abc.Etüden – Das Vor-Spiel

Etüde
Heute gibt es mal – höchst ungewohnt – zwei Beiträge der Waldträumerin. Ja, ich möchte in dieser Woche so gerne noch an den aktuellen Etüden teilnehmen und da es schon wieder kurz vor Tore Schluss ist… voilà!

Daher gibt es auch noch nicht die versprochene Fortsetzung, sondern einfach mal einen Schuss ins Wort-Blaue.

Und wer jetzt nicht weiß, was die abc.Etüden überhaupt sind: drei Begriffe (dieses Mal: Kartoffel, anzüglich und bevormunden) in max. 300 Wörtern unterbringen. Wenn Ihr wissen wollt, wer das Ganze initiert und wer sonst noch mit macht, dann schaut doch bei Christiane vorbei!

Und hier ist meine Mini-Geschichte:

Das Vor-Spiel
von Nicole Vergin

Das Messer gleitet durch die weich gekochte Kartoffel. Millimeter für Millimeter, bis sie auseinanderfällt. Eine Hälfte auf den blanken Teller, die andere mitten hinein in die dunkle sämige Bratensoße.
Die Gabel befindet sich bereits auf dem Weg durch die Luft. Wie ein Raubvogel lässt sie sich von oben herabsinken, durchsticht das gelbe Innenleben. Was dann folgt, ist ein Flug durch die Luft. Immer mit der Gefahr eines drohenden Absturzes im Nacken. Ein Mund, der sich sehnsüchtig öffnet und anzüglich die rote Zunge ein Stück weit hervorschiebt.
„Spiel nicht mit dem Essen!“
Scharfe bevormundende Worte, die dem Genuss Abenteuer ein rasches Ende bescheren.

102 Wörter

Der Geist im Spiegel

Heute kommt nun der nachgeholte Schreibkick vom 01. April. Thema: Im Spiegel. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber plötzlich war da diese Frau, Erika, die mich mit ihrer Geschichte in ihren Bann schlug. Ich sehe sie in einem Mietshaus leben, in einer mittelgroßen Stadt. Jeder lebt sein Leben. Ob es die jungen Männer aus der WG sind, das unverheiratete Paar im 2. Stock, die allein erziehende Mutter mit dem kleinen Jungen, der den Mund kaum aufbekommt… Ihr lest schon, mich bestürmt gerade Erikas aktuelles Leben. Und nun überlege ich, ob ich daraus eine Fortsetzungsgeschichte mache. In welchem Abstand, wie lange? Ach, ich weiß noch gar nicht. Mal schauen. Ich lass nochmal sacken… und bis dahin könnt Ihr ja mal lesen, ob Erika Euch überhaupt interessiert.

Und falls Ihr selber beim Schreibkick mitmachen wollt, dann schaut doch in Sabis Facebook Gruppe vorbei, einfach hier klicken!

Der Geist im Spiegel
von Nicole Vergin

Mühsam stellte Erika den Zahnputzbecher in die linke Seite des Spiegelschranks und schob dann die Tür zu. Ihr Spiegelbild sah ihr entgegen. Und was sie sah, gefiel ihr nicht. Müde schaute sie aus. Und alt. Nicht, dass ihr die Falten etwas ausmachten. Aber dieser stumpfe Blick aus ihren Augen. So, als wäre ihr Leben schon gelebt und nun würde nichts mehr kommen. Blass war sie auch.
Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal gelacht? Sie schüttelte den Kopf. Es fiel ihr nicht mehr ein.

70 ist das neue 60 hatte sie kürzlich in einer Illustrierten beim Arzt gelesen. Was die sich heute einfallen ließen, um ihre ganzen Verjüngungskuren an die Frau zu bringen. Sie war 73, in wenigen Monaten sogar 74 und sie spürte jedes einzelne dieser Jahre.
Erika beugte sich ein wenig vor und schaute ihrem Spiegelbild direkt in die Augen.
„Hab ich mich denn mit 60 besser gefühlt?“, fragte sie. Aber ihr Gegenüber schwieg.
Ja, sie war jetzt eine von diesen merkwürdigen Alten, über die sie früher gelacht hatte. Sie sprach mit sich selber, weil niemand da war mit dem sie hätte reden können. Und so ein Tag war lang.

Früher hatte sie viel gelacht. Und gerne. Und dass, obwohl es in den ersten Jahren nach dem Krieg gar nicht so leicht gewesen war. Aber sie war da noch ein Kind gewesen. Und sie hatte nichts anderes gekannt, als in den Trümmern zu spielen, immer mit diesem bohrenden Hungergefühl im Magen. War sie doch am 02. September 1945, dem Tag, als der zweite Weltkrieg endlich vorbei war, geboren worden. Mitten hinein in die Zerstörung, die darauf folgende Gewalt, die ebenfalls eingeschlagen hatte wie eine Bombe. Und der Hunger. Wie oft hatte ihre Mutter ihr später vorgehalten, dass sie das wenige an Nahrung mit ihr hatte teilen müssen.
Als hätte sie sich ausgesucht, genau zu diesem Zeitpunkt geboren zu werden. Aber die Mutter hatte es natürlich auch schwer gehabt. Der Mann, Erikas Vater, war noch in den letzten Wochen des Krieges gefallen und so hatte sie dagesessen mit den kranken Schwiegereltern in einer ausgebombten zugigen Wohnung und einem Säugling für den sie kaum Milch hatte.

Trotzdem war Erika ein fröhliches Kind gewesen und der Sonnenschein ihrer Großeltern, die die fehlende Mutterliebe mehr als wett gemacht hatten, so lange sie lebten.
Aber später war dann alles anders gekommen. Aus dem Sonnenschein war durch etliche Schicksalsschläge eine verbitterte alte Frau geworden.

Und als Erika ein weiteres Mal in den Spiegel schaute, da war es für einen Moment, als würde der Geist ihrer Mutter ihr Antlitz überdecken und sie anschauen. Mit diesem kalten Blick, der ihr noch heute einen Schauder über den Rücken laufen ließ.
Nein, so hatte sie nie werden wollen. Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern.
Erika wandte sich ab, verließ das Badezimmer und schlurfte in die Küche, wo ein neuer langer Tag auf sie wartete.

Diesmal waren dabei:

Rina

Christine

Veronika

Sabi

Corly

Das Thema für den ersten Mai lautet: Der Clown

abc.Etüden – Que será, será 3

etüdeMax. 300 Wörter, die drei Begriffe enthalten müssen. Es ist wieder abc.Etüden Zeit und ich bin auf den aller- allerletzten Drücker dabei. Die Geschichte um meinen Buchhändler ließ mich nicht los, aber diesmal habe ich eine Szene aus einer anderen Sicht. Trotz allem eine Fortsetzung davon was bisher in Teil 1 und Teil 2 passiert ist. Und wenn Ihr die anderen Etüden auch gerne lesen mögt – kann ich nur empfehlen! – dann schaut bei der Initiatorin Christiane vorbei!

Que serà, serà 3
von Nicole Vergin

Besorgt sah Andrea ihr Gegenüber an. Leichenblass. Schweißtropfen auf der Stirn. Sie hätte den alten Mann nach seiner Ohnmacht doch lieber in ein Krankenhaus bringen sollen, anstatt jetzt hier mit ihm in dem kleinen Café gegenüber seiner Buchhandlung zu sitzen. Aber seine stammelnden Worte über das Lesezeichen, das wohl seiner Frau gehört hatte, die hatten sie gerührt und ihren Verstand in den Hintergrund geschoben.
Ist ja klar, dass mir so etwas passiert, dachte sie, und dass wo ich eigentlich nur ein Lesezeichen kaufen wollte.
Andrea beobachtete, wie ihr Gegenüber mit zittrigen Händen die Tasse an den Mund führte und einen Schluck Kaffee nahm.
„Geht es ihnen jetzt besser?“
Es dauerte eine Weile, bis seine Augen ihr Gesicht fanden und er nickte. Seine Stimme klang rau, als er ein „Danke“ flüsterte. Andrea nickte zurück und überlegte krampfhaft was sie noch sagen könnte, als der alte Mann wieder das Wort ergriff: „Unser ganzes Leben… Verdorben, vergiftet.“
Sie sah ihn fragend an.
„Durch den Unfall meiner Frau vor 20 Jahren. Wir hatten noch so viel vor. Damals. Mit der Buchhandlung. Und wir wollten reisen.“ Die Wörter kamen schneller und schneller, brachen sich Bahn wie das Wasser bei einem Staudamm, das sich endlich sein Flussbett zurück erobert. „Ich bin übrig geblieben oder wie meine Mutter immer gesagt hat: den Letzten beißen die Hunde. Aber nicht einmal die interessieren sich noch für mich.“
Andrea stiegen Tränen in die Augen. So viel Einsamkeit in einem einzelnen Menschen.
Sie suchte nach Worten, räusperte sich: „Was stand da eigentlich auf dem Lesezeichen?“
„Que serà, serà, das ist ein Lied von…“
„Doris Day, ich weiß.“
Der alte Mann sah auf und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung tauchte ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht auf. Andrea lächelte zurück und dachte: Musik verbindet eben.

294 Wörter

ABC.Etüden – Que será, será 2

2019_1011_2_300
Auf den letzten Drücker kommt noch meine Etüde zur aktuellen Wortspende: Nieselregen, weich, irren. Das alles in max. 300 Wörtern verpackt. Die abc.Etüden sind übrigens ein Projekt von Christiane. Schaut gerne bei ihr vorbei und macht mit – es macht echt Spaß! Ach ja, meine Etüde ist übrigens eine Fortsetzung von der letzten, die ihr hier findet. Und ehrlich geschrieben habe ich an der Geschichte Spaß entwickelt, es könnte also sein, dass da noch mehr kommt…

Que serà, serà 2
von Nicole Vergin

Ein Lesezeichen! Verächtlich schnaubend zerrte er einen Schuhkarton aus dem Regal. Bücher sollten die Kunden kaufen.
„Hallo?“ Die wartende Kundin klang ungeduldig.
„Schon gut“, rief er zurück, „bin ja gleich wieder da.“

Der Kunde ist König, vergiss das nie.
Wie oft hatte seine Else dies zu ihm gesagt, wenn er den Kunden die kalte Schulter gezeigt hatte, weil sie seiner Meinung nach nicht das richtige bei ihm kaufen wollten.
Resigniert klemmte er sich den Karton unter den Arm und schlurfte wieder nach vorne. Dieses zwischenmenschliche war nicht sein Ding. Seiner Else hingegen hatte es im Blut gelegen. Wenn sie einem Kunden ein Buch empfohlen hatte, dann war es genau das richtige gewesen. Sie schien sich nie zu irren.

Wortlos knallte er den Karton auf die Ladentheke und öffnete den Deckel.
„Ist das ihre gesamte Auswahl?“ Die Kundin blickte skeptisch auf die angestaubt wirkenden Lesezeichen und begann darin herum zu wühlen.
„Ja“, presste er hervor, während sein Blick an ihr vorbei durch das Schaufenster wanderte. Es hatte zu regnen begonnen. Nieselregen, den seine Else so gern gemocht hatte. Er sei so weich, wenn er auf ihr landete. Nicht fordernd und prasselnd wie die dicken Tropfen, die an den Scheiben Einlass zu begehren schienen.
Er versuchte seine Gedanken wieder auf die Kundin zu richten, die inzwischen eines der Lesezeichen aus dem Karton ausgewählt hatte.
„Dies hier nehme ich“, sagte sie entschieden.
Mit offenem Mund starrte er auf das schmale Stück Stoff mit der roten Kordel am Ende.
„Vintage“, sagte die Kundin und nun klang ihre Stimme zufrieden, „das mag ich.“
Er sah die liebevoll handgestickte Rose und den Schriftzug „Que será, será“. Wie kam das Lesezeichen seiner Else in diesen Karton? Sein Herz schlug laut, in seinem Kopf sang Doris Day ihr Lied und dann fiel er in ein schwarzes Loch.

299 Wörter

abc.etüden – Eifersucht ist eine Leidenschaft

2019_0607_1_300Eine Weile bin ich schon um die abc.etüden bei Christiane herumgeschlichen… und diesmal bin ich das erste Mal dabei! Worum es geht? Es werden Texte geschrieben mit max. 300 Wörtern, die drei bestimmte Wörter enthalten müssen. Dieses Mal sind das: Winterreifen, stolpern und eifersüchtig.

Und das habe ich daraus gemacht:

Eifersucht ist eine Leidenschaft
von Nicole Vergin

„Du kannst mich mal!“ Simone knallte die Tür zu.
„Sag einfach die Wahrheit!“ Martin, ihr Ehemann, war ihr gefolgt. „Wo willst du hin?“
„Ich brauche Luft! Du engst mich ein!“ Rasch schlüpfte sie in ihren Wintermantel.
„Ach, aber dein Jens macht das nicht.“ Das Gesicht ihres Mannes war dunkelrot angelaufen.
„Er ist nicht MEIN Jens. Wir sind Kollegen.“ Wieder und wieder hatte sie versichert, dass da nichts lief. Mit Jens nicht und auch mit keinem anderen Mann. Sie liebte Martin. Zumindest wenn er nicht grundlos eifersüchtig war.
„Ich gehe spazieren“, erklärte sie so ruhig wie möglich, „und wenn ich wiederkomme, reden wir, okay?“
„Wenn du jetzt gehst, ist es vorbei“, Martins Stimme war leise geworden.
„Du drohst mir?“ Simone schüttelte fassungslos den Kopf, öffnete die Haustür und trat hinaus in die winterliche Kälte.
Sie beschloss, anstelle eines Spaziergangs, zu ihren Eltern zu fahren und dort ihre Gedanken zu sortieren. In der Garage stolperte sie über einen Wagenheber.
Verflixt, was hatte das Ding hier zu suchen? Simone fuhr aus der Garage und stieg noch einmal aus, um das Tor zu schließen. In diesem Moment trat Martin aus dem Haus und starrte sie an.
„Ich dachte, du wolltest einen Spaziergang machen?“
Sie antwortete nicht, sondern sprang schnell wieder in ihren Wagen, damit er sie nicht aufhalten konnte. Im Rückspiegel sah sie, wie er ein Stück auf der Straße hinterher lief und mit beiden Armen wedelte. Kurz darauf summte auch ihr Handy. Nein, dieses Mal würde sie nicht einfach zu ihm zurückkehren.
Als vor ihr eine rote Ampel auftauchte, merkte sie, dass sie zu schnell fuhr.
Ruhig bleiben, ermahnte sie sich, die Winterreifen sind nagelneu, mit denen kann ich bestimmt bremsen.
Doch der Wagen rutschte weiter. Kurz vor dem Aufprall tauchte das Bild des am Boden liegenden Wagenhebers auf.

(296 Wörter)

Besuch zur Mittagsstunde

Und schon ist der nächste Schreibkick fällig. Falls Ihr bei der von Sabi Lianne ins Leben gerufenen Schreib-Gruppe auch mitmachen wollt, schaut doch einfach mal hier in der Facebook Gruppe vorbei!

Besuch zur Mittagsstunde
von Nicole Vergin

Klopfklopf…
Margots Herz schlug rascher. Seit vier Wochen war sie nun in diesem Zimmer im Pflegeheim und noch immer hatte sie sich nicht daran gewöhnt, dass Menschen nach einem kurzen Klopfen an der Tür ihres Zimmers bei ihr ein- und ausgingen.
Aber nun war Mittagszeit und im Heim eine Ruhe, die sie bei sich als Todesstille bezeichnete. Und wer auch immer vor der Tür stand, wartete offensichtlich auf eine Antwort von ihr.
Margot räusperte sich und rief dann: „Herein.“

Ein Mann trat ein. Sie blickte in sein lächelndes Gesicht und zuckte zusammen. Er war ihr nicht bekannt. Ein Unbekannter in ihrem Zimmer. Sie streckte die Hand nach dem Notfallknopf aus, der an einem Kabel neben ihrem Bett hing.
„Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze“, der Mann machte eine kleine Verbeugung. „Offensichtlich habe ich Sie erschreckt. Ist es Ihnen lieber, wenn ich wieder gehe?“
Margots Verstand befahl ihr zu nicken, aber ihr Bauchgefühl war anderer Meinung und so schüttelte sie den Kopf. Sie deutete mit der Hand auf den zweiten Stuhl in ihrem kleinen Zimmer. „Setzen Sie sich doch bitte.“
„Vielen Dank“, der Mann nahm auf dem Stuhl Platz und streckte dann die Hand über den Tisch, der zwischen ihnen stand, „ich heiße Rainer.“
Ohne weiter nachzudenken streckte auch sie ihre Hand aus und wunderte sich, wie angenehm sich diese kurze Berührung anfühlte. „Und ich bin Margot.“
Sie lächelten sich zu und schwiegen eine Weile. Eine angenehme Weile, wie Margot fand. Und das verwunderte sie noch mehr. Denn Schweigen konnte man mit den wenigsten Menschen.
„Diese Mittagszeit hier im Pflegeheim“, begann sie dann ein Gespräch.
„Entsetzlich öde“, ergänzte Rainer ihre Gedanken.
Sie lachten. Das Eis – sofern es überhaupt etwas Kühles, Fremdes zwischen ihnen gegeben hatte – war geschmolzen. Sie plauderten und lachten wie alte Freunde. Fanden Gemeinsamkeiten und erzählten sich gegenseitig aus ihren Leben.

Als die kleine Kuckucksuhr, die Margot vor Jahren aus einem Schwarzwald Urlaub mitgebracht hatte, 15 Uhr schlug, schaute sie verwundert auf.
„Ich weiß nicht, wann das letzte Mal die Mittagszeit so schnell vergangen ist,“ Margot schaute ihren Besucher verwundert an.
„Bei guten Gesprächen verfliegt die Zeit im Nu“, nickte Rainer und fügte hinzu, „aber nun muss ich gehen.“
„Kommst du wieder?“ Margot spürte, wie eine leichte Röte ihre Wangen hinaufkroch. Sie hatte ihn einfach geduzt. Und auch noch gefragt, ob er wiederkommt. So forsch war sie bisher nie in ihrem Leben gewesen. Innerlich schüttelte sie bei diesen Gedanken den Kopf. Was machte es schon. Es war der letzte Rest ihres Lebens. Wenn sie nicht jetzt den Stier bei den Hörnern packte, würde sie es nie mehr tun. Sie lachte und fügte hinzu: „Ich würde mich freuen!“
„Dann komme ich wieder!“ Rainer verabschiedete sich mit einem Handkuss wie ein Kavalier der alten Schule und dann war er auch schon verschwunden.
Er hat mir gar nicht seinen Nachnamen gesagt, dachte Margot noch, doch dann wurde sie von der Pflegerin die anklopfend eintrat abgelenkt. Es sei Kaffeezeit und ob sie sie in den Speisesaal bringen sollte.

„Finden Sie nicht auch, dass der Kuchen viel zu trocken ist?“ Ihre Sitznachbarin beugte sich viel zu vertraulich herüber. „Bei den Preisen hier können wir ja wohl etwas Besseres erwarten!“
Margot nickte einfach. Bei jeder Mahlzeit meckerte diese Person. Sie war es leid, sich ihre Tiraden anzuhören, aber es gelang ihr nicht, sie abzuweisen oder ihr die Meinung zu sagen.
Und heute war es ihr auch das erste Mal egal. Sie dachte an das Gespräch mit Rainer. Wo war er überhaupt? Margot schaute sich im Speisesaal um.
„Wen suchen Sie denn?“ Ein paar Speicheltropfen landeten auf ihrem Handrücken.
„Niemanden.“ Die kurze Antwort wurde mit einem bohrenden Blick erwidert. Das fehlte ihr jetzt noch, dass sie dieser Person von ihrem Mittagsbesuch erzählte.
Margot beugte sich tiefer über ihren Teller und schob sich ein weiteres Stück von dem Kuchen in den Mund, der alles andere als trocken war.
Rainer muss neu im Pflegeheim sein, grübelte sie, sonst hätte ich ihn doch schon mal hier gesehen. Obwohl, er wirkte noch so rüstig, vielleicht ging er zum Essen in die Innenstadt, die nur wenige Gehminuten entfernt lag.

„Haben Sie es schon gehört?“ Erneut drängte sich die nervtötende Stimme ihrer Sitznachbarin in ihr Ohr.
Sie wollte nicht mit ihr reden, aber der Wortschwall ergoss sich auch ohne eine weitere Erwiderung über sie.
„Die Frau Schmidt“, die Stimme wurde leiser, „die ist verrückt geworden.“
„Also ich habe vorhin noch mit ihr gesprochen“, versetzte Margot ungewohnt scharf, „und auf mich hat sie vollkommen normal gewirkt. Ich finde, sie ist eine sehr nette Frau!“
„Nett“, wurde es förmlich in ihr Ohr geschnaubt, „mag ja sein. Aber eben auch verrückt!“
Am liebsten wäre Margot aufgesprungen und auf ihr Zimmer gegangen. Aber ihr Rollstuhl zwang sie, an ihrem Platz zu bleiben. Sie versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sollte die alte Klatschbase doch reden. Aber dann hörte sie plötzlich den Namen `Rainer´ zwischen all dem Gerede heraus und nun spitzte sie doch die Ohren.
„Er würde sie besuchen. Abends, wenn alles schon still ist.“
Ob es um `ihren´ Rainer ging?
„Wahnvorstellungen, Halluzinationen, irgendetwas läuft da wohl in ihrem Kopf nicht ganz rund.“ Ein gemeines Kichern zeigte wie sehr diese Person den Tratsch genoss.
„Warum soll sie Wahnvorstellungen haben, nur weil sie erzählt, dass sie Besuch bekommt?“ Margot widerstrebte es, ihrer Sitznachbarin auch noch Nahrung für ihre Lästereien zu geben. Aber vielleicht würde sie so erfahren, wo Rainer zu finden war.
„Ach stimmt ja. Sie wohnen ja noch nicht lange hier. Rainer…“, eine Kunstpause sollte das ganze wohl dramatisieren, „Rainer ist bereits vor einem halben Jahr gestorben.“

Für einen Augenblick setzte Margots Herzschlag aus, bevor er weiter holperte. Tot? Rainer? Wie konnte das sein? Er war doch gerade vor einer Stunde bei ihr im Zimmer gewesen. War sie verrückt geworden? Nein. Frau Schmidt hatte ihn ja offensichtlich auch gesehen. Kein Wunder, dass er auch bei dieser netten Frau gewesen war, dachte sie und schmunzelte. Nun glaubte sie also schon an Geister.
Margot lachte. Laut. Ein befremdeter Blick traf sie. Was sie nur noch mehr zum lachen brachte. Nun gut, falls Rainer tatsächlich ein Geist war, war ihr das auch egal. Hauptsache seine Besuche würden weiter ihr Leben versüßen.
Und wer weiß? Vielleicht würde sie mal mit Frau Schmidt sprechen, sie könnten sich ja schließlich auch zu Dritt treffen. Bei diesem Gedanken musste Margot noch mehr lachen. Und nach dem Gesicht des alten Lästermauls zu urteilen, würde sie nun künftig auch auf der Tratsch- und Lästerliste ganz weit oben stehen.

Bewusst verrate ich das Thema in diesem Monat erst jetzt: Imaginäre Freunde.

Diesmal waren dabei:

Veronika

Rina

Corly

Das Thema für den 01. März lautet: Die Welt bei Nacht

Das Märchen der guten Vorsätze

Wie ist das bei Euch mit den Vorsätzen? Nehmt Ihr Euch etwas vor, bevor Ihr in das neue Jahr startet? Also ich schon länger nicht mehr. Denn mal ehrlich: nur weil Schlag Mitternacht ein neues Jahr beginnt, bin ich persönlich weder disziplinierter noch Ziel orientierter. Dass was ich wirklich ändern will, mache ich nach und nach und dieser Willen hat bei mir überhaupt nichts – mehr – mit dem neuen Jahr zu tun. Aber selbstverständlich muss das jeder für sich entscheiden. Und wenn Ihr Vorsätze gefasst habt, dann drücke ich Euch feste die Daumen und natürlich wünsche ich Euch auch ansonsten alles Gute für das Jahr 2019!

Aber nun zu meinem Schreibkick… (übrigens eine Erfindung von Sabi, deren facebook Gruppe Ihr hier findet!)

Das Märchen der guten Vorsätze
von Nicole Vergin

Klingkling…
Das laute Stimmengewirr, das durch den großen Saal rauschte, sorgte dafür, dass nur wenige den Kopf hoben und in die Richtung schauten, aus der das leise klingen kam. Erst ein lautes RUHE sorgte für selbige.
„Danke, dass ihr alle gekommen seid!“
Alle Augen waren nun auf den Redner gerichtet.
„Meine lieben guten Vorsätze. Ihr wisst alle, warum wir hier heute zusammen gekommen sind: Silvester naht und damit auch das neue Jahr und…“
Allgemeines stöhnen und seufzen hallte durch den Saal.
„Und“, fuhr der Redner fort, „die Menschen wollen sich wieder mal unserer bedienen. Indem sie uns lauter Versprechungen machen.“
„Im nächsten Jahr fange ich endlich mit Sport an“, ertönte eine betont alberne Stimme aus den vielen Reihen der guten Vorsätze.
Prompt fielen andere ein: „Ich werde endlich abnehmen“, „Ich höre mit dem Rauchen auf“, „Kein Alkohol mehr“ – und etliches mehr.
„Ich bitte wieder um Ruhe“, der Redner hob beschwichtigend die Arme, aber die guten Vorsätze waren inzwischen von ihren Stühlen aufgesprungen und einer rief laut: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!“
„Deswegen sind wir ja hier“, auch der Redner wurde nun deutlich lauter, woraufhin sich alle wieder setzten.
„Ihr habt Recht“, fuhr er fort, „wir dürfen uns diesen Missbrauch nicht mehr gefallen lassen. Wir stehen den Menschen im nächsten Jahr einfach nicht mehr zur Verfügung. Wir werden uns zurückziehen. Dann werden sie schon sehen, was sie ohne uns schaffen. Gar nichts.“
Die anderen guten Vorsätze klatschten begeistert Beifall.

Tja, und so kam es dann auch. Der Silvesterabend nahte, die Menschen wollten gute Vorsätze fassen, aber da waren plötzlich keine mehr. Und auch am Neujahrsmorgen, egal wo sie suchten und wie sehr sie auch grübelten – es waren einfach keine guten Vorsätze da.
Und dann geschah etwas, womit die guten Vorsätze nicht gerechnet hatten: anstatt sich weiter auf die Suche nach ihnen zu machen oder in Trübsinn zu verfallen, ging es den Menschen plötzlich gut. So gut wie lange nicht mehr an einem 01. Januar.
Niemand schleppte sich, obwohl er keine Lust hatte, auf seine erste Laufrunde des Jahres, nur weil er es sich vorgenommen hatte. Im Internet wurden keine Fitnessgeräte bestellt, die dann sowieso nur im Keller eingestaubt wären. Die Bücher über all die zahlreichen Diäten würden in den Regalen liegenbleiben.
Stattdessen horchten die Menschen in sich hinein und fragten sich, was sie an diesen ersten Tagen des Jahres gerne tun würden. Womit würde es ihnen gut gehen? Und während der eine seinen Rausch auf dem Sofa ausschlief, machte der andere einen gemütlichen Spaziergang und noch ein anderer hatte plötzlich gar nicht mehr so große Lust auf Schokolade wie sonst, denn plötzlich fiel das ständige Verbot einfach weg.

Die guten Vorsätze beobachteten all das aus ihrem Versteck mit großer Sorge. Und die schlauen unter ihnen suchten sich direkt eine neue Beschäftigungsmöglichkeit. Andere hingegen hofften, dass die Menschen sie im kommenden Jahr wieder anfragen würden.

Und ob das überhaupt noch nötig sein wird, ja, das könnt nur ihr entscheiden.

Diesmal waren dabei:

Rina

Veronika

Das Thema für den 01. Februar lautet: Imaginäre Freunde