Großmutters Weihnachten – Teil 3/3

Großmutters Weihnachten – Teil 3/3 (den 1. Teil findet Ihr hier und den 2. hier)
von Nicole Vergin

IMG_5321„Oma, wie kann das alles sein? Du bist doch…“, sie wagte es nicht das Wort auszusprechen.
„Tot, meinst du.“ Die Großmutter lächelte und strich ihr liebevoll über die Wange. „Ja, ich bin tot.“
Ein Ruck ging durch Gelas Herz, hatte sie doch für einen trügerischen Moment geglaubt, dass ihre Großmutter noch am Leben sei.
„Und wo sind wir dann jetzt hier?“
„In meiner guten Stube“, die Großmutter zwinkerte ihr verschwörerisch zu, so wie früher, wenn sie gemeinsam Streiche ausgeheckt hatten.
Gela lachte aus vollem Herzen. „Du bist mir eine“, sie drohte ihr spielerisch mit dem Finger.
„Es tut gut, dich lachen zu hören“, der Gesichtsausdruck ihrer Großmutter war ein wenig ernster geworden. „Ich mochte dein Lachen schon, seit du als Baby auf meinem Arm gegluckst hast.“
„Aber in den letzten Monaten war mir nicht zum Lachen zumute.“ Gela streckte die Hand nach der ihrer Großmutter aus und umfasste sie – die Hand, durch die sie so viel Liebe und Trost empfangen hatte. „Du fehlst mir so.“
„Du fehlst mir auch und Weinen ist voll ok“, sie zwinkerte, „das sagt man doch heute so, oder?“
Gela schmunzelte.
„Doch vielleicht kommt ja jetzt hin und wieder mal ein Lachen dazwischen. Wenn du an unsere Abenteuer denkst, die wir zusammen erlebt haben. Oder an unser Kuchenwettessen.“

Gela prustete los, als sie daran dachte, wie sie gemeinsam einen Topfkuchen gebacken, den mit der Schokokruste und den Smarties, und dann versucht hatten, jeder die Hälfte so schnell wie möglich zu essen. Nach zwei großen Stücken war ihr damals mit ihren sieben Jahren so übel geworden, dass sie sich hatte übergeben müssen. Und ihre Mutter hatte mit ihnen geschimpft, besonders natürlich mit der Großmutter.
„Siehst du, da sind so viele wunderbare Erinnerungen, die alle in dir lebendig sind.“
„Aber du bist tot und ich will dich wiederhaben!“ Beinahe hätte sie wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft vor lauter Frust.
„Das kannst du nicht haben und das weißt du. Jeder muss sterben, früher oder später. Wie gut, dass wir die gemeinsame Zeit so wunderbar genutzt haben.“ Die Großmutter legte die Arme um sie, während sie vor ihr stand, und wiegte sie behutsam hin und her. Ganz so, als sei sie noch dieses kleine Mädchen, das einfach mit dem Fuß aufstampfte, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
„Warum hast du immer Recht, Oma?“, schniefte sie in die geblümte Kittelschürze.
„Weil ich alt, weise und erfahren bin.“ Ohne dass sie es sah, wusste Gela, dass ihre Großmutter bei diesen Worten zwinkerte, denn sie hatte sich selber nie gegenüber jüngeren Leuten mit ihrer Lebenserfahrung hervor getan. „Jeder hat etwas beizutragen, egal wie jung oder alt er ist“, hatte sie immer gesagt.

Nach einer Weile wischte sich Gela die Tränen ab, putzte sich die Nase und stellte erneut ihre Frage: „Wo sind wir denn nun hier? Und warum? Wie lange kann ich bleiben?“
„Wir sind im Land unserer Erinnerungen. Ein guter Freund hat mir geholfen, die Tür zwischen den Welten einen Spalt weit zu öffnen.“
„Ludwig Winkler ist ein Freund von dir?“, zählte Gela eins und eins zusammen.
„Genau. Er und sein Schneekugelgeschäft haben auch mir damals in meiner Trauer um deinen Großvater geholfen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du auch mal in Timmendorf warst.“
„War ich auch nicht…“, ihre Großmutter lächelte verschmitzt.
„Dann warst du in einer Filiale von Herrn Winkler? Ich hatte es so verstanden, dass er nur dieses eine Geschäft besitzt“, grübelte Gela laut.
„Das stimmt ja auch“, bestätigte ihre Großmutter und bevor Gela weiter nachhaken konnte, fuhr sie fort, „das Geschäft ist immer da, wo es benötigt wird, wo Menschen in ihrer Trauer einsam sind und sich nicht zu helfen wissen.“
„Aber… aber…“, mit offenem Mund starrte sie ihre Großmutter an.
„Ja, Ludwig Winkler ist ein Engel.“
„Wow!“, Gela ließ sich auf dem Sofa auf dem sie die ganze Zeit kerzengerade gesessen hatte, zurückfallen, „da wird mir ja heute einiges geboten. Das muss ich erst einmal verdauen.“
Ihre Großmutter lachte. „Das tu´ mal mein Mädchen, aber wir feiern jetzt erstmal unser vorgezogenes Weihnachtsfest. Oder willst du dir diese Gelegenheit entgehen lassen?“
„Auf keinen Fall!“

Die folgenden Stunden verbrachten sie mit dem Genuss des Weihnachtsessens, das wie früher aus einer Gans, Rotkohl und den besten Klößen der Welt bestand. Dann läutete die Großmutter die kleine Glocke und Gela durfte ihre Geschenke auspacken. Stück für Stück fand sie in buntem Papier eingewickelt wunderbare kleine und große Dinge, die sie in ihrer Kindheit bekommen hatte. Da war das Buch „Tomte Tummetott“ von Astrid Lindgren, das ihre Großmutter ihr wieder und wieder vorgelesen hatte. Und den Stoffaffen mit den langen Armen, den sie Heini getauft und der so lange in ihrem Bett geschlafen hatte, bis er auseinandergefallen und sie bittere Tränen geweint hatte.
Und dann sangen sie Weihnachtslieder: „Ihr Kinderlein kommet“, „Oh Tannenbaum“ und natürlich Großmutters Lieblings-Weihnachtslied „Morgen Kinder wird’s was geben“.
Es war für Gela eine Erinnerungsreise durch viele Jahre Weihnachten. Nach und nach fiel ihr wieder ein, wie viel ihr gerade dieses Fest immer bedeutet hatte. Und mit den Erinnerungen kam auch die Freude daran zurück und der Glaube, dass sie auch in ihrem echten Leben einmal wieder den Wunsch verspüren würde, mit lieben Menschen Weihnachten zu feiern. Sie musste nur Geduld mit sich haben.

„Nun wird es Zeit für dich zu gehen.“
Großmutters Worte rissen Gela aus ihren Gedanken. Sie schluckte. Da war es wieder, dass kleine Mädchen in ihr, dass nicht wollte, dass dieser Tag jemals endet. Nur dieses Mal wusste sie auch, dass es kein weiteres Erleben mit ihrer Großmutter geben würde.
Wie in Trance ließ sie sich zur Tür begleiten, ein letztes Mal schlossen sie sich in die Arme und dann ging Gela zum Gartentor, öffnete es, drehte sich um und winkte der Gestalt im geblümten Kittel zu. In dem Moment, als sie das Gartentor hinter sich schloss, verschwamm die Umgebung und als sich die Schwaden um sie herum wieder aufklarten, fand sie sich neben Ludwig Winkler in seinem Laden wieder, die Schneekugel in der Hand.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Herr Winkler hielt sie leicht am Ellbogen umfangen.
Mit einem Kloß im Hals nickte Gela. Sie atmete ein paar Mal tief ein und aus, bevor sie ihrer Stimme wieder traute. „Ich danke Ihnen. Sehr! Es war wundervoll dieses letzte Weihnachtsfest mit meiner Großmutter. Wundervoll und ja, auch traurig. Aber es hat mich auch daran erinnert, dass es weitere Feste für mich geben wird. Und die“, sie wischte sich eine Träne ab, die über ihre Wange lief, „werde ich so feiern, wie Oma und ich es immer geliebt haben. Und so wird sie in meinem Herzen immer dabei sein.“
Ludwig Winkler lächelte und zeigte dann auf die Schneekugel. „Die ist für sie, damit sie all das nicht vergessen.“ Behutsam legte Gela das kostbare Geschenk in einen Beutel, den Herr Winkler ihr reichte.
Sie umarmten sich wortlos wie alte Freunde und dann war auch hier die Zeit für den Abschied gekommen. Gela verließ den altmodischen Laden, trat hinaus auf die Straße, wo immer noch dicke Schneeflocken vom Himmel fielen. Nach einigen Schritten drehte sie sich um und war nicht erstaunt, dass der Laden verschwunden war.
„Wem Herr Winkler wohl als nächstes hilft?“, murmelte sie vor sich hin, während sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht die Straße hinunter ging.

Danke, dass Ihr Gela auf ihrer Erinnerungsreise begleitet habt! Ich wünsche Euch von Herzen alles Gute und dass es Euch gelingt, mit Euren Erinnerungen (weiter) zu leben und ihnen immer mal wieder neue hinzuzufügen.
Alles Liebe
Eure Waldträumerin Nicole

Großmutters Weihnachten – Teil 2/3

Großmutters Weihnachten – Teil 2/3 (den 1. Teil findet Ihr hier)
von Nicole Vergin
IMG_5321Da war eine Kugel, in der sich eine Bibliothek befand. Riesige Regale voller gebundener Bücher und eines von ihnen lag aufgeschlagen auf einem Lesepult. Gela kniff die Augen zusammen und versuchte in dem winzigen Buch zu lesen: `…Ununterbrochen widmet man sich den wesentlichen Dingen und verwendet sein ganzes Können darauf, und dann kommt der Augenblick, in dem man sie schlichtweg vergisst oder eben im Handumdrehen erledigt…´. Das war aus „Die Entdeckung des Himmels“, eins ihrer Lieblingsbücher. Sie hatte es damals von ihrer Großmutter geschenkt bekommen. Eine faszinierende Geschichte, die sich Harry Mulisch seinerzeit ausgedacht hatte. Sie hatte es mehr als einmal gelesen und oft mit ihrer Großmutter darüber gesprochen, die es immer geliebt hatte, sich über Bücher auszutauschen.

Zum x-ten Mal an diesem Tag traten Gela Tränen in die Augen. Es schien, als würde im Moment alles mit ihrer Großmutter zusammenhängen. Sie blinzelte und schaute noch einmal in die Schneekugel. Dieses Mal konnte sie die Schrift in dem winzigen Buch nicht lesen. Vermutlich hatten sich ihre Erinnerung und ihre Trauer zusammen getan und ihr einen Streich gespielt.
„Erinnerungen sind ein zweischneidiges Schwert.“ Die sanfte Stimme von Herrn Winkler drang in ihre Gedanken. „Einerseits sind sie das Land, in dem wir für immer mit einem geliebten Menschen zusammen sein können und andererseits machen sie uns jedes Mal klar, was wir verloren haben und nun vermissen.“
Gela nickte. Es war, als würde er ihre Gedanken lesen. So sehr sie sich auch über all die wunderbaren Erinnerungen, die sie mit ihrer Großmutter verbanden freute, so sehr schmerzten sie auch.
„Manchmal wünschte ich mir, dass Jemand all meine Erinnerungen löschen würde“, sie wagte es bei diesen Worten nicht, Herrn Winkler anzuschauen. Aber diesen Gedanken hatte sie schon häufiger gehabt und sich dafür geschämt.
„Ja, das verstehe ich.“
„Wirklich?“ Gela sah Herrn Winkler erstaunt an. „Denn ich verstehe es nicht. Ich schäme mich, dass ich so etwas überhaupt denke. Und jetzt habe ich es sogar noch ausgesprochen.“ Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. „Da könnte ich mir ja gleich wünschen, meine Großmutter hätte nie existiert. Wobei… dann gäbe es mich ja wohl auch nicht.“
„Sie brauchen sich nicht zu schämen. Es ist die Trauer, die all das mit uns macht. Sie sitzt mitten in unserem Herzen und stochert darin herum. Aber wissen Sie auch, warum Trauer so weh tut?“ Er blickte sie aus seinen freundlichen Augen an. „Weil es die Liebe gibt. Die Liebe für einen Menschen.“
„Dann ist die Trauer der Preis dafür?“
„Wenn Sie es so ausdrücken wollen.“

Gela schniefte. Erst jetzt merkte sie, dass ihr erneut Tränen über das Gesicht liefen. Herr Winkler reichte ihr wortlos ein akkurat gefaltetes und gebügeltes Stofftaschentuch. Sie schaute es an und musste trotz des Schmerzes lachen.
„Ein Gentleman hat immer ein Taschentuch für die Dame dabei. Das hat meine Oma immer gesagt.“
„Ihre Großmutter war eine weise Frau.“
„Oh ja, das war sie wirklich.“ Gela griff nach der Tasse, in der der Tee inzwischen kalt geworden war.
„Möchten Sie nicht lieber, dass ich Ihnen frischen nachschenke?“
Sie wollte das freundliche Angebot erst ausschlagen, aber ein heißer Tee würde ihr jetzt wirklich gut tun, also nickte sie. Die zweite Tasse Tee behielt sie gleich in ihren Händen und während sie sich weiter in dem kleinen Laden umschaute, nahm sie Schluck für Schluck.

Wie ein kleines Mädchen freute sie sich über all die Schneekugeln. Immer wieder nahm sie eine in die Hand und schüttelte sie behutsam, bis es innen begann zu schneien. Sie folgte den winzigen Schneeflocken mit den Augen und stellte sich vor, in einer von diesen Kugeln zu sein. Vielleicht in der mit der beschaulich aussehenden Gasse, an der rechts und links kleine Fachwerkhäuser standen, die weihnachtlich geschmückt und deren winzige Fenster erleuchtet waren. Oder die, in der ein alter Mann mit einem grauen Bart in einem Lehnstuhl saß und seinem Enkel aus einem dicken Märchenbuch vorlas. Kurz glaubte sie, dass knistern des Kaminfeuers zu hören, dass die kleine Szene erleuchtete.

Plötzlich hörte sie eine leise Stimme ein Weihnachtslied singen. „Morgen Kinder wird’s was geben…“, drang es an ihre Ohren sie meinte die Stimme zu kennen. Verwirrt drehte sie sich um und folgte dem Gesang, der wie von weit her zu kommen schien. Gelas Herz schlug aufgeregt schneller. Das war doch die Stimme ihrer Großmutter! Oder nicht? Nein, das konnte ja nicht sein. Aber es war auch ihr liebstes Weihnachtslied gewesen. Sie ging das Regal entlang, aus dem sie die Stimme zu hören glaubte. Um sie herum schien alles zu verschwinden. Die Geräusche von der Straße draußen. Die Anwesenheit von Herrn Winkler. Nur diese sanfte, so geliebte Stimme war da. Mit den Augen suchte sie die Regale ab, schaute in jede Schneekugel, drehte immer wieder den Kopf, um zu lauschen.

Und dann sah sie es. Eine kleine Schneekugel, in der ein Häuschen stand. Ein Häuschen mit einem Reetdach und einem kleinen blauen Briefkasten an einem dunkelbraun gestrichenen Zaun. Im Vorgarten hing an einer Eberesche ein Vogelhäuschen. Ohne es genau erkennen zu können, wusste Gela, dass an der Stirnseite „Piepmatzhausen“ stand. Das Häuschen hatte vor Jahren ihr Opa gebastelt und sie hatten es gemeinsam am Baum befestigt und die Vögel beobachtet, wie sie gierig die Körner aufpickten, die Oma täglich hineinstreute.
„Oma?“ Gelas Stimme war kaum zu hören. Sie machte noch einen weiteren Schritt auf das Regal zu. Ein Windstoß pfiff aus heraus und trug ein paar Schneeflocken mit sich. Als sie noch einen Schritt machte, knirschte es unter ihren Schuhsohlen. Sie sah hinab. Da war Schnee. Wie konnte das sein?
„Gela, komm schnell herein, es ist kalt!“ Die Tür des Häuschens öffnete sich und dort stand sie. Lächelnd und auf sie wartend. So wie früher. Mit ihrer Kittelschürze auf die große Blumen gedruckt waren.
„Oma!“ Zwei, drei große Schritte und sie versank in der liebevollen Umarmung ihrer Großmutter. Der unaufdringliche Geruch von Honig stieg ihr in die Nase. Er kam von der Seife, die Oma immer selbst gemacht hatte. Tränen liefen über Gelas Gesicht und sie schloss die Arme noch ein wenig fester um die kleine alte Frau, wollte sie festhalten und nie wieder loslassen.
„Nun komm rein, Gela. Das Christkind war da und wir wollen doch Weihnachten feiern.“

Mit großen Augen schaute sie ihre Großmutter an, die sich behutsam aus ihren Armen löste und dann vor ihr durch den Flur ging. Gela folgte ihr langsam und sah sich um. Da war die alte Holztruhe, in der Tischdecken und Bettwäsche aufbewahrt wurden. Und da an der Wand der Bilderrahmen mit den vierblättrigen Kleeblättern, die sie gemeinsam in einem Sommer auf der Wiese hinter dem Haus gesammelt und getrocknet hatten. Behutsam strich sie mit den Fingern über das Glas und meinte den Duft von frisch gemähtem Gras zu riechen.
In der guten Stube, wie die Großmutter den heimeligen Raum immer genannt hatte, stand ein Weihnachtsbaum. Gela atmete den würzigen Duft ein und bewunderte die Kerzen. Echte Kerzen natürlich, etwas anderes war bei ihrer Großmutter nie an den Baum gekommen. Die roten Kugeln, in denen sie sich spiegeln konnte, waren ihr noch genauso bekannt, wie der Engel, der mit dem Stern in seinen Händen ganz oben auf der Spitze angebracht war.
„Gefällt es dir?“
Gela nahm ihre Großmutter erneut in den Arm und flüsterte ihr ein „ja“ ins Ohr. Dann setzte sie sich auf das Sofa, ihre Knie waren wackelig, was nicht verwunderlich war, denn eben hatte sie noch im Laden von Herrn Winkler gestanden und nun war sie in der Weihnachtsstube ihrer Kindheit.

Der 3. und letzte Teil folgt am 26. Dezember – ich wünsche Euch schöne Weihnachtstage ❤

Großmutters Weihnachten – Teil 1/3

Großmutters Weihnachten – Teil 1/3
von Nicole Vergin

Diese verdammte Adventszeit. Gela stapfte mit gesenktem Kopf die weihnachtlich geschmückten Straßen entlang. Egal, wie sehr sie sich auch bemühte, es war unmöglich all die leuchtenden Sterne, Tannenzweige und bunten Weihnachtsfiguren zu übersehen. Zu allem Übel roch es nach Zimt, frisch gepellten Mandarinen und Lebkuchen.
Vor zwei Tagen war sie in Timmendorf angekommen, fest entschlossen, dem Trubel um die kommenden Festtage aus dem Weg zu gehen. Lange Strandspaziergänge und abends in ihrer Ferienwohnung heißen Tee schlürfen, der nicht nach weihnachtlichen Gewürzen roch.
Gela hatte jedoch unterschätzt, wie sehr ihr menschliche Begegnungen fehlen würden. Allein am Strand kreiste ihr Gedankenkarussell noch mehr als sonst und es war nicht nur der eisige Ostwind, der ihr Tränen in die Augen trieb.

Vor einem halben Jahr war ihre Großmutter gestorben. „Friedlich eingeschlafen“, wie die mitfühlende Stimme einer Pflegerin aus dem Heim, in dem sie seit knapp einem Jahr untergebracht war, mitgeteilt hatte.
„Aber am Wochenende war sie doch noch munter, als ich sie besucht habe.“ Ein viel zu kurzer Besuch, wie sich Gela nun vorhielt. Doch das aktuelle Projekt auf der Arbeit hatte fertig werden müssen, ihr Chef gedrängelt. Wie es eben im Alltag so war.
Von jetzt auf gleich hatte sie dann Urlaub genommen, alles stehen und liegen gelassen. Zu spät!, wie ihr eine gehässige Stimme immer wieder zuflüsterte. Da ihre Eltern bereits vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sie sich um alles allein kümmern müssen: die Beerdigung, das ausräumen des Zimmers im Pflegeheim und was noch alles mit einem Nachlass zu tun hatte. Dabei hatte sie mit Erstaunen festgestellt, dass ihre geliebte Oma einen nicht unerheblichen Notgroschen auf die Seite gelegt hatte, den sie nun erbte.
Geld! Schnöder Mammon! Und doch erlaubte genau das ihr nun, dass sie sich eine längere Auszeit nehmen konnte, um mit der Trauer um ihre Großmutter fertig zu werden. Zu der sich ungefragt auch noch die seelischen Altlasten um den Tod der Eltern dazu gesellten, denn damals war sie so lange stark geblieben, bis die Trauer sich einfach ihr Recht genommen und sie unter den Scherben ihres bisherigen Lebens begraben hatte.

Gela war immer schon gerne an der See gewesen und bisher hatte der Wind auch oft ihre Sorgen mit sich fortgetragen. Aber dieses Mal war das Paket, das sie trug wohl zu schwer. Und dass ausgerechnet jetzt die Weihnachtszeit vor der Tür stand, machte es nicht besser.
„Morgen Kinder wird’s was geben…“, stimmte neben ihr ein Junge schief und vor allem laut das altbekannte Lied an. Am liebsten hätte sie ihm den Mund verboten. Stattdessen ballte sie die Hände, die sie tief in die Taschen ihres Wollmantels gesteckt hatte zu Fäusten und schritt weiter aus, um der Adventsstimmung zu entkommen. Als die nächste Straßenecke in Sicht kam, rannte sie fast. Sie bog um die Kurve und im Bruchteil einer Sekunde lief sie in Jemanden hinein. Haltsuchend streckte sie die Arme aus, aber es war zu spät. Im nächsten Moment lag sie der Länge nach auf dem Gehsteig.
Tränen liefen Gela über das Gesicht. Aber es war nicht nur der Schmerz von dem Sturz, sondern der in ihrem Innersten. Eine sanft klingende Männerstimme drang an ihr Ohr: „Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.“
Und schon fühlte sie zwei kräftige Hände, die vorsichtig und doch bestimmt ihren Arm umfassten und sie auf die Füßen zogen. Dabei wäre sie am liebsten auf dem Gehsteig liegen geblieben. Vielleicht würde es ja in der kommenden Nacht wieder schneien, so dass sie am Morgen unter einer weiteren Schneeschicht versteckt wäre.
„Geht es Ihnen gut?“ Ein besorgter Blick traf sie.
Gela nickte und schüttelte dann den Kopf.
„Kommen Sie, mein Geschäft befindet sich in dieser Straße. Wir gehen dorthin und dann koche ich Ihnen einen Tee auf den Schreck.“ Der Mann, der diese Worte an sie richtete, war gekleidet als käme er gerade aus einer Opernvorstellung. Sie betrachtete ihn kurz, nahm die elegant gebundene schwarze Fliege, den Frack und den Zylinder auf dem Kopf des Fremden wahr. Er sah aus, als sei er aus der Zeit gefallen.
Gela atmete tief durch und schüttelte dann ein weiteres Mal den Kopf. „Vielen Dank, aber Sie müssen sich keine Mühe machen. Es geht mir wirklich gut.“ Der aufsteigende Schluchzer und die Tränen, die über ihre blassen Wangen liefen, straften sie Lügen.
„Bitte junges Fräulein, lassen Sie sich von mir helfen.“
Das `junge Fräulein´ entlockte ihr ein winziges Lächeln. Sie schob den Arm durch seinen, den er ihr charmant anbot und humpelte neben ihm den Gehsteig entlang. Nun erst bemerkte sie den Schmerz in ihrem rechten Knie. Anscheinend hatte sie sich bei ihrem Sturz doch verletzt. Glücklicherweise erreichten sie bereits nach kurzer Zeit das Geschäft des Fremden. Vor dem Schaufenster war ein Rollgitter angebracht, das er aufschloss und dann unter lautem Gerassel nach oben schob.
„Ich dachte solche Gitter gibt es heutzutage gar nicht mehr“, staunte Gela.
„Nun, mein Geschäft und ich sind gemeinsam in die Jahre gekommen. Warum soll man uns das nicht ansehen?“ Er lächelte sie charmant an und hielt ihr dann die Tür auf.

IMG_5321„Wow!“ Beim Betreten des Geschäfts vergaß Gela für einen Moment die Schmerzen in Herz und Knie. Der Anblick dessen, was in den hölzernen Regalen auf Käufer wartete, war magisch. „Ich wusste nicht, dass es so viele unterschiedliche Schneekugeln gibt“, flüsterte sie verzaubert.
In allen Größen, Formen und Farben standen sie dort. Mit diesem altmodischen Hauch, den man heute Retro nennt und der Gela jedes Mal das Herz wärmte. Sie beugte sich zu einem der Regale, das im Eingangsbereich stand, als ein Schmerz durch ihr Knie schoss, der sie aufstöhnen ließ.
„Kommen Sie, setzen sie sich hier erst einmal hin.“ Behutsam wurde sie zu einem Ohrensessel geführt, der in einer Ecke des Geschäfts stand. Dankbar ließ sie sich auf dem ausgeblichenen grünen Polster nieder.
„Ich hole Ihnen rasch einen Tee, machen Sie es sich inzwischen bequem.“ Mit diesen Worten verschwand der alte Herr hinter einem Vorhang, wo sie ihn eifrig hantieren hörte. Wenig später zischte ein Wasserkessel und dann kam er mit einer Tasse dampfenden Tees wieder zu ihr. Es roch herrlich nach frischer Pfefferminze und Gela war dankbar, dass es keine weihnachtlichen Gewürze waren, nach denen der Tee roch.
In der Zwischenzeit hatte sie ihren Wintermantel ausgezogen und über die Lehne gehängt und auch der Fremde hatte seinen Mantel und Zylinder abgelegt.
„Nun wird es aber auch Zeit, dass ich mich vorstelle: mein Name ist Ludwig Winkler.“ Ein imaginärer Hut wurde gelüftet und eine Verbeugung angedeutet.
Gela war entzückt von diesem charmanten Herrn, der altersmäßig wohl aus der Zeit ihrer Großmutter stammte wie sie vermutete. „Ich heiße Gela“, stellte sie sich nun ihrerseits vor, „Gela Siebold.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er mit festem, aber nicht unangenehmem Druck, schüttelte.
„Trinken Sie erst einmal Ihren Tee, damit Ihnen warm wird. Sie haben ja eiskalte Hände.“

Gela tat wie ihr geheißen und schaute sich währenddessen neugierig in dem kleinen Geschäft um. An den Wänden befanden sich Regale, die offenbar maßgeschneidert eingepasst worden waren. Und in den Regalen waren einzelne Fächer unterschiedlich groß unterteilt. In jedem der kleinen und größeren Fächer stand jeweils eine Schneekugel.
„Wie kann sich denn in der heutigen Zeit ein Geschäft nur mit Schneekugeln halten?“, fragte sie neugierig, „oder haben Sie noch anderes im Sortiment.
Lächelnd schüttelte Ludwig Winkler den Kopf. „Nein, hier gibt es ausschließlich Schneekugeln. Das Geschäft ist ein Herzensprojekt von mir.“
Ein Herzensprojekt bedeutete vermutlich, dass man damit nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, vermutete Gela. Vielleicht hatte Herr Winkler ja einfach genügend Geld, um sich dies als Leidenschaft leisten zu können. Sie war wie verzaubert von dem Anblick all der Schneekugeln.
„Darf ich sie mir genauer betrachten?“ Mit leuchtenden Augen sah sie ihren Gastgeber an, der lächelnd nickte. Sie stellte die Teetasse ab, zog sich aus dem Ohrensessel hoch und belastete vorsichtig ihr schmerzendes Knie. Anscheinend war nichts Schlimmeres bei dem Sturz passiert, denn bis auf ein leichtes Stechen hatte sich der Schmerz verflüchtigt.
Gela ging an den Regalen entlang und betrachtete die unterschiedlichen Kugeln. Da war eine mit einem elegant gekleideten Paar, das sich in Tanzhaltung befand. Die Frau trug ein wunderschönes Ballkleid und der Mann, der offensichtlich die Augen nicht von ihr lösen mochte, einen eleganten Anzug. Wie wundervoll jedes Detail an den Figuren gearbeitet war. Sie beugte sich noch weiter vor und da meinte sie Walzermusik zu hören und das Geräusch als würde ein Kleid während des Tanzes über den Boden wischen.
„Haben Sie das auch gerade gehört?“, verwundert drehte sich Gela zu Herrn Winkler um, der sie lächelnd beobachtete.
„Die Walzermusik? Oh ja“, bestätigte er zu ihrem Erstaunen, „die Beiden tanzen schon seit langem diesen gemeinsamen Tanz.“ Dann lächelte er, während die letzten Takte der Musik verklangen und Gela sich nicht mehr sicher war, ob sie sie wirklich gehört hatte.
Herr Winkler zwinkerte ihr zu. Vermutlich hatte sie doch bei ihrem Sturz einen kleinen Schock erlitten, der nun zu dieser Irritation geführt hatte. Gela schüttelte den Kopf und sah sich dann weiter um.

Teil 2 folgt am 24. Dezember – ich wünsche Euch einen schönen 4. Advent!

Die Sache mit dem Rentier

Ja, heute gibt es einen Weihnachts-Special-Schreibkick: Die Sache mit dem Rentier.

Ich habe in den letzten Wochen immer wieder darüber nachgedacht, was ich wohl schreiben könnte. Und dann bin ich im Internet darüber gestolpert, dass einem Fotograf in Norwegen ein weißes Rentier vor die Linse gekommen ist (wenn Ihr es sehen wollt, klickt hier drauf) und da war meine Idee geboren!

Ach ja: die Schreibkicks sind eine Idee von Sabi Lianne und die dazu gehörige Facebook Gruppe findet Ihr hier.

Habt einen schönen Heiligabend Ihr Lieben! ❤

Die Sache mit dem Rentier
von Nicole Vergin

Leises weinen drang durch die Wand ihres Zimmers. Traurig starrte Lea an die Decke. Seit ihrer Mutter der Job im Supermarkt gekündigt worden war, weinte sie fast jede Nacht. Tagsüber tat sie dann so, als wäre es gar nicht schlimm, dass der Laden zum Ende des Jahres geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen wurden. Aber Lea wusste, dass es so schon nicht leicht gewesen war, Miete und Essen und Kleidung zu bezahlen. Und wie sollte es dann erst im nächsten Jahr werden?
Lea drehte sich auf die Seite und knipste ihre Nachttischlampe an. Der Lichtschein war gerade einmal so groß, dass ihr Bett beleuchtet war. Als sie die Hand nach dem Buch ausstreckte, in dem sie gerade las, tanzten Schatten über die Wände. Normalerweise gelang es ihr immer, sich mit den bunten Geschichten in ihren Büchern abzulenken, aber heute schaffte es nicht einmal Pippi Langstrumpf sie aus ihren Grübeleien zu reißen. Dabei liebte sie dieses verrückte Mädchen, das sich ihre Welt einfach so machte, wie sie ihr gefiel. Warum konnte sie das nicht auch? Dann hätte sie ihrer Mutter helfen können. Aber so.

Irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu. Und im Gegensatz zu den letzten Nächten, in denen sie schlimme Träume gehabt hatte, träumte sie diesmal etwas schönes. Sie war im Stadtpark unterwegs und ging einen der vielen Wege, die von dicken alten Eichen gesäumt waren. Plötzlich trat hinter einem der Bäume ein Rentier hervor. Aber kein gewöhnliches. Nein, es war ein Rentier, dessen Fell schneeweiß war. Doch noch bevor Lea näher an das Tier herangehen konnte, wachte sie auf. Es war noch mitten in der Nacht und sie hörte von Ferne die Kirchenglocken elf Mal läuten. Was für ein verrückter und vor allem schöner Traum. Sie kuschelte sich erneut tief unter ihre Decke und schlief gleich darauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

Der nächste Tag war der 23. Dezember. Einen Tag vor Heiligabend. Aber obwohl Lea gemeinsam mit ihrer Mutter die kleine 2-Zimmer Wohnung geschmückt hatte, kam keine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Dabei hatte sich Lea beim aufwachen glücklich gefühlt. Anders, als die Tage zuvor. Und auch nach dem aufstehen dachte sie immer wieder an das weiße Rentier. Wie schön sein Fell im Traum geleuchtet hatte, als es da so stand. Aber gab es denn überhaupt Rentiere mit weißem Fell? Bisher hatte Lea immer nur Fotos von Rentieren gesehen, die ein braunes oder grau-braunes Fell hatten. Sie beschloss im Internet nachzuschauen.
Kurz darauf saß sie in ihrem Zimmer vor dem Laptop, den die Mutter ihr vor einigen Monaten gekauft hatte, als sie in die 5. Klasse gekommen war. Sie brauchte ihn nun für die Schule und sie hatte sich beinahe dafür geschämt, weil sie wusste, dass dafür eigentlich kein Geld da war.
Aber es war schon toll, wenn man einfach mal was im Internet nachschauen konnte. Rasch gab sie bei der Suchmaschine „Rentiere“ ein und scrollte dann durch die Ergebnisse. Bereits unten auf der ersten Seite wurde sie fündig: da war doch tatsächlich einem Fotografen in Norwegen ein junges schneeweißes Rentier begegnet. Neugierig betrachtete Lea das Foto. Wie hübsch das Tier aussah. Erneut stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Sie stutzte. Obwohl es im Moment wirklich eine traurige Zeit für sie war und sie sich sehr um ihre Mutter sorgte, schaffte es der Anblick eines weißen Rentiers, ihr für einen Augenblick den Kummer zu nehmen. Ob es etwas besonderes mit diesen Tieren auf sich hatte? Diesmal gab sie „weiße Rentiere“ in die Suchmaske ein und tatsächlich stieß sie auf eine Seite auf der stand, dass die Begegnung mit einem weißen Rentier Kraft schenkt und Glück bringt.
Lea sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus. Kraft und Glück. Genau das war es doch was ihre Mutter im Moment brauchte. Sie zog eine Grimasse. Nun fehlte ihr also nur noch ein weißes Rentier. Mutlos schaltete sie ihren Laptop aus. Sie mussten wohl auf anders zurecht kommen.

Leas Herz klopfte schneller. Da, da war es wieder. Sie war denselben Weg gegangen, wie in der vergangenen Nacht und nun stand das weiße Rentier erneut vor ihr und sah sie aus seinen sanften braunen Augen an. Als sie dieses Mal erwachte, brauchte sie einen Augenblick, um zu begreifen, dass es wieder ein Traum gewesen war. Alles hatte so echt ausgesehen. Sie drehte sich auf den Rücken und zog die Decke bis unter das Kinn. Das Bild, wie das Rentier hinter dem Baum hervor getreten war, stand ihr nach wie vor deutlich vor Augen.
Wie kam es, dass sie auch in dieser Nacht von dem weißen Rentier geträumt hatte. Purer Zufall? Oder ein Zeichen? Aber wofür? Dafür, das Glück zu suchen?
Lea grübelte und grübelte, aber sie kam zu keinem Ergebnis. Und während die Gedanken weiter in ihrem Kopf Karussell fuhren, schlief sie erneut ein und begann zu träumen…

Da war der Weg im Stadtpark. Sie spürte den eisigen Wind, der zwischen den Bäumen entlangfegte. Als sie nach oben sah, staunte sie über die zahlreichen Sterne, die dort um die Wette funkelten. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie deutlich sehen konnte, wohin sie ihre Schritte lenkte. Da hinten, da war die alte Eiche, deren ausladende Äste sich weit über den Weg erstreckten. Jetzt im Winter sah es ohne das Laub aus, als würden sich Finger nach ihr ausstrecken. Aber Lea verspürte keine Angst. Im Gegenteil, es war ein wenig das Gefühl, als ob sie nach längerer Zeit nach Hause kommen würde.
Und in diesem Moment trat das weiße Rentier ein drittes Mal aus dem Schatten des Baumes hervor. Doch dieses Mal blieb es nicht reglos stehen, sondern machte ein paar Schritte auf sie zu. Es kam ihr ein Stück entgegen. Und auch Lea ging weiter. Und so kamen sie sich näher und näher.
Leas grüne Augen schauten direkt in die braunen des Rentieres. So lange bis sie spürte, dass jemand an ihrer Schulter rüttelte.
„Lea, wach auf!“
Schlaftrunken schlug sie die Augen auf und statt in die Augen des Rentieres, sah sie in die ihrer Mutter.
„Och Mama“, nuschelte sie verschlafen, „was ist denn los?“
„Wir müssen doch noch rasch ein paar Kleinigkeiten einkaufen, bevor die Geschäfte schließen.“

Seufzend rappelte sie sich auf. Stimmt, sie hatte ja versprochen ihrer Mutter zu helfen. Während sie sich so schnell wie möglich die Zähne putzte, eine Katzenwäsche machte und sich anzog, geisterte ihr weiter das weiße Rentier durch den Kopf. Glück und Kraft. Glück und Kraft. Obwohl es ihr nicht wirklich klar war, wie ihrer Mutter das helfen könnte, hatte Lea nach den Träumen das Gefühl, sie sollte versuchen ihrer Mutter das Rentier zu zeigen.
Ruckartig blieb sie stehen, so dass ihre Mutter, die hinter ihr die Treppe hinunterlief, direkt in sie hinein rannte.
Auf die Frage, ob sie etwas vergessen habe, schüttelte sie nur den Kopf und ging weiter.
Ihrer Mutter das Rentier zeigen? Drehte sie nun völlig durch? Aber auf einmal schien es ihr so klar zu sein, was die Träume bedeuteten. Sie sollte ihre Mutter zu dem weißen Rentier bringen. Damit es ihr Glück und Kraft schenken konnte. Auch wenn ihr jetzt nicht klar war, was das für ihre Mutter bedeuten konnte. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie es zumindest versuchen musste. Und heute war doch Heiligabend. Wenn es heute kein Wunder geben würde, wann denn dann?

Der Einkauf dauerte eine halbe Ewigkeit. Die Leute drängten sich in dem Laden, als würde es nach Weihnachten nichts mehr zu kaufen geben. Lea nutzte die Wartezeit in der Schlange, um sich zu überlegen wie sie ihre Mutter in den Stadtpark locken könnte. Dummerweise fiel ihr absolut nichts ein. Und als sie dick bepackt mit ihren Einkäufen nach Hause kamen, beschloss sie, den direkten Weg zu gehen und ihrer Mutter einfach die Wahrheit zu sagen.
Sie erzählte ihr von den drei Träumen und von dem weißen Rentier, das der Fotograf in Norwegen gesehen hatte. Und davon, dass weiße Rentiere Glück bringen sollten.
„Und deshalb soll ich heute bei der Kälte in den Stadtpark gehen?“ Ihre Mutter strich ihr liebevoll über den Kopf. Lea zerriss es das Herz, als sie in die müden und traurigen Augen ihrer Mutter sah.
„Mama“, sie griff nach deren Hand und sah sie entschlossen an, „wir müssen es einfach versuchen. Sagst du nicht immer, dass ich auf mein Bauchgefühl hören soll?“
„Ja, schon…“
„Siehst du“, fiel Lea ihr ins Wort, „lass uns doch einfach vor dem Essen noch einen kleinen Spaziergang machen. Und wenn wir dort niemandem begegnen, dann waren wir wenigstens an der frischen Luft.“
Bei diesen erwachsen klingenden Worten, lächelte ihre Mutter.
„Na, bei soviel Klugheit kann ich wohl nicht nein sagen. Aber du musst mir nachher helfen das Essen vorzubereiten. Wenn Oma und Opa heute Abend kommen, muss alles fertig sein.“
Lea nickte und sprang dann auf und zog sich in Windeseile wieder an. Sie hatte ihre Mutter überzeugt, vielleicht würde nun doch noch alles gut werden.

„Es schneit!“ Lea legte den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und versuchte die Flocken aufzufangen. Mit mäßigem Erfolg. Aber trotzdem strahlte sie über das ganze Gesicht. Schnee. Es war magisch, wenn diese dicken weißen Flocken vom Himmel fielen. Bestimmt war das ein gutes Zeichen.
Sie griff nach der Hand ihrer Mutter und zog sie durch das schmiedeeiserne Tor, hinein in die Parkanlage. „Komm! Ich bin ganz sicher, dass wir hier dem weißen Rentier begegnen. Genauso wie ich es im Traum gesehen habe!“
Lea sah ihrer Mutter an, dass sie nur um ihr einen Gefallen zu tun, mit kam.
Nebeneinander gingen sie den Weg entlang. Ihre Schritte waren durch die dünne Schneeschicht, die sich bereits gebildet hatte, gedämpft. Außer ihnen war niemand zu sehen. Wahrscheinlich waren sie alle schon auf dem Weg in die Kirche oder zu ihren Familien.

Vor ihren Mündern waren Atemwolken, die Luft war klirrend kalt und an etlichen Zweigen der großen Eichen hingen Eiszapfen.
„Da vorne müssen wir rechts abbiegen“, erklärte Lea ihrer Mutter, „und dann ist es nicht mehr weit bis zu der Stelle an der ich das Rentier im Traum gesehen habe.“
Ihre Mutter griff nach ihrer Hand. „Lea, du bist aber nicht allzu enttäuscht, wenn wir hier keinem Rentier begegnen.“ In ihren Augen las Lea Sorge.
„Ist schon gut, Mama.“ Zuversichtlich ging sie weiter, den Blick fest und entschlossen nach vorne gerichtet.

Als sie auf dem Weg angelangt waren, den sie im Traum gesehen hatte, hielt Lea ein paar Schritte lang die Luft an. Nun würde es gleich soweit sein. Jeden Moment würde das weiße Rentier hinter einem der Bäume hervortreten. Und dann… ja, was würde dann eigentlich passieren? Lea warf einen raschen Blick auf ihre Mutter. Am besten, sie glaubte einfach daran, dass irgendetwas tolles passieren würde. Vielleicht konnte das Rentier auch Wünsche erfüllen und ihre Mutter würde einen neuen Job bekommen.
Je weiter sie auf dem Weg vorankamen, desto bedrückter fühlte sich Lea. Nirgends war ein Tier, geschweige denn ein Rentier zu sehen. Wie ein kleines Mädchen hatte sie sich aufgeführt. So, als wüsste sie nicht längst, dass es Wunder gar nicht gäbe. Nicht einmal am Heiligen Abend.
Vielleicht sollte sie in ihrem Alter doch nicht mehr Pippi Langstrumpf lesen, ihre Freundinnen machten sich deswegen sowieso schon über sie lustig. Man konnte sich die Welt eben doch nicht so machen, wie sie einem gefiel.
„Schatz“, ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schulter, „wollen wir langsam umdrehen und nach Hause gehen?“
Lea wollte schon nicken, als sie nur wenige Meter von ihnen entfernt, ein Geräusch hörte, als würden kleine Zweige knacken. So, als würde Jemand sich nähern.
Und dann trat, genau wie in ihrem Traum, ein wunderschönes weißes Rentier hinter einem der Bäume hervor. Es trat auf den Weg hinaus und sah von dort Lea und ihrer Mutter entgegen.
„Das ist es“, flüsterte Lea unnötigerweise, denn das ihre Mutter das Rentier selber sah, war ja klar. Und es hatte ihr auch prompt die Sprache verschlagen.
„Komm“, sie zupfte ihre Mutter am Jackenärmel, „lass uns hingehen. Vielleicht lässt es sich streicheln.“

Vorsichtig, Schritt für Schritt, gingen sie näher, während das Rentier sie weiter aus seinen sanften braunen Augen betrachtete. Als sie ihm gegenüber standen, streckte Lea behutsam die Hand aus. Sie lachte, als das weiche Maul des Rentiers über ihre Haut strich.
„Du bist wunderschön“, sagte sie leise. Auch ihre Mutter streichelte das Tier nun sanft, das daraufhin seinen großen Kopf vorsichtig an der Schulter der Mutter scheuerte. Dann nickte es einmal, schnaubte, drehte sich um und verschwand so leise wie es gekommen war, hinter den Bäumen.
„Warte“, rief Lea ihm hinterher, „ich dachte du kannst uns noch helfen. Vielleicht einen Wunsch erfüllen…“
Aber ihre Mutter unterbrach sie, nahm sie in die Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Du hast mir heute schon einen Wunsch erfüllt, mein Schatz. Du hast mir gezeigt, dass es Wunder gibt. Und dass schenkt mir Hoffnung. Dafür danke ich dir von Herzen. Gemeinsam werden wir es auch nächstes Jahr schaffen.“
Lea standen Freudentränen in den Augen. Eng drückte sie sich an ihre Mutter. „Frohe Weihnachten, Mama.“

Diesmal waren dabei:

Veronika

Sabi

Rina

Corly

Das Thema für den 01. Januar lautet: Das Märchen der guten Vorsätze