Herbstliebe

Herbstliebe
von Nicole Vergin

Rot… Es sprang sie beinahe an.

Und obwohl sie ohne Brille nur noch verschwommen sah, erkannte sie ihren Baum. Ihr Lieblingsahorn hatte über Nacht sein Herbstkleid angezogen. Oder vielleicht war es auch gar nicht über Nacht passiert. Nein, wahrscheinlich nicht. Die Zeit verschwamm, seit sie hier in ihrem Pflegebett lag. Tagein, Tagaus.
„Mama?“
Sie drehte den Kopf in Richtung der Stimme. In Zeitlupe. Immer schwerer fiel ihr jede Bewegung. Es war ihr Sohn, der dort an ihrem Bett saß. Wie lange schon? Auch das wusste sie nicht.
„Schau was ich dir aus dem Garten mitgebracht habe.“
Sie fühlte etwas ihre Finger berühren. Glatt und kühl. Behutsam tastete sie danach und erkannte es sofort. Ein Blatt. Er hatte ihr ein Blatt von ihrem Ahorn mit herein gebracht. Ihr Mund versuchte ein „Danke“ zu formen, aber es blieb hinter den Lippen hängen.
Der Sohn streichelte behutsam ihre Wange. Sie wusste, er verstand sie auch wortlos. Aber wie gerne hätte sie so wie früher mit ihm geredet. Über all die kleinen und großen Dinge im Leben. Doch es fehlte ihr die Kraft.

„Den Frühling werden Sie wohl nicht mehr erleben“, hatte ihr Onkologe Anfang des Jahres gesagt. Sie hatte diese Aussage schweigend hingenommen. Woher sollte er wissen, wann es für sie Zeit sein würde zu sterben? Das wusste niemand.
Und so trotzte sie seinen Worten und erlebte einen letzten Frühling und dann noch einen Sommer. Nun war es Herbst. Ihre liebste Jahreszeit. Um nichts in der Welt hätte sie sie verpassen mögen. Natürlich war da noch der Wunsch gewesen, dies nicht nur vom Bett aus zu erleben.

Sie vermisste ihre Herbst Spaziergänge. Wenn sie die Augen schloss, träumte sie sich zurück auf die Felder und Wälder, die sie durchstreift hatte. Sie hörte das Rascheln des Laubs unter ihren Schritten, sah die ersten gelben und roten Blätter zwischen dem Grün. Und sie fühlte die kühle Luft, die in ihre Lungen geströmt war, wenn sie ausgelassen wie ein junges Mädchen über die Stoppelfelder gelaufen war.
Und der Herbst Regen! Die vom Sommer noch warmen Tropfen, die ihr über das Gesicht und die Hände gelaufen waren und die sich dann an Grashalme gehängt und in Spinnennetzen geschaukelt hatten.

Mitten hinein in ihre Herbstträume fühlte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte. Unwillig öffnete sie die Augen. Während der folgenden 20 Minuten, in der sie gewaschen wurde und eine neue Windel bekam, versuchte sie immer wieder einen Blick auf ihren Baum zu erhaschen.
Rot… Es sprang sie beinahe an.

Nachsatz

Die Inspiration für diese kleine Geschichte habe ich durch meinen gestrigen Spaziergang erhalten. Durch das was ich gesehen habe und was mir – bzgl. meiner eigenen Vergänglichkeit – durch den Kopf gegangen ist. Nachstehend könnt Ihr Euch die dabei entstandenen Fotos ansehen…

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abc.Etüden – Das Vor-Spiel

Etüde
Heute gibt es mal – höchst ungewohnt – zwei Beiträge der Waldträumerin. Ja, ich möchte in dieser Woche so gerne noch an den aktuellen Etüden teilnehmen und da es schon wieder kurz vor Tore Schluss ist… voilà!

Daher gibt es auch noch nicht die versprochene Fortsetzung, sondern einfach mal einen Schuss ins Wort-Blaue.

Und wer jetzt nicht weiß, was die abc.Etüden überhaupt sind: drei Begriffe (dieses Mal: Kartoffel, anzüglich und bevormunden) in max. 300 Wörtern unterbringen. Wenn Ihr wissen wollt, wer das Ganze initiert und wer sonst noch mit macht, dann schaut doch bei Christiane vorbei!

Und hier ist meine Mini-Geschichte:

Das Vor-Spiel
von Nicole Vergin

Das Messer gleitet durch die weich gekochte Kartoffel. Millimeter für Millimeter, bis sie auseinanderfällt. Eine Hälfte auf den blanken Teller, die andere mitten hinein in die dunkle sämige Bratensoße.
Die Gabel befindet sich bereits auf dem Weg durch die Luft. Wie ein Raubvogel lässt sie sich von oben herabsinken, durchsticht das gelbe Innenleben. Was dann folgt, ist ein Flug durch die Luft. Immer mit der Gefahr eines drohenden Absturzes im Nacken. Ein Mund, der sich sehnsüchtig öffnet und anzüglich die rote Zunge ein Stück weit hervorschiebt.
„Spiel nicht mit dem Essen!“
Scharfe bevormundende Worte, die dem Genuss Abenteuer ein rasches Ende bescheren.

102 Wörter

Der Geist im Spiegel

Heute kommt nun der nachgeholte Schreibkick vom 01. April. Thema: Im Spiegel. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber plötzlich war da diese Frau, Erika, die mich mit ihrer Geschichte in ihren Bann schlug. Ich sehe sie in einem Mietshaus leben, in einer mittelgroßen Stadt. Jeder lebt sein Leben. Ob es die jungen Männer aus der WG sind, das unverheiratete Paar im 2. Stock, die allein erziehende Mutter mit dem kleinen Jungen, der den Mund kaum aufbekommt… Ihr lest schon, mich bestürmt gerade Erikas aktuelles Leben. Und nun überlege ich, ob ich daraus eine Fortsetzungsgeschichte mache. In welchem Abstand, wie lange? Ach, ich weiß noch gar nicht. Mal schauen. Ich lass nochmal sacken… und bis dahin könnt Ihr ja mal lesen, ob Erika Euch überhaupt interessiert.

Und falls Ihr selber beim Schreibkick mitmachen wollt, dann schaut doch in Sabis Facebook Gruppe vorbei, einfach hier klicken!

Der Geist im Spiegel
von Nicole Vergin

Mühsam stellte Erika den Zahnputzbecher in die linke Seite des Spiegelschranks und schob dann die Tür zu. Ihr Spiegelbild sah ihr entgegen. Und was sie sah, gefiel ihr nicht. Müde schaute sie aus. Und alt. Nicht, dass ihr die Falten etwas ausmachten. Aber dieser stumpfe Blick aus ihren Augen. So, als wäre ihr Leben schon gelebt und nun würde nichts mehr kommen. Blass war sie auch.
Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal gelacht? Sie schüttelte den Kopf. Es fiel ihr nicht mehr ein.

70 ist das neue 60 hatte sie kürzlich in einer Illustrierten beim Arzt gelesen. Was die sich heute einfallen ließen, um ihre ganzen Verjüngungskuren an die Frau zu bringen. Sie war 73, in wenigen Monaten sogar 74 und sie spürte jedes einzelne dieser Jahre.
Erika beugte sich ein wenig vor und schaute ihrem Spiegelbild direkt in die Augen.
„Hab ich mich denn mit 60 besser gefühlt?“, fragte sie. Aber ihr Gegenüber schwieg.
Ja, sie war jetzt eine von diesen merkwürdigen Alten, über die sie früher gelacht hatte. Sie sprach mit sich selber, weil niemand da war mit dem sie hätte reden können. Und so ein Tag war lang.

Früher hatte sie viel gelacht. Und gerne. Und dass, obwohl es in den ersten Jahren nach dem Krieg gar nicht so leicht gewesen war. Aber sie war da noch ein Kind gewesen. Und sie hatte nichts anderes gekannt, als in den Trümmern zu spielen, immer mit diesem bohrenden Hungergefühl im Magen. War sie doch am 02. September 1945, dem Tag, als der zweite Weltkrieg endlich vorbei war, geboren worden. Mitten hinein in die Zerstörung, die darauf folgende Gewalt, die ebenfalls eingeschlagen hatte wie eine Bombe. Und der Hunger. Wie oft hatte ihre Mutter ihr später vorgehalten, dass sie das wenige an Nahrung mit ihr hatte teilen müssen.
Als hätte sie sich ausgesucht, genau zu diesem Zeitpunkt geboren zu werden. Aber die Mutter hatte es natürlich auch schwer gehabt. Der Mann, Erikas Vater, war noch in den letzten Wochen des Krieges gefallen und so hatte sie dagesessen mit den kranken Schwiegereltern in einer ausgebombten zugigen Wohnung und einem Säugling für den sie kaum Milch hatte.

Trotzdem war Erika ein fröhliches Kind gewesen und der Sonnenschein ihrer Großeltern, die die fehlende Mutterliebe mehr als wett gemacht hatten, so lange sie lebten.
Aber später war dann alles anders gekommen. Aus dem Sonnenschein war durch etliche Schicksalsschläge eine verbitterte alte Frau geworden.

Und als Erika ein weiteres Mal in den Spiegel schaute, da war es für einen Moment, als würde der Geist ihrer Mutter ihr Antlitz überdecken und sie anschauen. Mit diesem kalten Blick, der ihr noch heute einen Schauder über den Rücken laufen ließ.
Nein, so hatte sie nie werden wollen. Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern.
Erika wandte sich ab, verließ das Badezimmer und schlurfte in die Küche, wo ein neuer langer Tag auf sie wartete.

Diesmal waren dabei:

Rina

Christine

Veronika

Sabi

Corly

Das Thema für den ersten Mai lautet: Der Clown

abc.Etüden – Que será, será 3

etüdeMax. 300 Wörter, die drei Begriffe enthalten müssen. Es ist wieder abc.Etüden Zeit und ich bin auf den aller- allerletzten Drücker dabei. Die Geschichte um meinen Buchhändler ließ mich nicht los, aber diesmal habe ich eine Szene aus einer anderen Sicht. Trotz allem eine Fortsetzung davon was bisher in Teil 1 und Teil 2 passiert ist. Und wenn Ihr die anderen Etüden auch gerne lesen mögt – kann ich nur empfehlen! – dann schaut bei der Initiatorin Christiane vorbei!

Que serà, serà 3
von Nicole Vergin

Besorgt sah Andrea ihr Gegenüber an. Leichenblass. Schweißtropfen auf der Stirn. Sie hätte den alten Mann nach seiner Ohnmacht doch lieber in ein Krankenhaus bringen sollen, anstatt jetzt hier mit ihm in dem kleinen Café gegenüber seiner Buchhandlung zu sitzen. Aber seine stammelnden Worte über das Lesezeichen, das wohl seiner Frau gehört hatte, die hatten sie gerührt und ihren Verstand in den Hintergrund geschoben.
Ist ja klar, dass mir so etwas passiert, dachte sie, und dass wo ich eigentlich nur ein Lesezeichen kaufen wollte.
Andrea beobachtete, wie ihr Gegenüber mit zittrigen Händen die Tasse an den Mund führte und einen Schluck Kaffee nahm.
„Geht es ihnen jetzt besser?“
Es dauerte eine Weile, bis seine Augen ihr Gesicht fanden und er nickte. Seine Stimme klang rau, als er ein „Danke“ flüsterte. Andrea nickte zurück und überlegte krampfhaft was sie noch sagen könnte, als der alte Mann wieder das Wort ergriff: „Unser ganzes Leben… Verdorben, vergiftet.“
Sie sah ihn fragend an.
„Durch den Unfall meiner Frau vor 20 Jahren. Wir hatten noch so viel vor. Damals. Mit der Buchhandlung. Und wir wollten reisen.“ Die Wörter kamen schneller und schneller, brachen sich Bahn wie das Wasser bei einem Staudamm, das sich endlich sein Flussbett zurück erobert. „Ich bin übrig geblieben oder wie meine Mutter immer gesagt hat: den Letzten beißen die Hunde. Aber nicht einmal die interessieren sich noch für mich.“
Andrea stiegen Tränen in die Augen. So viel Einsamkeit in einem einzelnen Menschen.
Sie suchte nach Worten, räusperte sich: „Was stand da eigentlich auf dem Lesezeichen?“
„Que serà, serà, das ist ein Lied von…“
„Doris Day, ich weiß.“
Der alte Mann sah auf und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung tauchte ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht auf. Andrea lächelte zurück und dachte: Musik verbindet eben.

294 Wörter

ABC.Etüden – Que será, será 2

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Auf den letzten Drücker kommt noch meine Etüde zur aktuellen Wortspende: Nieselregen, weich, irren. Das alles in max. 300 Wörtern verpackt. Die abc.Etüden sind übrigens ein Projekt von Christiane. Schaut gerne bei ihr vorbei und macht mit – es macht echt Spaß! Ach ja, meine Etüde ist übrigens eine Fortsetzung von der letzten, die ihr hier findet. Und ehrlich geschrieben habe ich an der Geschichte Spaß entwickelt, es könnte also sein, dass da noch mehr kommt…

Que serà, serà 2
von Nicole Vergin

Ein Lesezeichen! Verächtlich schnaubend zerrte er einen Schuhkarton aus dem Regal. Bücher sollten die Kunden kaufen.
„Hallo?“ Die wartende Kundin klang ungeduldig.
„Schon gut“, rief er zurück, „bin ja gleich wieder da.“

Der Kunde ist König, vergiss das nie.
Wie oft hatte seine Else dies zu ihm gesagt, wenn er den Kunden die kalte Schulter gezeigt hatte, weil sie seiner Meinung nach nicht das richtige bei ihm kaufen wollten.
Resigniert klemmte er sich den Karton unter den Arm und schlurfte wieder nach vorne. Dieses zwischenmenschliche war nicht sein Ding. Seiner Else hingegen hatte es im Blut gelegen. Wenn sie einem Kunden ein Buch empfohlen hatte, dann war es genau das richtige gewesen. Sie schien sich nie zu irren.

Wortlos knallte er den Karton auf die Ladentheke und öffnete den Deckel.
„Ist das ihre gesamte Auswahl?“ Die Kundin blickte skeptisch auf die angestaubt wirkenden Lesezeichen und begann darin herum zu wühlen.
„Ja“, presste er hervor, während sein Blick an ihr vorbei durch das Schaufenster wanderte. Es hatte zu regnen begonnen. Nieselregen, den seine Else so gern gemocht hatte. Er sei so weich, wenn er auf ihr landete. Nicht fordernd und prasselnd wie die dicken Tropfen, die an den Scheiben Einlass zu begehren schienen.
Er versuchte seine Gedanken wieder auf die Kundin zu richten, die inzwischen eines der Lesezeichen aus dem Karton ausgewählt hatte.
„Dies hier nehme ich“, sagte sie entschieden.
Mit offenem Mund starrte er auf das schmale Stück Stoff mit der roten Kordel am Ende.
„Vintage“, sagte die Kundin und nun klang ihre Stimme zufrieden, „das mag ich.“
Er sah die liebevoll handgestickte Rose und den Schriftzug „Que será, será“. Wie kam das Lesezeichen seiner Else in diesen Karton? Sein Herz schlug laut, in seinem Kopf sang Doris Day ihr Lied und dann fiel er in ein schwarzes Loch.

299 Wörter

Die Welt bei Nacht

Der 1. des Monats ist da und somit Zeit für den aktuellen Schreibkick – diesmal zum Thema „Die Welt bei Nacht“. Der Schreibkick ist eine Idee von Sabi Lianne und die facebook Seite dazu findet Ihr hier.

Bis gestern Abend hatte ich keinen blassen Schimmer, was ich schreiben sollte. Also habe ich einfach alles aufgeschrieben, was mir durch den Kopf gegangen ist… und dann, bei der Abendrunde mit Gina war plötzlich die Idee geboren – und hier ist sie:

Die Welt bei Nacht
von Nicole Vergin

„Opa? Bringst du mich heute wieder ins Bett?“ Seit ihr Großvater zu Besuch war, wollte Sina das am liebsten jeden Abend.
„Na klar“, der Großvater streckte lächelnd seine Hand aus und kurz darauf gingen sie einträchtig in Sinas Zimmer, wo ihre Mutter gerade die bunt gestreiften Vorhänge zuziehen wollte.
„Warte“, rief Sina und lief zum Fenster. „Opa, schau mal wie dunkel es schon ist.“
Nebeneinander standen sie am Fenster und schauten hinaus in die Nacht, die nur vom Licht zweier Straßenlaternen unterbrochen wurde.
„Ich mag es gar nicht, wenn es so dunkel ist.“ Sina drückte ihre Nase gegen die Scheibe. „Und du?“
„Ich finde es schön, wenn es abends langsam dunkel wird und alles ruhiger ist, als am Tag.“ Nun drückte auch der Großvater seine Nase an die Scheibe.
Sina kicherte, als sie die Nasenabdrücke betrachtete. „Aber es ist alles schöner, wenn es hell ist“, meinte sie dann.

„Weißt du denn, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass die Nacht in die Welt kam?“
„Och Opa. Die Nacht gab es doch schon immer!“ Sina wusste das längst, sie war ja kein Baby mehr.
Ihr Großvater zwinkerte ihr zu und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nein. Es gab Zeiten, in denen war es immer nur Tag! Und willst du nun die Geschichte hören?“
„Oh ja“, wie der Blitz war Sina in ihr Bett gesprungen und hatte sich unter die Decke gekuschelt. Ihr Großvater erzählte tolle Geschichten, da wollte sie sich nicht eine einzige entgehen lassen.

„Na gut, dann erzähle ich sie dir.“ Er rückte sich Sinas Schreibtischstuhl an ihr Bett, setzte sich darauf und begann: „Es war einmal vor langer Zeit, da herrschte die Sonne allein oben am Himmel. Tag für Tag leuchtete sie mit ihren hellen Strahlen, so dass alle Menschen immer Licht hatten.“
„Und was war, wenn es Wolken am Himmel gab?“
„Dann war die Welt mal ein wenig dunkler. Aber nie so dunkel, wie es jetzt nachts ist.“
„Aber wie kam es denn dann, dass es Nacht wurde?“ Neugierig sah Sina ihren Großvater an, der bereitwillig weiter erzählte.
„Nachdem die Sonne lange Zeit immer geschienen hatte, war sie eines Tages müde. Und zwar so richtig. Immer wieder fielen ihr die Augen zu.“ Der Großvater schloss die Augen und ließ sich ein Stück vornüber fallen.
„Bestimmt hat sie auch gegähnt“, fügte Sina hinzu und machte mit weit geöffnetem Mund „uaaaaaaaaah“.
„Genau“, lachte ihr Großvater und fiel in das „uaaaaah“ ein.
Sina kicherte. Mit ihrem Opa konnte sie wirklich jeden Blödsinn machen.

„Und weil sie ja nicht schlafen durfte, bekam die Sonne auch noch schlechte Laune.“ Der Großvater zog die Mundwinkel nach unten und machte ein grimmiges Gesicht.
„Bestimmt hat sie auch die Sonnenstrahlen angemeckert“, kicherte Sina.
„Genau! Es war ja so schon nicht leicht, diese ganze Strahlen-Bande zu bändigen, aber nun wo sie auch noch so müde war…“
„Und was passierte dann?“
„Tja, eines schönen Tages klopfte es plötzlich bei der Sonne an der Haustür“, mit dem Zeigefingerknöchel machte der Großvater die Klopfgeräusche auf dem Nachtschrank nach.
„Die Sonne hat ein Haus?“, staunte Sina ungläubig.
„Klar, was dachtest du denn?“
„Und wer stand vor der Tür?“
„Ein Mondgesicht. Ein rundes Vollmondgesicht. Hallo, ich bin der Mond, sagte es. Ich habe gehört, du kannst mich brauchen.“ Der Großvater hatte die Wangen aufgeblasen, um das Gesicht des Mondes darzustellen. „Aber die Sonne wollte anfangs ihre Macht über die Welt nicht teilen. Sie wollte weiter alles für sich haben. Und daher hat sie den Mond, mitsamt seinen Sternen, die er auch dabei hatte, einfach wieder vor die Tür gesetzt.“
„Das war ja ganz schön blöd“, Sina schüttelte den Kopf.
„Stimmt. Und der Mond wusste das. Er wusste, dass er einfach nur weiter abwarten musste und irgendwann würde seine Zeit kommen.“
„Bestimmt ist die Sonne irgendwann doch eingeschlafen!“
Der Großvater zwinkerte seiner Enkelin zu. „Genau so war es. Sie konnte sich eines Tages einfach nicht mehr wachhalten. Und als sie eingeschlafen war, schliefen auch all die kleinen Sonnenstrahlen ein und niemand leuchtete mehr. Die Menschen saßen plötzlich im Dunkeln.“
Gespannt sah Sina ihren Großvater an. „Hatten die Menschen Angst?“
„Oh ja, natürlich hatten sie Angst. Sie kannten es ja gar nicht, ohne das Sonnenlicht zu sein. Aber noch bevor sie sich etwas überlegen konnten, erschien plötzlich oben am Himmel etwas Helles. Erst dachten sie, die Sonne sei zurück gekommen, aber…“
„Es war der Mond!“ Sina strahlte über das ganze Gesicht.
„Genau! Und mit ihm kamen auch die Sterne und da an diesem Tag keine Wolken die Sicht verdeckten, konnten sie alle um die Wette leuchten und die Menschen freuten sich darüber, dass sie zumindest etwas Licht hatten.“
„Und was hat die Sonne gemacht, als sie wieder aufgewacht ist? War sie sehr wütend, dass der Mond einfach wieder aufgetaucht war?“
„Nein, die Sonne war das erste Mal nach langer Zeit ausgeschlafen und hatte gute Laune. So, als ob du am Wochenende ausschlafen kannst und nicht morgens für die Schule früh aufstehen musst.“ Der Großvater zwinkerte Sina zu. „Sie hat sich dann tatsächlich bei dem Mond und auch den Sternen für die Hilfe bedankt.“
„Und dann haben sie abgesprochen, dass sie sich immer abwechseln würden, stimmts?“
Der Großvater nickte. „Seit diesem Zeitpunkt gibt es den Tag und die Nacht. Und ich finde beides schön.“

Sina war wieder aus dem Bett geklettert und stand nun am Fenster und sah zum Himmel hinauf, wo der Mond gerade hinter einer Wolke hervorlugte. „Eigentlich finde ich die Welt bei Nacht auch ganz schön“, stellte sie dann fest.
Als sie sich gleich darauf wieder in ihr Bett kuschelte murmelte sie schläfrig: „Schlaf gut, liebe Sonne. Wir sehen uns morgen früh wieder!“

Diesmal waren dabei:

Rina

Corly

Veronika

Sabi Lianne

Das Thema für den 01. April lautet: Im Spiegel

abc.Etüden – Que serà, serà

Etüden 2019 08+09 | 365tageasatzadayUnd weiter geht es mit den abc.etüden von Christiane. Ihr erinnert Euch? Texte mit max. 300 Wörtern und dieses Mal sollen enthalten sein: Altersschwach, Lesezeichen und hüpfen.

Und hier kommt mein Beitrag (der Titel hakt… aber mir ist gerade nichts anderes eingefallen:

Que serà, serà
von Nicole Vergin

Mit schweren Füßen schlurfte er durch den verstaubten Laden. Beinahe war es ein Segen, dass seine Augen ihn nach und nach im Stich ließen. So sah er den Staub auf den alten Büchern und die Spinnenweben über den Regalen nicht mehr so deutlich. Gut, dass seine Else den Verfall ihres geliebten Buchladens nicht mehr erlebt hatte. Spätestens dass hätte sie umgebracht. Aber so war es dieses versoffene Schwein mit seiner Luxuskarosse gewesen, dass sie ihm entrissen hatte.

Für einen Moment erlaubte er sich von der Vergangenheit zu träumen. Er hörte die Stimme von Doris Day, wie sie „Que serà, serà“ sang und sah seine Else übermütig wie ein junges Füllen durch den Buchladen hüpfen.

Zwei Jahrzehnte waren seitdem vergangen und ja, er musste es sich eingestehen: mit dem hüpfen war es bei ihm nicht mehr weit her. Altersschwach war er geworden. Ein Greis, so hatte seine Enkelin, dieses unerzogene Gör, ihn neulich erst genannt. Aber senil, nein, senil war er nun wirklich nicht. Nach wie vor war es ihm ein leichtes „Die Glocke“ von Schiller zu rezitieren. Er räusperte sich kurz, streckte seine mageren Arme in die Luft und begann: „Fest gemauert in der Erde, steht die Form aus… aus… verflixt.“ Er ließ die Arme sinken und zuckte die Schultern. Egal. Jeder hatte mal einen schlechten Tag.

Die Glocke läutete. Hoffnungsvoll sah er zur Ladentür. Vielleicht würde der Tag doch noch gut werden.
„Haben sie Lesezeichen?“
Ohne zu antworten, drehte er sich weg und schlurfte hinüber in den Lagerraum.

249 Wörter