abc.etüden – Eifersucht ist eine Leidenschaft

2019_0607_1_300Eine Weile bin ich schon um die abc.etüden bei Christiane herumgeschlichen… und diesmal bin ich das erste Mal dabei! Worum es geht? Es werden Texte geschrieben mit max. 300 Wörtern, die drei bestimmte Wörter enthalten müssen. Dieses Mal sind das: Winterreifen, stolpern und eifersüchtig.

Und das habe ich daraus gemacht:

Eifersucht ist eine Leidenschaft
von Nicole Vergin

„Du kannst mich mal!“ Simone knallte die Tür zu.
„Sag einfach die Wahrheit!“ Martin, ihr Ehemann, war ihr gefolgt. „Wo willst du hin?“
„Ich brauche Luft! Du engst mich ein!“ Rasch schlüpfte sie in ihren Wintermantel.
„Ach, aber dein Jens macht das nicht.“ Das Gesicht ihres Mannes war dunkelrot angelaufen.
„Er ist nicht MEIN Jens. Wir sind Kollegen.“ Wieder und wieder hatte sie versichert, dass da nichts lief. Mit Jens nicht und auch mit keinem anderen Mann. Sie liebte Martin. Zumindest wenn er nicht grundlos eifersüchtig war.
„Ich gehe spazieren“, erklärte sie so ruhig wie möglich, „und wenn ich wiederkomme, reden wir, okay?“
„Wenn du jetzt gehst, ist es vorbei“, Martins Stimme war leise geworden.
„Du drohst mir?“ Simone schüttelte fassungslos den Kopf, öffnete die Haustür und trat hinaus in die winterliche Kälte.
Sie beschloss, anstelle eines Spaziergangs, zu ihren Eltern zu fahren und dort ihre Gedanken zu sortieren. In der Garage stolperte sie über einen Wagenheber.
Verflixt, was hatte das Ding hier zu suchen? Simone fuhr aus der Garage und stieg noch einmal aus, um das Tor zu schließen. In diesem Moment trat Martin aus dem Haus und starrte sie an.
„Ich dachte, du wolltest einen Spaziergang machen?“
Sie antwortete nicht, sondern sprang schnell wieder in ihren Wagen, damit er sie nicht aufhalten konnte. Im Rückspiegel sah sie, wie er ein Stück auf der Straße hinterher lief und mit beiden Armen wedelte. Kurz darauf summte auch ihr Handy. Nein, dieses Mal würde sie nicht einfach zu ihm zurückkehren.
Als vor ihr eine rote Ampel auftauchte, merkte sie, dass sie zu schnell fuhr.
Ruhig bleiben, ermahnte sie sich, die Winterreifen sind nagelneu, mit denen kann ich bestimmt bremsen.
Doch der Wagen rutschte weiter. Kurz vor dem Aufprall tauchte das Bild des am Boden liegenden Wagenhebers auf.

(296 Wörter)

Ich kann auch anders: Einblick in meine dunkle Seite

Wenn Ihr über die Advents- und Weihnachtszeit meine Beiträge gelesen habt, dann wisst Ihr, dass ich ein großer Fan von kitschigen Happy Ends bin. Besonders um die Weihnachtszeit herum, wenn alles blinkt und glitzert und der Baum unter der Last des Deko-Schnick-Schnacks beinahe zusammenbricht.

Aber wie heißt es so schön? Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und mein Schatten hat sich während meiner Teenagerjahre für Horror und Grusel interessiert. Vampire, Untote, Friedhöfe bei Nacht. Ich habe die Hefte des Geisterjägers John Sinclair verschlungen und hatte einen großen Stapel Bücher von Stephen King und Dean Koontz. Die ich vor kurzem übrigens aussortiert habe. Aber nur, um sie an meinen Sohn weiter zu geben (da ist es wieder… das rosa-rote Happy End!), außerhalb unserer Familie hätte ich meine Buch-Babys natürlich nicht her gegeben!

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Inzwischen lese ich meist andere Bücher und Horrorfilme gucke ich auch nicht mehr so gerne. Liegt vielleicht auch daran, dass ich mich bis heute davor grusele und dann nachts Licht anmachen muss, falls ich mal aufwache…

Und auch meine Geschichten sind (meist) harmloser – außer wenn ich auf jemanden richtig sauer bin. Etliche von meinen dunkleren Geschichten schmoren nun schon seit längerem irgendwo in meinem Daten Nirwana und ich hatte sie längst vergessen. Aber dann kam ich mit Wortman (kommt Euch bekannt vor? Richtig! Das ist der, der das Projekt abc wieder ins Leben gerufen hat) ins „Gespräch“ und siehe da, er hat neben seiner Wortman Seite (schaut doch hier mal rein) noch eine Welt jenseits des Happy Ends: die Dunkelwelten. Tja, und dort könnt Ihr nun – wenn Ihr wollt – meine makabre, dunkle Seite kennenlernen. Denn Ihr findet dort die Geschichte: „Bis dass der Tod euch scheidet“. Klick!

Viel Spaß beim Lesen! Ich werde mich derweil mal wieder dem Licht zuwenden – Ihr wisst ja, wie schnell einen die Dunkelheit für immer aufsaugen kann…

Besuch zur Mittagsstunde

Und schon ist der nächste Schreibkick fällig. Falls Ihr bei der von Sabi Lianne ins Leben gerufenen Schreib-Gruppe auch mitmachen wollt, schaut doch einfach mal hier in der Facebook Gruppe vorbei!

Besuch zur Mittagsstunde
von Nicole Vergin

Klopfklopf…
Margots Herz schlug rascher. Seit vier Wochen war sie nun in diesem Zimmer im Pflegeheim und noch immer hatte sie sich nicht daran gewöhnt, dass Menschen nach einem kurzen Klopfen an der Tür ihres Zimmers bei ihr ein- und ausgingen.
Aber nun war Mittagszeit und im Heim eine Ruhe, die sie bei sich als Todesstille bezeichnete. Und wer auch immer vor der Tür stand, wartete offensichtlich auf eine Antwort von ihr.
Margot räusperte sich und rief dann: „Herein.“

Ein Mann trat ein. Sie blickte in sein lächelndes Gesicht und zuckte zusammen. Er war ihr nicht bekannt. Ein Unbekannter in ihrem Zimmer. Sie streckte die Hand nach dem Notfallknopf aus, der an einem Kabel neben ihrem Bett hing.
„Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze“, der Mann machte eine kleine Verbeugung. „Offensichtlich habe ich Sie erschreckt. Ist es Ihnen lieber, wenn ich wieder gehe?“
Margots Verstand befahl ihr zu nicken, aber ihr Bauchgefühl war anderer Meinung und so schüttelte sie den Kopf. Sie deutete mit der Hand auf den zweiten Stuhl in ihrem kleinen Zimmer. „Setzen Sie sich doch bitte.“
„Vielen Dank“, der Mann nahm auf dem Stuhl Platz und streckte dann die Hand über den Tisch, der zwischen ihnen stand, „ich heiße Rainer.“
Ohne weiter nachzudenken streckte auch sie ihre Hand aus und wunderte sich, wie angenehm sich diese kurze Berührung anfühlte. „Und ich bin Margot.“
Sie lächelten sich zu und schwiegen eine Weile. Eine angenehme Weile, wie Margot fand. Und das verwunderte sie noch mehr. Denn Schweigen konnte man mit den wenigsten Menschen.
„Diese Mittagszeit hier im Pflegeheim“, begann sie dann ein Gespräch.
„Entsetzlich öde“, ergänzte Rainer ihre Gedanken.
Sie lachten. Das Eis – sofern es überhaupt etwas Kühles, Fremdes zwischen ihnen gegeben hatte – war geschmolzen. Sie plauderten und lachten wie alte Freunde. Fanden Gemeinsamkeiten und erzählten sich gegenseitig aus ihren Leben.

Als die kleine Kuckucksuhr, die Margot vor Jahren aus einem Schwarzwald Urlaub mitgebracht hatte, 15 Uhr schlug, schaute sie verwundert auf.
„Ich weiß nicht, wann das letzte Mal die Mittagszeit so schnell vergangen ist,“ Margot schaute ihren Besucher verwundert an.
„Bei guten Gesprächen verfliegt die Zeit im Nu“, nickte Rainer und fügte hinzu, „aber nun muss ich gehen.“
„Kommst du wieder?“ Margot spürte, wie eine leichte Röte ihre Wangen hinaufkroch. Sie hatte ihn einfach geduzt. Und auch noch gefragt, ob er wiederkommt. So forsch war sie bisher nie in ihrem Leben gewesen. Innerlich schüttelte sie bei diesen Gedanken den Kopf. Was machte es schon. Es war der letzte Rest ihres Lebens. Wenn sie nicht jetzt den Stier bei den Hörnern packte, würde sie es nie mehr tun. Sie lachte und fügte hinzu: „Ich würde mich freuen!“
„Dann komme ich wieder!“ Rainer verabschiedete sich mit einem Handkuss wie ein Kavalier der alten Schule und dann war er auch schon verschwunden.
Er hat mir gar nicht seinen Nachnamen gesagt, dachte Margot noch, doch dann wurde sie von der Pflegerin die anklopfend eintrat abgelenkt. Es sei Kaffeezeit und ob sie sie in den Speisesaal bringen sollte.

„Finden Sie nicht auch, dass der Kuchen viel zu trocken ist?“ Ihre Sitznachbarin beugte sich viel zu vertraulich herüber. „Bei den Preisen hier können wir ja wohl etwas Besseres erwarten!“
Margot nickte einfach. Bei jeder Mahlzeit meckerte diese Person. Sie war es leid, sich ihre Tiraden anzuhören, aber es gelang ihr nicht, sie abzuweisen oder ihr die Meinung zu sagen.
Und heute war es ihr auch das erste Mal egal. Sie dachte an das Gespräch mit Rainer. Wo war er überhaupt? Margot schaute sich im Speisesaal um.
„Wen suchen Sie denn?“ Ein paar Speicheltropfen landeten auf ihrem Handrücken.
„Niemanden.“ Die kurze Antwort wurde mit einem bohrenden Blick erwidert. Das fehlte ihr jetzt noch, dass sie dieser Person von ihrem Mittagsbesuch erzählte.
Margot beugte sich tiefer über ihren Teller und schob sich ein weiteres Stück von dem Kuchen in den Mund, der alles andere als trocken war.
Rainer muss neu im Pflegeheim sein, grübelte sie, sonst hätte ich ihn doch schon mal hier gesehen. Obwohl, er wirkte noch so rüstig, vielleicht ging er zum Essen in die Innenstadt, die nur wenige Gehminuten entfernt lag.

„Haben Sie es schon gehört?“ Erneut drängte sich die nervtötende Stimme ihrer Sitznachbarin in ihr Ohr.
Sie wollte nicht mit ihr reden, aber der Wortschwall ergoss sich auch ohne eine weitere Erwiderung über sie.
„Die Frau Schmidt“, die Stimme wurde leiser, „die ist verrückt geworden.“
„Also ich habe vorhin noch mit ihr gesprochen“, versetzte Margot ungewohnt scharf, „und auf mich hat sie vollkommen normal gewirkt. Ich finde, sie ist eine sehr nette Frau!“
„Nett“, wurde es förmlich in ihr Ohr geschnaubt, „mag ja sein. Aber eben auch verrückt!“
Am liebsten wäre Margot aufgesprungen und auf ihr Zimmer gegangen. Aber ihr Rollstuhl zwang sie, an ihrem Platz zu bleiben. Sie versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sollte die alte Klatschbase doch reden. Aber dann hörte sie plötzlich den Namen `Rainer´ zwischen all dem Gerede heraus und nun spitzte sie doch die Ohren.
„Er würde sie besuchen. Abends, wenn alles schon still ist.“
Ob es um `ihren´ Rainer ging?
„Wahnvorstellungen, Halluzinationen, irgendetwas läuft da wohl in ihrem Kopf nicht ganz rund.“ Ein gemeines Kichern zeigte wie sehr diese Person den Tratsch genoss.
„Warum soll sie Wahnvorstellungen haben, nur weil sie erzählt, dass sie Besuch bekommt?“ Margot widerstrebte es, ihrer Sitznachbarin auch noch Nahrung für ihre Lästereien zu geben. Aber vielleicht würde sie so erfahren, wo Rainer zu finden war.
„Ach stimmt ja. Sie wohnen ja noch nicht lange hier. Rainer…“, eine Kunstpause sollte das ganze wohl dramatisieren, „Rainer ist bereits vor einem halben Jahr gestorben.“

Für einen Augenblick setzte Margots Herzschlag aus, bevor er weiter holperte. Tot? Rainer? Wie konnte das sein? Er war doch gerade vor einer Stunde bei ihr im Zimmer gewesen. War sie verrückt geworden? Nein. Frau Schmidt hatte ihn ja offensichtlich auch gesehen. Kein Wunder, dass er auch bei dieser netten Frau gewesen war, dachte sie und schmunzelte. Nun glaubte sie also schon an Geister.
Margot lachte. Laut. Ein befremdeter Blick traf sie. Was sie nur noch mehr zum lachen brachte. Nun gut, falls Rainer tatsächlich ein Geist war, war ihr das auch egal. Hauptsache seine Besuche würden weiter ihr Leben versüßen.
Und wer weiß? Vielleicht würde sie mal mit Frau Schmidt sprechen, sie könnten sich ja schließlich auch zu Dritt treffen. Bei diesem Gedanken musste Margot noch mehr lachen. Und nach dem Gesicht des alten Lästermauls zu urteilen, würde sie nun künftig auch auf der Tratsch- und Lästerliste ganz weit oben stehen.

Bewusst verrate ich das Thema in diesem Monat erst jetzt: Imaginäre Freunde.

Diesmal waren dabei:

Veronika

Rina

Corly

Das Thema für den 01. März lautet: Die Welt bei Nacht

Das Märchen der guten Vorsätze

Wie ist das bei Euch mit den Vorsätzen? Nehmt Ihr Euch etwas vor, bevor Ihr in das neue Jahr startet? Also ich schon länger nicht mehr. Denn mal ehrlich: nur weil Schlag Mitternacht ein neues Jahr beginnt, bin ich persönlich weder disziplinierter noch Ziel orientierter. Dass was ich wirklich ändern will, mache ich nach und nach und dieser Willen hat bei mir überhaupt nichts – mehr – mit dem neuen Jahr zu tun. Aber selbstverständlich muss das jeder für sich entscheiden. Und wenn Ihr Vorsätze gefasst habt, dann drücke ich Euch feste die Daumen und natürlich wünsche ich Euch auch ansonsten alles Gute für das Jahr 2019!

Aber nun zu meinem Schreibkick… (übrigens eine Erfindung von Sabi, deren facebook Gruppe Ihr hier findet!)

Das Märchen der guten Vorsätze
von Nicole Vergin

Klingkling…
Das laute Stimmengewirr, das durch den großen Saal rauschte, sorgte dafür, dass nur wenige den Kopf hoben und in die Richtung schauten, aus der das leise klingen kam. Erst ein lautes RUHE sorgte für selbige.
„Danke, dass ihr alle gekommen seid!“
Alle Augen waren nun auf den Redner gerichtet.
„Meine lieben guten Vorsätze. Ihr wisst alle, warum wir hier heute zusammen gekommen sind: Silvester naht und damit auch das neue Jahr und…“
Allgemeines stöhnen und seufzen hallte durch den Saal.
„Und“, fuhr der Redner fort, „die Menschen wollen sich wieder mal unserer bedienen. Indem sie uns lauter Versprechungen machen.“
„Im nächsten Jahr fange ich endlich mit Sport an“, ertönte eine betont alberne Stimme aus den vielen Reihen der guten Vorsätze.
Prompt fielen andere ein: „Ich werde endlich abnehmen“, „Ich höre mit dem Rauchen auf“, „Kein Alkohol mehr“ – und etliches mehr.
„Ich bitte wieder um Ruhe“, der Redner hob beschwichtigend die Arme, aber die guten Vorsätze waren inzwischen von ihren Stühlen aufgesprungen und einer rief laut: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!“
„Deswegen sind wir ja hier“, auch der Redner wurde nun deutlich lauter, woraufhin sich alle wieder setzten.
„Ihr habt Recht“, fuhr er fort, „wir dürfen uns diesen Missbrauch nicht mehr gefallen lassen. Wir stehen den Menschen im nächsten Jahr einfach nicht mehr zur Verfügung. Wir werden uns zurückziehen. Dann werden sie schon sehen, was sie ohne uns schaffen. Gar nichts.“
Die anderen guten Vorsätze klatschten begeistert Beifall.

Tja, und so kam es dann auch. Der Silvesterabend nahte, die Menschen wollten gute Vorsätze fassen, aber da waren plötzlich keine mehr. Und auch am Neujahrsmorgen, egal wo sie suchten und wie sehr sie auch grübelten – es waren einfach keine guten Vorsätze da.
Und dann geschah etwas, womit die guten Vorsätze nicht gerechnet hatten: anstatt sich weiter auf die Suche nach ihnen zu machen oder in Trübsinn zu verfallen, ging es den Menschen plötzlich gut. So gut wie lange nicht mehr an einem 01. Januar.
Niemand schleppte sich, obwohl er keine Lust hatte, auf seine erste Laufrunde des Jahres, nur weil er es sich vorgenommen hatte. Im Internet wurden keine Fitnessgeräte bestellt, die dann sowieso nur im Keller eingestaubt wären. Die Bücher über all die zahlreichen Diäten würden in den Regalen liegenbleiben.
Stattdessen horchten die Menschen in sich hinein und fragten sich, was sie an diesen ersten Tagen des Jahres gerne tun würden. Womit würde es ihnen gut gehen? Und während der eine seinen Rausch auf dem Sofa ausschlief, machte der andere einen gemütlichen Spaziergang und noch ein anderer hatte plötzlich gar nicht mehr so große Lust auf Schokolade wie sonst, denn plötzlich fiel das ständige Verbot einfach weg.

Die guten Vorsätze beobachteten all das aus ihrem Versteck mit großer Sorge. Und die schlauen unter ihnen suchten sich direkt eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. Andere hingegen hofften, dass die Menschen sie im kommenden Jahr wieder anfragen würden.

Und ob das überhaupt noch nötig sein wird, ja, das könnt nur ihr entscheiden.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Das Thema für den 01. Februar lautet: Imaginäre Freunde

 

Die Sache mit dem Rentier

Ja, heute gibt es einen Weihnachts-Special-Schreibkick: Die Sache mit dem Rentier.

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder darüber nachgedacht, was ich wohl schreiben könnte. Und dann bin ich im Internet darüber gestolpert, dass einem Fotograf in Norwegen ein weißes Rentier vor die Linse gekommen ist (wenn Ihr es sehen wollt, klickt hier drauf) und da war meine Idee geboren!

Ach ja: die Schreibkicks sind eine Idee von Sabi Lianne und die dazu gehörige Facebook Gruppe findet Ihr hier.

Habt einen schönen Heiligabend Ihr Lieben! ❤

Die Sache mit dem Rentier
von Nicole Vergin

Leises weinen drang durch die Wand ihres Zimmers. Traurig starrte Lea an die Decke. Seit ihrer Mutter der Job im Supermarkt gekündigt worden war, weinte sie fast jede Nacht. Tagsüber tat sie dann so, als wäre es gar nicht schlimm, dass der Laden zum Ende des Jahres geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen wurden. Aber Lea wusste, dass es so schon nicht leicht gewesen war, Miete und Essen und Kleidung zu bezahlen. Und wie sollte es dann erst im nächsten Jahr werden?
Lea drehte sich auf die Seite und knipste ihre Nachttischlampe an. Der Lichtschein war gerade einmal so groß, dass ihr Bett beleuchtet war. Als sie die Hand nach dem Buch ausstreckte, in dem sie gerade las, tanzten Schatten über die Wände. Normalerweise gelang es ihr immer, sich mit den bunten Geschichten in ihren Büchern abzulenken, aber heute schaffte es nicht einmal Pippi Langstrumpf sie aus ihren Grübeleien zu reißen. Dabei liebte sie dieses verrückte Mädchen, das sich ihre Welt einfach so machte, wie sie ihr gefiel. Warum konnte sie das nicht auch? Dann hätte sie ihrer Mutter helfen können. Aber so.

Irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu. Und im Gegensatz zu den letzten Nächten, in denen sie schlimme Träume gehabt hatte, träumte sie diesmal etwas schönes. Sie war im Stadtpark unterwegs und ging einen der vielen Wege, die von dicken alten Eichen gesäumt waren. Plötzlich trat hinter einem der Bäume ein Rentier hervor. Aber kein gewöhnliches. Nein, es war ein Rentier, dessen Fell schneeweiß war. Doch noch bevor Lea näher an das Tier herangehen konnte, wachte sie auf. Es war noch mitten in der Nacht und sie hörte von Ferne die Kirchenglocken elf Mal läuten. Was für ein verrückter und vor allem schöner Traum. Sie kuschelte sich erneut tief unter ihre Decke und schlief gleich darauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

Der nächste Tag war der 23. Dezember. Einen Tag vor Heiligabend. Aber obwohl Lea gemeinsam mit ihrer Mutter die kleine 2-Zimmer Wohnung geschmückt hatte, kam keine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Dabei hatte sich Lea beim aufwachen glücklich gefühlt. Anders, als die Tage zuvor. Und auch nach dem aufstehen dachte sie immer wieder an das weiße Rentier. Wie schön sein Fell im Traum geleuchtet hatte, als es da so stand. Aber gab es denn überhaupt Rentiere mit weißem Fell? Bisher hatte Lea immer nur Fotos von Rentieren gesehen, die ein braunes oder grau-braunes Fell hatten. Sie beschloss im Internet nachzuschauen.
Kurz darauf saß sie in ihrem Zimmer vor dem Laptop, den die Mutter ihr vor einigen Monaten gekauft hatte, als sie in die 5. Klasse gekommen war. Sie brauchte ihn nun für die Schule und sie hatte sich beinahe dafür geschämt, weil sie wusste, dass dafür eigentlich kein Geld da war.
Aber es war schon toll, wenn man einfach mal was im Internet nachschauen konnte. Rasch gab sie bei der Suchmaschine „Rentiere“ ein und scrollte dann durch die Ergebnisse. Bereits unten auf der ersten Seite wurde sie fündig: da war doch tatsächlich einem Fotografen in Norwegen ein junges schneeweißes Rentier begegnet. Neugierig betrachtete Lea das Foto. Wie hübsch das Tier aussah. Erneut stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Sie stutzte. Obwohl es im Moment wirklich eine traurige Zeit für sie war und sie sich sehr um ihre Mutter sorgte, schaffte es der Anblick eines weißen Rentiers, ihr für einen Augenblick den Kummer zu nehmen. Ob es etwas besonderes mit diesen Tieren auf sich hatte? Diesmal gab sie „weiße Rentiere“ in die Suchmaske ein und tatsächlich stieß sie auf eine Seite auf der stand, dass die Begegnung mit einem weißen Rentier Kraft schenkt und Glück bringt.
Lea sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus. Kraft und Glück. Genau das war es doch was ihre Mutter im Moment brauchte. Sie zog eine Grimasse. Nun fehlte ihr also nur noch ein weißes Rentier. Mutlos schaltete sie ihren Laptop aus. Sie mussten wohl auf anders zurecht kommen.

Leas Herz klopfte schneller. Da, da war es wieder. Sie war denselben Weg gegangen, wie in der vergangenen Nacht und nun stand das weiße Rentier erneut vor ihr und sah sie aus seinen sanften braunen Augen an. Als sie dieses Mal erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um zu begreifen, dass es wieder ein Traum gewesen war. Alles hatte so echt ausgesehen. Sie drehte sich auf den Rücken und zog die Decke bis unter das Kinn. Das Bild, wie das Rentier hinter dem Baum hervor getreten war, stand ihr nach wie vor deutlich vor Augen.
Wie kam es, dass sie auch in dieser Nacht von dem weißen Rentier geträumt hatte. Purer Zufall? Oder ein Zeichen? Aber wofür? Dafür, das Glück zu suchen?
Lea grübelte und grübelte, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Und während die Gedanken weiter in ihrem Kopf Karussell fuhren, schlief sie erneut ein und begann zu träumen…

Da war der Weg im Stadtpark. Sie spürte den eisigen Wind, der zwischen den Bäumen entlangfegte. Als sie nach oben sah, staunte sie über die zahlreichen Sterne, die dort um die Wette funkelten. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie deutlich sehen konnte, wohin sie ihre Schritte lenkte. Da hinten, da war die alte Eiche, deren ausladende Äste sich weit über den Weg erstreckten. Jetzt im Winter sah es ohne das Laub aus, als würden sich Finger nach ihr ausstrecken. Aber Lea verspürte keine Angst. Im Gegenteil, es war ein wenig das Gefühl, als ob sie nach längerer Zeit nach Hause kommen würde.
Und in diesem Moment trat das weiße Rentier ein drittes Mal aus dem Schatten des Baumes hervor. Doch dieses Mal blieb es nicht reglos stehen, sondern machte ein paar Schritte auf sie zu. Es kam ihr ein Stück entgegen. Und auch Lea ging weiter. Und so kamen sie sich näher und näher.
Leas grüne Augen schauten direkt in die braunen des Rentieres. So lange bis sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte.
„Lea, wach auf!“
Schlaftrunken schlug sie die Augen auf und statt in die Augen des Rentieres, sah sie in die ihrer Mutter.
„Och Mama“, nuschelte sie verschlafen, „was ist denn los?“
„Wir müssen doch noch rasch ein paar Kleinigkeiten einkaufen, bevor die Geschäfte schließen.“

Seufzend rappelte sie sich auf. Stimmt, sie hatte ja versprochen ihrer Mutter zu helfen. Während sie sich so schnell wie möglich die Zähne putzte, eine Katzenwäsche machte und sich anzog, geisterte ihr weiter das weiße Rentier durch den Kopf. Glück und Kraft. Glück und Kraft. Obwohl es ihr nicht wirklich klar war, wie ihrer Mutter das helfen könnte, hatte Lea nach den Träumen das Gefühl, sie sollte versuchen ihrer Mutter das Rentier zu zeigen.
Ruckartig blieb sie stehen, so dass ihre Mutter, die hinter ihr die Treppe hinunterlief, direkt in sie hinein rannte.
Auf die Frage, ob sie etwas vergessen habe, schüttelte sie nur den Kopf und ging weiter.
Ihrer Mutter das Rentier zeigen? Drehte sie nun völlig durch? Aber auf einmal schien es ihr so klar zu sein, was die Träume bedeuteten. Sie sollte ihre Mutter zu dem weißen Rentier bringen. Damit es ihr Glück und Kraft schenken konnte. Auch wenn ihr jetzt nicht klar war, was das für ihre Mutter bedeuten konnte. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie es zumindest versuchen musste. Und heute war doch Heiligabend. Wenn es heute kein Wunder geben würde, wann denn dann?

Der Einkauf dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Leute drängten sich in dem Laden, als würde es nach Weihnachten nichts mehr zu kaufen geben. Lea nutzte die Wartezeit in der Schlange, um sich zu überlegen wie sie ihre Mutter in den Stadtpark locken könnte. Dummerweise fiel ihr absolut nichts ein. Und als sie dick bepackt mit ihren Einkäufen nach Hause kamen, beschloss sie, den direkten Weg zu gehen und ihrer Mutter einfach die Wahrheit zu sagen.
Sie erzählte ihr von den drei Träumen und von dem weißen Rentier, das der Fotograf in Norwegen gesehen hatte. Und davon, dass weiße Rentiere Glück bringen sollten.
„Und deshalb soll ich heute bei der Kälte in den Stadtpark gehen?“ Ihre Mutter strich ihr liebevoll über den Kopf. Lea zerriss es das Herz, als sie in die müden und traurigen Augen ihrer Mutter sah.
„Mama“, sie griff nach deren Hand und sah sie entschlossen an, „wir müssen es einfach versuchen. Sagst du nicht immer, dass ich auf mein Bauchgefühl hören soll?“
„Ja, schon…“
„Siehst du“, fiel Lea ihr ins Wort, „lass uns doch einfach vor dem Essen noch einen kleinen Spaziergang machen. Und wenn wir dort niemandem begegnen, dann waren wir wenigstens an der frischen Luft.“
Bei diesen erwachsen klingenden Worten, lächelte ihre Mutter.
„Na, bei soviel Klugheit kann ich wohl nicht nein sagen. Aber du musst mir nachher helfen das Essen vorzubereiten. Wenn Oma und Opa heute Abend kommen, muss alles fertig sein.“
Lea nickte und sprang dann auf und zog sich in Windeseile wieder an. Sie hatte ihre Mutter überzeugt, vielleicht würde nun doch noch alles gut werden.

„Es schneit!“ Lea legte den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und versuchte die Flocken aufzufangen. Mit mäßigem Erfolg. Aber trotzdem strahlte sie über das ganze Gesicht. Schnee. Es war magisch, wenn diese dicken weißen Flocken vom Himmel fielen. Bestimmt war das ein gutes Zeichen.
Sie griff nach der Hand ihrer Mutter und zog sie durch das schmiedeeiserne Tor, hinein in die Parkanlage. „Komm! Ich bin ganz sicher, dass wir hier dem weißen Rentier begegnen. Genauso wie ich es im Traum gesehen habe!“
Lea sah ihrer Mutter an, dass sie nur um ihr einen Gefallen zu tun, mit kam.
Nebeneinander gingen sie den Weg entlang. Ihre Schritte waren durch die dünne Schneeschicht, die sich bereits gebildet hatte, gedämpft. Außer ihnen war niemand zu sehen. Wahrscheinlich waren sie alle schon auf dem Weg in die Kirche oder zu ihren Familien.

Vor ihren Mündern waren Atemwolken, die Luft war klirrend kalt und an etlichen Zweigen der großen Eichen hingen Eiszapfen.
„Da vorne müssen wir rechts abbiegen“, erklärte Lea ihrer Mutter, „und dann ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle an der ich das Rentier im Traum gesehen habe.“
Ihre Mutter griff nach ihrer Hand. „Lea, du bist aber nicht allzu enttäuscht, wenn wir hier keinem Rentier begegnen.“ In ihren Augen las Lea Sorge.
„Ist schon gut, Mama.“ Zuversichtlich ging sie weiter, den Blick fest und entschlossen nach vorne gerichtet.

Als sie auf dem Weg angelangt waren, den sie im Traum gesehen hatte, hielt Lea ein paar Schritte lang die Luft an. Nun würde es gleich soweit sein. Jeden Moment würde das weiße Rentier hinter einem der Bäume hervortreten. Und dann… ja, was würde dann eigentlich passieren? Lea warf einen raschen Blick auf ihre Mutter. Am besten, sie glaubte einfach daran, dass irgendetwas tolles passieren würde. Vielleicht konnte das Rentier auch Wünsche erfüllen und ihre Mutter würde einen neuen Job bekommen.
Je weiter sie auf dem Weg vorankamen, desto bedrückter fühlte sich Lea. Nirgends war ein Tier, geschweige denn ein Rentier zu sehen. Wie ein kleines Mädchen hatte sie sich aufgeführt. So, als wüsste sie nicht längst, dass es Wunder gar nicht gäbe. Nicht einmal am Heiligen Abend.
Vielleicht sollte sie in ihrem Alter doch nicht mehr Pippi Langstrumpf lesen, ihre Freundinnen machten sich deswegen sowieso schon über sie lustig. Man konnte sich die Welt eben doch nicht so machen, wie sie einem gefiel.
„Schatz“, ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schulter, „wollen wir langsam umdrehen und nach Hause gehen?“
Lea wollte schon nicken, als sie nur wenige Meter von ihnen entfernt, ein Geräusch hörte, als würden kleine Zweige knacken. So, als würde Jemand sich nähern.
Und dann trat, genau wie in ihrem Traum, ein wunderschönes weißes Rentier hinter einem der Bäume hervor. Es trat auf den Weg hinaus und sah von dort Lea und ihrer Mutter entgegen.
„Das ist es“, flüsterte Lea unnötigerweise, denn das ihre Mutter das Rentier selber sah, war ja klar. Und es hatte ihr auch prompt die Sprache verschlagen.
„Komm“, sie zupfte ihre Mutter am Jackenärmel, „lass uns hingehen. Vielleicht lässt es sich streicheln.“

Vorsichtig, Schritt für Schritt, gingen sie näher, während das Rentier sie weiter aus seinen sanften braunen Augen betrachtete. Als sie ihm gegenüber standen, streckte Lea behutsam die Hand aus. Sie lachte, als das weiche Maul des Rentiers über ihre Haut strich.
„Du bist wunderschön“, sagte sie leise. Auch ihre Mutter streichelte das Tier nun sanft, das daraufhin seinen großen Kopf vorsichtig an der Schulter der Mutter scheuerte. Dann nickte es einmal, schnaubte, drehte sich um und verschwand so leise wie es gekommen war, hinter den Bäumen.
„Warte“, rief Lea ihm hinterher, „ich dachte du kannst uns noch helfen. Vielleicht einen Wunsch erfüllen…“
Aber ihre Mutter unterbrach sie, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Du hast mir heute schon einen Wunsch erfüllt, mein Schatz. Du hast mir gezeigt, dass es Wunder gibt. Und dass schenkt mir Hoffnung. Dafür danke ich dir von Herzen. Gemeinsam werden wir es auch nächstes Jahr schaffen.“
Lea standen Freudentränen in den Augen. Eng drückte sie sich an ihre Mutter. „Frohe Weihnachten, Mama.“

Diesmal waren dabei:

Veronika

Sabi

Rina

Corly

Das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze

Zeitkapsel

In diesem Monat bin ich mit meiner Schreibkick Geschichte tatsächlich mal wieder pünktlich fertig geworden! Das Thema lautet `Zeitkapsel´und eigentlich und uneigentlich ist eine Zeitkapsel ja ein Behälter in dem man Dinge aufbewahrt, um sie erst nach einer bestimmten Zeit wieder heraus zu holen und dadurch dann über das vergangene Zeitalter etwas zu erfahren. Naja, so ungefähr…

Bei mir kam allerdings ein ganz anderer Gedanke auf und ich bin sehr gespannt, wie Euch meine Geschichte gefällt.

Ach ja, und wenn Ihr Lust habt, auch einmal bei den Schreibkicks mitzumachen, dann schaut doch mal hier in der facebook Gruppe, die von Sabi Lianne ins Leben gerufen worden ist, vorbei.

Zeitkapsel
von Nicole Vergin

Es war einmal ein alter Mann, dessen Zeit gekommen war. Doch als der Tod an seine Tür klopfte, da bat er ihn inständig darum, ihm noch ein wenig Lebenszeit zu schenken. Er habe bisher noch nichts von der Welt gesehen, für ihn habe es immer nur die Arbeit auf den Feldern gegeben und nun wolle er dies nachholen.
Der Tod betrachtete ihn einen Moment aus den leeren Augenhöhlen seines Schädels, dann griff er in seinen schwarzen Umhang, zog etwas hervor und legte es in die Hand des Mannes.
„Diese Zeitkapsel wird dir sieben Jahre schenken. Sieben Jahre, in denen du die Welt bereisen kannst. Wenn die sieben Jahre um sind, werde ich erneut an deine Tür klopfen.“ Mit diesen Worten verschwand der Tod.
Der alte Mann konnte sein Glück kaum fassen. Er nahm die unscheinbare weiße Kapsel in den Mund, zerbiss sie und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Für einen Moment blieb ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge zurück. Doch dann fühlte er sich mit einem Schlag jung und tatkräftig.
Rasch schnürte er sein Bündel, rief seiner Frau einen Gruß zu und nahm den Weg, der vor seiner Hütte lag unter die Füße. In den folgenden sieben Jahren erwanderte er ein Land nach dem anderen. Und überall wo er hinkam, wurde er freundlich aufgenommen und die Menschen rissen sich darum, es ihm schön zu machen.
Er lernte andere Kulturen kennen, bestaunte die Sehenswürdigkeiten und genoss das Leben. Doch eines Tages, als sich die sieben Jahre dem Ende zuneigten, bemerkte er zweierlei: zum einen war er des Reisens überdrüssig geworden und ihm fehlte das altvertraute und beständige und genau dies führte ihn zum anderen: er hatte auf einmal Sehnsucht. Sehnsucht nach seiner Frau. Wie hatte er sie nur all die Jahre allein zurücklassen können? Ja, er hatte fantastische Dinge gesehen und unglaubliches erlebt, aber all das ohne sie. Und nun, wenn er endlich nach Hause zurückkehren würde, dann würde er auch gleich wieder gehen müssen. Denn sicherlich würde der Tod dort bereits auf ihn warten und erneut an seine Tür klopfen.

Und so war es dann auch. Kaum, dass er seine Frau in die Arme geschlossen hatte, vernahm er das laute Pochen und obwohl er die Tür fest verriegelt hatte, stand im selben Moment der Tod mitten im Raum. Seine Frau erschrak darüber und sie hielten sich gegenseitig fest umschlungen. Als jedoch der Tod mit der Spitze seiner Sense auf den Mann zeigte, wich die Frau ängstlich zurück.
Der Mann aber flehte den Tod erneut um Aufschub an. „Ich habe eingesehen, wie selbstsüchtig ich gegenüber meiner lieben Frau war. Und nun hat sie mir trotz allem vergeben und mir erneut ihr Herz geöffnet. Bitte lass mich um ihretwillen noch eine Weile hier.“
Mit einer langsamen Bewegung zog der Tod seine Sense zurück, ohne dass die scharfe Klinge den Mann auch nur berührte. Dann zog er wie sieben Jahre zuvor eine weitere Zeitkapsel aus seinem Umhang hervor.
„Ich schenke dir weitere sieben Jahre. Nutze sie gut, denn auch sie werden vergehen und ich werde erneut vor dir stehen, um dich abzuholen.“
Erleichtert nahm der Mann die Kapsel und während der Tod verschwand steckte er sie in den Mund und zerbiss sie. Neben dem schon bekannten bitteren Geschmack fühlte er nun noch ein kurzes brennen auf der Zunge. Aber auch dies verging.
Die folgenden Jahre verbrachte der Mann mit seiner Frau und sie waren sich während dieser Zeit näher als je zuvor. Gemeinsam standen sie morgens auf und begrüßten den Tag. Gemeinsam machten sie Besorgungen, saßen am Tisch und aßen und unterhielten sich. Über ihre Kinder und Enkelkinder, über ihr gemeinsam verbrachtes Leben, über die Reisen des Mannes.
Jedoch beobachtete der Mann, wie seine Frau mit jedem Jahr schwächer wurde, denn schließlich war sie in der Zeit, die die Kapsel ihm geschenkt hatte, weiter gealtert. Und noch bevor die sieben Jahre um waren, lag sie eines Morgens tot im Bett.
Wie dankbar war der Mann da, dass seine Kinder und Enkel ihm in dieser schweren Zeit beistanden. Und erst da fiel ihm auf, dass auch seine Kinder in die Jahre gekommen waren. In ihren Haaren hatten sich graue Strähnen ausgebreitet und in ihren Gesichtern erzählten die ersten Falten von ihrem gelebten Leben. Seine Enkel hingegen waren größtenteils auch schon erwachsen und in Kürze würde er das erste Mal Urgroßvater werden.
„Es kann doch nicht sein, dass ich jetzt gehen muss“, dachte er bei sich und versuchte den Gedanken an den Tod beiseite zu schieben.

Doch der Tag kam auch dieses Mal und das Pochen an der Tür ließ nicht lange auf sich warten. Der Tod trat in die Hütte ein und sogleich flehte der Mann ihn an: „Bitte lieber Tod schenke mir noch einmal einige wenige Jahre, nur um sie noch mit meinen Kindern, Enkeln und mit meinem Urenkel zu verbringen. Und dann, das verspreche ich, werde ich mit dir gehen.“
„Es sei dir ein letztes Mal gewährt.“ Mit diesen Worten überreichte der Tod ihm die dritte Zeitkapsel und als der Mann dieses Mal darauf biss, schmeckte er nicht nur das bittere und fühlte ein brennen auf der Zunge, sondern ihm wurde derart schwindelig, dass er sich hinlegen musste, um seinen raschen Herzschlag zu beruhigen.
Als er wieder zu Kräften gekommen war, machte er sich sogleich auf und besuchte all seine Lieben. Mit jedem von ihnen verbrachte er Zeit und anfangs genoss er es. Aber je länger es andauerte, desto mehr stellte er fest, dass er müde wurde. Er wunderte sich anfangs darüber, denn so wie in den zwei Mal sieben Jahren zuvor, stand ihm noch genügend Kraft zur Verfügung. Es dauerte eine Weile bis er begriff, dass er des Lebens müde war.
In seinem Leben hatte er alles erlebt. Er hatte geliebt und manchmal auch gehasst. Er hatte gearbeitet und abends nach Sonnenuntergang die Zeit mit seinen Lieben genossen. Er war gereist, hatte zahllose Stunden mit seiner lieben Frau und nun auch mit seinen Kindern, Enkeln und mit seinem Urenkelchen verbracht.
„Was könnte ich mir mehr wünschen?“, dachte er bei sich.

Am Tag als die sieben Jahre um waren, saß der alte Mann draußen auf der Bank vor seiner Hütte. Und als der Tod erschien, da begrüßte er ihn wie einen alten Freund und sie gingen gemeinsam den Weg auf die andere Seite.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Corly

Surf your inspiration

Sabi

Am 24. Dezember gibt es ein Weihnachts-Special: Die Sache mit dem Rentier

Und das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze

Herbstmomente – ein verspäteter Schreibkick

Ja, in diesem Monat hinke ich mit dem Schreibkick sehr hinterher. Ich hatte ziemlich schnell eine Idee zum Thema „Herbstmomente“, aber irgendwie funktionierte das nicht. Manchmal ist das so. Und dann beobachtete ich eine Szene in unserem Garten, unter der Eberesche. Aha! Eine weitere Idee! Ich begann zu schreiben… und es funktionierte nicht. Ok, dachte ich. Dann nehme ich in diesen Monat eben nicht am Schreibkick teil.

Aber die zwei unvollendeten Geschichten ließen mich nicht los. Und nun habe ich zumindest eine beendet. Es flutschte wahrlich nicht so wie sonst, aber das muss es ja auch nicht immer!

Ach ja, falls Ihr auch mal bei den Schreibkicks mitmachen wollt, findet Ihr hier die facebook Gruppe dazu. Jetzt kommt aber wirklich die Geschichte!!

Herbstmomente
von Nicole Vergin

„Aufwachen, aufwachen, AUFWACHEN!“
„Uaaah…“, im letzten Moment gelang es Tapsi sich an dem Zweig, auf dem er eben noch friedlich schlummernd gehockt hatte, festzukrallen.
„Pssst, nicht so laut!“
„Laut? Ich? Du krakelst doch hier rum und weckst mich aus meinen schönsten Träumen“, Tapsi versuchte mit seinem kleinen gelben Schnabel nach seinem Bruder Tipsi zu hacken. Aber der war wie immer viel schneller als er. „Lass mich jetzt in Ruhe“, Tapsi steckte den Kopf wieder unter seinen Flügel, so dass er nur noch dumpf zu verstehen war, „vielleicht träume ich wieder von dem Regenwurm.“
Nun war es Tipsi, der seinen Bruder mit dem Schnabel bearbeitete. „Hör mir doch wenigstens einmal zu. Ich weiß etwas viel besseres, als einen glitschigen Regenwurm.“
Nun wurde sein Bruder doch hellhörig, wie immer wenn es um etwas zu essen ging.
„Stell dir vor: die Vogelbeeren im Garten des Nachbarn sind endlich so, wie wir sie gerne mögen.“
„Ein wenig angetrocknet von der Sonne?“, Tapsis dunkle Augen leuchteten, als Tipsi nickte. „Und ein wenig schrumpelig?“
„Genau!“, jubelte sein Bruder, „und ein Teil liegt bereits am Boden, wir brauchen sie nur noch aufpicken. Es ist wie im Schlaraffenland!“
„Im Schlaff… waaas?“
Ohne eine Antwort zu geben, breitete Tipsi seine schwarzen Flügel aus und stieß sich von dem Ast auf dem sie saßen ab. „Komm, beeil dich, sonst fressen uns andere noch die Beeren vor dem Schnabel weg.“
Nun war auch Tapsi endlich richtig wach und hüpfte wild auf dem Ast herum. Mit dem Flugstart hatte er schon immer Probleme gehabt, doch dann segelte auch er endlich durch die Luft. Ein sanfter Wind wehte und trug ihn ohne große Mühe über die Bäume hinweg in den Nachbargarten.

„Ich sehe sie schon“, rief er mit leuchtenden Augen, als sie nebeneinander in den Sinkflug gingen.
Und tatsächlich: unter ihnen stand die herrliche große Eberesche und reckte ihre bereits kahlen Zweige, an deren Enden noch etliche der roten Vogelbeeren hingen, in den blauen Herbsthimmel.
„Da“, rief Tapsi aufgeregt, „da liegen ganz viele auf einem Haufen.“ Mit einem satten Bauchklatscher landete er inmitten der kleinen roten Beeren, die er sofort eine nach der anderen gierig aufpickte.

„Hey, ihr Zwei!“
Eine fremde Stimme riss die Brüder aus ihren Futterträumen.
„Gebt ihr mir auch welche ab?“ Ein kleiner Igel kam auf seinen vier kurzen Beinen eilig angelaufen.
„Igel fressen keine Vogelbeeren“, Tipsi flatterte abwehrend mit den Flügeln.
„Wer sagt das?“ Der Igel sah ihn aus seinen dunklen Augen, die wie kleine Stecknadelköpfe aussahen, neugierig an.
„Na ich. Tipsi, die allwissende Amsel.“
„Ha, ha, ha“, lachte Tapsi, wobei er sich fast an einer Beere verschluckte und erst einmal husten musste. „Du und allwissend?“, fügte er dann hinzu.
„Na, was ist denn hier so lustig?“ Unter einem naheliegenden Kirschlorbeer huschte eine Maus hervor.
„Der Vogel da sagt, er sei allwissend“, erklärte der Igel. Dann kratzte er sich mit der Hinterpfote am Kopf. „Was ist denn allwissend?“
„Einer, der glaubt, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen“, erklärte die Maus und hielt schnüffelnd ihre kleine Nase in die Luft. „Die Beeren riechen aber gut.“ Sie machte ein paar Sätze durchs Gras und biss gleich darauf in eine hinein.
„Och nee“, nun mischte sich auch Tapsi ein, „wenn ihr jetzt alle mitesst, bleibt gar nichts für mich übrig.“
Die Maus stellte sich kauend auf die Hinterbeine und schaute einmal um sich herum. Dann wandte sie sich wieder an Tapsi. „Hier gibt es doch noch massenhaft Beeren. Das reicht doch wohl für uns alle.“
„Mmh“, machte Tapsi. So ganz überzeugt war er nicht. Und dass, obwohl er bereits ein wenig Bauchweh hatte, weil er ganz schnell, so viele Beeren wie möglich gefuttert hatte.
Inzwischen hatte sich auch der Igel eine der Beeren geschnappt und hinein gebissen. „Iiih“, er schüttelte sich und spukte den Rest aus, „die sind ja total bitter.“
„Ich sag ja, dass Igel die nicht mögen“, nickte Tipsi sichtlich zufrieden.
„Aber euch schmecken sie doch auch“, der kleine Igel sah sich nach einer weiteren Beere um, als eine Stimme ertönte.

„Maxi, wo steckst du nur schon wieder?“, eine Igel Dame kam auf die kleine Gruppe zu gelaufen. „Immer treibst du dich rum.“ Sie sah ein wenig erschöpft aus. „Euch drei Geschwister zu hüten, ist wirklich schlimmer, als einen Sack Flöhe zu beaufsichtigen.“ Sprachs und schob gleich darauf ihre Nase zwischen ihr Stachelkleid und dann war ein leises Knacken zu hören.
„Mama ist die beste Flohjägerin weit und breit“, Maxi schaute die anderen sichtlich stolz an.
„Ja, ja“, ein liebevoller Blick traf das Igelkind, „aber nun komm nach Hause. Papa hat ein paar Käfer für euch Kinder mitgebracht.“ So schnell ihn seine kurzen Beine trugen, rannte Maxi los, ein kurzes „Tschüss“ über die Schulter rufend.
Tipsi, Tapsi und die kleine Maus sahen ihm erstaunt nach.
„Also fressen Igel wohl doch keine Vogelbeeren“, stellte Tapsi fest und stopfte sich bereits die nächsten in den Schnabel.
„Hb i ja gwust“, quetschte Tipsi an einer Beere vorbei.
Die kleine Maus indessen futterte einfach still vor sich hin. Sie wollte wohl nicht riskieren, doch noch von den Brüdern verjagt zu werden.

Diesmal waren dabei:

Sabi

Veronika

Rina

Corly

Christine

Das Thema für den 01. Dezember lautet: Zeitkapsel

Und für den 24. Dezember gibt es noch ein Weihnachtsspecial: Die Sache mit dem Rentier