, der selber noch sehr jung war, hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass ein Laubbaum in ihrem Wald nichts zu suchen hatte.
Und so ärgerte er den kleinen Baum. Er streckte seine Wurzeln aus und versuchte ihm das Regenwasser weg zu trinken. Und wenn zuviel Regen fiel, dann ließ er den kleinen Baum ganz allein in einer großen Pfütze stehen, in der Hoffnung, dass das Holz des Laubbaumes faulig werden würde.
„Du bist keiner von uns“, sagte ihm der kleine Nadelbaum und schaute bewusst in eine andere Richtung.

Der kleine Baum wurde immer trauriger. Keiner seiner großen Freunde schaffte es, ihn aufzuheitern. Egal wie oft sie ihm sagten, dass sie ihn gerne in ihrem Wald hatten. Die Worte des kleinen Nadelbaumes hatten tiefe Wunden in seinem hölzernen Herz hinterlassen.
Und so begann der kleine Baum darüber nachzudenken, wie er sich verändern könnte, um den Nadelbäumen ähnlicher zu werden. Tag und Nacht grübelte er, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen.

Es verging ein weiteres Jahr, ohne das der kleine Baum viel von den wunderschönen Jahreszeiten mitbekam.
Im Frühjahr verpasste er das Erwachen der Natur. All die Tierkinder, die plötzlich durch den Wald tobten. Und im Sommer hätte er beinahe seine herrlichen braunen Früchte, die Bucheckern, nicht bemerkt, die wie jedes Jahr an ihm wuchsen. Auch die wärmenden Sonnenstrahlen, in denen er sich sonst so gerne wiegte, beachtete er kaum.
Schon stand der Herbst bevor, als eines Tages der kleine Nadelbaum zu ihm sagte: „Na, kleiner Baum. Nun wird es bald wieder Zeit, dass du deine Blätter abwirfst. Dann siehst du nicht mehr so frisch und grün aus, wie wir anderen. Dann bist du kahl und unansehnlich.“ Bei diesen Worten betrachtete er geringschätzig das Laub des kleinen Baumes und schüttelte betont langsam sein grünes Nadelkleid.
Der kleine Baum ließ voller Verzweiflung die Zweige hängen. Seine Blicke wanderten über das Laub, das noch voll grüner Lebenskraft war. Den ganzen Tag über gab er sich seinem Kummer hin. In der darauffolgenden Nacht schaute er nach oben in den nachtschwarzen Himmel, wo vereinzelte Sterne ihm zuwinkten. So, als wollten sie ihm Mut machen.

Und so kam es, dass der kleine Baum in dieser Nacht einen einsamen Entschluss fasste.

Teil 2 findet Ihr hier!

Freundschafts-Ende

Freundschafts-Ende
von Nicole Vergin

Wie Pech und Schwefel
So sagt man es doch
Ja, so waren wir Zwei
Haben gelacht und geweint
Uns gegenseitig getröstet
Gehalten.

Seite an Seite
Auf dem Lebensweg
Der
Nicht gerade
Sondern voller Kurven war
Und ist
Nur jetzt
Ohne Dich.

Für immer sollte es sein
Irgendwann ein Anfang
Aber kein Ende in Sicht
Und doch war es da
Schlich sich näher
Wir bekämpften es
Mutig in unseren Rüstungen
Gewappnet gegen den Sturm
Aber die Winde rissen uns mit
Dich nach links
Und mich nach rechts.

Ohne die Chance auf ein
Versuchen-wir-es-nochmal
Stattdessen
War da nur noch Qual
Die Gemeinsamkeiten
Vom Winde verweht
Die Gedanken im Kopf verdreht
So lagen wir hier und dort
Streckten die Hände aus
Versuchten nacheinander zu greifen
Zu tasten
Doch Leere ist fassungslos.

Und so
Standen wir auf
Die Blicke abgewandt
Und alles nahm seinen Lauf
Wo eben noch Freundschaft
War nun ein Loch
In meinem Herzen
Und Du?
Fühlst auch Du diese Schmerzen?

abc.Etüden – Der Papiertiger

Etüde
Max. 300 Wörter, die drei Begriffe enthalten müssen. Zu den heutigen Begriffen – Papiertiger, belanglos und plätschern – ist mir erneut ganz spontan ein Text eingefallen. Und wenn Ihr die anderen Etüden auch gerne lesen mögt – was ich nur empfehlen kann! – dann schaut bei der Initiatorin Christiane vorbei.

Der Papiertiger
von Nicole Vergin

Belanglos hatte er ihr Leben genannt. Mit ihr würde alles nur so dahin plätschern. Der Schmerz in ihrem Herzen hatte sie zerrissen. Tage. Wochen. Letztlich Monate vergingen, bis ihre Beine sie wieder trugen und ihre Herzensnarbe zu ihrem neuen Leben dazu gehörte. Einem Leben, das ihr besser gefiel. Ohne ihn. Denn letztlich war er nur ein Papiertiger gewesen, dessen stumpfe Zähne ihr nun nichts mehr antun konnten.

67 Wörter

Die ungleichen Schwestern – Teil 2/2

Die ungleichen Schwestern – Teil 2/2 (den 1. Teil findet Ihr hier)
von Nicole Vergin

Ein weiteres Mal stand die Fee zwischen den Betten der Mädchen, während die Uhr in der guten Stube Mitternacht schlug.
„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.

Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.
„Hilde, nun wirst du in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst im Morgengrauen wieder erwachen wirst. Und du, Nelly, wach auf und höre mir gut zu.“
Augenblicklich öffnete Nelly die Augen und sah zu der Fee auf.
„Was willst du von mir?“, fragte sie gespannt.
„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
Nelly sprang augenblicklich aus dem Bett. „Was soll ich tun?“, verlangte sie zu wissen, „soll ich auf Berge steigen, oder ein Meer durchschwimmen? Ich tue alles für meine Schwester.“
„Das ist gut“, sagte die Fee, „denn du wirst all deine Geduld brauchen, um deine Aufgabe zu lösen.“
„Sag mir endlich was ich tun muss, um Hilde zu erlösen!“ Ungeduld sprach aus Nellys Stimme.
„Draußen im Schuppen findest du Wollfäden. Sie alle sind miteinander verknotet und verwirrt. Du musst all die Fäden entwirren und säuberlich zu Knäueln aufwickeln. So lange, bis kein Faden mehr lose herum liegt.“
„Das kann ich nicht“, sagte Nelly entsetzt, als sie mit der Fee im Schuppen stand und das Meer an Wolle betrachtete. „Wie soll ich damit jemals fertig werden? Gibt es keine andere Möglichkeit, Hilde von dem Fluch zu erlösen?“
Aber die Fee schüttelte den Kopf.
„Nun gut, für meine Schwester will ich es tun.“ Mit diesen Worten hockte sich Nelly auf den Boden, griff nach dem ersten Fadenende und zog es mal durch diese dann durch jene Schlaufe.

Die Nacht wich bereits dem Morgen, als Nelly wutentbrannt aufsprang und mit den Füßen auf der Wolle herumtrat.
„Ich kann es einfach nicht!“, rief sie aus, „nicht ein Knäuel habe ich aufgewickelt bekommen. Hätte ich mir doch bloß ein wenig von Hildes Geschick in derlei Arbeiten abgeschaut. So oft hat sie es mir angeboten.“
Enttäuscht wollte sie den Schuppen verlassen, als sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf hörte: „Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
„Also gut, so leicht lasse ich mich nicht entmutigen. Ich werde jetzt hinausgehen und Atem schöpfen, bevor ich mich erneut an die Arbeit mache.“

Mit diesen Worten öffnete sie das Tor des Schuppens, trat in das Licht der aufgehenden Morgensonne hinaus und atmete tief die frische Luft ein.
Sie war gerade ein paar Schritte gegangen, da hörte sie ein winseln zu ihren Füßen. Ein Hund lag vor ihr im Gras und leckte seine Vorderpfote. Nelly bückte sich zu dem kleinen schwarz-weiß gefleckten Hund hinunter.
„Was ist denn mit dir geschehen?“
Behutsam nahm sie seine Pfote in ihre Hände und besah sie sich.
„Du bist ja verletzt.“ Mit sanfter Stimme sprach sie zu ihm. „Komm, ich nehme dich mit und versorge deine Wunde.“
Nelly trug den Hund in den Schuppen, bereitete ihm dort ein Krankenlager, versorgte seine Wunde und stellte ihm schließlich Wasser und Futter hin. Der Hund ließ sich genüsslich verwöhnen.
„Weißt du“, sagte Nelly nachdenklich, „du kannst mir Gesellschaft leisten und ich dir. Dann ist uns beiden nicht langweilig und meine Arbeit wird mir auch rascher von der Hand gehen.“

Und so wandte sie sich wieder der Wolle zu, begann die Schnüre zu entwirren und pfiff dabei fröhlich vor sich hin. Als sie das erste Knäuel aufgewickelt hatte, legte sie es stolz an die Seite und machte sich gleich an das nächste.
So vergingen die Stunden damit, dass Nelly die Wolle aufwickelte und den Hund versorgte. Und je mehr Zeit verging, desto zufriedener und ruhiger wurde sie.
„Weißt du“, erzählte sie dem Hund, „ich habe gar nicht mehr das Gefühl, das ich jetzt irgendwo anders sein müsste. Wir haben es doch wirklich schön auf unserem Hof.“
Der Hund bellte zustimmend und Nelly lächelte.
Als das Mädchen das letzte Knäuel aufgewickelt und zu den anderen gelegt hatte, stand sie auf, reckte und streckte sich und schloss dabei die Augen. Als sie sie wieder öffnete, fand sie sich in ihrem Bett wieder.

In diesem Moment erwachte auch Hilde und die Schwestern sahen sich erstaunt an.
„Du bist wieder wach!“, riefen sie wie aus einem Munde und lachten glücklich.
Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Erlebnissen und staunten darüber, was die jeweils andere getan hatte.
Währenddessen schob sich der kleine Hund durch das Tor des Schuppens, schüttelte sich einmal und verwandelte sich in die Fee, die lächelnd zum Fenster der Mädchen hinüber schaute.

Am nächsten Morgen gingen Hilde und Nelly Hand in Hand in die Küche zu ihrer Mutter, die sich von Herzen darüber freute, ihre Mädchen so einträchtig zu sehen. Und während sich alle Drei glücklich umarmten, schaute die Fee ein letztes Mal durchs Fenster herein, nickte zufrieden und zog mit dem Nebel der eben noch über den Feldern lag davon.

Die ungleichen Schwestern – Teil 1/2

Die ungleichen Schwestern – Teil 1/2
von Nicole Vergin

Es waren einmal zwei Schwestern, die hießen Hilde und Nelly. Die Mutter hatte ihre liebe Not mit ihnen, denn sie zankten und stritten ohne Unterlass. Sie waren derart verschieden, dass sie sich einfach nicht verstehen konnten. Während Hilde ihr Leben ruhig und beschaulich mochte, liebte Nelly es wild und abenteuerlich. Hildes Tage glichen einander, so wie sich auf einer Kette eine Perle an die andere reiht. Nelly hingegen versuchte stets etwas Neues und langweilte sich, wenn sie etwas mehrfach tun musste.
Wieder und wieder versuchte die Mutter zwischen den ungleichen Schwestern Frieden zu stiften. Aber vergeblich.

Eines Abends, Hilde und Nelly lagen bereits in ihren Betten und schliefen, saß die Mutter noch eine Weile am Kamin und dachte über ihre Mädchen nach.
„Ach, wenn sie einander doch verstehen könnten“, seufzte sie aus tiefstem Herzen, „das wäre mein größter Wunsch.“
Aus dem Kamin sprang ein Funke heraus und fiel der Mutter vor die Füße. Gerade wollte sie ihn austreten, als er heller und heller glühte, bis der ganze Raum in weißes Licht getaucht war. Die Mutter hielt sich die Augen zu, so sehr war sie geblendet. Als es wieder schwächer wurde, nahm sie ihre Hände vom Gesicht fort und erschrak. Vor ihr stand eine hochgewachsene Frau, deren rötlich glänzende Haare bis über ihre Schultern herab hingen. Sie trug ein langes blaues Gewand und an den Füßen silberne Schnallenschuhe.
Verängstigt warf sich die Mutter auf den Boden. „Oh, bitte tut mir nichts, edle Dame.“
„Hab keine Angst“, antwortete diese, streckte der Mutter ihre Hände hin und half ihr auf. „Ich bin eine Fee und ich bin gekommen, um dir deinen Wunsch zu erfüllen.“
Die Mutter traute ihren Ohren nicht. „Ihr wollt mir meinen Wunsch erfüllen?“
„So ist es. Seit langer Zeit schon bin ich an deiner Seite und nie hast du einen Wunsch für dich geäußert. Daher möchte ich dir nun diesen erfüllen, um ein wenig Frieden in dein Leben zu bringen.“
„Oh, ihr seid zu gütig. Habt vielen Dank, gute Fee. Aber sagt, wie wollt ihr es anstellen, dass sich meine Mädchen endlich gegenseitig Verständnis entgegenbringen? Ich habe es bereits all die Jahre vergeblich versucht.“
Die Fee lächelte. „Macht dir keine Gedanken. Leg dich nur schlafen und wenn du morgen früh erwachst, ist es bereits getan.“
Die Mutter tat wie ihr geheißen, bedankte sich noch einmal bei der Fee und legte sich in ihr Bett. Während sie bereits tief und fest schlief, stand die Fee im Zimmer der Schwestern und blickte auf sie hinab.

„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.
Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.
„Nelly, du wirst nun in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst um Mitternacht wieder erwachen wirst. Und du, Hilde, wach auf und höre mir gut zu.“
Augenblicklich öffnete Hilde die Augen und sah zu der Fee auf.
„Was ist geschehen?“, fragte sie verwirrt.
„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
Hilde sah ängstlich auf Nelly. „Ich soll sie zurückholen? Aber wie soll ich das machen?“
„Schnür dein Bündel, nimm nur das nötigste mit. Du hast einen langen Weg vor dir.“
„Ich soll das Haus verlassen?“, rief Hilde erschrocken. „Aber das kann ich nicht. Ich bin nicht so abenteuerlustig, wie meine Schwester. Kann ich nicht etwas anderes tun, um ihr zu helfen?“
Aber die Fee schüttelte den Kopf. „Nein, du musst dich auf den Weg machen und das Ende der Welt finden. Dort wächst eine Blume, die du hierher bringen musst. Wenn deine Schwester daran riecht, wird sie aus ihrem Schlaf erwachen“
Abermals blickte Hilde Nelly an, richtete sich dann auf und sagte: „Wenn es nur so geht, dann will ich es für meine Schwester tun!“

Rasch schlich sie in die Küche, packte Brot, ein Stück Schinken und einen Schlauch gefüllt mit Brunnenwasser in ein Bündel, hing es sich um und verließ das Haus.
Im fahlen Mondlicht ging Hilde den Weg zwischen den Feldern entlang, den sie schon unzählige Male am Tage gegangen war. Aber des Nachts sah alles anders aus. Wie oft hatte ihr Nelly schon von den geheimnisvollen Geräuschen und Stimmen der Nacht erzählt. Stets war es ihr zu unheimlich gewesen, sich ebenfalls in die Dunkelheit hinauszuschleichen. Und nun setzte sie einen Fuß vor den anderen und versuchte, ihr vor Angst laut pochendes Herz zu beruhigen.
„Meine Füße“, stöhnte sie nach einer Weile. Sie setzte sich an den Wegesrand, zog ihre Schuhe aus und befühlte die schmerzenden Stellen. Was hatte Nelly sich immer auf ihre wunden Stellen gelegt? Hilde wusste, dass es eine Pflanze gab, die Blasen heilen konnte. Wenn sie doch nur besser zugehört hätte.
So biss sie die Zähne zusammen, zog die Schuhe wieder an und ging weiter. Irgendwann war sie so müde, dass sie die Angst und die Schmerzen nicht mehr spürte. Sie wollte sich nur noch ausruhen.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, fand sie das Mädchen schlafend unter einem Busch. Behutsam kitzelte sie sie mit einem Sonnenstrahl an der Nase.
„Hatschi“, machte Hilde, schlug die Augen auf und sah sich um.
„Das war alles kein Traum. Ich habe mich tatsächlich heute Nacht auf den Weg gemacht, um ans Ende der Welt zu gelangen. Ach“, seufzte sie, „wie soll ich das nur schaffen?“
„Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen“, hörte sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf.
„Ich muss es schaffen!“, entschlossen stand sie auf, klopfte sich den Staub von ihrem Kleid, nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch, biss ein Stück von Brot und Schinken ab und setzte ihre Reise fort.
Als die Sonne immer höher am Himmel wanderte, tauchte am Horizont eine Gestalt auf.
„Das ist bestimmt ein Wegelagerer“, murmelte Hilde, „hoffentlich will er mir nichts Böses.“
Die Gestalt kam näher und näher und schließlich sah das Mädchen, das es sich um eine alte Frau handelte, die ein schweres Bündel mit sich trug.
„Oh, wie gut das ich dich treffe, mein Mädchen.“ Erschöpft ließ die alte Frau ihr Bündel fallen. „Kannst du mir wohl meine Last nach Hause tragen? Meine Arme sind müde und mein Mund von der Hitze ausgetrocknet.“
Hilde sah die Frau an und wusste nicht was sie tun sollte. Ihre Aufgabe war es doch, das Ende der Welt und die Blume zu finden. Durfte sie sich vom Weg abbringen lassen? Aber die arme alte Frau hilflos zurücklassen?
„Wenn doch bloß Nelly hier wäre“, dachte sie verzweifelt, „sie weiß immer was zu tun ist.“
Aber Nelly war nicht hier, um wie sonst für Hilde die Entscheidungen zu treffen. Und so tat sie es selbst.
„Komm, gute Frau. Ich trage dir deine Last nach Hause. Aber danach muss ich meinen Weg fortsetzen.“
Und während sie zu der Hütte der Frau gingen, erzählte sie ihr von der Schwester und der Aufgabe, die sie lösen musste. Die alte Frau hörte Hilde aufmerksam zu und sagte dann: „Ich weiß, wie du ans Ende der Welt gelangst.“
Hilde war überglücklich, hatte sie doch die ganze Zeit die Angst gequält, dass sie den Weg nicht finden würde. Aber dank der Entscheidung, die sie getroffen hatte, bekam sie nun von der alten Frau den Weg zum Ende der Welt gut beschrieben.
Sie bedankte sich herzlich und setzte ihre Reise fort. Während Hilde bereits um die nächste Biegung verschwand, verwandelte sich die alte Frau in die gute Fee, die zufrieden dem Mädchen hinterher schaute.

Mit jedem Tag der verging, wurde Hilde mutiger. Als ihre Vorräte zur Neige gingen, machte sie in einem Dorf halt, in dem gerade Markttag war. Sie ging von Stand zu Stand, suchte sich für ihr Geld die frischeste Ware heraus und ließ sich nicht mehr wie sonst das welke Gemüse aufschwatzen.
Wenn der Abend nahte, klopfte sie an fremde Türen und bat um ein Strohlager für die Nacht. Und als ihr das Geld ausging, arbeitete sie eine Weile bei einem Bauer auf dem Feld, bevor sie weiterzog.
Und endlich gelangte sie am Ende der Welt an. Sie sah das erste Mal das Meer, den endlosen Horizont und das Spiel der Wellen. Als sie einen vorbeikommenden Wanderer nach der Blume fragte, zeigte er auf die Klippen, die tief hinab an den Strand führten.
„Den Pfad musst du hinabklettern und unter den Felsvorsprüngen, da wirst du die Blume finden.“
„Hab Dank“, erwiderte Hilde und machte sich auf den Weg hinab in die Tiefe.
Oben auf der Klippe verwandelte sich der Wanderer in die Fee, die zufrieden nickend dem Mädchen hinterher schaute.
Hilde fand die Blume, grub sie vorsichtig aus und wollte sie dann in ihr Bündel einwickeln.
In diesem Moment kam Wind auf. Eine heftige Böe erfasste das Mädchen, hob es auf und trug es mit sich. Hilde schwanden die Sinne, während es vor ihren Augen dunkler wurde, presste sie die Blume fest an sich.
„Nun war alles umsonst“, dachte sie, bevor die Dunkelheit sie verschluckte…

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