abc.Etüden – Der Papiertiger

Etüde
Max. 300 Wörter, die drei Begriffe enthalten müssen. Zu den heutigen Begriffen – Papiertiger, belanglos und plätschern – ist mir erneut ganz spontan ein Text eingefallen. Und wenn Ihr die anderen Etüden auch gerne lesen mögt – was ich nur empfehlen kann! – dann schaut bei der Initiatorin Christiane vorbei.

Der Papiertiger
von Nicole Vergin

Belanglos hatte er ihr Leben genannt. Mit ihr würde alles nur so dahin plätschern. Der Schmerz in ihrem Herzen hatte sie zerrissen. Tage. Wochen. Letztlich Monate vergingen, bis ihre Beine sie wieder trugen und ihre Herzensnarbe zu ihrem neuen Leben dazu gehörte. Einem Leben, das ihr besser gefiel. Ohne ihn. Denn letztlich war er nur ein Papiertiger gewesen, dessen stumpfe Zähne ihr nun nichts mehr antun konnten.

67 Wörter

Die ungleichen Schwestern – Teil 2/2

Die ungleichen Schwestern – Teil 2/2 (den 1. Teil findet Ihr hier)
von Nicole Vergin

Ein weiteres Mal stand die Fee zwischen den Betten der Mädchen, während die Uhr in der guten Stube Mitternacht schlug.
„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.

Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.
„Hilde, nun wirst du in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst im Morgengrauen wieder erwachen wirst. Und du, Nelly, wach auf und höre mir gut zu.“
Augenblicklich öffnete Nelly die Augen und sah zu der Fee auf.
„Was willst du von mir?“, fragte sie gespannt.
„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
Nelly sprang augenblicklich aus dem Bett. „Was soll ich tun?“, verlangte sie zu wissen, „soll ich auf Berge steigen, oder ein Meer durchschwimmen? Ich tue alles für meine Schwester.“
„Das ist gut“, sagte die Fee, „denn du wirst all deine Geduld brauchen, um deine Aufgabe zu lösen.“
„Sag mir endlich was ich tun muss, um Hilde zu erlösen!“ Ungeduld sprach aus Nellys Stimme.
„Draußen im Schuppen findest du Wollfäden. Sie alle sind miteinander verknotet und verwirrt. Du musst all die Fäden entwirren und säuberlich zu Knäueln aufwickeln. So lange, bis kein Faden mehr lose herum liegt.“
„Das kann ich nicht“, sagte Nelly entsetzt, als sie mit der Fee im Schuppen stand und das Meer an Wolle betrachtete. „Wie soll ich damit jemals fertig werden? Gibt es keine andere Möglichkeit, Hilde von dem Fluch zu erlösen?“
Aber die Fee schüttelte den Kopf.
„Nun gut, für meine Schwester will ich es tun.“ Mit diesen Worten hockte sich Nelly auf den Boden, griff nach dem ersten Fadenende und zog es mal durch diese dann durch jene Schlaufe.

Die Nacht wich bereits dem Morgen, als Nelly wutentbrannt aufsprang und mit den Füßen auf der Wolle herumtrat.
„Ich kann es einfach nicht!“, rief sie aus, „nicht ein Knäuel habe ich aufgewickelt bekommen. Hätte ich mir doch bloß ein wenig von Hildes Geschick in derlei Arbeiten abgeschaut. So oft hat sie es mir angeboten.“
Enttäuscht wollte sie den Schuppen verlassen, als sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf hörte: „Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
„Also gut, so leicht lasse ich mich nicht entmutigen. Ich werde jetzt hinausgehen und Atem schöpfen, bevor ich mich erneut an die Arbeit mache.“

Mit diesen Worten öffnete sie das Tor des Schuppens, trat in das Licht der aufgehenden Morgensonne hinaus und atmete tief die frische Luft ein.
Sie war gerade ein paar Schritte gegangen, da hörte sie ein winseln zu ihren Füßen. Ein Hund lag vor ihr im Gras und leckte seine Vorderpfote. Nelly bückte sich zu dem kleinen schwarz-weiß gefleckten Hund hinunter.
„Was ist denn mit dir geschehen?“
Behutsam nahm sie seine Pfote in ihre Hände und besah sie sich.
„Du bist ja verletzt.“ Mit sanfter Stimme sprach sie zu ihm. „Komm, ich nehme dich mit und versorge deine Wunde.“
Nelly trug den Hund in den Schuppen, bereitete ihm dort ein Krankenlager, versorgte seine Wunde und stellte ihm schließlich Wasser und Futter hin. Der Hund ließ sich genüsslich verwöhnen.
„Weißt du“, sagte Nelly nachdenklich, „du kannst mir Gesellschaft leisten und ich dir. Dann ist uns beiden nicht langweilig und meine Arbeit wird mir auch rascher von der Hand gehen.“

Und so wandte sie sich wieder der Wolle zu, begann die Schnüre zu entwirren und pfiff dabei fröhlich vor sich hin. Als sie das erste Knäuel aufgewickelt hatte, legte sie es stolz an die Seite und machte sich gleich an das nächste.
So vergingen die Stunden damit, dass Nelly die Wolle aufwickelte und den Hund versorgte. Und je mehr Zeit verging, desto zufriedener und ruhiger wurde sie.
„Weißt du“, erzählte sie dem Hund, „ich habe gar nicht mehr das Gefühl, das ich jetzt irgendwo anders sein müsste. Wir haben es doch wirklich schön auf unserem Hof.“
Der Hund bellte zustimmend und Nelly lächelte.
Als das Mädchen das letzte Knäuel aufgewickelt und zu den anderen gelegt hatte, stand sie auf, reckte und streckte sich und schloss dabei die Augen. Als sie sie wieder öffnete, fand sie sich in ihrem Bett wieder.

In diesem Moment erwachte auch Hilde und die Schwestern sahen sich erstaunt an.
„Du bist wieder wach!“, riefen sie wie aus einem Munde und lachten glücklich.
Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Erlebnissen und staunten darüber, was die jeweils andere getan hatte.
Währenddessen schob sich der kleine Hund durch das Tor des Schuppens, schüttelte sich einmal und verwandelte sich in die Fee, die lächelnd zum Fenster der Mädchen hinüber schaute.

Am nächsten Morgen gingen Hilde und Nelly Hand in Hand in die Küche zu ihrer Mutter, die sich von Herzen darüber freute, ihre Mädchen so einträchtig zu sehen. Und während sich alle Drei glücklich umarmten, schaute die Fee ein letztes Mal durchs Fenster herein, nickte zufrieden und zog mit dem Nebel der eben noch über den Feldern lag davon.

Die ungleichen Schwestern – Teil 1/2

Die ungleichen Schwestern – Teil 1/2
von Nicole Vergin

Es waren einmal zwei Schwestern, die hießen Hilde und Nelly. Die Mutter hatte ihre liebe Not mit ihnen, denn sie zankten und stritten ohne Unterlass. Sie waren derart verschieden, dass sie sich einfach nicht verstehen konnten. Während Hilde ihr Leben ruhig und beschaulich mochte, liebte Nelly es wild und abenteuerlich. Hildes Tage glichen einander, so wie sich auf einer Kette eine Perle an die andere reiht. Nelly hingegen versuchte stets etwas Neues und langweilte sich, wenn sie etwas mehrfach tun musste.
Wieder und wieder versuchte die Mutter zwischen den ungleichen Schwestern Frieden zu stiften. Aber vergeblich.

Eines Abends, Hilde und Nelly lagen bereits in ihren Betten und schliefen, saß die Mutter noch eine Weile am Kamin und dachte über ihre Mädchen nach.
„Ach, wenn sie einander doch verstehen könnten“, seufzte sie aus tiefstem Herzen, „das wäre mein größter Wunsch.“
Aus dem Kamin sprang ein Funke heraus und fiel der Mutter vor die Füße. Gerade wollte sie ihn austreten, als er heller und heller glühte, bis der ganze Raum in weißes Licht getaucht war. Die Mutter hielt sich die Augen zu, so sehr war sie geblendet. Als es wieder schwächer wurde, nahm sie ihre Hände vom Gesicht fort und erschrak. Vor ihr stand eine hochgewachsene Frau, deren rötlich glänzende Haare bis über ihre Schultern herab hingen. Sie trug ein langes blaues Gewand und an den Füßen silberne Schnallenschuhe.
Verängstigt warf sich die Mutter auf den Boden. „Oh, bitte tut mir nichts, edle Dame.“
„Hab keine Angst“, antwortete diese, streckte der Mutter ihre Hände hin und half ihr auf. „Ich bin eine Fee und ich bin gekommen, um dir deinen Wunsch zu erfüllen.“
Die Mutter traute ihren Ohren nicht. „Ihr wollt mir meinen Wunsch erfüllen?“
„So ist es. Seit langer Zeit schon bin ich an deiner Seite und nie hast du einen Wunsch für dich geäußert. Daher möchte ich dir nun diesen erfüllen, um ein wenig Frieden in dein Leben zu bringen.“
„Oh, ihr seid zu gütig. Habt vielen Dank, gute Fee. Aber sagt, wie wollt ihr es anstellen, dass sich meine Mädchen endlich gegenseitig Verständnis entgegenbringen? Ich habe es bereits all die Jahre vergeblich versucht.“
Die Fee lächelte. „Macht dir keine Gedanken. Leg dich nur schlafen und wenn du morgen früh erwachst, ist es bereits getan.“
Die Mutter tat wie ihr geheißen, bedankte sich noch einmal bei der Fee und legte sich in ihr Bett. Während sie bereits tief und fest schlief, stand die Fee im Zimmer der Schwestern und blickte auf sie hinab.

„So friedlich wie ihr hier nebeneinander schlaft, so friedlich soll künftig euer Miteinander sein“, sprach die Fee leise.
Dann legte sie sanft eine Hand auf Hildes und die andere auf Nellys Schulter.
„Nelly, du wirst nun in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem du erst um Mitternacht wieder erwachen wirst. Und du, Hilde, wach auf und höre mir gut zu.“
Augenblicklich öffnete Hilde die Augen und sah zu der Fee auf.
„Was ist geschehen?“, fragte sie verwirrt.
„Schau auf deine Schwester. Sie schläft tief und fest. Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen.“
Hilde sah ängstlich auf Nelly. „Ich soll sie zurückholen? Aber wie soll ich das machen?“
„Schnür dein Bündel, nimm nur das nötigste mit. Du hast einen langen Weg vor dir.“
„Ich soll das Haus verlassen?“, rief Hilde erschrocken. „Aber das kann ich nicht. Ich bin nicht so abenteuerlustig, wie meine Schwester. Kann ich nicht etwas anderes tun, um ihr zu helfen?“
Aber die Fee schüttelte den Kopf. „Nein, du musst dich auf den Weg machen und das Ende der Welt finden. Dort wächst eine Blume, die du hierher bringen musst. Wenn deine Schwester daran riecht, wird sie aus ihrem Schlaf erwachen“
Abermals blickte Hilde Nelly an, richtete sich dann auf und sagte: „Wenn es nur so geht, dann will ich es für meine Schwester tun!“

Rasch schlich sie in die Küche, packte Brot, ein Stück Schinken und einen Schlauch gefüllt mit Brunnenwasser in ein Bündel, hing es sich um und verließ das Haus.
Im fahlen Mondlicht ging Hilde den Weg zwischen den Feldern entlang, den sie schon unzählige Male am Tage gegangen war. Aber des Nachts sah alles anders aus. Wie oft hatte ihr Nelly schon von den geheimnisvollen Geräuschen und Stimmen der Nacht erzählt. Stets war es ihr zu unheimlich gewesen, sich ebenfalls in die Dunkelheit hinauszuschleichen. Und nun setzte sie einen Fuß vor den anderen und versuchte, ihr vor Angst laut pochendes Herz zu beruhigen.
„Meine Füße“, stöhnte sie nach einer Weile. Sie setzte sich an den Wegesrand, zog ihre Schuhe aus und befühlte die schmerzenden Stellen. Was hatte Nelly sich immer auf ihre wunden Stellen gelegt? Hilde wusste, dass es eine Pflanze gab, die Blasen heilen konnte. Wenn sie doch nur besser zugehört hätte.
So biss sie die Zähne zusammen, zog die Schuhe wieder an und ging weiter. Irgendwann war sie so müde, dass sie die Angst und die Schmerzen nicht mehr spürte. Sie wollte sich nur noch ausruhen.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, fand sie das Mädchen schlafend unter einem Busch. Behutsam kitzelte sie sie mit einem Sonnenstrahl an der Nase.
„Hatschi“, machte Hilde, schlug die Augen auf und sah sich um.
„Das war alles kein Traum. Ich habe mich tatsächlich heute Nacht auf den Weg gemacht, um ans Ende der Welt zu gelangen. Ach“, seufzte sie, „wie soll ich das nur schaffen?“
„Nur du kannst sie aus diesem tiefen Schlaf zurück ins Leben holen“, hörte sie plötzlich die Stimme der Fee in ihrem Kopf.
„Ich muss es schaffen!“, entschlossen stand sie auf, klopfte sich den Staub von ihrem Kleid, nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch, biss ein Stück von Brot und Schinken ab und setzte ihre Reise fort.
Als die Sonne immer höher am Himmel wanderte, tauchte am Horizont eine Gestalt auf.
„Das ist bestimmt ein Wegelagerer“, murmelte Hilde, „hoffentlich will er mir nichts Böses.“
Die Gestalt kam näher und näher und schließlich sah das Mädchen, das es sich um eine alte Frau handelte, die ein schweres Bündel mit sich trug.
„Oh, wie gut das ich dich treffe, mein Mädchen.“ Erschöpft ließ die alte Frau ihr Bündel fallen. „Kannst du mir wohl meine Last nach Hause tragen? Meine Arme sind müde und mein Mund von der Hitze ausgetrocknet.“
Hilde sah die Frau an und wusste nicht was sie tun sollte. Ihre Aufgabe war es doch, das Ende der Welt und die Blume zu finden. Durfte sie sich vom Weg abbringen lassen? Aber die arme alte Frau hilflos zurücklassen?
„Wenn doch bloß Nelly hier wäre“, dachte sie verzweifelt, „sie weiß immer was zu tun ist.“
Aber Nelly war nicht hier, um wie sonst für Hilde die Entscheidungen zu treffen. Und so tat sie es selbst.
„Komm, gute Frau. Ich trage dir deine Last nach Hause. Aber danach muss ich meinen Weg fortsetzen.“
Und während sie zu der Hütte der Frau gingen, erzählte sie ihr von der Schwester und der Aufgabe, die sie lösen musste. Die alte Frau hörte Hilde aufmerksam zu und sagte dann: „Ich weiß, wie du ans Ende der Welt gelangst.“
Hilde war überglücklich, hatte sie doch die ganze Zeit die Angst gequält, dass sie den Weg nicht finden würde. Aber dank der Entscheidung, die sie getroffen hatte, bekam sie nun von der alten Frau den Weg zum Ende der Welt gut beschrieben.
Sie bedankte sich herzlich und setzte ihre Reise fort. Während Hilde bereits um die nächste Biegung verschwand, verwandelte sich die alte Frau in die gute Fee, die zufrieden dem Mädchen hinterher schaute.

Mit jedem Tag der verging, wurde Hilde mutiger. Als ihre Vorräte zur Neige gingen, machte sie in einem Dorf halt, in dem gerade Markttag war. Sie ging von Stand zu Stand, suchte sich für ihr Geld die frischeste Ware heraus und ließ sich nicht mehr wie sonst das welke Gemüse aufschwatzen.
Wenn der Abend nahte, klopfte sie an fremde Türen und bat um ein Strohlager für die Nacht. Und als ihr das Geld ausging, arbeitete sie eine Weile bei einem Bauer auf dem Feld, bevor sie weiterzog.
Und endlich gelangte sie am Ende der Welt an. Sie sah das erste Mal das Meer, den endlosen Horizont und das Spiel der Wellen. Als sie einen vorbeikommenden Wanderer nach der Blume fragte, zeigte er auf die Klippen, die tief hinab an den Strand führten.
„Den Pfad musst du hinabklettern und unter den Felsvorsprüngen, da wirst du die Blume finden.“
„Hab Dank“, erwiderte Hilde und machte sich auf den Weg hinab in die Tiefe.
Oben auf der Klippe verwandelte sich der Wanderer in die Fee, die zufrieden nickend dem Mädchen hinterher schaute.
Hilde fand die Blume, grub sie vorsichtig aus und wollte sie dann in ihr Bündel einwickeln.
In diesem Moment kam Wind auf. Eine heftige Böe erfasste das Mädchen, hob es auf und trug es mit sich. Hilde schwanden die Sinne, während es vor ihren Augen dunkler wurde, presste sie die Blume fest an sich.
„Nun war alles umsonst“, dachte sie, bevor die Dunkelheit sie verschluckte…

Hier geht es zum 2. Teil!

Rotkäppchen, die wahre Geschichte – ein Märchen von Sabine Arnke

Wolltet Ihr schon immer mal Rotkäppchens wahre Geschichte kennenlernen? Wie war das denn nun wirklich mit dem Wolf und dem Jäger und der Großmutter…? In meinem letzten Schreib-Lust Seminar hat eine Teilnehmerin dieses Märchen geschrieben und als sie es vorlas, wusste ich sofort, dass ich sie bitten würde, es hier veröffentlichen zu dürfen. Und sie hat JA gesagt! DANKE dafür, liebe Sabine!

Und nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen!

Rotkäppchen – Die wahre Geschichte
von Sabine Arnke

Es war einmal vor langer Zeit, nicht weit entfernt von hier, da lebten ein Mädchen und seine Mutter in einem kleinen Dorf am Rande des Waldes. Und weil das Mädchen so gerne ihren roten Umhang mit der großen Kapuze trug, wurde es von jedermann Rotkäppchen genannt.

Rotkäppchen und seine Mutter lebten ganz alleine, denn der Vater war aus dem großen Krieg nicht wieder zurückgekehrt. Rotkäppchen hatte aber eine Großmutter, die lebte mitten im Wald in einem kleinen Häuschen. Dort sammelte die Großmutter Beeren, aus denen sie köstliche Marmeladen kochte oder Schnaps brannte, und Kräuter, die sie zu Sträußchen zusammenband, die die Suppen besonders schmackhaft machten.
Einmal in der Woche besuchten Rotkäppchen und ihre Mutter die Großmutter und brachten ihr die Dinge, die sich nicht im Wald finden oder in ihrem Garten wachsen lassen konnte. Auch wenn die Dorfbewohner Angst vor der seltsamen Frau im Walde hatten und die Gegend um das Häuschen mieden, war Rotkäppchen gerne dort. Das Häuschen war etwas windschief, so dass die Dielen knarrten und die Türen quietschten. Doch das störte Rotkäppchen und die Großmutter nicht. „Wenn mein Sohn noch am Leben wäre, so hätte er das Haus wohl gerichtet. Doch unser Herrgott hat anders entschieden. So soll ich wohl damit zufrieden sein.“, pflegte die alte Frau lächelnd zu sagen.

Eines Tages war ein neuer Jäger in das Dorf gekommen, denn es hatte sich herumgesprochen, dass ein Wolf im Walde sein Unwesen trieb. Der Jäger aber hatte ein Auge auf die Mutter geworfen, die trotz ihres fortgeschrittenen Alters von 28 Jahren noch nichts von ihrer Schönheit eingebüßt hatte. Nun war es aber so, dass der Jäger weder besonders erfolgreich, noch besonders schlau war, so dass die Dorfbewohner schnell begannen, sich über ihn lustig zu machen. Die Mutter störte sich nicht daran, denn sie wollte nicht länger alleine sein.
Doch die Großmutter mochte es nicht leiden, dass dieser tumbe Mensch ihrem Sohne an den Tisch und in das Bett der Schwiegertochter nachfolgen sollte. Auch Rotkäppchen mochte den Jäger nicht. Ihr reichte es schon, dass die Dorfbewohner von ihrer Großmutter schlecht redeten. Da wollte sie nicht auch noch einen neuen Vater, über den alle hinter seinem Rücken lachten.
Darum wurde Rotkäppchen mit der Zeit immer übellauniger, wenn der Jäger in der Nähe war. Doch so sehr sie sich auch bemühte ihn zu vergraulen, der Jäger blieb. Wenn er des abends nach Hause ging, bekam Rotkäppchen von der Mutter Schelte, weil sie so ungezogen gewesen war, und an manchen Tagen auch Strafen. Auch die Großmutter hatte mit ihren Vorhaltungen kein Glück. „Lass mich mit deinem Geschwätz in Ruhe, Alte. Sonst kannst du dir dein Mehl in Zukunft selbst aus dem Dorf holen.“, sagte die Mutter eines Tages ganz erbost. Von da an sagte die Großmutter nichts mehr gegen den Jäger.

Als der Frühling kam, wollte der Jäger gerne mit der Mutter alleine sein. Und so überlegte er tagelang, wie er wohl das Rotkäppchen aus dem Haus bekommen könnte. Auch die Mutter wollte gerne den Jäger einmal für sich haben, ohne das ungezogene Rotkäppchen in der Nähe. So ersannen die beiden eine List.
An einem Sonntag, als die Mutter einen Kuchen gebacken und Wein auf den Tisch gestellt hatte, erschien der Jäger so, als käme er gerade aus dem Wald.
„Gute Frau,“ sagte er zur Mutter, die mit Rotkäppchen am Tisch saß, „ich komme gerade von eurer Schwiegermutter. Sie liegt krank im Bett und möchte so gerne das Rotkäppchen um sich haben.“
„Ach, die Arme!“, rief die Mutter und machte ein betrübtes Gesicht. „Wie gerne würde ich dem Wunsch der Alten entsprechen. Doch lasse ich Rotkäppchen nicht alleine durch den Wald gehen. Schließlich ist dort ein böser Wolf.“
„Macht euch keine Sorgen, gute Frau.“, antwortete der Jäger. „Ich will das Kind sicher durch den Wald zu seiner Großmutter geleiten. Und am Abend hole ich sie wieder ab.“ Dabei zwinkerte er der Mutter verschwörerisch zu.
Rotkäppchen sah dies, verstand es aber nicht.
„Danke, guter Jäger.“, sagte die Mutter freudestrahlend. „So komm denn her, Rotkäppchen. Hier hast du Kuchen und Wein.“ Sie schnitt ein großes Stück Kuchen ab und legte es mit der Flasche Wein in den Korb. „Bring dies der Großmutter, damit es ihr bald wieder besser geht.“

So machten sich Rotkäppchen und der Jäger auf den Weg. Der Jäger ging mit großen Schritten voran, denn er wollte bald wieder im Dorf sein. Rotkäppchen eilte so schnell hinterher, wie es ihre Beine ihr erlaubten. Kurz vor dem Haus der Großmutter kamen sie an einer Blumenwiese vorbei. Der Jäger hielt an und sprach zu Rotkäppchen: „Pflücke der Großmutter noch ein paar Blümchen. Das wird sie freuen. Ab hier bist du sicher. Ich gehe jetzt ins Dorf zurück und hole dich am Abend wieder ab.“, sprach’s, drehte sich um und lief schnell den Weg zurück.
Als Rotkäppchen mit den Blumen und dem Korb mit Kuchen und Wein ins Haus der Großmutter trat, saß diese ganz gemütlich mit Becher Kräutertee im Schaukelstuhl und sah ganz gesund aus. Die Großmutter verwunderte sich, das Rotkäppchen so ganz alleine und ohne seine Mutter bei sich zu sehen. Sie ließ sich von dem Kind die ganze Geschichte erzählen. Danach sann sie eine Weile vor sich hin.
„Diese Schlitzohren.“, sagte sie und stand auf. „Na, wartet, wir werden sehen, wer zuletzt lacht.“ Sie griff in eine Truhe und holte den Balg eines toten Wolfs hervor. „Das Tier habe ich am Morgen gefunden. Aus seinem Fell wollte ich mir eine warme Weste für den Winter machen. Doch nun soll er uns noch einmal nützen.“

Gegen Abend zogen sie dem Wolf ein Nachthemd der Großmutter an, setzen ihm eine Nachtmütze und eine Brille auf und legten ihn ins Bett. Dann löschten sie alle Kerzen bis auf ein kleines Talglicht neben dem Bett und versteckten sie sich darunter. Als der Jäger kurze Zeit später glücklich und zufrieden zum Haus der Großmutter kam, verwunderte er sich, dass es dort so dunkel und still war.
Er öffnete die Haustür und näherte sich dem Bett. „Was hat die Alte für große Augen,“ dachte er, „das ist mir noch nie aufgefallen. Und diese großen Ohren und der Mund.“
Er trat vorsichtig näher heran und erkannte, dass dort im Bett ein Wolf lag, als ob er schliefe. Weil aber die Großmutter unter dem Bett sich nicht so bücken konnte, wölbte sich die Matratze und es sah so aus, als hätte der Wolf einen vollen Bauch.
„Großmutter, Rotkäppchen!“, flüsterte der Jäger, denn er wollte den Wolf nicht wecken. „Wir sind hier!“, kam es unter dem Bett hervor.
Der Jäger aber dachte, das Tier hätte die beiden gefressen. „Wie soll ich das meiner Liebsten oder den Dorfbewohnern erklären?“, dachte er erschrocken, drehte sich um und verschwand auf nimmer Wiedersehen.
Rotkäppchen und die Großmutter aber waren sehr zufrieden.

Herbstliebe

Herbstliebe
von Nicole Vergin

Rot… Es sprang sie beinahe an.

Und obwohl sie ohne Brille nur noch verschwommen sah, erkannte sie ihren Baum. Ihr Lieblingsahorn hatte über Nacht sein Herbstkleid angezogen. Oder vielleicht war es auch gar nicht über Nacht passiert. Nein, wahrscheinlich nicht. Die Zeit verschwamm, seit sie hier in ihrem Pflegebett lag. Tagein, Tagaus.
„Mama?“
Sie drehte den Kopf in Richtung der Stimme. In Zeitlupe. Immer schwerer fiel ihr jede Bewegung. Es war ihr Sohn, der dort an ihrem Bett saß. Wie lange schon? Auch das wusste sie nicht.
„Schau was ich dir aus dem Garten mitgebracht habe.“
Sie fühlte etwas ihre Finger berühren. Glatt und kühl. Behutsam tastete sie danach und erkannte es sofort. Ein Blatt. Er hatte ihr ein Blatt von ihrem Ahorn mit herein gebracht. Ihr Mund versuchte ein „Danke“ zu formen, aber es blieb hinter den Lippen hängen.
Der Sohn streichelte behutsam ihre Wange. Sie wusste, er verstand sie auch wortlos. Aber wie gerne hätte sie so wie früher mit ihm geredet. Über all die kleinen und großen Dinge im Leben. Doch es fehlte ihr die Kraft.

„Den Frühling werden Sie wohl nicht mehr erleben“, hatte ihr Onkologe Anfang des Jahres gesagt. Sie hatte diese Aussage schweigend hingenommen. Woher sollte er wissen, wann es für sie Zeit sein würde zu sterben? Das wusste niemand.
Und so trotzte sie seinen Worten und erlebte einen letzten Frühling und dann noch einen Sommer. Nun war es Herbst. Ihre liebste Jahreszeit. Um nichts in der Welt hätte sie sie verpassen mögen. Natürlich war da noch der Wunsch gewesen, dies nicht nur vom Bett aus zu erleben.

Sie vermisste ihre Herbst Spaziergänge. Wenn sie die Augen schloss, träumte sie sich zurück auf die Felder und Wälder, die sie durchstreift hatte. Sie hörte das Rascheln des Laubs unter ihren Schritten, sah die ersten gelben und roten Blätter zwischen dem Grün. Und sie fühlte die kühle Luft, die in ihre Lungen geströmt war, wenn sie ausgelassen wie ein junges Mädchen über die Stoppelfelder gelaufen war.
Und der Herbst Regen! Die vom Sommer noch warmen Tropfen, die ihr über das Gesicht und die Hände gelaufen waren und die sich dann an Grashalme gehängt und in Spinnennetzen geschaukelt hatten.

Mitten hinein in ihre Herbstträume fühlte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte. Unwillig öffnete sie die Augen. Während der folgenden 20 Minuten, in der sie gewaschen wurde und eine neue Windel bekam, versuchte sie immer wieder einen Blick auf ihren Baum zu erhaschen.
Rot… Es sprang sie beinahe an.

Nachsatz

Die Inspiration für diese kleine Geschichte habe ich durch meinen gestrigen Spaziergang erhalten. Durch das was ich gesehen habe und was mir – bzgl. meiner eigenen Vergänglichkeit – durch den Kopf gegangen ist. Nachstehend könnt Ihr Euch die dabei entstandenen Fotos ansehen…

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abc.Etüden – Das Vor-Spiel

Etüde
Heute gibt es mal – höchst ungewohnt – zwei Beiträge der Waldträumerin. Ja, ich möchte in dieser Woche so gerne noch an den aktuellen Etüden teilnehmen und da es schon wieder kurz vor Tore Schluss ist… voilà!

Daher gibt es auch noch nicht die versprochene Fortsetzung, sondern einfach mal einen Schuss ins Wort-Blaue.

Und wer jetzt nicht weiß, was die abc.Etüden überhaupt sind: drei Begriffe (dieses Mal: Kartoffel, anzüglich und bevormunden) in max. 300 Wörtern unterbringen. Wenn Ihr wissen wollt, wer das Ganze initiert und wer sonst noch mit macht, dann schaut doch bei Christiane vorbei!

Und hier ist meine Mini-Geschichte:

Das Vor-Spiel
von Nicole Vergin

Das Messer gleitet durch die weich gekochte Kartoffel. Millimeter für Millimeter, bis sie auseinanderfällt. Eine Hälfte auf den blanken Teller, die andere mitten hinein in die dunkle sämige Bratensoße.
Die Gabel befindet sich bereits auf dem Weg durch die Luft. Wie ein Raubvogel lässt sie sich von oben herabsinken, durchsticht das gelbe Innenleben. Was dann folgt, ist ein Flug durch die Luft. Immer mit der Gefahr eines drohenden Absturzes im Nacken. Ein Mund, der sich sehnsüchtig öffnet und anzüglich die rote Zunge ein Stück weit hervorschiebt.
„Spiel nicht mit dem Essen!“
Scharfe bevormundende Worte, die dem Genuss Abenteuer ein rasches Ende bescheren.

102 Wörter

Der Geist im Spiegel

Heute kommt nun der nachgeholte Schreibkick vom 01. April. Thema: Im Spiegel. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber plötzlich war da diese Frau, Erika, die mich mit ihrer Geschichte in ihren Bann schlug. Ich sehe sie in einem Mietshaus leben, in einer mittelgroßen Stadt. Jeder lebt sein Leben. Ob es die jungen Männer aus der WG sind, das unverheiratete Paar im 2. Stock, die allein erziehende Mutter mit dem kleinen Jungen, der den Mund kaum aufbekommt… Ihr lest schon, mich bestürmt gerade Erikas aktuelles Leben. Und nun überlege ich, ob ich daraus eine Fortsetzungsgeschichte mache. In welchem Abstand, wie lange? Ach, ich weiß noch gar nicht. Mal schauen. Ich lass nochmal sacken… und bis dahin könnt Ihr ja mal lesen, ob Erika Euch überhaupt interessiert.

Und falls Ihr selber beim Schreibkick mitmachen wollt, dann schaut doch in Sabis Facebook Gruppe vorbei, einfach hier klicken!

Der Geist im Spiegel
von Nicole Vergin

Mühsam stellte Erika den Zahnputzbecher in die linke Seite des Spiegelschranks und schob dann die Tür zu. Ihr Spiegelbild sah ihr entgegen. Und was sie sah, gefiel ihr nicht. Müde schaute sie aus. Und alt. Nicht, dass ihr die Falten etwas ausmachten. Aber dieser stumpfe Blick aus ihren Augen. So, als wäre ihr Leben schon gelebt und nun würde nichts mehr kommen. Blass war sie auch.
Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal gelacht? Sie schüttelte den Kopf. Es fiel ihr nicht mehr ein.

70 ist das neue 60 hatte sie kürzlich in einer Illustrierten beim Arzt gelesen. Was die sich heute einfallen ließen, um ihre ganzen Verjüngungskuren an die Frau zu bringen. Sie war 73, in wenigen Monaten sogar 74 und sie spürte jedes einzelne dieser Jahre.
Erika beugte sich ein wenig vor und schaute ihrem Spiegelbild direkt in die Augen.
„Hab ich mich denn mit 60 besser gefühlt?“, fragte sie. Aber ihr Gegenüber schwieg.
Ja, sie war jetzt eine von diesen merkwürdigen Alten, über die sie früher gelacht hatte. Sie sprach mit sich selber, weil niemand da war mit dem sie hätte reden können. Und so ein Tag war lang.

Früher hatte sie viel gelacht. Und gerne. Und dass, obwohl es in den ersten Jahren nach dem Krieg gar nicht so leicht gewesen war. Aber sie war da noch ein Kind gewesen. Und sie hatte nichts anderes gekannt, als in den Trümmern zu spielen, immer mit diesem bohrenden Hungergefühl im Magen. War sie doch am 02. September 1945, dem Tag, als der zweite Weltkrieg endlich vorbei war, geboren worden. Mitten hinein in die Zerstörung, die darauf folgende Gewalt, die ebenfalls eingeschlagen hatte wie eine Bombe. Und der Hunger. Wie oft hatte ihre Mutter ihr später vorgehalten, dass sie das wenige an Nahrung mit ihr hatte teilen müssen.
Als hätte sie sich ausgesucht, genau zu diesem Zeitpunkt geboren zu werden. Aber die Mutter hatte es natürlich auch schwer gehabt. Der Mann, Erikas Vater, war noch in den letzten Wochen des Krieges gefallen und so hatte sie dagesessen mit den kranken Schwiegereltern in einer ausgebombten zugigen Wohnung und einem Säugling für den sie kaum Milch hatte.

Trotzdem war Erika ein fröhliches Kind gewesen und der Sonnenschein ihrer Großeltern, die die fehlende Mutterliebe mehr als wett gemacht hatten, so lange sie lebten.
Aber später war dann alles anders gekommen. Aus dem Sonnenschein war durch etliche Schicksalsschläge eine verbitterte alte Frau geworden.

Und als Erika ein weiteres Mal in den Spiegel schaute, da war es für einen Moment, als würde der Geist ihrer Mutter ihr Antlitz überdecken und sie anschauen. Mit diesem kalten Blick, der ihr noch heute einen Schauder über den Rücken laufen ließ.
Nein, so hatte sie nie werden wollen. Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern.
Erika wandte sich ab, verließ das Badezimmer und schlurfte in die Küche, wo ein neuer langer Tag auf sie wartete.

Diesmal waren dabei:

Rina

Christine

Veronika

Sabi

Corly

Das Thema für den ersten Mai lautet: Der Clown