abc.Etüden – Das Vor-Spiel

Etüde
Heute gibt es mal – höchst ungewohnt – zwei Beiträge der Waldträumerin. Ja, ich möchte in dieser Woche so gerne noch an den aktuellen Etüden teilnehmen und da es schon wieder kurz vor Tore Schluss ist… voilà!

Daher gibt es auch noch nicht die versprochene Fortsetzung, sondern einfach mal einen Schuss ins Wort-Blaue.

Und wer jetzt nicht weiß, was die abc.Etüden überhaupt sind: drei Begriffe (dieses Mal: Kartoffel, anzüglich und bevormunden) in max. 300 Wörtern unterbringen. Wenn Ihr wissen wollt, wer das Ganze initiert und wer sonst noch mit macht, dann schaut doch bei Christiane vorbei!

Und hier ist meine Mini-Geschichte:

Das Vor-Spiel
von Nicole Vergin

Das Messer gleitet durch die weich gekochte Kartoffel. Millimeter für Millimeter, bis sie auseinanderfällt. Eine Hälfte auf den blanken Teller, die andere mitten hinein in die dunkle sämige Bratensoße.
Die Gabel befindet sich bereits auf dem Weg durch die Luft. Wie ein Raubvogel lässt sie sich von oben herabsinken, durchsticht das gelbe Innenleben. Was dann folgt, ist ein Flug durch die Luft. Immer mit der Gefahr eines drohenden Absturzes im Nacken. Ein Mund, der sich sehnsüchtig öffnet und anzüglich die rote Zunge ein Stück weit hervorschiebt.
„Spiel nicht mit dem Essen!“
Scharfe bevormundende Worte, die dem Genuss Abenteuer ein rasches Ende bescheren.

102 Wörter

abc.Etüden – Que será, será 3

etüdeMax. 300 Wörter, die drei Begriffe enthalten müssen. Es ist wieder abc.Etüden Zeit und ich bin auf den aller- allerletzten Drücker dabei. Die Geschichte um meinen Buchhändler ließ mich nicht los, aber diesmal habe ich eine Szene aus einer anderen Sicht. Trotz allem eine Fortsetzung davon was bisher in Teil 1 und Teil 2 passiert ist. Und wenn Ihr die anderen Etüden auch gerne lesen mögt – kann ich nur empfehlen! – dann schaut bei der Initiatorin Christiane vorbei!

Que serà, serà 3
von Nicole Vergin

Besorgt sah Andrea ihr Gegenüber an. Leichenblass. Schweißtropfen auf der Stirn. Sie hätte den alten Mann nach seiner Ohnmacht doch lieber in ein Krankenhaus bringen sollen, anstatt jetzt hier mit ihm in dem kleinen Café gegenüber seiner Buchhandlung zu sitzen. Aber seine stammelnden Worte über das Lesezeichen, das wohl seiner Frau gehört hatte, die hatten sie gerührt und ihren Verstand in den Hintergrund geschoben.
Ist ja klar, dass mir so etwas passiert, dachte sie, und dass wo ich eigentlich nur ein Lesezeichen kaufen wollte.
Andrea beobachtete, wie ihr Gegenüber mit zittrigen Händen die Tasse an den Mund führte und einen Schluck Kaffee nahm.
„Geht es ihnen jetzt besser?“
Es dauerte eine Weile, bis seine Augen ihr Gesicht fanden und er nickte. Seine Stimme klang rau, als er ein „Danke“ flüsterte. Andrea nickte zurück und überlegte krampfhaft was sie noch sagen könnte, als der alte Mann wieder das Wort ergriff: „Unser ganzes Leben… Verdorben, vergiftet.“
Sie sah ihn fragend an.
„Durch den Unfall meiner Frau vor 20 Jahren. Wir hatten noch so viel vor. Damals. Mit der Buchhandlung. Und wir wollten reisen.“ Die Wörter kamen schneller und schneller, brachen sich Bahn wie das Wasser bei einem Staudamm, das sich endlich sein Flussbett zurück erobert. „Ich bin übrig geblieben oder wie meine Mutter immer gesagt hat: den Letzten beißen die Hunde. Aber nicht einmal die interessieren sich noch für mich.“
Andrea stiegen Tränen in die Augen. So viel Einsamkeit in einem einzelnen Menschen.
Sie suchte nach Worten, räusperte sich: „Was stand da eigentlich auf dem Lesezeichen?“
„Que serà, serà, das ist ein Lied von…“
„Doris Day, ich weiß.“
Der alte Mann sah auf und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung tauchte ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht auf. Andrea lächelte zurück und dachte: Musik verbindet eben.

294 Wörter

ABC.Etüden – Que será, será 2

2019_1011_2_300
Auf den letzten Drücker kommt noch meine Etüde zur aktuellen Wortspende: Nieselregen, weich, irren. Das alles in max. 300 Wörtern verpackt. Die abc.Etüden sind übrigens ein Projekt von Christiane. Schaut gerne bei ihr vorbei und macht mit – es macht echt Spaß! Ach ja, meine Etüde ist übrigens eine Fortsetzung von der letzten, die ihr hier findet. Und ehrlich geschrieben habe ich an der Geschichte Spaß entwickelt, es könnte also sein, dass da noch mehr kommt…

Que serà, serà 2
von Nicole Vergin

Ein Lesezeichen! Verächtlich schnaubend zerrte er einen Schuhkarton aus dem Regal. Bücher sollten die Kunden kaufen.
„Hallo?“ Die wartende Kundin klang ungeduldig.
„Schon gut“, rief er zurück, „bin ja gleich wieder da.“

Der Kunde ist König, vergiss das nie.
Wie oft hatte seine Else dies zu ihm gesagt, wenn er den Kunden die kalte Schulter gezeigt hatte, weil sie seiner Meinung nach nicht das richtige bei ihm kaufen wollten.
Resigniert klemmte er sich den Karton unter den Arm und schlurfte wieder nach vorne. Dieses zwischenmenschliche war nicht sein Ding. Seiner Else hingegen hatte es im Blut gelegen. Wenn sie einem Kunden ein Buch empfohlen hatte, dann war es genau das richtige gewesen. Sie schien sich nie zu irren.

Wortlos knallte er den Karton auf die Ladentheke und öffnete den Deckel.
„Ist das ihre gesamte Auswahl?“ Die Kundin blickte skeptisch auf die angestaubt wirkenden Lesezeichen und begann darin herum zu wühlen.
„Ja“, presste er hervor, während sein Blick an ihr vorbei durch das Schaufenster wanderte. Es hatte zu regnen begonnen. Nieselregen, den seine Else so gern gemocht hatte. Er sei so weich, wenn er auf ihr landete. Nicht fordernd und prasselnd wie die dicken Tropfen, die an den Scheiben Einlass zu begehren schienen.
Er versuchte seine Gedanken wieder auf die Kundin zu richten, die inzwischen eines der Lesezeichen aus dem Karton ausgewählt hatte.
„Dies hier nehme ich“, sagte sie entschieden.
Mit offenem Mund starrte er auf das schmale Stück Stoff mit der roten Kordel am Ende.
„Vintage“, sagte die Kundin und nun klang ihre Stimme zufrieden, „das mag ich.“
Er sah die liebevoll handgestickte Rose und den Schriftzug „Que será, será“. Wie kam das Lesezeichen seiner Else in diesen Karton? Sein Herz schlug laut, in seinem Kopf sang Doris Day ihr Lied und dann fiel er in ein schwarzes Loch.

299 Wörter

abc.Etüden – Que serà, serà

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayUnd weiter geht es mit den abc.etüden von Christiane. Ihr erinnert Euch? Texte mit max. 300 Wörtern und dieses Mal sollen enthalten sein: Altersschwach, Lesezeichen und hüpfen.

Und hier kommt mein Beitrag (der Titel hakt… aber mir ist gerade nichts anderes eingefallen:

Que serà, serà
von Nicole Vergin

Mit schweren Füßen schlurfte er durch den verstaubten Laden. Beinahe war es ein Segen, dass seine Augen ihn nach und nach im Stich ließen. So sah er den Staub auf den alten Büchern und die Spinnenweben über den Regalen nicht mehr so deutlich. Gut, dass seine Else den Verfall ihres geliebten Buchladens nicht mehr erlebt hatte. Spätestens dass hätte sie umgebracht. Aber so war es dieses versoffene Schwein mit seiner Luxuskarosse gewesen, dass sie ihm entrissen hatte.

Für einen Moment erlaubte er sich von der Vergangenheit zu träumen. Er hörte die Stimme von Doris Day, wie sie „Que serà, serà“ sang und sah seine Else übermütig wie ein junges Füllen durch den Buchladen hüpfen.

Zwei Jahrzehnte waren seitdem vergangen und ja, er musste es sich eingestehen: mit dem hüpfen war es bei ihm nicht mehr weit her. Altersschwach war er geworden. Ein Greis, so hatte seine Enkelin, dieses unerzogene Gör, ihn neulich erst genannt. Aber senil, nein, senil war er nun wirklich nicht. Nach wie vor war es ihm ein leichtes „Die Glocke“ von Schiller zu rezitieren. Er räusperte sich kurz, streckte seine mageren Arme in die Luft und begann: „Fest gemauert in der Erde, steht die Form aus… aus… verflixt.“ Er ließ die Arme sinken und zuckte die Schultern. Egal. Jeder hatte mal einen schlechten Tag.

Die Glocke läutete. Hoffnungsvoll sah er zur Ladentür. Vielleicht würde der Tag doch noch gut werden.
„Haben sie Lesezeichen?“
Ohne zu antworten, drehte er sich weg und schlurfte hinüber in den Lagerraum.

249 Wörter

abc.etüden – Eifersucht ist eine Leidenschaft

2019_0607_1_300Eine Weile bin ich schon um die abc.etüden bei Christiane herumgeschlichen… und diesmal bin ich das erste Mal dabei! Worum es geht? Es werden Texte geschrieben mit max. 300 Wörtern, die drei bestimmte Wörter enthalten müssen. Dieses Mal sind das: Winterreifen, stolpern und eifersüchtig.

Und das habe ich daraus gemacht:

Eifersucht ist eine Leidenschaft
von Nicole Vergin

„Du kannst mich mal!“ Simone knallte die Tür zu.
„Sag einfach die Wahrheit!“ Martin, ihr Ehemann, war ihr gefolgt. „Wo willst du hin?“
„Ich brauche Luft! Du engst mich ein!“ Rasch schlüpfte sie in ihren Wintermantel.
„Ach, aber dein Jens macht das nicht.“ Das Gesicht ihres Mannes war dunkelrot angelaufen.
„Er ist nicht MEIN Jens. Wir sind Kollegen.“ Wieder und wieder hatte sie versichert, dass da nichts lief. Mit Jens nicht und auch mit keinem anderen Mann. Sie liebte Martin. Zumindest wenn er nicht grundlos eifersüchtig war.
„Ich gehe spazieren“, erklärte sie so ruhig wie möglich, „und wenn ich wiederkomme, reden wir, okay?“
„Wenn du jetzt gehst, ist es vorbei“, Martins Stimme war leise geworden.
„Du drohst mir?“ Simone schüttelte fassungslos den Kopf, öffnete die Haustür und trat hinaus in die winterliche Kälte.
Sie beschloss, anstelle eines Spaziergangs, zu ihren Eltern zu fahren und dort ihre Gedanken zu sortieren. In der Garage stolperte sie über einen Wagenheber.
Verflixt, was hatte das Ding hier zu suchen? Simone fuhr aus der Garage und stieg noch einmal aus, um das Tor zu schließen. In diesem Moment trat Martin aus dem Haus und starrte sie an.
„Ich dachte, du wolltest einen Spaziergang machen?“
Sie antwortete nicht, sondern sprang schnell wieder in ihren Wagen, damit er sie nicht aufhalten konnte. Im Rückspiegel sah sie, wie er ein Stück auf der Straße hinterher lief und mit beiden Armen wedelte. Kurz darauf summte auch ihr Handy. Nein, dieses Mal würde sie nicht einfach zu ihm zurückkehren.
Als vor ihr eine rote Ampel auftauchte, merkte sie, dass sie zu schnell fuhr.
Ruhig bleiben, ermahnte sie sich, die Winterreifen sind nagelneu, mit denen kann ich bestimmt bremsen.
Doch der Wagen rutschte weiter. Kurz vor dem Aufprall tauchte das Bild des am Boden liegenden Wagenhebers auf.

(296 Wörter)