Kurs für Sterbebegleiter/Innen – der Praxisteil naht

Der Grundkurs ist beendet – an den letzten zwei Abenden konnte ich aufgrund meines Bänderanrisses leider nicht teilnehmen – und nun wartet ein 3-monatiges Praktikum auf mich und die anderen TeilnehmerInnen. Ich erwähnte dies bereits in meinem letzten Beitrag über den Kurs, den Ihr hier findet.

Gestern gab es nun eine „Einführung in den Praxisteil“. Warum? Ganz einfach: die IMG_2395Besuche, die ich in den nächsten Wochen bei einer / einem BewohnerIn eines Pflegeheims mache, finden nicht auf privater Basis statt. Ich werde im Namen des Ambulanten Hospizdienstes DASEIN die Menschen dort ein Stück weit begleiten.

Und dabei gibt es auch einiges zu beachten, wie z. B., dass ich mich an die Regeln des jeweiligen Pflegeheims halte, dass ich mich bei jedem meiner Besuche auf der Station an- und abmelde, dass ich mich an abgesprochene Termine halte und ganz wichtig ist natürlich die Schweigepflicht. Im Grunde also alles, was selbstverständlich sein sollte.

Im Anschluss an die Besuche werden ich dann noch Stundenprotokolle ausgefüllen und anfangs auch Begleitungsprotokolle, um den Besuch und somit mich selber noch zu reflektieren. Ein Mal im Monat gibt es dann einen Abend für die Reflexion, was ein wichtiger Bestand der jetzigen und auch der künftigen Zusammenarbeit ist. Denn es ist nie gut, immer nur in seinem eigenen Saft zu schmoren bzw. gibt es sicherlich auch Situationen, mit denen ich nicht allein klar komme.

Tja, nun geht es also los. Irgendwann in den nächsten Tagen wird es einen Anruf von der Koordinatorin des Hospizdienstes geben und dann bekomme ich den Termin für einen Erst Besuch mitgeteilt. Da werde ich dann nicht nur die / den BewohnerIn kennenlernen, den / die ich in den kommenden drei Monaten besuche, sondern auch in dem Pflegeheim, in dem ich das Praktikum mache, vorgestellt. Und Ihr könnt mir glauben, ich bin unglaublich froh darüber, dass ich da beim ersten Mal nicht alleine stehe. Denn es ist definitiv anders, als wenn ich private Besuche machen würde.

Einen Punkt habe ich gestern Abend nochmal angesprochen – auch bei dem Infoabend im September hatte ich das schon gefragt – wie ist es, wenn ich nach den drei Monaten einfach wieder gehe? Natürlich wird es den Bewohnern vorher gesagt, dass diese Besuche endlich sind. Aber ich kann – oder will? – mir das bisher noch nicht so vorstellen.

Klar, nicht mit jedem Menschen entsteht da gleich eine Grand-Canyon-tiefe-Verbindung, aber manchmal entwickelt sich doch sicherlich auch etwas?! Und dann? Oder ist das wieder mal nur in meinem leicht zu beeindruckenden Herzen ein Problem? Eine Aussage lautete gestern, dass die Bewohner das oftmals leichter nehmen, als die Praktikanten. Mag sein. Ich habe da ja noch keine Erfahrung. Und vielleicht sollte ich nicht allzu viel grübeln, sondern einfach schauen, wie es sich entwickelt. Aber über dieses mich-verantwortlich-fühlen bin ich ja schon öfter in meinem Leben gestolpert und letztendlich macht es mich ja auch zu der die ich bin. Sofern ich meine eigenen Grenzen nicht massiv überschreite.

Auf jeden Fall werde ich Euch weiter auf dem Laufenden halten und ich bin sicher, dass es eine spannende und schöne Erfahrung werden wird!

„Trauer braucht Zeit“, sprach die Zitronenpresse

Memento mori – die jährliche Blog Challenge von Petra und Annegret, vom Totenhemd-Blog. In diesem Jahr darf auch ich dabei sein und ich habe mir den 22. November ausgesucht, weil heute meine Mutter genau 1,5 Jahre tot ist. Denn Trauer ist eben nicht nur an den Jahrestagen, Geburtstagen, an öffentlichen Gedenktagen oder ähnlichem da, sondern wann immer sie es für richtig hält, sich ihren Platz im Leben zu nehmen.

Da meine ursprünglichen Kreativ Pläne dank meines umgeknickten Fußes nicht umgesetzt werden konnten (nun habe ich schon was für eine weitere Challenge!) führe ich heute mal ein Zwiegespräch mit meiner Mutter, wie ich es auch sonst immer wieder tue.


Stell Dir vor Mama: Vor ein paar Tagen habe ich die Zitronenpresse weggeschmissen. Genau, die alte braune. Die, die Du mir vor so vielen Jahren überlassen hast, nachdem Du Dir eine elektrische angeschafft hattest.

Zitruspresse

Das olle Plastikding hatte ja schon länger recht schäbig ausgesehen, aber ich konnte sie einfach nicht weg tun. „Du bist doch stark! Du kannst das!“, höre ich plötzlich Deine Stimme. Und obwohl Du tot bist und ich Dir doch nun wirklich nichts nachtragen sollte, werde ich bei dieser Aussage echt wütend. Stinkewütend. DAS darf Trauer nämlich auch. Einfach mal wütend sein.

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Aber zurück zu der Zitronenpresse. Oder wie es überhaupt dazu kam, dass ich sie nicht hergeben wollte. Als Du am 22. Mai 2017 gestorben bist, warst Du gerade einmal für einen Moment allein in Deinem Zimmer im Pflegeheim. Kurz vorher warst Du gewaschen und umgezogen worden und ich hatte Dir gesagt, dass ich um kurz nach 9 Uhr wieder da sein würde. Und als ich dann die Tür öffnete, kam mir ein Geruch entgegen, den ich nicht einmal mehr beschreiben kann. Aber ich wusste sofort: Du warst gestorben. Und so war es dann auch. Du lagst friedlich in Deinem Bett. Deine Augen ein klein wenig geöffnet. Deine Gesichtszüge entspannt.

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Im Januar hattest Du eine Lungenentzündung bekommen und warst mit akutem Sauerstoffmangel im Krankenhaus, auf der Intensivstation, gewesen. Und seitdem wussten wir, dass Du Deinen letzten Weg in diesem Leben angetreten hattest. Wie lange es dauern würde…  dass wusste natürlich niemand. Und wie bei Vielen gab es auch bei Dir noch einmal einen Aufschwung. Du hast sogar noch einmal Mundharmonika gespielt.

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Aber nun… nun warst Du tot. Aber ich war ja vorbereitet. Ich stand da, an Deinem Bett und ich weiß gar nicht mehr, ob ich weinte. Ich weiß, dass ich Deine Wangen streichelte, Deine Hände. Ich wollte Dich so viel wie möglich berühren, damit ich letzte Erinnerungen sammeln konnte. Und bis heute weiß ich ganz genau, wie sich Deine Haut unter meinen Fingern anfühlt. Wie es ist Dich zu umarmen. Deine Wangen zu küssen.

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Ja, ich war vorbereitet. Ich wusste, dass Du sterben würdest. Und dass Du mit 87 Jahren ein schönes Alter erreicht hattest. Wir hatten sogar noch Deinen 87. Geburtstag im kleinen Kreis feiern können. „Das war der schönste Geburtstag meines Lebens“, hast Du gesagt. Obwohl Du zwischendurch immer mal wieder wie weggetreten gewirkt hast. Dein Enkel hat mit seinem Handy an die 400 Fotos von diesem Nachmittag gemacht. Wir haben im Grunde ein Daumenkino davon.

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An diesem 22. Mai habe ich die Fenster weit geöffnet, damit Deine Seele hinaus in den Sonnenschein fliegen kann. Du hast doch den Frühling immer so geliebt! Und dann habe ich geholfen, Dich zu waschen, Deine Augen zu schließen, was im Film so leicht aussieht und bei Dir dann doch nicht so einfach war. Dein Gebiss haben wir Dir noch wieder eingesetzt. Das war Dir immer wichtig und ich wusste, dass Du es so haben wolltest. Stimmt doch, oder?!

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Ich war gut vorbereitet auf Deinen Tod. Die Telefonnummer des Bestatters, den ich bereits ausgewählt hatte, wusste ich auswendig. Als die Mitarbeiterin mir sagen wollte, was ich bei dem Termin am kommenden Tag mitbringen müsste, habe ich sie unterbrochen: „Danke, aber ich habe schon alles zurecht gelegt.“ Ja, ich wusste längst, was ich brauchen würde. Geburts- und Heiratsurkunde. Dass und noch mehr hatte ich auf meiner Checkliste abgehakt, in einen Ordner geheftet, den ich nur noch aus dem Regal ziehen musste.

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Und natürlich hatte ich bereits Monate vorher – es war ja Dein Wunsch gewesen, dass die Bestattung schon ansatzweise geklärt werden sollte und Du hast nach meinen Fragen, es mir überlassen mit den Worten: „Mach, wie Du es für richtig hältst“ – einen Baum im Ruheforst ausgesucht. Eine kleine Kastanie, die es inmitten von Buchen wirklich schwer hat. So wie es in Deinem Leben immer gewesen war. Aber sie hat sich durchgekämpft – genau wie Du – und sich zu einem kleinen hübschen Baum gemausert.

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Ja, dank der Vorbereitungen blieb an diesem Tag Zeit, um durchzuatmen. Nach all den Monaten an Deinem Kranken- / Sterbebett bin ich einfach mit Holger essen gegangen. Ganz gemütlich, innig. Ich weiß, dass Dir das gefallen hat.

Die folgende Zeit habe ich dann die Trauerfeier vorbereitet – die Sängerin mit ihrer Gitarre war doch wundervoll oder? Wie sie Dein Lieblingslied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ gespielt und wir alle zusammen gesungen haben! – und dann war auch dieser Tag vorbei.

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Zuhause stellte ich einen kleinen Tisch auf und versammelte darauf Dinge, die Dir lieb waren. Deine Stoffteddys, die Du damals Deinem Enkel geschenkt hattest und sie dann selber gehütet hast, als er zu alt dafür geworden war. Deine Tischdecken, die Du selten benutzt aber nie weggeschmissen hast. Dinge aus der Natur, die mich daran erinnern, dass Du immer einen Blick für die Schönheit der Natur hattest. Das letzte gemeinsame Foto von uns Beiden an Deinem Geburtstag. Und eine Collage, wo ich alles draufgeklebt habe, was Dich und mich und uns gemeinsam ausmacht.

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Tja. Ich hatte es geschafft. Gut geschafft. Ja, ich habe auch geweint. Aber die meiste Zeit ging es mir gut. Ich war einfach dankbar für die Zeit, die wir zum Abschied nehmen hatten. Dankbar dafür, dass Du zum Schluss nicht noch einmal ins Krankenhaus musstest. Dankbar für all die Jahrzehnte, die wir – meist in Liebe – miteinander hatten. Der Tod gehört eben zum Leben. So einfach ist das.

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Und dann kam das Jahr 2018. Und ich klappte zusammen. Einfach so. Nein, nicht einfach so. Meine Mutter war gestorben. Meine Mutter war gestorben? MEINE MUTTER WAR GESTORBEN!! So schrie und tobte es in mir. Ich weinte. Ich war verzweifelt, fühlte mich trotz der liebevollen Zuwendung von meinen Liebsten so verdammt allein.

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„Aber Du bist doch stark! Du schaffst das!“ Höre ich da Deine Stimme etwa schon wieder? Nein Mama. Ich bin nicht stark. Nicht immer. Und Dein Verlust, der hat mich einfach umgehauen. Du fehlst. Du fehlst an allen Ecken und Enden. Ich habe mir in den vergangenen Monaten immer wieder Deinen letzten Anruf auf unserem Anrufbeantworter angehört. Die Videos angeschaut, auf denen Du Mundharmonika spielst. Fotos angesehen. Deine Unterlagen und Briefe und Erinnerungen in eine Kiste getan, um sie irgendwann hervorzuholen und mir anzuschauen.

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Und ich hatte mein Herz an eine olle Zitronenpresse gehängt. Nicht, weil sie hübsch war oder so. Sondern weil sie ein Stück Erinnerung war. Und ich daran gehangen habe. Tja, und nun habe ich sie weggeschmissen. Nicht, weil ich stark bin. Oder weil meine Trauer vorbei ist. Nein, es war einfach der richtige Moment. Und so wird es Stück für Stück vorangehen. Und dann bestimmt auch mal wieder Rückschritte geben. Aber das ist egal, denn „Trauer braucht Zeit“, sprach die Zitronenpresse.

„Wenn es soweit sein wird“ – ein Gedicht von F. Barth und P. Horst

Am vergangenen Dienstag, im Kurs für SterbebegleiterInnen, habe ich das nachfolgende Gedicht kennengelernt. Es hat mich sehr berührt und ich möchte es gerne mit Euch teilen.

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Wenn es soweit sein wird

wenn es soweit sein wird
mit mir
brauche ich den engel
in dir

bleibe still neben mir
in dem raum
jag den spuk der mich schreckt
aus dem traum

sing ein lied vor dich hin
das ich mag
und erzähle was war
manchen tag

zünd ein licht an das ängste
verscheucht
mach die trockenen lippen
mir feucht

wisch mir tränen und schweiß
vom gesicht
der geruch des verfalls
schreck dich nicht

halt ihn fest meinen leib
der sich bäumt
halte fest was der geist
sich erträumt

spür das klopfen das schwer
in mir dröhnt
nimm den lebenshauch wahr
der verstöhnt

wenn es so weit sein wird
mit mir
brauche ich den engel
in dir

von: Friedrich Karl Barth und Peter Horst

Kurs für SterbebegleiterInnen – die ersten Wochen sind vorbei

Jeden Dienstagabend steige ich ins Auto und fahre in das 15 km entfernte Neustadt am Rübenberge. Dort findet seit September der Kurs für SterbebegleiterInnen des Hospizdienstes DASEIN statt. Bis Ende November läuft der Grundkurs, in dem die TeilnehmerInnen darauf vorbereitet werden, Menschen auf ihren letzten Wegen zu begleiten.

Es geht um Themen wie zuhören, wahrnehmen, verstehen… darum, sich auf einen IMG_2058Menschen einzulassen. Für mich fühlt es sich wie eine Reise an. Eine Reise, die meine Erfahrungen mit sterben und dem Tod beinhalten. Und natürlich die der anderen TeilnehmerInnen. Eine Reise also, die einiges in Bewegung setzt. Tief im Inneren. Und ja, das tut auch mal weh. Kratzt an Wunden und alten Narben. Eine Auseinandersetzung mit mir, mit meinem Leben. Um dann wieder in die Richtung zu blicken, in die es gehen soll.

Der Umgang unter den TeilnehmerInnen – ebenso natürlich wie mit der Leitung – ist von Respekt geprägt. Ohne Befürchtungen kann ich in diesem Kreis äußern, wenn mir etwas Sorge bereitet. Wenn ich meine, mit einer künftigen Situation vielleicht nicht klar zu kommen. So wie am letzten Dienstag. Eine Zweier-Übung, in der der eine einen kranken Menschen gespielt hat, der nicht mehr sprechen konnte und der andere musste ihn verstehen.

Ja, an diesem Punkt befielen mich Hemmungen und auch Zweifel. Würde ich mit solchen Situationen künftig klar kommen? Mir fiel ein, wie meine Mutter in ihrer Sterbephase etwas wollte und es mir mit Blicken versucht hat, klar zu machen. Und ich dachte immer nur: sie ist meine Mutter – ich muss doch wissen was sie will und braucht! Letztendlich holte ich die Pflegerin, die das Bedürfnis meiner Mutter dann ergründete und Abhilfe schaffte. Und ich stand mit hängenden Armen daneben.

Am Dienstag, in der gespielten Situation bekam ich es hin. Ich verstand, was die andere Teilnehmerin von mir wollte (ich hatte ihr im Voraus meine Befürchtungen geschildert und sie hatte mich ermutigt). Und es nahm mir einen Teil meiner Bedenken. Nein, ich denke nun nicht, dass ich das von jetzt auf gleich problemlos hin bekomme. Aber durch den Austausch mit den Kursleitern und den anderen TeilnehmerInnen verstand ich, dass Jede(r) seine Stärken und Schwächen hat. Und dass ich daran arbeiten kann, nach und nach meine Grenzen zu verschieben.

Es ist, als bekäme ich in diesem Kurs nach und nach Teile eines Puzzles. Manche passen auf Anhieb und mit manchen muss ich ein wenig herumprobieren. Aber ich bin nicht allein. Jetzt nicht und auch später nicht. Und dass macht Mut und schenkt mir die Zuversicht, die ich brauche um diesen Weg weiter zu gehen.

Die ersten Praxiserfahrungen machen wir dann ab Dezember, wenn Jede(r) über drei Monate eine(n) BewohnerIn „zu geteilt“ bekommt, die man dann wöchentlich besucht, um das im Grundkurs erlernte erstmals „anzuwenden“.

Ich schätze mal, ich werde dann auch ein wenig aufgeregt sein. Auf jeden Fall werde ich dann hier davon erzählen.

„Ich lebe mit meiner Trauer“ – ein Buch von Chris Paul

Im Rahmen meiner Ausbildung zur Seelfrau gibt es eine Liste mit Pflichtlektüre, die ich IMG_2103nach und nach lese. Begonnen habe ich mit einem Buch von Chris Paul: „Ich lebe mit meiner Trauer“.

Ich habe in den vergangenen Jahren bereits etliche Bücher zu den Themen Sterben und Tod gelesen, aber im Bereich Trauer ist das meiste für mich Neuland. Natürlich habe ich meine eigenen Erfahrungen gelebt, aber sich auf der sachlichen Schiene (die natürlich trotz allem immer Empathie beinhaltet) damit zu befassen ist doch noch einmal etwas anderes.

Chris Paul stellt in diesem Buch einen neuen Ansatz vor (das Buch ist von 2017). Während ich bisher meist von Trauerphasen gehört habe, die man als Trauernde(r) nach und nach durchleiden muss, schreibt sie vom Kaleidoskop des Trauerns.

Jeder, der schon mal ein Kaleidoskop benutzt hat, kann sich sicher erinnern, wie sich die kleinen Teile immer wieder vermischen, sich manchmal überlappen und man hin und wieder Mühe hat mit den Augen zu folgen. Auch in der Trauer funktioniert nichts nach Schema F. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen, geht seinen eigenen Weg. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Ich hatte zugegebenermaßen bisher im Trauerfall noch nicht das Bedürfnis nach einem Buch zu greifen. Vielleicht, weil mir auch noch nicht klar war, dass ich dort tatsächlich Hilfe bekommen könnte bzw. ist mir meist ein persönlicher Kontakt lieber. Aber manche Menschen sehen dies anders oder haben vielleicht auch keine andere Möglichkeit bzw. kann man es natürlich auch begleitend lesen.

Dieses Buch ist lebendig, mit anschaulichen Beispielen, mit vielen Möglichkeiten, wie man auf seinem Trauerweg ein Stück vorankommen kann. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich es nun kenne. Denn einiges davon wird mir in meiner persönlichen Zukunft sicher weiterhelfen und auf meinem beruflichen Weg, als Trauerbegleiterin, sowieso.

„Ein Wochenende mit Dir“ – ein besonderer Online Kurs von Barbara Pachl-Eberhart

Ich habe einen Kuchen gebacken. Einen Topfkuchen. Ganz simpel. Ohne EPSR3375Schokoladenüberzug. „Schierer Topfkuchen“, wie meine Mutter ihn genannt hätte. Den mochte sie am liebsten, da ließ sie alles für stehen. Und für sie habe ich ihn gebacken. Und ja, meine Mutter ist letztes Jahr im Juni verstorben. Wieso ich dann einen Kuchen für sie gebacken habe?

Das liegt an dem Online Kurs Angebot von Barbara Pachl-Eberhart: „Ein Wochenende mit Dir.“ In einer Gesellschaft, in der Viele den Tod gerne an den Rand des Lebens drängen, bietet Barbara Pachl-Eberhart (Autorin, Schreibcoach und Lehrerin für kreatives biographisch-literarisches Schreiben – diese Angaben habe ich direkt von der Website, die Ihr hier findet) eine wundervolle Möglichkeit „sich liebevoll mit einem Menschen, der schon gestorben ist und der Ihnen am Herzen liegt zu verbinden“.

Als ich dies las, war es für mich ein wahres Geschenk, denn ich war gerade in einer Phase, in der ich darüber nach dachte, mich mit den diversen Hinterlassenschaften (Briefe, Fotos und andere Kleinigkeiten) auseinander zu setzen. Und ich wusste, ich würde dies auch gerne schreiberisch begleiten. Denn über das Schreiben drücke ich mich seit Kindesbeinen aus und ich halte auch vieles aus meinem Leben auf diese Art und Weise in Worten fest. Aber an dieser Stelle fehlte mir ein Ansatzpunkt. Ein Aufhänger. Nein, in Wirklichkeit fehlte mir Jemand, der mich an die Hand nahm. Der mich liebevoll und einfühlsam auf dieser Reise mit meiner Mutter begleiten würde.

Kann dies ein Online Kurs? Das würde ich nicht grundsätzlich mit Ja beantworten. Aber dieser kann es. Für mich zumindest hat es „funktioniert“. Ich habe mich an diesen zweieinhalb Tagen meiner Mutter sehr nah gefühlt. Für mich war sie da. Bei und mit mir. Ich habe gelacht und auch mal geweint. Und es hat unglaublich gut getan, dies zuzulassen. Mir diese Zeit zu nehmen. Sie mir zu gönnen. Denn Trauer ist nicht einfach abzuhaken. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und sagen: „Ok, das wars. Weiter im Alltag.“

Wobei – und das ist ein wichtiger Hinweis, der von Barbara Pachl-Eberhart gemacht wird – der Kurs ist nicht für „frische“ Trauer geeignet. Und selbstverständlich muss sich da Jeder selber hinterfragen: „bin ich schon so weit?“ Was im Vorhinein sicherlich auch schwierig zu beantworten ist. Aber bei Interesse hilft es schon einmal weiter, sich das Angebot genau durchzulesen und dann in Ruhe darüber nachzudenken.

Ich jedenfalls habe diese Tage sehr genossen. Wobei der letzte Tag mir in Teilen schon zu anstrengend war und ich eine Übung ausgelassen habe. Denn diese Zeit – so schön sie auch war – hat eben auch Kraft gekostet. Kraft, die ich allerdings im Nachhinein durch frische Energie zurück bekommen habe. Wie das funktioniert hat, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Und ob das bei Anderen auch so klappt, natürlich auch nicht. Aber es ist – wie oben geschrieben – eine wundervolle Möglichkeit, noch einmal Zeit mit einem geliebten Menschen zu verbringen. Und ja, dann kann auch nochmal der richtige Zeitpunkt da sein, um den Lieblingskuchen zu backen.

Übrigens: als ich am letzten Tag den Abschluss gemacht und mich zurück gelehnt habe, flog auf einmal ein heller Schmetterling – vermutlich aus der Familie der Weißlinge – durch mein Wohnzimmer. Alle Fenster und Türen waren seit Stunden geschlossen. Er flog vor meinem Gesicht entlang und setzte sich dann auf die Fensterbank. Behutsam umfasste ich ihn mit beiden Händen – ich weiß, der Flügelschmelz… – öffnete das Fenster, er blieb noch einen Moment sitzen und flog dann davon… Danke Mama.

Eine Führung durch das Krematorium in Hannover-Lahe

„Hier arbeiten wir, trinken Kaffee und lachen auch.“ Mit diesen Worten führt der Technische Leiter des Krematoriums mich in das Büro. „Sie wollen damit sagen, dass hier ganz normale Menschen arbeiten“, entgegne ich, woraufhin er lächelnd nickt.

Und dann zeigt er mir, wie die fünf Öfen über das entsprechende PC-Programm DSC_0012gesteuert werden können und auch wie es um die heutigen Emissionswerte – also alles was aus den großen Schornsteinen des Gebäudes in die Luft geht – steht. Ein wichtiger Punkt, der im täglichen Arbeitsablauf genau im Auge behalten und regelmäßig geprüft wird.

Durch eine große Scheibe haben wir freien Blick auf die Öfen. Einige Särge stehen davor, zur Einäscherung bereit. Ich habe vor meinem Besichtigungstermin bereits eine Dokumentation über die Arbeit in einem Krematorium gesehen, aber es ist natürlich etwas ganz anderes hier nun zu stehen und zu wissen, dass ich den Verstorbenen ganz nah bin.

„Haben Sie starke Nerven?“, fragt mich der technische Leiter, als wir uns dann auf den Weg in die Einäscherungshalle machen. Dabei lächelt er verschmitzt und fügt hinzu: „Ist nur ein Witz.“ Locker geht es bei dieser Führung zu. Locker, aber in einer Art und Weise, die immer durchblicken lässt, dass hier sorgfältig und mit dem nötigen Respekt gegenüber den Verstorbenen gearbeitet wird. Ein Punkt, den ich persönlich als sehr wichtig empfinde.

Und dann stehe ich in der großen Einäscherungshalle. An diesem Nachmittag sind noch zwei Öfen in Betrieb. Es geht in Richtung des Feierabends, wie mir erklärt wird und es laufen jeweils nur so viele Öfen, wie benötigt werden. Ja, bei allem Respekt, aller Achtung: hier muss definitiv gearbeitet werden. Und wenn ich mir anschaue, dass nicht nur einige Särge vor den Öfen sondern auch im Vorraum stehen, dann wird mir erst so richtig klar, wie viel hier Tag für Tag zu tun ist.

„Man kann nicht um jeden Verstorbenen trauern“, erklärt dann der Technische Leiter auch, „wir kennen die Menschen, um die es da geht in den seltensten Fällen. Da muss schon der Job gemacht werden.“ Aber, fügt er hinzu, ihm sei seine Arbeit mit den Jahren eine echte Herzensangelegenheit geworden. Er hält sie für sinnvoll und achtet stets darauf, dass alles im Sinne der Verstorbenen und auch der Angehörigen geregelt wird. „Ja, meine Arbeit macht mir Spaß. Auch wenn sich das für Außenstehende vielleicht komisch anhört“, erklärt er, „ich stelle mir vor, dass ich diese Menschen auf ihrem allerletzten Weg, als eine Art Fährmann, begleite und dafür sorge, dass alles glatt geht.“ Eine sehr sympatische Einstellung, wie ich finde.

Nun bekomme ich auch den Bereich hinter den Öfen zu sehen. Dort, wo über eine Art Guckloch kontrolliert wird, ob die Einäscherung bereits vollständig erfolgt ist. Denn erst dann wird die Asche automatisch aus dem Ofen heraus geschoben, und in einem Aschekasten aufgefangen. Ich schaue durch das Loch mitten hinein in den 800 ° heißen Ofen und kann mich im Anschluss davon überzeugen, dass nach erfolgter Einäscherung genau diese Asche in die Urne gelangt. Mittels eines sogenannten Schamottsteins der eine Nummer enthält, wird hier für Ordnung gesorgt.

Ohne groß darüber nachzudenken, hatte ich bisher gedacht, dass nach der Einäscherung nur noch feine Asche übrig bleibt. Aber dem ist nicht so. Mit einer Art Metallkamm wird dann durch die Reste – die auch noch Knochenteile enthalten – gegangen und alles das heraus geholt, was nicht mit in die Knochenmühle kann und soll. Denn dort erst entsteht die feine Asche, die letztendlich in die Aschenkapsel kommt. Zusammen mit dem Schamottstein. Das Ganze wiederum kommt in eine Schmuckurne, das ist die, die wir letztendlich bei Trauerfeiern zu sehen bekommen.

Ich staune über all die kleinen und große Schritte, die hier notwendig sind. Und ich bin froh, dass es heutzutage auch die Gelegenheit gibt, hinter die Kulissen eines solchen Unternehmens – denn die Feuerbestattungsgesellschaft Hannover und Niedersachsen mbH ist ein wirtschaftliches Unternehmen und gehört nicht zur Stadt Hannover – zu blicken.

Wie kommt man denn nun an solch eine Arbeitsstelle, frage ich neugierig und staune. Seit dreieinhalb Jahren erst ist der technische Leiter hier tätig. Er ist gelernter Elektriker und Heizungsbauer und war nach langen Jahren mit seiner Arbeit nicht mehr zufrieden. Etwas neues musste her. Etwas, dass ihm Zufriedenheit verschaffen sollte. Auf die Anzeige des Krematoriums ist er durch puren Zufall gestoßen und er dachte sich: „Ich gehe mal hin und schaue was das mit mir macht.“ Inzwischen ist er zum Technischen Leiter aufgestiegen und liebt seinen abwechslungsreichen Job.

Denn es gehört so einiges dazu. Wie der Umgang mit den Angehörigen, die ihre Verstorbenen auch ins Krematorium begleiten wollen. Ein Abschiedsraum wurde dafür eingerichtet. Und während der Rest des Gebäudes eher nüchtern und zweckmäßig ist, kann man hier erkennen, dass sich um die Trauernden gekümmert wird. Eine Sitzgruppe, angenehmes Licht, ein CD Player und auch eine Grünpflanze sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Von hier aus können die Angehörigen der Einfahrt des Sarges in den Ofen durch den Blick durch ein Spezialfenster beiwohnen, das im Anschluss wieder undurchsichtig wird.

Ich habe an diesem Nachmittag noch so einiges erfahren, wie z. B. dass ein Teil der Energie aus dem erhitzten Kühlwasser für die Räumlichkeiten des Laher Friedhofs genutzt wird und dass man in Bremen – im Gegensatz zu den anderen Bundesländern – die Urne ausgehändigt bekommen kann. Was mir aber vor allem im Gedächtnis bleiben wird ist, dass es Menschen gibt, die sich sorgfältig um unsere Verstorbenen kümmern. Es macht also Sinn zu wissen, mit welchem Krematorium der Bestatter meines Vertrauens zusammen arbeitet. Denn ja, es gibt auch schwarze Schafe.

„Machen sie ordentlich Werbung für uns, denn wir sind die besten in Hannover“, meint der Technische Leiter zum Abschied, als ich ihm noch erzähle, dass ich einen Blog Beitrag schreiben werde. „Na klar“, lache ich, „und sie sind in Hannover auch die einzigen…“ Ein breites Grinsen als Reaktion. Mit herzlichem Dank verabschiede ich mich.

Ach ja, Fotos durfte ich aus Datenschutzgründen verständlicherweise nicht machen. Daher habe ich als kleinen Eindruck ein Foto aus dem Friedhofsmuseum Hannover-Seelhorst eingestellt, wo es früher auch ein Krematorium gab. Ich hatte in Lahe auch noch eines außen vom Gebäude gemacht… leider habe ich das dann versehentlich gelöscht…

… ABER wer sich noch genauer informieren möchte, findet hier den Link zur Website der Feuerbestattungsgesellschaft und hier die Dokumentation auf youtube, die ich mir im voraus angeschaut hatte.