ABC.Etüden – Que será, será 2

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Auf den letzten Drücker kommt noch meine Etüde zur aktuellen Wortspende: Nieselregen, weich, irren. Das alles in max. 300 Wörtern verpackt. Die abc.Etüden sind übrigens ein Projekt von Christiane. Schaut gerne bei ihr vorbei und macht mit – es macht echt Spaß! Ach ja, meine Etüde ist übrigens eine Fortsetzung von der letzten, die ihr hier findet. Und ehrlich geschrieben habe ich an der Geschichte Spaß entwickelt, es könnte also sein, dass da noch mehr kommt…

Que serà, serà 2
von Nicole Vergin

Ein Lesezeichen! Verächtlich schnaubend zerrte er einen Schuhkarton aus dem Regal. Bücher sollten die Kunden kaufen.
„Hallo?“ Die wartende Kundin klang ungeduldig.
„Schon gut“, rief er zurück, „bin ja gleich wieder da.“

Der Kunde ist König, vergiss das nie.
Wie oft hatte seine Else dies zu ihm gesagt, wenn er den Kunden die kalte Schulter gezeigt hatte, weil sie seiner Meinung nach nicht das richtige bei ihm kaufen wollten.
Resigniert klemmte er sich den Karton unter den Arm und schlurfte wieder nach vorne. Dieses zwischenmenschliche war nicht sein Ding. Seiner Else hingegen hatte es im Blut gelegen. Wenn sie einem Kunden ein Buch empfohlen hatte, dann war es genau das richtige gewesen. Sie schien sich nie zu irren.

Wortlos knallte er den Karton auf die Ladentheke und öffnete den Deckel.
„Ist das ihre gesamte Auswahl?“ Die Kundin blickte skeptisch auf die angestaubt wirkenden Lesezeichen und begann darin herum zu wühlen.
„Ja“, presste er hervor, während sein Blick an ihr vorbei durch das Schaufenster wanderte. Es hatte zu regnen begonnen. Nieselregen, den seine Else so gern gemocht hatte. Er sei so weich, wenn er auf ihr landete. Nicht fordernd und prasselnd wie die dicken Tropfen, die an den Scheiben Einlass zu begehren schienen.
Er versuchte seine Gedanken wieder auf die Kundin zu richten, die inzwischen eines der Lesezeichen aus dem Karton ausgewählt hatte.
„Dies hier nehme ich“, sagte sie entschieden.
Mit offenem Mund starrte er auf das schmale Stück Stoff mit der roten Kordel am Ende.
„Vintage“, sagte die Kundin und nun klang ihre Stimme zufrieden, „das mag ich.“
Er sah die liebevoll handgestickte Rose und den Schriftzug „Que será, será“. Wie kam das Lesezeichen seiner Else in diesen Karton? Sein Herz schlug laut, in seinem Kopf sang Doris Day ihr Lied und dann fiel er in ein schwarzes Loch.

299 Wörter

Die Welt bei Nacht

Der 1. des Monats ist da und somit Zeit für den aktuellen Schreibkick – diesmal zum Thema „Die Welt bei Nacht“. Der Schreibkick ist eine Idee von Sabi Lianne und die facebook Seite dazu findet Ihr hier.

Bis gestern Abend hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich schreiben sollte. Also habe ich einfach alles aufgeschrieben, was mir durch den Kopf gegangen ist… und dann, bei der Abendrunde mit Gina war plötzlich die Idee geboren – und hier ist sie:

Die Welt bei Nacht
von Nicole Vergin

„Opa? Bringst du mich heute wieder ins Bett?“ Seit ihr Großvater zu Besuch war, wollte Sina das am liebsten jeden Abend.
„Na klar“, der Großvater streckte lächelnd seine Hand aus und kurz darauf gingen sie einträchtig in Sinas Zimmer, wo ihre Mutter gerade die bunt gestreiften Vorhänge zuziehen wollte.
„Warte“, rief Sina und lief zum Fenster. „Opa, schau mal wie dunkel es schon ist.“
Nebeneinander standen sie am Fenster und schauten hinaus in die Nacht, die nur vom Licht zweier Straßenlaternen unterbrochen wurde.
„Ich mag es gar nicht, wenn es so dunkel ist.“ Sina drückte ihre Nase gegen die Scheibe. „Und du?“
„Ich finde es schön, wenn es abends langsam dunkel wird und alles ruhiger ist, als am Tag.“ Nun drückte auch der Großvater seine Nase an die Scheibe.
Sina kicherte, als sie die Nasenabdrücke betrachtete. „Aber es ist alles schöner, wenn es hell ist“, meinte sie dann.

„Weißt du denn, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass die Nacht in die Welt kam?“
„Och Opa. Die Nacht gab es doch schon immer!“ Sina wusste das längst, sie war ja kein Baby mehr.
Ihr Großvater zwinkerte ihr zu und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nein. Es gab Zeiten, in denen war es immer nur Tag! Und willst du nun die Geschichte hören?“
„Oh ja“, wie der Blitz war Sina in ihr Bett gesprungen und hatte sich unter die Decke gekuschelt. Ihr Großvater erzählte tolle Geschichten, da wollte sie sich nicht eine einzige entgehen lassen.

„Na gut, dann erzähle ich sie dir.“ Er rückte sich Sinas Schreibtischstuhl an ihr Bett, setzte sich darauf und begann: „Es war einmal vor langer Zeit, da herrschte die Sonne allein oben am Himmel. Tag für Tag leuchtete sie mit ihren hellen Strahlen, so dass alle Menschen immer Licht hatten.“
„Und was war, wenn es Wolken am Himmel gab?“
„Dann war die Welt mal ein wenig dunkler. Aber nie so dunkel, wie es jetzt nachts ist.“
„Aber wie kam es denn dann, dass es Nacht wurde?“ Neugierig sah Sina ihren Großvater an, der bereitwillig weiter erzählte.
„Nachdem die Sonne lange Zeit immer geschienen hatte, war sie eines Tages müde. Und zwar so richtig. Immer wieder fielen ihr die Augen zu.“ Der Großvater schloss die Augen und ließ sich ein Stück vornüber fallen.
„Bestimmt hat sie auch gegähnt“, fügte Sina hinzu und machte mit weit geöffnetem Mund „uaaaaaaaaah“.
„Genau“, lachte ihr Großvater und fiel in das „uaaaaah“ ein.
Sina kicherte. Mit ihrem Opa konnte sie wirklich jeden Blödsinn machen.

„Und weil sie ja nicht schlafen durfte, bekam die Sonne auch noch schlechte Laune.“ Der Großvater zog die Mundwinkel nach unten und machte ein grimmiges Gesicht.
„Bestimmt hat sie auch die Sonnenstrahlen angemeckert“, kicherte Sina.
„Genau! Es war ja so schon nicht leicht, diese ganze Strahlen-Bande zu bändigen, aber nun wo sie auch noch so müde war…“
„Und was passierte dann?“
„Tja, eines schönen Tages klopfte es plötzlich bei der Sonne an der Haustür“, mit dem Zeigefingerknöchel machte der Großvater die Klopfgeräusche auf dem Nachtschrank nach.
„Die Sonne hat ein Haus?“, staunte Sina ungläubig.
„Klar, was dachtest du denn?“
„Und wer stand vor der Tür?“
„Ein Mondgesicht. Ein rundes Vollmondgesicht. Hallo, ich bin der Mond, sagte es. Ich habe gehört, du kannst mich brauchen.“ Der Großvater hatte die Wangen aufgeblasen, um das Gesicht des Mondes darzustellen. „Aber die Sonne wollte anfangs ihre Macht über die Welt nicht teilen. Sie wollte weiter alles für sich haben. Und daher hat sie den Mond, mitsamt seinen Sternen, die er auch dabei hatte, einfach wieder vor die Tür gesetzt.“
„Das war ja ganz schön blöd“, Sina schüttelte den Kopf.
„Stimmt. Und der Mond wusste das. Er wusste, dass er einfach nur weiter abwarten musste und irgendwann würde seine Zeit kommen.“
„Bestimmt ist die Sonne irgendwann doch eingeschlafen!“
Der Großvater zwinkerte seiner Enkelin zu. „Genau so war es. Sie konnte sich eines Tages einfach nicht mehr wachhalten. Und als sie eingeschlafen war, schliefen auch all die kleinen Sonnenstrahlen ein und niemand leuchtete mehr. Die Menschen saßen plötzlich im Dunkeln.“
Gespannt sah Sina ihren Großvater an. „Hatten die Menschen Angst?“
„Oh ja, natürlich hatten sie Angst. Sie kannten es ja gar nicht, ohne das Sonnenlicht zu sein. Aber noch bevor sie sich etwas überlegen konnten, erschien plötzlich oben am Himmel etwas Helles. Erst dachten sie, die Sonne sei zurück gekommen, aber…“
„Es war der Mond!“ Sina strahlte über das ganze Gesicht.
„Genau! Und mit ihm kamen auch die Sterne und da an diesem Tag keine Wolken die Sicht verdeckten, konnten sie alle um die Wette leuchten und die Menschen freuten sich darüber, dass sie zumindest etwas Licht hatten.“
„Und was hat die Sonne gemacht, als sie wieder aufgewacht ist? War sie sehr wütend, dass der Mond einfach wieder aufgetaucht war?“
„Nein, die Sonne war das erste Mal nach langer Zeit ausgeschlafen und hatte gute Laune. So, als ob du am Wochenende ausschlafen kannst und nicht morgens für die Schule früh aufstehen musst.“ Der Großvater zwinkerte Sina zu. „Sie hat sich dann tatsächlich bei dem Mond und auch den Sternen für die Hilfe bedankt.“
„Und dann haben sie abgesprochen, dass sie sich immer abwechseln würden, stimmts?“
Der Großvater nickte. „Seit diesem Zeitpunkt gibt es den Tag und die Nacht. Und ich finde beides schön.“

Sina war wieder aus dem Bett geklettert und stand nun am Fenster und sah zum Himmel hinauf, wo der Mond gerade hinter einer Wolke hervorlugte. „Eigentlich finde ich die Welt bei Nacht auch ganz schön“, stellte sie dann fest.
Als sie sich gleich darauf wieder in ihr Bett kuschelte murmelte sie schläfrig: „Schlaf gut, liebe Sonne. Wir sehen uns morgen früh wieder!“

Diesmal waren dabei:

Rina

Corly

Veronika

Sabi Lianne

Das Thema für den 01. April lautet: Im Spiegel

abc.Etüden – Que serà, serà

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayUnd weiter geht es mit den abc.etüden von Christiane. Ihr erinnert Euch? Texte mit max. 300 Wörtern und dieses Mal sollen enthalten sein: Altersschwach, Lesezeichen und hüpfen.

Und hier kommt mein Beitrag (der Titel hakt… aber mir ist gerade nichts anderes eingefallen:

Que serà, serà
von Nicole Vergin

Mit schweren Füßen schlurfte er durch den verstaubten Laden. Beinahe war es ein Segen, dass seine Augen ihn nach und nach im Stich ließen. So sah er den Staub auf den alten Büchern und die Spinnenweben über den Regalen nicht mehr so deutlich. Gut, dass seine Else den Verfall ihres geliebten Buchladens nicht mehr erlebt hatte. Spätestens dass hätte sie umgebracht. Aber so war es dieses versoffene Schwein mit seiner Luxuskarosse gewesen, dass sie ihm entrissen hatte.

Für einen Moment erlaubte er sich von der Vergangenheit zu träumen. Er hörte die Stimme von Doris Day, wie sie „Que serà, serà“ sang und sah seine Else übermütig wie ein junges Füllen durch den Buchladen hüpfen.

Zwei Jahrzehnte waren seitdem vergangen und ja, er musste es sich eingestehen: mit dem hüpfen war es bei ihm nicht mehr weit her. Altersschwach war er geworden. Ein Greis, so hatte seine Enkelin, dieses unerzogene Gör, ihn neulich erst genannt. Aber senil, nein, senil war er nun wirklich nicht. Nach wie vor war es ihm ein leichtes „Die Glocke“ von Schiller zu rezitieren. Er räusperte sich kurz, streckte seine mageren Arme in die Luft und begann: „Fest gemauert in der Erde, steht die Form aus… aus… verflixt.“ Er ließ die Arme sinken und zuckte die Schultern. Egal. Jeder hatte mal einen schlechten Tag.

Die Glocke läutete. Hoffnungsvoll sah er zur Ladentür. Vielleicht würde der Tag doch noch gut werden.
„Haben sie Lesezeichen?“
Ohne zu antworten, drehte er sich weg und schlurfte hinüber in den Lagerraum.

249 Wörter

abc.etüden – Eifersucht ist eine Leidenschaft

2019_0607_1_300Eine Weile bin ich schon um die abc.etüden bei Christiane herumgeschlichen… und diesmal bin ich das erste Mal dabei! Worum es geht? Es werden Texte geschrieben mit max. 300 Wörtern, die drei bestimmte Wörter enthalten müssen. Dieses Mal sind das: Winterreifen, stolpern und eifersüchtig.

Und das habe ich daraus gemacht:

Eifersucht ist eine Leidenschaft
von Nicole Vergin

„Du kannst mich mal!“ Simone knallte die Tür zu.
„Sag einfach die Wahrheit!“ Martin, ihr Ehemann, war ihr gefolgt. „Wo willst du hin?“
„Ich brauche Luft! Du engst mich ein!“ Rasch schlüpfte sie in ihren Wintermantel.
„Ach, aber dein Jens macht das nicht.“ Das Gesicht ihres Mannes war dunkelrot angelaufen.
„Er ist nicht MEIN Jens. Wir sind Kollegen.“ Wieder und wieder hatte sie versichert, dass da nichts lief. Mit Jens nicht und auch mit keinem anderen Mann. Sie liebte Martin. Zumindest wenn er nicht grundlos eifersüchtig war.
„Ich gehe spazieren“, erklärte sie so ruhig wie möglich, „und wenn ich wiederkomme, reden wir, okay?“
„Wenn du jetzt gehst, ist es vorbei“, Martins Stimme war leise geworden.
„Du drohst mir?“ Simone schüttelte fassungslos den Kopf, öffnete die Haustür und trat hinaus in die winterliche Kälte.
Sie beschloss, anstelle eines Spaziergangs, zu ihren Eltern zu fahren und dort ihre Gedanken zu sortieren. In der Garage stolperte sie über einen Wagenheber.
Verflixt, was hatte das Ding hier zu suchen? Simone fuhr aus der Garage und stieg noch einmal aus, um das Tor zu schließen. In diesem Moment trat Martin aus dem Haus und starrte sie an.
„Ich dachte, du wolltest einen Spaziergang machen?“
Sie antwortete nicht, sondern sprang schnell wieder in ihren Wagen, damit er sie nicht aufhalten konnte. Im Rückspiegel sah sie, wie er ein Stück auf der Straße hinterher lief und mit beiden Armen wedelte. Kurz darauf summte auch ihr Handy. Nein, dieses Mal würde sie nicht einfach zu ihm zurückkehren.
Als vor ihr eine rote Ampel auftauchte, merkte sie, dass sie zu schnell fuhr.
Ruhig bleiben, ermahnte sie sich, die Winterreifen sind nagelneu, mit denen kann ich bestimmt bremsen.
Doch der Wagen rutschte weiter. Kurz vor dem Aufprall tauchte das Bild des am Boden liegenden Wagenhebers auf.

(296 Wörter)

Ich kann auch anders: Einblick in meine dunkle Seite

Wenn Ihr über die Advents- und Weihnachtszeit meine Beiträge gelesen habt, dann wisst Ihr, dass ich ein großer Fan von kitschigen Happy Ends bin. Besonders um die Weihnachtszeit herum, wenn alles blinkt und glitzert und der Baum unter der Last des Deko-Schnick-Schnacks beinahe zusammenbricht.

Aber wie heißt es so schön? Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und mein Schatten hat sich während meiner Teenagerjahre für Horror und Grusel interessiert. Vampire, Untote, Friedhöfe bei Nacht. Ich habe die Hefte des Geisterjägers John Sinclair verschlungen und hatte einen großen Stapel Bücher von Stephen King und Dean Koontz. Die ich vor kurzem übrigens aussortiert habe. Aber nur, um sie an meinen Sohn weiter zu geben (da ist es wieder… das rosa-rote Happy End!), außerhalb unserer Familie hätte ich meine Buch-Babys natürlich nicht her gegeben!

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Inzwischen lese ich meist andere Bücher und Horrorfilme gucke ich auch nicht mehr so gerne. Liegt vielleicht auch daran, dass ich mich bis heute davor grusele und dann nachts Licht anmachen muss, falls ich mal aufwache…

Und auch meine Geschichten sind (meist) harmloser – außer wenn ich auf jemanden richtig sauer bin. Etliche von meinen dunkleren Geschichten schmoren nun schon seit längerem irgendwo in meinem Daten Nirwana und ich hatte sie längst vergessen. Aber dann kam ich mit Wortman (kommt Euch bekannt vor? Richtig! Das ist der, der das Projekt abc wieder ins Leben gerufen hat) ins „Gespräch“ und siehe da, er hat neben seiner Wortman Seite (schaut doch hier mal rein) noch eine Welt jenseits des Happy Ends: die Dunkelwelten. Tja, und dort könnt Ihr nun – wenn Ihr wollt – meine makabre, dunkle Seite kennenlernen. Denn Ihr findet dort die Geschichte: „Bis dass der Tod euch scheidet“. Klick!

Viel Spaß beim Lesen! Ich werde mich derweil mal wieder dem Licht zuwenden – Ihr wisst ja, wie schnell einen die Dunkelheit für immer aufsaugen kann…

Besuch zur Mittagsstunde

Und schon ist der nächste Schreibkick fällig. Falls Ihr bei der von Sabi Lianne ins Leben gerufenen Schreib-Gruppe auch mitmachen wollt, schaut doch einfach mal hier in der Facebook Gruppe vorbei!

Besuch zur Mittagsstunde
von Nicole Vergin

Klopfklopf…
Margots Herz schlug rascher. Seit vier Wochen war sie nun in diesem Zimmer im Pflegeheim und noch immer hatte sie sich nicht daran gewöhnt, dass Menschen nach einem kurzen Klopfen an der Tür ihres Zimmers bei ihr ein- und ausgingen.
Aber nun war Mittagszeit und im Heim eine Ruhe, die sie bei sich als Todesstille bezeichnete. Und wer auch immer vor der Tür stand, wartete offensichtlich auf eine Antwort von ihr.
Margot räusperte sich und rief dann: „Herein.“

Ein Mann trat ein. Sie blickte in sein lächelndes Gesicht und zuckte zusammen. Er war ihr nicht bekannt. Ein Unbekannter in ihrem Zimmer. Sie streckte die Hand nach dem Notfallknopf aus, der an einem Kabel neben ihrem Bett hing.
„Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze“, der Mann machte eine kleine Verbeugung. „Offensichtlich habe ich Sie erschreckt. Ist es Ihnen lieber, wenn ich wieder gehe?“
Margots Verstand befahl ihr zu nicken, aber ihr Bauchgefühl war anderer Meinung und so schüttelte sie den Kopf. Sie deutete mit der Hand auf den zweiten Stuhl in ihrem kleinen Zimmer. „Setzen Sie sich doch bitte.“
„Vielen Dank“, der Mann nahm auf dem Stuhl Platz und streckte dann die Hand über den Tisch, der zwischen ihnen stand, „ich heiße Rainer.“
Ohne weiter nachzudenken streckte auch sie ihre Hand aus und wunderte sich, wie angenehm sich diese kurze Berührung anfühlte. „Und ich bin Margot.“
Sie lächelten sich zu und schwiegen eine Weile. Eine angenehme Weile, wie Margot fand. Und das verwunderte sie noch mehr. Denn Schweigen konnte man mit den wenigsten Menschen.
„Diese Mittagszeit hier im Pflegeheim“, begann sie dann ein Gespräch.
„Entsetzlich öde“, ergänzte Rainer ihre Gedanken.
Sie lachten. Das Eis – sofern es überhaupt etwas Kühles, Fremdes zwischen ihnen gegeben hatte – war geschmolzen. Sie plauderten und lachten wie alte Freunde. Fanden Gemeinsamkeiten und erzählten sich gegenseitig aus ihren Leben.

Als die kleine Kuckucksuhr, die Margot vor Jahren aus einem Schwarzwald Urlaub mitgebracht hatte, 15 Uhr schlug, schaute sie verwundert auf.
„Ich weiß nicht, wann das letzte Mal die Mittagszeit so schnell vergangen ist,“ Margot schaute ihren Besucher verwundert an.
„Bei guten Gesprächen verfliegt die Zeit im Nu“, nickte Rainer und fügte hinzu, „aber nun muss ich gehen.“
„Kommst du wieder?“ Margot spürte, wie eine leichte Röte ihre Wangen hinaufkroch. Sie hatte ihn einfach geduzt. Und auch noch gefragt, ob er wiederkommt. So forsch war sie bisher nie in ihrem Leben gewesen. Innerlich schüttelte sie bei diesen Gedanken den Kopf. Was machte es schon. Es war der letzte Rest ihres Lebens. Wenn sie nicht jetzt den Stier bei den Hörnern packte, würde sie es nie mehr tun. Sie lachte und fügte hinzu: „Ich würde mich freuen!“
„Dann komme ich wieder!“ Rainer verabschiedete sich mit einem Handkuss wie ein Kavalier der alten Schule und dann war er auch schon verschwunden.
Er hat mir gar nicht seinen Nachnamen gesagt, dachte Margot noch, doch dann wurde sie von der Pflegerin die anklopfend eintrat abgelenkt. Es sei Kaffeezeit und ob sie sie in den Speisesaal bringen sollte.

„Finden Sie nicht auch, dass der Kuchen viel zu trocken ist?“ Ihre Sitznachbarin beugte sich viel zu vertraulich herüber. „Bei den Preisen hier können wir ja wohl etwas Besseres erwarten!“
Margot nickte einfach. Bei jeder Mahlzeit meckerte diese Person. Sie war es leid, sich ihre Tiraden anzuhören, aber es gelang ihr nicht, sie abzuweisen oder ihr die Meinung zu sagen.
Und heute war es ihr auch das erste Mal egal. Sie dachte an das Gespräch mit Rainer. Wo war er überhaupt? Margot schaute sich im Speisesaal um.
„Wen suchen Sie denn?“ Ein paar Speicheltropfen landeten auf ihrem Handrücken.
„Niemanden.“ Die kurze Antwort wurde mit einem bohrenden Blick erwidert. Das fehlte ihr jetzt noch, dass sie dieser Person von ihrem Mittagsbesuch erzählte.
Margot beugte sich tiefer über ihren Teller und schob sich ein weiteres Stück von dem Kuchen in den Mund, der alles andere als trocken war.
Rainer muss neu im Pflegeheim sein, grübelte sie, sonst hätte ich ihn doch schon mal hier gesehen. Obwohl, er wirkte noch so rüstig, vielleicht ging er zum Essen in die Innenstadt, die nur wenige Gehminuten entfernt lag.

„Haben Sie es schon gehört?“ Erneut drängte sich die nervtötende Stimme ihrer Sitznachbarin in ihr Ohr.
Sie wollte nicht mit ihr reden, aber der Wortschwall ergoss sich auch ohne eine weitere Erwiderung über sie.
„Die Frau Schmidt“, die Stimme wurde leiser, „die ist verrückt geworden.“
„Also ich habe vorhin noch mit ihr gesprochen“, versetzte Margot ungewohnt scharf, „und auf mich hat sie vollkommen normal gewirkt. Ich finde, sie ist eine sehr nette Frau!“
„Nett“, wurde es förmlich in ihr Ohr geschnaubt, „mag ja sein. Aber eben auch verrückt!“
Am liebsten wäre Margot aufgesprungen und auf ihr Zimmer gegangen. Aber ihr Rollstuhl zwang sie, an ihrem Platz zu bleiben. Sie versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sollte die alte Klatschbase doch reden. Aber dann hörte sie plötzlich den Namen `Rainer´ zwischen all dem Gerede heraus und nun spitzte sie doch die Ohren.
„Er würde sie besuchen. Abends, wenn alles schon still ist.“
Ob es um `ihren´ Rainer ging?
„Wahnvorstellungen, Halluzinationen, irgendetwas läuft da wohl in ihrem Kopf nicht ganz rund.“ Ein gemeines Kichern zeigte wie sehr diese Person den Tratsch genoss.
„Warum soll sie Wahnvorstellungen haben, nur weil sie erzählt, dass sie Besuch bekommt?“ Margot widerstrebte es, ihrer Sitznachbarin auch noch Nahrung für ihre Lästereien zu geben. Aber vielleicht würde sie so erfahren, wo Rainer zu finden war.
„Ach stimmt ja. Sie wohnen ja noch nicht lange hier. Rainer…“, eine Kunstpause sollte das ganze wohl dramatisieren, „Rainer ist bereits vor einem halben Jahr gestorben.“

Für einen Augenblick setzte Margots Herzschlag aus, bevor er weiter holperte. Tot? Rainer? Wie konnte das sein? Er war doch gerade vor einer Stunde bei ihr im Zimmer gewesen. War sie verrückt geworden? Nein. Frau Schmidt hatte ihn ja offensichtlich auch gesehen. Kein Wunder, dass er auch bei dieser netten Frau gewesen war, dachte sie und schmunzelte. Nun glaubte sie also schon an Geister.
Margot lachte. Laut. Ein befremdeter Blick traf sie. Was sie nur noch mehr zum lachen brachte. Nun gut, falls Rainer tatsächlich ein Geist war, war ihr das auch egal. Hauptsache seine Besuche würden weiter ihr Leben versüßen.
Und wer weiß? Vielleicht würde sie mal mit Frau Schmidt sprechen, sie könnten sich ja schließlich auch zu Dritt treffen. Bei diesem Gedanken musste Margot noch mehr lachen. Und nach dem Gesicht des alten Lästermauls zu urteilen, würde sie nun künftig auch auf der Tratsch- und Lästerliste ganz weit oben stehen.

Bewusst verrate ich das Thema in diesem Monat erst jetzt: Imaginäre Freunde.

Diesmal waren dabei:

Veronika

Rina

Corly

Das Thema für den 01. März lautet: Die Welt bei Nacht

Das Märchen der guten Vorsätze

Wie ist das bei Euch mit den Vorsätzen? Nehmt Ihr Euch etwas vor, bevor Ihr in das neue Jahr startet? Also ich schon länger nicht mehr. Denn mal ehrlich: nur weil Schlag Mitternacht ein neues Jahr beginnt, bin ich persönlich weder disziplinierter noch Ziel orientierter. Dass was ich wirklich ändern will, mache ich nach und nach und dieser Willen hat bei mir überhaupt nichts – mehr – mit dem neuen Jahr zu tun. Aber selbstverständlich muss das jeder für sich entscheiden. Und wenn Ihr Vorsätze gefasst habt, dann drücke ich Euch feste die Daumen und natürlich wünsche ich Euch auch ansonsten alles Gute für das Jahr 2019!

Aber nun zu meinem Schreibkick… (übrigens eine Erfindung von Sabi, deren facebook Gruppe Ihr hier findet!)

Das Märchen der guten Vorsätze
von Nicole Vergin

Klingkling…
Das laute Stimmengewirr, das durch den großen Saal rauschte, sorgte dafür, dass nur wenige den Kopf hoben und in die Richtung schauten, aus der das leise klingen kam. Erst ein lautes RUHE sorgte für selbige.
„Danke, dass ihr alle gekommen seid!“
Alle Augen waren nun auf den Redner gerichtet.
„Meine lieben guten Vorsätze. Ihr wisst alle, warum wir hier heute zusammen gekommen sind: Silvester naht und damit auch das neue Jahr und…“
Allgemeines stöhnen und seufzen hallte durch den Saal.
„Und“, fuhr der Redner fort, „die Menschen wollen sich wieder mal unserer bedienen. Indem sie uns lauter Versprechungen machen.“
„Im nächsten Jahr fange ich endlich mit Sport an“, ertönte eine betont alberne Stimme aus den vielen Reihen der guten Vorsätze.
Prompt fielen andere ein: „Ich werde endlich abnehmen“, „Ich höre mit dem Rauchen auf“, „Kein Alkohol mehr“ – und etliches mehr.
„Ich bitte wieder um Ruhe“, der Redner hob beschwichtigend die Arme, aber die guten Vorsätze waren inzwischen von ihren Stühlen aufgesprungen und einer rief laut: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!“
„Deswegen sind wir ja hier“, auch der Redner wurde nun deutlich lauter, woraufhin sich alle wieder setzten.
„Ihr habt Recht“, fuhr er fort, „wir dürfen uns diesen Missbrauch nicht mehr gefallen lassen. Wir stehen den Menschen im nächsten Jahr einfach nicht mehr zur Verfügung. Wir werden uns zurückziehen. Dann werden sie schon sehen, was sie ohne uns schaffen. Gar nichts.“
Die anderen guten Vorsätze klatschten begeistert Beifall.

Tja, und so kam es dann auch. Der Silvesterabend nahte, die Menschen wollten gute Vorsätze fassen, aber da waren plötzlich keine mehr. Und auch am Neujahrsmorgen, egal wo sie suchten und wie sehr sie auch grübelten – es waren einfach keine guten Vorsätze da.
Und dann geschah etwas, womit die guten Vorsätze nicht gerechnet hatten: anstatt sich weiter auf die Suche nach ihnen zu machen oder in Trübsinn zu verfallen, ging es den Menschen plötzlich gut. So gut wie lange nicht mehr an einem 01. Januar.
Niemand schleppte sich, obwohl er keine Lust hatte, auf seine erste Laufrunde des Jahres, nur weil er es sich vorgenommen hatte. Im Internet wurden keine Fitnessgeräte bestellt, die dann sowieso nur im Keller eingestaubt wären. Die Bücher über all die zahlreichen Diäten würden in den Regalen liegenbleiben.
Stattdessen horchten die Menschen in sich hinein und fragten sich, was sie an diesen ersten Tagen des Jahres gerne tun würden. Womit würde es ihnen gut gehen? Und während der eine seinen Rausch auf dem Sofa ausschlief, machte der andere einen gemütlichen Spaziergang und noch ein anderer hatte plötzlich gar nicht mehr so große Lust auf Schokolade wie sonst, denn plötzlich fiel das ständige Verbot einfach weg.

Die guten Vorsätze beobachteten all das aus ihrem Versteck mit großer Sorge. Und die schlauen unter ihnen suchten sich direkt eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. Andere hingegen hofften, dass die Menschen sie im kommenden Jahr wieder anfragen würden.

Und ob das überhaupt noch nötig sein wird, ja, das könnt nur ihr entscheiden.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Das Thema für den 01. Februar lautet: Imaginäre Freunde