Das Märchen der guten Vorsätze

Wie ist das bei Euch mit den Vorsätzen? Nehmt Ihr Euch etwas vor, bevor Ihr in das neue Jahr startet? Also ich schon länger nicht mehr. Denn mal ehrlich: nur weil Schlag Mitternacht ein neues Jahr beginnt, bin ich persönlich weder disziplinierter noch Ziel orientierter. Dass was ich wirklich ändern will, mache ich nach und nach und dieser Willen hat bei mir überhaupt nichts – mehr – mit dem neuen Jahr zu tun. Aber selbstverständlich muss das jeder für sich entscheiden. Und wenn Ihr Vorsätze gefasst habt, dann drücke ich Euch feste die Daumen und natürlich wünsche ich Euch auch ansonsten alles Gute für das Jahr 2019!

Aber nun zu meinem Schreibkick… (übrigens eine Erfindung von Sabi, deren facebook Gruppe Ihr hier findet!)

Das Märchen der guten Vorsätze
von Nicole Vergin

Klingkling…
Das laute Stimmengewirr, das durch den großen Saal rauschte, sorgte dafür, dass nur wenige den Kopf hoben und in die Richtung schauten, aus der das leise klingen kam. Erst ein lautes RUHE sorgte für selbige.
„Danke, dass ihr alle gekommen seid!“
Alle Augen waren nun auf den Redner gerichtet.
„Meine lieben guten Vorsätze. Ihr wisst alle, warum wir hier heute zusammen gekommen sind: Silvester naht und damit auch das neue Jahr und…“
Allgemeines stöhnen und seufzen hallte durch den Saal.
„Und“, fuhr der Redner fort, „die Menschen wollen sich wieder mal unserer bedienen. Indem sie uns lauter Versprechungen machen.“
„Im nächsten Jahr fange ich endlich mit Sport an“, ertönte eine betont alberne Stimme aus den vielen Reihen der guten Vorsätze.
Prompt fielen andere ein: „Ich werde endlich abnehmen“, „Ich höre mit dem Rauchen auf“, „Kein Alkohol mehr“ – und etliches mehr.
„Ich bitte wieder um Ruhe“, der Redner hob beschwichtigend die Arme, aber die guten Vorsätze waren inzwischen von ihren Stühlen aufgesprungen und einer rief laut: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!“
„Deswegen sind wir ja hier“, auch der Redner wurde nun deutlich lauter, woraufhin sich alle wieder setzten.
„Ihr habt Recht“, fuhr er fort, „wir dürfen uns diesen Missbrauch nicht mehr gefallen lassen. Wir stehen den Menschen im nächsten Jahr einfach nicht mehr zur Verfügung. Wir werden uns zurückziehen. Dann werden sie schon sehen, was sie ohne uns schaffen. Gar nichts.“
Die anderen guten Vorsätze klatschten begeistert Beifall.

Tja, und so kam es dann auch. Der Silvesterabend nahte, die Menschen wollten gute Vorsätze fassen, aber da waren plötzlich keine mehr. Und auch am Neujahrsmorgen, egal wo sie suchten und wie sehr sie auch grübelten – es waren einfach keine guten Vorsätze da.
Und dann geschah etwas, womit die guten Vorsätze nicht gerechnet hatten: anstatt sich weiter auf die Suche nach ihnen zu machen oder in Trübsinn zu verfallen, ging es den Menschen plötzlich gut. So gut wie lange nicht mehr an einem 01. Januar.
Niemand schleppte sich, obwohl er keine Lust hatte, auf seine erste Laufrunde des Jahres, nur weil er es sich vorgenommen hatte. Im Internet wurden keine Fitnessgeräte bestellt, die dann sowieso nur im Keller eingestaubt wären. Die Bücher über all die zahlreichen Diäten würden in den Regalen liegenbleiben.
Stattdessen horchten die Menschen in sich hinein und fragten sich, was sie an diesen ersten Tagen des Jahres gerne tun würden. Womit würde es ihnen gut gehen? Und während der eine seinen Rausch auf dem Sofa ausschlief, machte der andere einen gemütlichen Spaziergang und noch ein anderer hatte plötzlich gar nicht mehr so große Lust auf Schokolade wie sonst, denn plötzlich fiel das ständige Verbot einfach weg.

Die guten Vorsätze beobachteten all das aus ihrem Versteck mit großer Sorge. Und die schlauen unter ihnen suchten sich direkt eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. Andere hingegen hofften, dass die Menschen sie im kommenden Jahr wieder anfragen würden.

Und ob das überhaupt noch nötig sein wird, ja, das könnt nur ihr entscheiden.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Das Thema für den 01. Februar lautet: Imaginäre Freunde

 

Die Sache mit dem Rentier

Ja, heute gibt es einen Weihnachts-Special-Schreibkick: Die Sache mit dem Rentier.

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder darüber nachgedacht, was ich wohl schreiben könnte. Und dann bin ich im Internet darüber gestolpert, dass einem Fotograf in Norwegen ein weißes Rentier vor die Linse gekommen ist (wenn Ihr es sehen wollt, klickt hier drauf) und da war meine Idee geboren!

Ach ja: die Schreibkicks sind eine Idee von Sabi Lianne und die dazu gehörige Facebook Gruppe findet Ihr hier.

Habt einen schönen Heiligabend Ihr Lieben! ❤

Die Sache mit dem Rentier
von Nicole Vergin

Leises weinen drang durch die Wand ihres Zimmers. Traurig starrte Lea an die Decke. Seit ihrer Mutter der Job im Supermarkt gekündigt worden war, weinte sie fast jede Nacht. Tagsüber tat sie dann so, als wäre es gar nicht schlimm, dass der Laden zum Ende des Jahres geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen wurden. Aber Lea wusste, dass es so schon nicht leicht gewesen war, Miete und Essen und Kleidung zu bezahlen. Und wie sollte es dann erst im nächsten Jahr werden?
Lea drehte sich auf die Seite und knipste ihre Nachttischlampe an. Der Lichtschein war gerade einmal so groß, dass ihr Bett beleuchtet war. Als sie die Hand nach dem Buch ausstreckte, in dem sie gerade las, tanzten Schatten über die Wände. Normalerweise gelang es ihr immer, sich mit den bunten Geschichten in ihren Büchern abzulenken, aber heute schaffte es nicht einmal Pippi Langstrumpf sie aus ihren Grübeleien zu reißen. Dabei liebte sie dieses verrückte Mädchen, das sich ihre Welt einfach so machte, wie sie ihr gefiel. Warum konnte sie das nicht auch? Dann hätte sie ihrer Mutter helfen können. Aber so.

Irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu. Und im Gegensatz zu den letzten Nächten, in denen sie schlimme Träume gehabt hatte, träumte sie diesmal etwas schönes. Sie war im Stadtpark unterwegs und ging einen der vielen Wege, die von dicken alten Eichen gesäumt waren. Plötzlich trat hinter einem der Bäume ein Rentier hervor. Aber kein gewöhnliches. Nein, es war ein Rentier, dessen Fell schneeweiß war. Doch noch bevor Lea näher an das Tier herangehen konnte, wachte sie auf. Es war noch mitten in der Nacht und sie hörte von Ferne die Kirchenglocken elf Mal läuten. Was für ein verrückter und vor allem schöner Traum. Sie kuschelte sich erneut tief unter ihre Decke und schlief gleich darauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

Der nächste Tag war der 23. Dezember. Einen Tag vor Heiligabend. Aber obwohl Lea gemeinsam mit ihrer Mutter die kleine 2-Zimmer Wohnung geschmückt hatte, kam keine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Dabei hatte sich Lea beim aufwachen glücklich gefühlt. Anders, als die Tage zuvor. Und auch nach dem aufstehen dachte sie immer wieder an das weiße Rentier. Wie schön sein Fell im Traum geleuchtet hatte, als es da so stand. Aber gab es denn überhaupt Rentiere mit weißem Fell? Bisher hatte Lea immer nur Fotos von Rentieren gesehen, die ein braunes oder grau-braunes Fell hatten. Sie beschloss im Internet nachzuschauen.
Kurz darauf saß sie in ihrem Zimmer vor dem Laptop, den die Mutter ihr vor einigen Monaten gekauft hatte, als sie in die 5. Klasse gekommen war. Sie brauchte ihn nun für die Schule und sie hatte sich beinahe dafür geschämt, weil sie wusste, dass dafür eigentlich kein Geld da war.
Aber es war schon toll, wenn man einfach mal was im Internet nachschauen konnte. Rasch gab sie bei der Suchmaschine „Rentiere“ ein und scrollte dann durch die Ergebnisse. Bereits unten auf der ersten Seite wurde sie fündig: da war doch tatsächlich einem Fotografen in Norwegen ein junges schneeweißes Rentier begegnet. Neugierig betrachtete Lea das Foto. Wie hübsch das Tier aussah. Erneut stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Sie stutzte. Obwohl es im Moment wirklich eine traurige Zeit für sie war und sie sich sehr um ihre Mutter sorgte, schaffte es der Anblick eines weißen Rentiers, ihr für einen Augenblick den Kummer zu nehmen. Ob es etwas besonderes mit diesen Tieren auf sich hatte? Diesmal gab sie „weiße Rentiere“ in die Suchmaske ein und tatsächlich stieß sie auf eine Seite auf der stand, dass die Begegnung mit einem weißen Rentier Kraft schenkt und Glück bringt.
Lea sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus. Kraft und Glück. Genau das war es doch was ihre Mutter im Moment brauchte. Sie zog eine Grimasse. Nun fehlte ihr also nur noch ein weißes Rentier. Mutlos schaltete sie ihren Laptop aus. Sie mussten wohl auf anders zurecht kommen.

Leas Herz klopfte schneller. Da, da war es wieder. Sie war denselben Weg gegangen, wie in der vergangenen Nacht und nun stand das weiße Rentier erneut vor ihr und sah sie aus seinen sanften braunen Augen an. Als sie dieses Mal erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um zu begreifen, dass es wieder ein Traum gewesen war. Alles hatte so echt ausgesehen. Sie drehte sich auf den Rücken und zog die Decke bis unter das Kinn. Das Bild, wie das Rentier hinter dem Baum hervor getreten war, stand ihr nach wie vor deutlich vor Augen.
Wie kam es, dass sie auch in dieser Nacht von dem weißen Rentier geträumt hatte. Purer Zufall? Oder ein Zeichen? Aber wofür? Dafür, das Glück zu suchen?
Lea grübelte und grübelte, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Und während die Gedanken weiter in ihrem Kopf Karussell fuhren, schlief sie erneut ein und begann zu träumen…

Da war der Weg im Stadtpark. Sie spürte den eisigen Wind, der zwischen den Bäumen entlangfegte. Als sie nach oben sah, staunte sie über die zahlreichen Sterne, die dort um die Wette funkelten. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie deutlich sehen konnte, wohin sie ihre Schritte lenkte. Da hinten, da war die alte Eiche, deren ausladende Äste sich weit über den Weg erstreckten. Jetzt im Winter sah es ohne das Laub aus, als würden sich Finger nach ihr ausstrecken. Aber Lea verspürte keine Angst. Im Gegenteil, es war ein wenig das Gefühl, als ob sie nach längerer Zeit nach Hause kommen würde.
Und in diesem Moment trat das weiße Rentier ein drittes Mal aus dem Schatten des Baumes hervor. Doch dieses Mal blieb es nicht reglos stehen, sondern machte ein paar Schritte auf sie zu. Es kam ihr ein Stück entgegen. Und auch Lea ging weiter. Und so kamen sie sich näher und näher.
Leas grüne Augen schauten direkt in die braunen des Rentieres. So lange bis sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte.
„Lea, wach auf!“
Schlaftrunken schlug sie die Augen auf und statt in die Augen des Rentieres, sah sie in die ihrer Mutter.
„Och Mama“, nuschelte sie verschlafen, „was ist denn los?“
„Wir müssen doch noch rasch ein paar Kleinigkeiten einkaufen, bevor die Geschäfte schließen.“

Seufzend rappelte sie sich auf. Stimmt, sie hatte ja versprochen ihrer Mutter zu helfen. Während sie sich so schnell wie möglich die Zähne putzte, eine Katzenwäsche machte und sich anzog, geisterte ihr weiter das weiße Rentier durch den Kopf. Glück und Kraft. Glück und Kraft. Obwohl es ihr nicht wirklich klar war, wie ihrer Mutter das helfen könnte, hatte Lea nach den Träumen das Gefühl, sie sollte versuchen ihrer Mutter das Rentier zu zeigen.
Ruckartig blieb sie stehen, so dass ihre Mutter, die hinter ihr die Treppe hinunterlief, direkt in sie hinein rannte.
Auf die Frage, ob sie etwas vergessen habe, schüttelte sie nur den Kopf und ging weiter.
Ihrer Mutter das Rentier zeigen? Drehte sie nun völlig durch? Aber auf einmal schien es ihr so klar zu sein, was die Träume bedeuteten. Sie sollte ihre Mutter zu dem weißen Rentier bringen. Damit es ihr Glück und Kraft schenken konnte. Auch wenn ihr jetzt nicht klar war, was das für ihre Mutter bedeuten konnte. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie es zumindest versuchen musste. Und heute war doch Heiligabend. Wenn es heute kein Wunder geben würde, wann denn dann?

Der Einkauf dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Leute drängten sich in dem Laden, als würde es nach Weihnachten nichts mehr zu kaufen geben. Lea nutzte die Wartezeit in der Schlange, um sich zu überlegen wie sie ihre Mutter in den Stadtpark locken könnte. Dummerweise fiel ihr absolut nichts ein. Und als sie dick bepackt mit ihren Einkäufen nach Hause kamen, beschloss sie, den direkten Weg zu gehen und ihrer Mutter einfach die Wahrheit zu sagen.
Sie erzählte ihr von den drei Träumen und von dem weißen Rentier, das der Fotograf in Norwegen gesehen hatte. Und davon, dass weiße Rentiere Glück bringen sollten.
„Und deshalb soll ich heute bei der Kälte in den Stadtpark gehen?“ Ihre Mutter strich ihr liebevoll über den Kopf. Lea zerriss es das Herz, als sie in die müden und traurigen Augen ihrer Mutter sah.
„Mama“, sie griff nach deren Hand und sah sie entschlossen an, „wir müssen es einfach versuchen. Sagst du nicht immer, dass ich auf mein Bauchgefühl hören soll?“
„Ja, schon…“
„Siehst du“, fiel Lea ihr ins Wort, „lass uns doch einfach vor dem Essen noch einen kleinen Spaziergang machen. Und wenn wir dort niemandem begegnen, dann waren wir wenigstens an der frischen Luft.“
Bei diesen erwachsen klingenden Worten, lächelte ihre Mutter.
„Na, bei soviel Klugheit kann ich wohl nicht nein sagen. Aber du musst mir nachher helfen das Essen vorzubereiten. Wenn Oma und Opa heute Abend kommen, muss alles fertig sein.“
Lea nickte und sprang dann auf und zog sich in Windeseile wieder an. Sie hatte ihre Mutter überzeugt, vielleicht würde nun doch noch alles gut werden.

„Es schneit!“ Lea legte den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und versuchte die Flocken aufzufangen. Mit mäßigem Erfolg. Aber trotzdem strahlte sie über das ganze Gesicht. Schnee. Es war magisch, wenn diese dicken weißen Flocken vom Himmel fielen. Bestimmt war das ein gutes Zeichen.
Sie griff nach der Hand ihrer Mutter und zog sie durch das schmiedeeiserne Tor, hinein in die Parkanlage. „Komm! Ich bin ganz sicher, dass wir hier dem weißen Rentier begegnen. Genauso wie ich es im Traum gesehen habe!“
Lea sah ihrer Mutter an, dass sie nur um ihr einen Gefallen zu tun, mit kam.
Nebeneinander gingen sie den Weg entlang. Ihre Schritte waren durch die dünne Schneeschicht, die sich bereits gebildet hatte, gedämpft. Außer ihnen war niemand zu sehen. Wahrscheinlich waren sie alle schon auf dem Weg in die Kirche oder zu ihren Familien.

Vor ihren Mündern waren Atemwolken, die Luft war klirrend kalt und an etlichen Zweigen der großen Eichen hingen Eiszapfen.
„Da vorne müssen wir rechts abbiegen“, erklärte Lea ihrer Mutter, „und dann ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle an der ich das Rentier im Traum gesehen habe.“
Ihre Mutter griff nach ihrer Hand. „Lea, du bist aber nicht allzu enttäuscht, wenn wir hier keinem Rentier begegnen.“ In ihren Augen las Lea Sorge.
„Ist schon gut, Mama.“ Zuversichtlich ging sie weiter, den Blick fest und entschlossen nach vorne gerichtet.

Als sie auf dem Weg angelangt waren, den sie im Traum gesehen hatte, hielt Lea ein paar Schritte lang die Luft an. Nun würde es gleich soweit sein. Jeden Moment würde das weiße Rentier hinter einem der Bäume hervortreten. Und dann… ja, was würde dann eigentlich passieren? Lea warf einen raschen Blick auf ihre Mutter. Am besten, sie glaubte einfach daran, dass irgendetwas tolles passieren würde. Vielleicht konnte das Rentier auch Wünsche erfüllen und ihre Mutter würde einen neuen Job bekommen.
Je weiter sie auf dem Weg vorankamen, desto bedrückter fühlte sich Lea. Nirgends war ein Tier, geschweige denn ein Rentier zu sehen. Wie ein kleines Mädchen hatte sie sich aufgeführt. So, als wüsste sie nicht längst, dass es Wunder gar nicht gäbe. Nicht einmal am Heiligen Abend.
Vielleicht sollte sie in ihrem Alter doch nicht mehr Pippi Langstrumpf lesen, ihre Freundinnen machten sich deswegen sowieso schon über sie lustig. Man konnte sich die Welt eben doch nicht so machen, wie sie einem gefiel.
„Schatz“, ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schulter, „wollen wir langsam umdrehen und nach Hause gehen?“
Lea wollte schon nicken, als sie nur wenige Meter von ihnen entfernt, ein Geräusch hörte, als würden kleine Zweige knacken. So, als würde Jemand sich nähern.
Und dann trat, genau wie in ihrem Traum, ein wunderschönes weißes Rentier hinter einem der Bäume hervor. Es trat auf den Weg hinaus und sah von dort Lea und ihrer Mutter entgegen.
„Das ist es“, flüsterte Lea unnötigerweise, denn das ihre Mutter das Rentier selber sah, war ja klar. Und es hatte ihr auch prompt die Sprache verschlagen.
„Komm“, sie zupfte ihre Mutter am Jackenärmel, „lass uns hingehen. Vielleicht lässt es sich streicheln.“

Vorsichtig, Schritt für Schritt, gingen sie näher, während das Rentier sie weiter aus seinen sanften braunen Augen betrachtete. Als sie ihm gegenüber standen, streckte Lea behutsam die Hand aus. Sie lachte, als das weiche Maul des Rentiers über ihre Haut strich.
„Du bist wunderschön“, sagte sie leise. Auch ihre Mutter streichelte das Tier nun sanft, das daraufhin seinen großen Kopf vorsichtig an der Schulter der Mutter scheuerte. Dann nickte es einmal, schnaubte, drehte sich um und verschwand so leise wie es gekommen war, hinter den Bäumen.
„Warte“, rief Lea ihm hinterher, „ich dachte du kannst uns noch helfen. Vielleicht einen Wunsch erfüllen…“
Aber ihre Mutter unterbrach sie, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Du hast mir heute schon einen Wunsch erfüllt, mein Schatz. Du hast mir gezeigt, dass es Wunder gibt. Und dass schenkt mir Hoffnung. Dafür danke ich dir von Herzen. Gemeinsam werden wir es auch nächstes Jahr schaffen.“
Lea standen Freudentränen in den Augen. Eng drückte sie sich an ihre Mutter. „Frohe Weihnachten, Mama.“

Diesmal waren dabei:

Veronika

Sabi

Rina

Corly

Das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze

Zeitkapsel

In diesem Monat bin ich mit meiner Schreibkick Geschichte tatsächlich mal wieder pünktlich fertig geworden! Das Thema lautet `Zeitkapsel´und eigentlich und uneigentlich ist eine Zeitkapsel ja ein Behälter in dem man Dinge aufbewahrt, um sie erst nach einer bestimmten Zeit wieder heraus zu holen und dadurch dann über das vergangene Zeitalter etwas zu erfahren. Naja, so ungefähr…

Bei mir kam allerdings ein ganz anderer Gedanke auf und ich bin sehr gespannt, wie Euch meine Geschichte gefällt.

Ach ja, und wenn Ihr Lust habt, auch einmal bei den Schreibkicks mitzumachen, dann schaut doch mal hier in der facebook Gruppe, die von Sabi Lianne ins Leben gerufen worden ist, vorbei.

Zeitkapsel
von Nicole Vergin

Es war einmal ein alter Mann, dessen Zeit gekommen war. Doch als der Tod an seine Tür klopfte, da bat er ihn inständig darum, ihm noch ein wenig Lebenszeit zu schenken. Er habe bisher noch nichts von der Welt gesehen, für ihn habe es immer nur die Arbeit auf den Feldern gegeben und nun wolle er dies nachholen.
Der Tod betrachtete ihn einen Moment aus den leeren Augenhöhlen seines Schädels, dann griff er in seinen schwarzen Umhang, zog etwas hervor und legte es in die Hand des Mannes.
„Diese Zeitkapsel wird dir sieben Jahre schenken. Sieben Jahre, in denen du die Welt bereisen kannst. Wenn die sieben Jahre um sind, werde ich erneut an deine Tür klopfen.“ Mit diesen Worten verschwand der Tod.
Der alte Mann konnte sein Glück kaum fassen. Er nahm die unscheinbare weiße Kapsel in den Mund, zerbiss sie und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Für einen Moment blieb ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge zurück. Doch dann fühlte er sich mit einem Schlag jung und tatkräftig.
Rasch schnürte er sein Bündel, rief seiner Frau einen Gruß zu und nahm den Weg, der vor seiner Hütte lag unter die Füße. In den folgenden sieben Jahren erwanderte er ein Land nach dem anderen. Und überall wo er hinkam, wurde er freundlich aufgenommen und die Menschen rissen sich darum, es ihm schön zu machen.
Er lernte andere Kulturen kennen, bestaunte die Sehenswürdigkeiten und genoss das Leben. Doch eines Tages, als sich die sieben Jahre dem Ende zuneigten, bemerkte er zweierlei: zum einen war er des Reisens überdrüssig geworden und ihm fehlte das altvertraute und beständige und genau dies führte ihn zum anderen: er hatte auf einmal Sehnsucht. Sehnsucht nach seiner Frau. Wie hatte er sie nur all die Jahre allein zurücklassen können? Ja, er hatte fantastische Dinge gesehen und unglaubliches erlebt, aber all das ohne sie. Und nun, wenn er endlich nach Hause zurückkehren würde, dann würde er auch gleich wieder gehen müssen. Denn sicherlich würde der Tod dort bereits auf ihn warten und erneut an seine Tür klopfen.

Und so war es dann auch. Kaum, dass er seine Frau in die Arme geschlossen hatte, vernahm er das laute Pochen und obwohl er die Tür fest verriegelt hatte, stand im selben Moment der Tod mitten im Raum. Seine Frau erschrak darüber und sie hielten sich gegenseitig fest umschlungen. Als jedoch der Tod mit der Spitze seiner Sense auf den Mann zeigte, wich die Frau ängstlich zurück.
Der Mann aber flehte den Tod erneut um Aufschub an. „Ich habe eingesehen, wie selbstsüchtig ich gegenüber meiner lieben Frau war. Und nun hat sie mir trotz allem vergeben und mir erneut ihr Herz geöffnet. Bitte lass mich um ihretwillen noch eine Weile hier.“
Mit einer langsamen Bewegung zog der Tod seine Sense zurück, ohne dass die scharfe Klinge den Mann auch nur berührte. Dann zog er wie sieben Jahre zuvor eine weitere Zeitkapsel aus seinem Umhang hervor.
„Ich schenke dir weitere sieben Jahre. Nutze sie gut, denn auch sie werden vergehen und ich werde erneut vor dir stehen, um dich abzuholen.“
Erleichtert nahm der Mann die Kapsel und während der Tod verschwand steckte er sie in den Mund und zerbiss sie. Neben dem schon bekannten bitteren Geschmack fühlte er nun noch ein kurzes brennen auf der Zunge. Aber auch dies verging.
Die folgenden Jahre verbrachte der Mann mit seiner Frau und sie waren sich während dieser Zeit näher als je zuvor. Gemeinsam standen sie morgens auf und begrüßten den Tag. Gemeinsam machten sie Besorgungen, saßen am Tisch und aßen und unterhielten sich. Über ihre Kinder und Enkelkinder, über ihr gemeinsam verbrachtes Leben, über die Reisen des Mannes.
Jedoch beobachtete der Mann, wie seine Frau mit jedem Jahr schwächer wurde, denn schließlich war sie in der Zeit, die die Kapsel ihm geschenkt hatte, weiter gealtert. Und noch bevor die sieben Jahre um waren, lag sie eines Morgens tot im Bett.
Wie dankbar war der Mann da, dass seine Kinder und Enkel ihm in dieser schweren Zeit beistanden. Und erst da fiel ihm auf, dass auch seine Kinder in die Jahre gekommen waren. In ihren Haaren hatten sich graue Strähnen ausgebreitet und in ihren Gesichtern erzählten die ersten Falten von ihrem gelebten Leben. Seine Enkel hingegen waren größtenteils auch schon erwachsen und in Kürze würde er das erste Mal Urgroßvater werden.
„Es kann doch nicht sein, dass ich jetzt gehen muss“, dachte er bei sich und versuchte den Gedanken an den Tod beiseite zu schieben.

Doch der Tag kam auch dieses Mal und das Pochen an der Tür ließ nicht lange auf sich warten. Der Tod trat in die Hütte ein und sogleich flehte der Mann ihn an: „Bitte lieber Tod schenke mir noch einmal einige wenige Jahre, nur um sie noch mit meinen Kindern, Enkeln und mit meinem Urenkel zu verbringen. Und dann, das verspreche ich, werde ich mit dir gehen.“
„Es sei dir ein letztes Mal gewährt.“ Mit diesen Worten überreichte der Tod ihm die dritte Zeitkapsel und als der Mann dieses Mal darauf biss, schmeckte er nicht nur das bittere und fühlte ein brennen auf der Zunge, sondern ihm wurde derart schwindelig, dass er sich hinlegen musste, um seinen raschen Herzschlag zu beruhigen.
Als er wieder zu Kräften gekommen war, machte er sich sogleich auf und besuchte all seine Lieben. Mit jedem von ihnen verbrachte er Zeit und anfangs genoss er es. Aber je länger es andauerte, desto mehr stellte er fest, dass er müde wurde. Er wunderte sich anfangs darüber, denn so wie in den zwei Mal sieben Jahren zuvor, stand ihm noch genügend Kraft zur Verfügung. Es dauerte eine Weile bis er begriff, dass er des Lebens müde war.
In seinem Leben hatte er alles erlebt. Er hatte geliebt und manchmal auch gehasst. Er hatte gearbeitet und abends nach Sonnenuntergang die Zeit mit seinen Lieben genossen. Er war gereist, hatte zahllose Stunden mit seiner lieben Frau und nun auch mit seinen Kindern, Enkeln und mit seinem Urenkelchen verbracht.
„Was könnte ich mir mehr wünschen?“, dachte er bei sich.

Am Tag als die sieben Jahre um waren, saß der alte Mann draußen auf der Bank vor seiner Hütte. Und als der Tod erschien, da begrüßte er ihn wie einen alten Freund und sie gingen gemeinsam den Weg auf die andere Seite.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Corly

Surf your inspiration

Sabi

Am 24. Dezember gibt es ein Weihnachts-Special: Die Sache mit dem Rentier

Und das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze

Herbstmomente – ein verspäteter Schreibkick

Ja, in diesem Monat hinke ich mit dem Schreibkick sehr hinterher. Ich hatte ziemlich schnell eine Idee zum Thema „Herbstmomente“, aber irgendwie funktionierte das nicht. Manchmal ist das so. Und dann beobachtete ich eine Szene in unserem Garten, unter der Eberesche. Aha! Eine weitere Idee! Ich begann zu schreiben… und es funktionierte nicht. Ok, dachte ich. Dann nehme ich in diesen Monat eben nicht am Schreibkick teil.

Aber die zwei unvollendeten Geschichten ließen mich nicht los. Und nun habe ich zumindest eine beendet. Es flutschte wahrlich nicht so wie sonst, aber das muss es ja auch nicht immer!

Ach ja, falls Ihr auch mal bei den Schreibkicks mitmachen wollt, findet Ihr hier die facebook Gruppe dazu. Jetzt kommt aber wirklich die Geschichte!!

Herbstmomente
von Nicole Vergin

„Aufwachen, aufwachen, AUFWACHEN!“
„Uaaah…“, im letzten Moment gelang es Tapsi sich an dem Zweig, auf dem er eben noch friedlich schlummernd gehockt hatte, festzukrallen.
„Pssst, nicht so laut!“
„Laut? Ich? Du krakelst doch hier rum und weckst mich aus meinen schönsten Träumen“, Tapsi versuchte mit seinem kleinen gelben Schnabel nach seinem Bruder Tipsi zu hacken. Aber der war wie immer viel schneller als er. „Lass mich jetzt in Ruhe“, Tapsi steckte den Kopf wieder unter seinen Flügel, so dass er nur noch dumpf zu verstehen war, „vielleicht träume ich wieder von dem Regenwurm.“
Nun war es Tipsi, der seinen Bruder mit dem Schnabel bearbeitete. „Hör mir doch wenigstens einmal zu. Ich weiß etwas viel besseres, als einen glitschigen Regenwurm.“
Nun wurde sein Bruder doch hellhörig, wie immer wenn es um etwas zu essen ging.
„Stell dir vor: die Vogelbeeren im Garten des Nachbarn sind endlich so, wie wir sie gerne mögen.“
„Ein wenig angetrocknet von der Sonne?“, Tapsis dunkle Augen leuchteten, als Tipsi nickte. „Und ein wenig schrumpelig?“
„Genau!“, jubelte sein Bruder, „und ein Teil liegt bereits am Boden, wir brauchen sie nur noch aufpicken. Es ist wie im Schlaraffenland!“
„Im Schlaff… waaas?“
Ohne eine Antwort zu geben, breitete Tipsi seine schwarzen Flügel aus und stieß sich von dem Ast auf dem sie saßen ab. „Komm, beeil dich, sonst fressen uns andere noch die Beeren vor dem Schnabel weg.“
Nun war auch Tapsi endlich richtig wach und hüpfte wild auf dem Ast herum. Mit dem Flugstart hatte er schon immer Probleme gehabt, doch dann segelte auch er endlich durch die Luft. Ein sanfter Wind wehte und trug ihn ohne große Mühe über die Bäume hinweg in den Nachbargarten.

„Ich sehe sie schon“, rief er mit leuchtenden Augen, als sie nebeneinander in den Sinkflug gingen.
Und tatsächlich: unter ihnen stand die herrliche große Eberesche und reckte ihre bereits kahlen Zweige, an deren Enden noch etliche der roten Vogelbeeren hingen, in den blauen Herbsthimmel.
„Da“, rief Tapsi aufgeregt, „da liegen ganz viele auf einem Haufen.“ Mit einem satten Bauchklatscher landete er inmitten der kleinen roten Beeren, die er sofort eine nach der anderen gierig aufpickte.

„Hey, ihr Zwei!“
Eine fremde Stimme riss die Brüder aus ihren Futterträumen.
„Gebt ihr mir auch welche ab?“ Ein kleiner Igel kam auf seinen vier kurzen Beinen eilig angelaufen.
„Igel fressen keine Vogelbeeren“, Tipsi flatterte abwehrend mit den Flügeln.
„Wer sagt das?“ Der Igel sah ihn aus seinen dunklen Augen, die wie kleine Stecknadelköpfe aussahen, neugierig an.
„Na ich. Tipsi, die allwissende Amsel.“
„Ha, ha, ha“, lachte Tapsi, wobei er sich fast an einer Beere verschluckte und erst einmal husten musste. „Du und allwissend?“, fügte er dann hinzu.
„Na, was ist denn hier so lustig?“ Unter einem naheliegenden Kirschlorbeer huschte eine Maus hervor.
„Der Vogel da sagt, er sei allwissend“, erklärte der Igel. Dann kratzte er sich mit der Hinterpfote am Kopf. „Was ist denn allwissend?“
„Einer, der glaubt, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen“, erklärte die Maus und hielt schnüffelnd ihre kleine Nase in die Luft. „Die Beeren riechen aber gut.“ Sie machte ein paar Sätze durchs Gras und biss gleich darauf in eine hinein.
„Och nee“, nun mischte sich auch Tapsi ein, „wenn ihr jetzt alle mitesst, bleibt gar nichts für mich übrig.“
Die Maus stellte sich kauend auf die Hinterbeine und schaute einmal um sich herum. Dann wandte sie sich wieder an Tapsi. „Hier gibt es doch noch massenhaft Beeren. Das reicht doch wohl für uns alle.“
„Mmh“, machte Tapsi. So ganz überzeugt war er nicht. Und dass, obwohl er bereits ein wenig Bauchweh hatte, weil er ganz schnell, so viele Beeren wie möglich gefuttert hatte.
Inzwischen hatte sich auch der Igel eine der Beeren geschnappt und hinein gebissen. „Iiih“, er schüttelte sich und spukte den Rest aus, „die sind ja total bitter.“
„Ich sag ja, dass Igel die nicht mögen“, nickte Tipsi sichtlich zufrieden.
„Aber euch schmecken sie doch auch“, der kleine Igel sah sich nach einer weiteren Beere um, als eine Stimme ertönte.

„Maxi, wo steckst du nur schon wieder?“, eine Igel Dame kam auf die kleine Gruppe zu gelaufen. „Immer treibst du dich rum.“ Sie sah ein wenig erschöpft aus. „Euch drei Geschwister zu hüten, ist wirklich schlimmer, als einen Sack Flöhe zu beaufsichtigen.“ Sprachs und schob gleich darauf ihre Nase zwischen ihr Stachelkleid und dann war ein leises Knacken zu hören.
„Mama ist die beste Flohjägerin weit und breit“, Maxi schaute die anderen sichtlich stolz an.
„Ja, ja“, ein liebevoller Blick traf das Igelkind, „aber nun komm nach Hause. Papa hat ein paar Käfer für euch Kinder mitgebracht.“ So schnell ihn seine kurzen Beine trugen, rannte Maxi los, ein kurzes „Tschüss“ über die Schulter rufend.
Tipsi, Tapsi und die kleine Maus sahen ihm erstaunt nach.
„Also fressen Igel wohl doch keine Vogelbeeren“, stellte Tapsi fest und stopfte sich bereits die nächsten in den Schnabel.
„Hb i ja gwust“, quetschte Tipsi an einer Beere vorbei.
Die kleine Maus indessen futterte einfach still vor sich hin. Sie wollte wohl nicht riskieren, doch noch von den Brüdern verjagt zu werden.

Diesmal waren dabei:

Sabi

Veronika

Rina

Corly

Christine

Das Thema für den 01. Dezember lautet: Zeitkapsel

Und für den 24. Dezember gibt es noch ein Weihnachtsspecial: Die Sache mit dem Rentier

 

 

Freundschaft

Mit einem Tag Verspätung kommt hier mein Beitrag zum Schreibkick Thema `Freundschaft´.

Die Schreibkicks sind eine Idee von Sabi Lianne und bei Mitmach-Interesse findet Ihr hier die facebook Gruppe!

Und nun beginnt die Geschichte…

Freundschaft
von Nicole Vergin

„Friday nights and the lights are low, looking out for a place to go…“
Mein Fuß wippt im Takt des Abba Songs, meine Lippen formen den Text.
„Ausgehen am Freitag Abend“, Sandras Stimme taucht plötzlich zwischen der Musik auf. „Oh ja, ich erinnere mich!“
Ich nicke zu ihren Worten.

„Weißt du noch“, fährt sie fort, „die Party im Kuhstall? Damals als die Kühe gerade zur Sommerfrische auf der Alm waren.“
Ich grinse bei dem Gedanken an die selbst gebastelte Discokugel, die sie mitgebracht hatte. Einen Ball, den sie kurzerhand ihrem Bruder weggenommen und mit Alufolie umwickelt hatte. Beim aufhängen unter der Decke war sie prompt mit dem wackeligen Stuhl zusammen gebrochen. Minutenlang lagen wir im Heu und haben uns ausgeschüttet vor Lachen.
„Dieser angebliche DJ, den du da angeschleppt hast“, wie immer bei dieser Anekdote macht sie eine bedeutungsvolle Pause, „da legt der doch Stefanie Hertel auf… über jedes Bacherl führt a Brückerl…“
Ich halte mir die Ohren zu. Wenn Sandra Quatsch machte, hörte es sich immer so an, als könnte sie überhaupt nicht singen. Dabei war das Gegenteil der Fall. Und wenn wir gemeinsam unsere Lieblings Abba Songs sangen, war sie diejenige von uns beiden, die die Töne traf, während ich immer tiefer in den Keller ging und den Refrain meist nur mit brummte.

„Hey, wollen wir nicht tanzen?“ Passend zu der Frage höre ich Agnetha und Anni Frid „You are the dancing queen“ singen.
Ich schüttele den Kopf.
„Sag bloß nicht `jetzt nicht´“, warnt sie mich, „zum tanzen muss immer Zeit sein. Denk dran, wie kurz das Leben ist.“ Sandras Stimme klingt glücklich, aufgekratzt, mitreißend. Trotzdem bleibe ich sitzen.
„Spaßbremse“, murrt sie und klingt ein wenig wie eine beleidigte Göre.
Ich zucke bedauernd die Schultern.
Wie immer lässt sie sich trotzdem von mir nicht den Spaß verderben, singt mit lauter, alles übertönender Stimme. Tränen treten mir in die Augen.

„Andrea?“ Eine Hand umfasst behutsam meinen Oberarm. Ich schrecke auf, blicke nach vorne und höre wie der Redner sagt: „Und nun hören wir noch ein paar Worte von Andrea.“
Ich wische mir mit dem Handrücken über die Wange, stehe auf und gehe mit Blick auf das überlebensgroße Foto meiner besten Freundin Sandra nach vorne.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Corly

Regina

Sabi

Das Thema für den 01. November lautet: Herbstmomente

Warme Limonade

Dieses Mal habe ich es ganz geschickt gemacht und das Thema des Schreibkicks mit in die Schreibwerkstatt genommen, die ich gemeinsam mit zwei Frauen regelmäßig veranstalte. Bis zu diesem Tag hatte ich überhaupt keine Idee, was ich dazu schreiben sollte, aber wie so oft, wenn wir gemeinsam kreativ werden, schaut auch die Muse mal wieder vorbei.

Die Schreibkicks sind übrigens eine Idee von Sabi Lianne und wenn Ihr auch mal mitschreiben wollt, dann schaut doch einfach mal hier in der facebook Gruppe vorbei!

So und nun viel Spaß beim Lesen!

Warme Limonade
von Nicole Vergin

Alles begann mit der Limonade.
„Wollen wir Zitronen Limonade machen?“ Max sah mich mit leuchtenden Augen an.
„Du meinst selber machen?“, vergewisserte ich mich.
„Genau! Und dann verkaufen wir sie.“
„Mmh, weiß nicht.“ Ein wenig ärgerte ich mich. Warum hatte immer Max die guten Ideen?
„Los komm schon – das wird lustig!“ Und schon rannte er los. Was blieb mir da anderes übrig, als hinterher zu laufen?

Mit hängenden Zungen stolperten wir kurz darauf bei Max Zuhause in die Küche hinein.
„Hallo Kevin“, seine Mutter lächelte mich an, während sie in einer roten Plastikschale Teig anrührte. Wann immer ich bei Max zum spielen war, roch es nach etwas leckerem, so als würde seine Mutter Tag und Nacht kochen und backen. „In einer halben Stunde ist der Schokokuchen fertig. Dann könnt ihr euch etwas davon holen.“
Wir strahlten bei dieser Aussicht um die Wette und mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen.
„Können wir ein paar Zitronen haben? Wir wollen Limonade machen.“ Max kramte bereits eine kleine Saftpresse aus dem Küchenschrank.
„Na klar, nehmt euch was ihr braucht.“

Ich staunte immer darüber, wie locker es bei meinem Freund zuhause zuging. Meine Mutter hätte erst einmal tausend Einwände gehabt und wenn sie es dann erlauben würde, dann dürften wir nichts alleine machen. Aber hier war das anders.
Max begann die ersten Zitronen auszupressen. Ich beobachtete, wie der Saft in das durchsichtige Gefäß tropfte.
„Das dauert aber ganz schön lange“, murrte Max. Geduld ist nicht seine Stärke. „Hier mach du mal weiter.“ Er schob mir die Saftpresse und das Netz mit den Zitronen zu.
„War klar“, murmelte ich nur. Denn meist endeten Max Ideen damit, dass ich die Ausführung übernahm.
„Ich hol schon mal meine kleine Geldkassette und ein Schild.“ Sprachs und verschwand.
Seine Mutter, die mittlerweile den Kuchenteig in eine Form gefüllt und in den Ofen geschoben hatte, trat an den Küchentisch.
„Na Kevin, funktioniert es mit der Saftpresse oder soll ich dir helfen?“
Ich lehnte dankend ab. Schließlich wollte ich es nicht so wie Max halten und einfach die Arbeit anderen aufdrücken. Als mein Freund endlich aus seinem Zimmer zurück kam, trug er triumphierend eine Geldkassette und ein Schild auf dem stand `Eiskalte Zitronenlimonade nur 0,50 €´ in den Händen.
„Bist du noch nicht fertig mit den Zitronen?“
„Mach du doch, wenn es dir nicht schnell genug geht“, schnappte ich. Max Gesichtsausdruck wirkte ganz erstaunt. Ob er tatsächlich nicht merkte, wie er mir immer alles aufdrückte?
„Komm, ich mache die letzten drei wieder.“

Gesagt, getan. Wir schütteten den ganzen Saft in einen großen Krug, kippten Mineralwasser dazu, das vorher im Kühlschrank gestanden hatte und dann kamen noch ein paar Eiswürfel hinzu, die Max Mutter aus dem Gefrierschrank holte.
„Macht doch noch eine Scheibe Zitrone an den Rand. Dann weiß man gleich was drin ist.“ Wir fanden den Vorschlag gut.

Und dann war es soweit. Wir stellten draußen an der Straße, unter den Zweigen einer großen Kastanie, einen Tisch auf und zwei Stühle für uns zum sitzen. Das Schild auf den Tisch, daneben den Krug und ein paar Plastikbecher. Und dann warteten wir auf unseren ersten Kunden.
Eine halbe Stunde später warteten wir immer noch. Es waren zwar in der Zwischenzeit drei Leute die Straße entlang gegangen, aber die wollten keine Limonade. Dabei war es wirklich ein heißer Tag und wir versuchten ihnen klar zu machen, wie gut doch solch ein Glas eiskalter Limonade tun würde.

„Vielleicht müssen wir sie günstiger machen.“ Ich schaute meinen Freund fragend an.
Aber Max schüttelte energisch den Kopf. „Noch billiger? Nee. Dann verdienen wir nach all der Mühe ja gar nichts mehr.“
Ich konnte ihm nur zustimmen. Nachdem weitere zehn Minuten vergangen waren, stand ich auf, machte ein paar Kniebeugen und ging ein paar Mal auf und ab.
„Was machst du da?“, wollte Max wissen.
„Ich kann nicht mehr sitzen“, antwortete ich. „Hoffentlich kommt bald mal einer, der einen Becher Limonade will. Sonst ist sie bald warm.“
Max schaute in den Krug. „Ich glaube, sie ist schon warm. Schau mal, die Eiswürfel sind schon geschmolzen.“
„Komm“, ich griff nach einem der Becher, „lass sie uns probieren. Dann wissen wir es genau.“
Wir tranken jeder einen ganzen Becher leer und beobachteten beim jeweils anderen, wie der das Gesicht verzog.
„Ist das sauer“, Max sah mich an. „Und wirklich schon ziemlich warm“, fügte ich hinzu.
„Was machen wir denn nun?“

Wir überlegten eine Weile hin und her, als plötzlich von dem Baum unter dem wir saßen etwas hinunter und neben uns auf den Bürgersteig fiel.
„Schau mal“, rief ich, „ein halbes Vogelei.“
„Vielleicht ist da gerade Vogelbaby ausgeschlüpft?“ Max ging dichter an den Baum heran und sah nach oben. Ich tat es ihm gleich, aber wir konnten nichts entdecken.
„Komm, wir stellen die Sachen kurz auf den Boden und nutzen den Tisch zum draufsteigen. Vielleicht können wir dann etwas entdecken.“
Gesagt, getan und schon balancierten wir auf dem Tisch. Leider hatten wir nicht bedacht, dass der das Gewicht von uns Beiden nicht aushalten würde. Es knirschte erst verdächtigt, dann ein krachen, als die Tischplatte durchbrach.
Was blieb von diesem Tag waren zwei Jungen mit etlichen blauen Flecken, ein kaputter Krug und warme Limonade, die über den Gehsteig lief. Das Geheimnis von dem halben Vogelei hatten wir aber nicht gelüftet.
Wie gut, dass wenigstens der Schokoladenkuchen schmeckte.

Diesmal waren dabei:

Veronika

Rina

Sabi

Das Thema für den 01. Oktober lautet: Freundschaft

 

 

In letzter Minute

Eine von vier Geschichten, die im April in einer privaten Schreibwerkstatt entstanden sind – über die es auch einen Beitrag gibt, den Ihr hier findet.

In letzter Minute
von Nicole Vergin

Der Fahrstuhl hielt mit einem Ruck im 3. Stock. Genervt sah Melina von ihrem Smartphone auf. Konnte dieses Ding nicht einmal in einem Rutsch durchfahren? Eine Schweißwolke waberte herein und breitete sich aus. Sie verzog das Gesicht, als der dazu gehörende alte Mann mit unsicheren Schritten auf seine Gehhilfe gestützt herein humpelte.
Fuhr der eigentlich den ganzen Tag nur Fahrstuhl? Immer, wenn sie das altersschwache Ding benutzte, stieg er über kurz oder lang mit ein. In der letzten Zeit hatte Melina immer häufiger das Treppenhaus genutzt, um diesem Gestank zu entgehen.
Der alte Mann lüpfte freundlich den schäbigen Hut, der auf seinen offensichtlich fettigen weißen Haaren klebte. Er wohnte im 5. Stock, und wenn sie mal an seiner Tür vorüber ging, dann roch es dort ebenso unappetitlich.

„Guten Tag Fräulein“, fügte er seinem Gruß noch hinzu.
Melina nickte ihm gleichgültig zu und vertiefte sich wieder in die frisch eingetroffenen WhatsApp Nachrichten. Der Fahrstuhl setzte seinen Weg nach oben ruckelnd fort.
Ein leises Stöhnen erklang, die Gehhilfe des Mannes fiel gegen die Seitenwand und bevor Melina wusste was hier geschah, sackte der alte Mann zusammen und lag zu ihren Füßen.
Rasch beugte sie sich zu ihm hinunter.
„Hallo?“, sie fasste behutsam nach seiner Hand, „können sie mich hören?“ Die Hand fühlte sich feucht und klebrig an und trotz des Schreckens, der ihr in den Knochen saß, ekelte sich Melina.
Duschen wird wohl bei ihm nicht sehr groß geschrieben, dachte sie und erschrak beinahe vor sich selber.
„Hallo?“, rief sie noch einmal, nun schon lauter. Vielleicht hörte er auch nicht mehr gut. Hätte sie doch bloß schon den Erste Hilfe Kurs für ihren Führerschein gemacht. Aber so wusste sie nun überhaupt nicht was sie tun sollte.
Durchatmen, befahl sie sich selber. Und dann den Notarzt rufen. Sie griff nach ihrem Smartphone, tippte die 112 ein und berichtete kurz darauf mit zitternder Stimme was passiert war.
Danach zog sie ihre Jacke aus und bettete den Kopf des Mannes darauf. Noch immer war er ohne Bewusstsein und sein Gesicht schien immer blasser zu werden.
Melina merkte, wie ihr selber übel wurde. Die stickige Luft in der engen Kabine, die Schweiß Ausdünstungen des Mannes und nicht zuletzt die Panik, die langsam in ihr hochstieg, als ihr bewusst wurde, dass der Mann hier vielleicht sterben könnte, wenn der Notarzt nicht rechtzeitig kommen würde.
Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen.

„Hallo, junge Frau“, eine fremde Stimme weckte sie, „können sie mich hören?“
Verwirrt blickte sie einem Mann ins Gesicht, der seiner Kleidung nach Sanitäter sein musste. Endlich war Hilfe da! Sie blickte sich um, aber außer dem Sanitäter und ihr war niemand im Fahrstuhl.
„Wie geht es dem alten Mann?“ Melina setzte sich auf und eine weitere Welle der Übelkeit schwappte über ihr zusammen. „Haben Sie ihn schon ins Krankenhaus gebracht?“
„Welcher alte Mann?“, der Sanitäter zog die Augenbrauen hoch.
„Na, der wegen dem ich sie angerufen habe.“
„Ich habe hier nur sie gefunden. Vielleicht ist er wieder zu sich gekommen und weg gegangen?“ Melina hatte das Gefühl, als wollte der Mann sie nur beruhigen.
„Dann müssen sie in seiner Wohnung nachsehen“, drängte sie.
„Ich kann nicht einfach in eine fremde Wohnung gehen“, wehrte er ab.
Melina platzte der Kragen. „Kommen Sie einfach mit mir in den 5. Stock, da wohnt er. Und wir können ja wenigstens mal klingeln.“
Der Sanitäter sah aus, als würde er sie für leicht hysterisch halten. Vielleicht dachte er sogar, sie hätte Drogen genommen oder so. Aber ihr war es egal. Hauptsache er kam nun mit.
Als sie endlich vor der Tür des alten Mannes standen, war diese verschlossen.
Melina drückte auf die Klingel, drückte ein Ohr an die Tür und lauschte.
„Da ist niemand. Und ich muss jetzt auch wieder los. Mein Kollege wartet unten im Wagen. Kommen Sie, ich bringe sie jetzt zu ihrer Wohnung.“
In diesem Moment hörten sie beide ein stöhnen, so als würde Jemand direkt hinter der Wohnungstür liegen.

Eine Stunde später hockte Melina mit zitternden Knien in ihrem Zimmer. Der alte Mann war tatsächlich in seiner Wohnung zusammen gebrochen und war nun ins Krankenhaus gebracht worden. Rettung in letzter Minute hatte der Sanitäter es genannt und ihr anerkennend auf die Schulter geklopft.
„Aber wieso hat er sich denn wohl noch vom Fahrstuhl wieder in die Wohnung geschleppt“, hatte er laut überlegt.
Melina verschwieg, dass der alte Mann, als sie gemeinsam im Fahrstuhl standen komplett anders gekleidet gewesen war, als in dem Moment als sie ihn in der Wohnung gefunden hatten.
Aber vielleicht hatten ihre Sinne ihr auch nur einen Streich gespielt.